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Die Bedeutung des Usenet für die wissenschaftliche Arbeit -

Untersuchung anhand einiger exemplarischer Newsgroups

von Lena Falkenhagen (Lena@Falkenhagen.de)


Inhaltsverzeichnis

1. Einführung *

2. Was ist eine Newsgroup? *

   2.1. Moderierte Groups *

3. Ansprüche von Newsgroups *

4. Durchsetzung der Ansprüche *

   4.1. Allgemeine Newsgroups *

   4.2. Moderierte Newsgroups *

5. Vor- und Nachteile von Newsgroups bezogen auf wissenschaftliches Arbeiten *

   5.1. Öffentlichkeit & Verfügbarkeit *

   5.2. Anonymität *

   5.3. Die Unüberprüfbarkeit von Behauptungen *

   5.4. Quellenangaben und Zitierung *

   5.5. Qualität vs. Quantität *

6. Die Praxis wissenschaftlichen Arbeitens im Usenet *

7. Wechselwirkungen Medium/Kommunikation *

8. Fazit *

9. Literaturangaben *
 
 

1. Einführung


Newsgroups sind ein weltweites Medium der Kommunikation. Mit der Verbreitung des Internetzuganges für viele Privathaushalte, Universitäten und Firmen hat sich auch die Nutzung von Newsgroups erhöht. Die Fragestellung, unter der ich arbeite, ist, ob wissenschaftliches Arbeiten im Usenet möglich ist.

Newsgroups zu untersuchen, stellt sich nicht ganz einfach dar. Zum einen gibt es ihrer einfach sehr viele zu den vielfältigsten Themengebieten, zum anderen definiert sich jede Newsgroup selbst und läßt sich so schlecht mit anderen vergleichen. Doch natürlich existieren in fast allen Groups vergleichbare Phänomene, die durch die Struktur des Usenet an sich verursacht werden und die es hier zu untersuchen gilt.

Ich habe mich in dieser Arbeit hauptsächlich auf die Gruppen de.etc.sprache.deutsch, sci.psychology.psychotherapy.moderated, sci.math (kurz auch alt.math.moderated) und sci.physics.research (moderated) gestützt, um sowohl geisteswissenschaftliche wie naturwissenschaftliche Foren miteinander vergleichen zu können. Eine der Gruppen ist deutsch, die anderen englisch. Unabdingbar fand ich auch die Untersuchung von moderierten im Gegensatz zu unmoderierten Gruppen, um daran eventuell Probleme der einen oder anderen Form aufzeigen zu können.

Nachdem ich also zunächst generell auf Newsgroups und ihre Ansprüche und Ausprägungen eingehen werde, komme ich auf die Vor- und Nachteile der wesentlichen Merkmale dieser Art der Kommunikation zu sprechen, wie z. B. die in Groups vorherrschende Anonymität und die unvermeidliche Öffentlichkeit. Zum Schluß gehe ich auf die tatsächliche Usenet-Praxis ein, das heißt, wie die Realität diesbezüglich aussieht.

Zitate aus dem Usenet gebe ich im Folgenden bis auf Ausnahmen immer als ganzes Posting an, um die sowieso schon aus dem Kontext gerissenen Beiträge nicht noch zusätzlich zu verstümmeln. Zusätzlich dazu liefert Netscape in seinen Postings keine Message-ID mit, die Informationen im angegebenen Header sollten allerdings als Quellenangabe ausreichen.
 
 
 
 

2. Was ist eine Newsgroup?


Das Usenet ist ein Netzwerk von Host-Computern, die nach Themen sortierte Nachrichten austauschen und in sogenannten Newsgroups ablegen. Dieses Usenet, also ein Verbund aller Newssysteme, besteht aus inzwischen über 20.000 unterschiedlichen globalen und regionalen Newsgroups, die für alle öffentlich zugänglich sind.

Der Ursprung des Usenet begann 1979 ursprünglich als ein experimentelles Bulletin-Board-System an der Universität von North Carolina. Inzwischen ist es neben dem World Wide Web eines der am meisten genutzten Teile des Internets geworden.

     

(1)

Ein jeder Beitrag (engl.: posting), der von einem Teilnehmer (auch engl.: user) eingesendet wird, wird der weltweit daran teilnehmenden Leserschaft veröffentlicht. Das Usenet, das als Unix-Rechnerverband begann, inzwischen aber synonym für das gesamte Newsgroup-Netzwerk steht, findet hauptsächlich Nutzung als Hobby. Newsgroups werden auf Antrag einzelner User eingerichtet, wenn sich in der administrativen Gruppe news.announce.newgroups von 100 eingegangenen Stimmen eine 2/3-Mehrheit für das neue Diskussionsforum findet. Antragsteller sind häufig themeninteressierte Benutzer des Usenet, die sich mit Gleichgesinnten aus aller Welt über ihr Lieblingsthema austauschen möchten. Im Prinzip kann aber jeder, der einen Zugang zu einem Newsreader (ein Programm zum Verarbeiten der Beiträge des Usenet) hat, einen Antrag auf Erstellung einer neuen Gruppe einreichen. (2)

Das Computer-Network (3) Glossary definiert Newsgroups folgendermaßen (4):


Think of newsgroups as worldwide bulletin boards, organized more or less stringently around a topic. Some are technical, others silly--and some you don't even want to know about.

     

Die deutsche Industrie- und Handelskammer Aachen gibt in ihrem Glossar zu Internet-Begriffen auf ihrer Homepage folgende Definition (5):


Diskussionsforen im Internet zu verschiedenen Themen. Die Nachrichtenbereiche des Usenet, die in verschiedene Themen unterteilt sind. Der Anwender kann sich per E-Mail daran beteiligen.

     

Sowohl das englische bulletin-board (nach dem Duden Oxford Großwörterbuch Englisch = Anschlagtafel, Schwarzes Brett) wie auch das deutsche Diskussionsforum enthalten noch keine Wertung zur wissenschaftliche Verwendung dieses Kommunikationsmediums, da eine Diskussion allein eine Erörterung von Themen beschreibt, nicht deren Natur oder Inhalte.

Eine allgemeingültige Erklärung, wozu Newsgroups erstellt wurden und wie sie sich selbst verstehen, existiert nicht, jede Group definiert sich über ihre Charta selbst, in der die gewünschten Themen und Diskussionsformen von den Erschaffern der Gruppe festgelegt werden (später kann die Charta auf Votum der Leserschaft geändert werden).

Deutlich werden in den obigen Definitionen die Vielzahl an Themen, die freie Beteiligung, die relativ ungeordnete Struktur der Newsgroups und deren weltweite Verbreitung – alles Merkmale, die zur Prägung der Art der Kommunikation beigetragen haben, wie ich weiter unten noch erläutern werde.
 
 

2.1. Moderierte Groups

Moderierte Groups unterscheiden sich von den allgemeinen Groups durch einen oder mehrere Moderatoren. Diese Moderatoren erhalten unterschiedliche Befugnisse, um die in der Charta festgelegten Bedingungen durchzusetzen. Die Gruppen sci.physics.research (moderated), sci.psychology.psychotherapy.moderated und alt.math.moderated sind moderierte Newsgroups, die sich jedoch in der Art der Moderierung unterscheiden.

Wie zum Beispiel aus diesem Posting ersichtlich, empfängt der Moderator in sci.physics.research (moderated) die eingesendeten Beiträge und kürzt eigenständig und ohne Nachfrage etwa zu langen Zitattext oder empfiehlt die Verlegung einer Diskussion auf die Ebene der Email:


Subject: Re: Godel theorem
Date: Thu, 6 May 1999 03:05:56 GMT
From: Name@IP-Adresse
Newsgroups: sci.physics.research

We do have better paradigms than mysticism! :)
http://www.cs.brown.edu/~pw/papers/coal.pdf
and
http://www.newscientist.com/ns/19990130/iisthelaw.html
Later,
Vorname

Vorname Name<Name@IP-Adresse> wrote:
>Vorname Name wrote:
>>
>> > I think the rough translation of Godel's theory to
>> > physics goes something like this:- science can answer
>> > any question which is properly adressed to it but it
>> > cannot answer every question that is properly
>> > addressed to it.
>
>> In physics, wouldn't this condition mark a paradigm shift? An opening to
>> the development and utilization of additional methods, techniques and
>> procedures in the next phase of science?
>
>Possibly.
>If Penrose is correct the paradigm shift will be towards mysticism as an
>analytical tools.
>
>Vorname
>
>
>[Moderator's note: Further discussion of "mysticism as analytical tool"
>s hould go to e-mail or to another newsgroup. -MM]

     

In der Gruppe sci.psychology.psychotherapy.moderated (6) dagegen werden die Postings durch ein Moderationsprogramm gefiltert und an die Moderatoren verteilt, wenn der Poster nicht auf der sogenannten "Greenlist" stehen, durch die man unmoderiert an den Diskussionen teilnehmen kann. Durch die Vorauswahl gehen eventuell zweifelhafte Postings an die Moderatoren, die daraufhin den entsprechenden Beitrag entweder an die Gruppe senden oder an den Absender zurückschicken, eventuell mit Kommentaren versehen, weshalb das geschehen ist und was geändert werden müßte, um das Posting an die Gruppe senden zu können. Die Beiträge, die die Ansprüche der Charta nicht erfüllen, werden vom Moderator jedoch in keiner Weise editiert, wie das in anderen Gruppen üblich sein kann.

Im Gegensatz zu diesen beiden (teils) menschlichen Moderationsvorgängen wird die Gruppe alt.math.moderated ausschließlich von einem automatischen Moderator bearbeitet:


alt.math.moderated is a new math newsgroup. The "moderator" is a robomoderator program which asks that you check that your posting is appropriate for alt.math.moderated, whether your question is answered in an FAQ, etc., before posting.

     

(7)

Über die genaue Art der Moderation durch dieses Moderationsprogramm wird auch in der Charta nichts gesagt, allein eine Angabe von angemessenen und unangemessenen Postings folgt.

Dort ist auch der Grund zu finden, warum Groups moderiert werden:


alt.math.moderated is a general math newsgroup. It is not for
discussions of math or math teaching at the elementary-school or high-school
level. If you want to discuss alt.math.moderated in alt.math.moderated,
go ahead.
Before posting to alt.math.moderated, please ask yourself these questions:
-- Is your posting about math? If not please take alt.math.moderated out
of the Newsgroups: line.

     

Moderation dient der Durchsetzung der wissenschaftlichen Ansprüche in den moderierten Newsgroups, die ohne eine solche Überwachung häufig in Mittelmäßigkeit und Off-Topic-Diskussionen abgleiten.
 
 
 
 

3. Ansprüche von Newsgroups

Um die Ansprüche untersuchen zu können, die eine Newsgroup an sich selbst stellt, muß man die zugehörigen Chartas heranziehen. Eine Charta beschreibt den Sinn und Zweck der Group, für die sie erstellt wurde, und kann auf Wunsch der aktuellen Teilnehmer geändert werden. Was nicht der Charta (engl. charter) entspricht, ist off-topic und gehört nicht in die Group, die Verlegung auf den Email-Verkehr oder in eine andere Newsgroup ist in diesem Fall erwünscht.

Die Charta der Newsgroup de.etc.sprache.deutsch zum Beispiel ist recht weitläufig gefaßt und besitzt als einschränkendes Merkmal nur das Thema "Sprache" (8):


»Die Gruppe de.etc.sprache.deutsch dient als Forum für Themen, die die deutsche Sprache betreffen. Dies umfaßt Fragen und Antworten zu Grammatik, Rechtschreibung und Etymologie, schließt aber auch kontroversere Themen wie Übersetzungen, Sprachgebrauch, Stil und Reformmöglichkeiten nicht aus. Sie ist kein Ersatz für Wörterbücher oder Grammatiken; diese sind gegebenenfalls _vor_ einer Äußerung zu
befragen. Englischsprachige Artikel sind willkommen. Bedingt durch das Thema ist die Verwendung von Umlauten und anderen benötigten Sonderzeichen in durch RFCs sanktionierten Kodierungen ausdrücklich erwünscht.«

     

Danach folgen noch weitere Konventionen und die FrequentlyAskedQuestions-Liste der Gruppe.

Im Gegensatz zu der Sprache-Gruppe schränkt die moderierte sci.psychology.psychotherapy.moderated in ihrer Charta (9) auch den Kreis der aktiven Teilnehmer der Newsgroup ein:


Sci.psychology.psychotherapy.moderated (hereinafter "sppm") exists as a forum for the discussion of psychotherapy. Anyone with an interest in such discussion is welcome. This would include practitioners of all types (psychologists, psychiatrists, marriage/family counselors, social workers, etc.), students of therapy, and therapy clientele.

     

Zwischen den beiden Chartas erkennt man deutliche Unterschiede, die für das Aufrechterhalten der Ansprüche der jeweiligen Gruppe relevant sind. Während in de.etc.sprache.deutsch hauptsächlich Angaben zu dem verwendeten Zeichensatz und der verwendeten Sprache gemacht werden und ansonsten nur die Einschränkung auf das Diskussionsthema "Sprache" in seinen Ausprägungen gemacht wird (was aber zum Beispiel Literaturdiskussionen aus dem Fachgebiet deutsch ausschließt), trifft man in sci.psychology.psychotherapy.moderated eine weit engere Auswahl des zukünftigen Users, wie Psychotherapeuten und Sozialhefer, beschränkt sich jedoch nicht darauf, sondern läßt generell alle Benutzer mit einem Interesse daran zu – schließlich ist das Usenet ein öffentliches Forum.

In der Charta von sci.psychology.psychotherapy.moderated wird wie in der ersten Charta eine Definition der gewünschten Themen gegeben, die allesamt mit dem Thema der Gruppe zusammenhängen, allerdings bemüht man sich hier einer erschöpfenderen Auflistung:


Appropriate and Inappropriate Posts:
Some examples of topics appropriate for discussion in sppm include (but are not limited to) the following: a particular type of psychotherapy (e.g., cognitive-behavioral, psychodynamic), or a comparison between two types. There will be no restrictions on the types of therapeutic modalities that are appropriate for discussion -- save for treatments that seem to have no obvious connection to psychology (e.g., palm-reading, crystals). The latter will not be accepted, unless a clear, plausible connection to psychology is made. A particular psychological disorder (e.g., depression, eating disorder), a particular psychological theory (e.g., object relations theory, learning theory), as it relates to the material of therapy research relevant to psychotherapy psychopharmacological (drug) or other biological treatments, as they relate to psychotherapy diagnostic issues therapist training and supervision ethical issues faced by therapists trends in practice (e.g., emerging or alternative modalities), the relationship between psychotherapy and other fields of inquiry such as philosophy or religion (as long as the discussion remains focused on psychotherapy), career issues (e.g., establishing a private practice, coping with managed care), business related directly to psychotherapy (e.g., employment opportunities, equipment for sale), case studies (if and only if client anonymity is ensured), announcements and reports of meetings, conferences, and newsletters, including those put out by self-help organizations (please consider posting or cross-posting these to sci.psychology.announce, however), requests for information about a specific problem. However, those looking for exchanges characteristic of a support group should seek out an actual support group, as sppm was not designed to serve that function.

     

Da diese Gruppe moderiert wird, erhält der Leser der Charta nun noch eine Auflistung von unerwünschten Postings, die von den Moderatoren nicht an die Gruppe weitergeleitet werden, gleichsam als Richtlinie für den zukünftigen User:


The following are inappropriate for sppm, and posts containing them will be rejected: personal attacks, including allegations of professional misconduct (the latter should be brought to the attention of the appropriate authorities), discussions which wander far from the topic of psychotherapy (including spam), cross-posting to groups outside of the psychology topic area, unless the reason for crossposting is evident (e.g., cross-posting to a sci.med group when drug therapy is being discussed). Responses may be made to the same groups or a subset thereof without further justification. [Furthermore,] gross violations of netiquette. These may include, for example, excessive repetition -- defined as more than 90% quoted material, or posting more frequently than once per month an article with more than 90% unchanged text (moderators may change these value in the future, if they find them to be) -- or chronic misattribution of quoted text.

     

Wir erhalten also bei de.etc.sprache.deutsch allein grobe Richtlinien in Bezug auf unser Userverhalten, hier sind sowohl Themengestaltung wie auch Teilnahme nur vage umrissen und unter das Dachthema "Sprache" gefaßt.

Sci.psychology.psychotherapy.moderated dagegen stellt seine genaue Vorstellung sowohl von Themen- wie auch von Teilnehmerkreis vor. Zu welchen Vor- und Nachteilen dies gereicht, sei unter 4., Durchsetzung der Ansprüche, dargelegt.
 
 
 
 

4. Durchsetzung der Ansprüche

Im folgenden möchte ich anhand von Beispielen darlegen, wie die oben definierten Ansprüche in der Postingpraxis aussehen. Die Unterscheidung in moderierte und nichtmoderierte Groups erscheint mir sinnvoll, da die Moderatoren teilweise erheblichen Einfluß auf die Postingpraxis ausüben.
 
 

4.1. Allgemeine Newsgroups

In allgemeinen oder nichtmoderierten Newsgroups ist eine tatsächliche Durchsetzung der in der Charta festgelegten Ansprüche schwierig. Diskussionen über noch so passende Themen gleiten häufig in Nebensächlichkeiten ab, die dann schon mal "off-topic", nämlich gemäß der Charta thematisch unpassend sind, oder entwickeln sich ob der unvermeidlichen Mißverständnisse zu Streitereien (meistens über Semantik) oder sogenannten Flamewars, heftigen Schlagabtauschen, in denen sich die Benutzer mehr gegenseitig anfeinden als auf Argumente einzugehen.

Kontrolliert werden können diese Entgleitungen allein durch die anderen Benutzer, die bei groben Verstößen gegen Charta oder Netiquette den Verursacher anmahnen. Kommt dies trotzdem häufiger vor, müssen sich die Leser der Gruppe, die sich gestört fühlen, an den Systemadministrator des Störenden wenden und bitten, das etwas dagegen unternommen wird.

Unnötig zu sagen ist es, daß Beschwerden bei einer derartigen Regulierung völlig subjektiver Natur sein können und der eine Leser eher jemanden anmahnt, während ein anderer noch geduldig ist.

Durch den fast schon familiär zu nennenden Umgangston, der sich in manchen Newsgroups einstellt, da sich mit der Zeit viele der eingeschriebenen User näher kennen lernen, entstehen schon mal solche Beiträge, die zwar lustig sind, aber mit dem Thema der Gruppe und den Definitionen der Charta nur mehr wenig zu tun haben, also off-topic sind. Der Beitrag (10) entstand aus dem Thema über die Benennung der Sinti und Roma, den Ursprung des Wortes "Zigeuner" und daß man unter den Begriff meist die schmutzigen Bettler faßt – "Frauen und Kinder suedlaendischen Teints, die man auf der Strasse antrifft und die auch manchmal die Gelegenheit wahrnehmen, etwas aus Fremden Taschen zu entnehmen." (11) Auf die Frage hin, wie der Diskussionspartner (der hartnäckig auf der Verwendung des Wortes Zigeuner bestand), eine solche Person nenne würde, antwortete er mit "Dieb" und eventuell "Zigeuner", ebenso, wie er "Franzose" sagen würde, wenn der Dieb einen französischen Akzent aufwiese. Daraus entwickelte sich schließlich folgende Abschweifung:


Thema: Re: "Zigeuner" vs. "Sinti und Roma"
Von: Name@IP-Adresse
Datum: Thu, 8 Apr 1999 23:31:42 +0200
Vorname Name(Name@IP-Adresse) meinte folgendes:
>Vorname Name < Name@IP-Adresse > writes:
>
>>Vorname Name:
>
>>> angeben, genauso wie ich "Franzose" sagen würde, wenn der Dieb "*ände
>>> *och" gesagt hätte.
>
>>Damit wäre er zum räuberischen Erpresser geworden.

Oder Räuber. Leider gibt der SV zur Klärung dieses Problems nicht genug
her ;-)

>>Was können eigentlich die Franzosen für Straftaten von Quebekern,
>>Wallonen und Welschschweizern?

Wallonen scheiden aus, weil er keine Fritten dabei hatte. Hmm, zu
Quebekern fällt mir leider gerade kein Vorurteil ein ;-)

>Ein Schweizer scheidet aus.
>Der haette eine Empfangsquittung ausgestellt.

Danke, der war gut ;-)))

Gruß, Vorname

     

Diese Diskussionsfolge (engl.: thread), entstanden aus der Fragestellung, wo die Redewendung "Bis zur Vergasung" ihren Ursprung nahm und ob sie von ehemals im Dritten Reich der Verfolgung ausgesetzten Völkergruppen falsch verstanden werden könnte, entwickelte sich über viele Beiträge zum Thema der korrekten Benennung der Sinti und Roma und ihrer Abneigung gegenüber der Bezeichnung "Zigeuner". Gemäß der Charta von de.etc.sprache.deutsch (wir erinnern uns: "Dies umfaßt Fragen und Antworten zu Grammatik, Rechtschreibung und Etymologie, schließt aber auch kontroversere Themen wie Übersetzungen, Sprachgebrauch, [...]nicht aus." (12)) entspricht diese und die anschließende Diskussion über Political Correctness und ihren Sinn in der Gesellschaft durchaus dem Inhalt der Newsgroup; die scherzhafte Debatte über die (hypothetisch) begangene Straftat und die Kalauer über andere französischsprachige Volksgruppen jedoch sind es ganz sicher nicht.

Folgendes Posting (13) aus derselben Gruppe zeigt ebenfalls ein off-topic-Thema an, jedoch ein markiertes und entstand aus einer Diskussionsfolge über die korrekte Benamsung der Einwohner Parmas:


Thema: Wie nennt man die Einwohner von Parma?
Von: Name@IP-Adresse
Datum: 25 Apr 99 16:38:45 GMT

Vorname Name schrieb in einer Nachricht an All:
> > > Aber wie nennt man die Einwohner von Parma?
> > MK> Man kann also sagen: Parmaer, Parmese.
> > Karthäuser? SCNR :-)))))))))))))))))))))))
>
> TH> Na wenn schon, dann "Kashäuser" ....
>
> Ich hatte eher an den Roman gedacht ;-]]]
>
TH> Hallo G'Kar!

Nein, nein, ich will nicht unseren großen spirituellen Anführer dadurch in
Verlegenheit bringen, daß ich seinen Namen benutze :-) G'Car mit C bot sich
allerdings an.

TH> So kommt man vom Parmesan zur Karthause und wieder zurück ....

100 Punkte :-))

TH> Off topic: Wann gibts wieder Babylon 5 im TV?

Pro7 plant wohl im Juni eine Wiederholung. Man konnte auf ihrer Website an
einer Abstimmung teilnehmen, welche es werden soll. Frag mich lieber nicht.
Ggf. nach de.rec.sf.babylon5.misc gucken.

Bye/7, Vorname

     

Der Schreiber gibt hier zu, mit seinem Thema nicht in die Group zu gehören, markiert dies jedoch, da er sich dessen bewußt ist. Vermutlich ist ihm bekannt, daß ein anderer Teilnehmer an der Diskussion ebenfalls über das unpassende Themengebiet Bescheid weiß.

Ein solches "Familiengefühl" entsteht in umoderierten und offen gefaßten Gruppen wie de.etc.sprache.deutsch häufig (wie oben erwähnt), da viele Teilnehmer sich durch den jahrelangen Kontakt bereits näher kennen und eventuell auch privaten (Mail-)Umgang miteinander aufgenommen haben, denn immerhin trifft man sich in der entsprechenden Gruppe ob eines gemeinsamen Interesses.

Diese Bekanntheit untereinander führt zu den aufgezeigten Scherzen, die aus dem selben Grund dann auch selten angemahnt werden – ein wenig Auflockerung wird allgemein akzeptiert.

Im Gegensatz dazu mahnen alteingesessene Mitglieder von Groups übelwollende Individuen, die sich weder an Netiquette noch an die Charta halten, gerne mit strafender Ironie ab, wie dieses weitere Beispiel aus de.etc.sprache.deutsch zeigt (14):


Thema: Re: CGI CGI CGI CGI CGI CGI !!!!!
Von: Name@IP-Adresse
Datum: 20 Apr 1999 00:00:00 +0000

Hallo, Vorname und der Rest!
Name@IP-Adresse meinte am 19.04.99 in /de/etc/sprache/deutsch
zum Thema "CGI CGI CGI CGI CGI CGI !!!!!":

> Hallo....wer kann gute CGI Scripts programmieren ?

Da Du Dich in eine Gruppe schummelst, die sich ueber die Spaesse der
deutschen Sprache und dessen, was wer auch immer dafuer haelt, beoelt,
muessen wir Dich wohl als Beitraeger solcher verstehen. Gut, ich nehme
Dich in diesem Sinne ernst.

> Ich brauche unbedingt ein Liga script bzw eine
> vollautomatische Rangliste mit Passwoertern und und und
> .......... Wer interesse hat (es sollte nicht allzuviel
> kosten) schicke mir eine mail: 3dmotorsports@gmx.de

Juxig finde ich Deine Behandlung der Interpunktion:
Machste ersma 'n Leerzeichen, laesste 's bleiben, setzte bei 'ner
Abkuerzung 'n Punkt, laesste 'n wech, hauste zwischen die Bestandteile von
'nem zusammengenagelten Nomen 'n Hymen (ablach!), pfeifste drauf, auch
egal, kommt in der Form jedenfalls gut.
Und was nicht zusammengenietet is', hau'n wer trotzdem an'ander, piss
drauf! Und was die Amis als Periode (ababablach!) bezeichnen, kann man
echt nicht lang genug gestalten.
Und gross und klein, ich finde auch, dass man sich darueber nicht lustig
genug machen kann.

Alles in allem: Auch die uebrigen Leser duerften sich koestlich amuesiert
haben. Willkommen in unserer Gruppe!

Ciao!

Vorname

     

Ein anderes Posting (15) aus einem Thread über einen unerwünschten Teilnehmer lautet folgendermaßen und bezeichnet gleichzeitig ein weiteres Medium, sich der ungewünschten Groupgenossen zu entledigen. Der Absender reagiert auf einen Beitrag, der wiederum ironisch mit einem User umgeht, der gegen die netiquette verstoßen hatte:


Thema: Re: ... (Anonymus)
Von: Name@IP-Adresse
Datum: Sun, 04 Apr 1999 14:27:36 GMT

On Sat, 3 Apr 1999 23:55:04 +0200, Name@IP-Adresse (Vorname Name) wrote:

>BTW, was bedeutet Trerror Maker?
Oh, das ist kurz fuer "Ich beantrage die gebuehrenfreie Eintragung in
moeglichst viele Killfiles."

Name

     

"Killfile" bezeichnet die Fähigkeit vieler Newsreader, Beiträge, in denen besondere Wörter oder Bezeichnungen enthalten sind, auszufiltern. Das führt dazu, das derjenige, der diese Killfile mit der Email-Adresse des Störenfriedes aus obigem Thread eingerichtet hat, von ihm kein einziges Posting mehr zu sehen bekommt. Nehmen mehrere oder viele Gruppenleser einen Poster so in ihr Killfile auf, wird er im weiteren Verlauf schlichtweg für immer ignoriert.
 
 

4.2. Moderierte Newsgroups

In moderierten Newsgroups ist das Aufrechterhalten der Charta und der Nettiquette und damit der Ansprüche einer Group wesentlich leichter, als in unmoderierten. Enthält ein Posting zum Beispiel zu viel zitierten Text (ein Merkmal, das der Netiquette zuwiderhandelt), kann ein Teil davon von bestimmten Moderatoren entfernt werden (16):


Subject: Re: The physics of sex
From: Name@IP-Adresse
Newsgroups: sci.physics.research
Date: 6 May 1999 01:36:38 GMT
 

Hmmm... I was under the impression that some other countries had the world's
lousiest undergraduate education in Physics. My advice is don't miss the
opportunity and explain space groups and statistical physics through sex as
well, Sir.

In article < Message-ID >, "Vorname Name" < Name@IP-Adresse > wrote:
> I will soon give a talk with this title at the
> University of Delft here in Holland, for physics
> undergraduate students. (I plan to put the written
> version on my site in a few days.)
> The talk will summarize what laws of physics can be
> deduced when making love, in particular, on the way
> to deduce quantum mechanics and relativity.

[Moderator's note: Quoted text deleted. -TB]

     

Diese Handhabung wirkt der Unsitte entgegen, die von manchen Newsreadern automatisch eingestellte Zitierung des gesamten beantworteten Postings ungekürzt in der Antwort stehen zu lassen, ein Umstand, der auch in vielen unmoderierten Groups durch Mitleser beanstandet wird.

Manchmal greift der Moderator, wie hier in sci.physics.research (moderated) auch beratend oder ergänzend ein:


Subject: QM and QFT
Date: Thu, 6 May 1999 03:11:02 GMT
From: Name@IP-Adresse
Newsgroups: sci.physics.research

Can someone please refer me to some books that are not simply popular
expositions, but perhaps undergrad or early grad texts that clearly, and as
simply as possible explain quantum mechanics and quantum field theory?

I would be very appreciative!

Thanx a lot,

Vorname

[Moderator's note:
There's a good bibliography of physics texts in the FAQ:

USA:

http://math.ucr.edu/home/baez/physics/faq.html
http://www.public.iastate.edu/~physics/sci.physics/faq/faq.html
http://www.weburbia.com/physics/faq.html

UK:

http://hepweb.rl.ac.uk/ppUK/PhysFAQ/faq.html
http://www.weburbia.demon.co.uk/physics/faq.html

Netherlands:

http://www.xs4all.nl/~johanw/PhysFAQ/faq.html

Germany:

http://www.desy.de/user/projects/Physics/faq.html

Australia:

http://www.phys.unsw.edu.au/physoc/physics_faq/faq.html

Taiwan:

http://www.phy.ncku.edu.tw/mirrors/physicsfaq/faq.html

Japanese language version:

http://kekux1.kek.jp/~morita/phys-faq/

-MM]

     

Verstößt ein Thread oder ein Posting gegen die Charta, kann auch hier, je nach Moderationsart, der Moderator eingreifen (17):


>[Moderator's note: Further discussion of "mysticism as analytical tool"
>should go to e-mail or to another newsgroup. -MM]

     

In vielen moderierten Groups bekommt der Leser jedoch die eingreifende Hand des Moderators kaum zu spüren oder zu sehen: Wer selbst korrekt postet, ist nicht betroffen, verstoßen andere jedoch gegen die Charta, so daß ihre Postings zurückgeschickt werden, gibt es keine Äußerung davon in der Group.

So bleibt als einzig spürbare Wirkung dieser Moderatoren das deutlich themenbezogenere Arbeiten in solcherart moderierten Groups, in denen der Leser weniger Quatsch und Kalauer als fachliche Beiträge zu sehen bekommt.
 
 
 
 

5. Vor- und Nachteile von Newsgroups bezogen auf wissenschaftliches Arbeiten

Nach der Verdeutlichung von wesentlichen Merkmalen moderierter und allgemeiner Newsgroups und ihren Auswirkungen auf das Umgangsklima in selbigen, möchte ich nun zu den allgemeinen Vor- und Nachteilen von wissenschaftlicher Arbeit in Newsgroups kommen.
 
 

5.1. Öffentlichkeit & Verfügbarkeit

Eine jede Newsgroup ist all denen offen, die über einen Newsreader über Zugang zum Usenet verfügen (abgesehen von z.B. betriebsinternen Newsgroups o.ä.). Das in den Gruppen verbreitete Wissen ist also allen Usenetlesern auf der ganzen Welt zugänglich, so daß neue wissenschaftliche Erkenntnisse gemeinsam von Australiern, Amerikanern, Spaniern und Chinesen diskutiert werden können.

Probleme entstehen hier durch die unterschiedlichen Sprachen, denn wer kein Englisch spricht, wird auch nicht in einer britischen Gruppe shakespeare’sche Literatur diskutieren können. Durch die weite Verbreitung des Englischen als Weltsprache werden viele dieser Schranken jedoch aufgehoben, allein nicht alle regionalen Gruppen akzeptieren englisch- oder andere fremdsprachige Beiträge. Auch diese Angaben sind meist in der Charta festgelegt (zum Beispiel heißt die deutsche Gruppe de.etc.sprache.deutsch englischsprachige Postings ausdrücklich willkommen, siehe oben).

Weitere Beschränkungen erlegen die Serverbetreiber den Usenetkunden auf: Nicht alle Anbieter tragen auf ihren Servern auch alle Gruppen ein, manchmal fehlen sogar ganze Hierarchien.

Das Usenet demotisiert, ebenso wie das Internet selbst, das Wissen, macht es einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Durch aktuelle Diskussionen zum Beispiel erfahren auch solche Teilnehmer von den neuesten Entwicklungen, die nicht die entsprechenden Fachzeitschriften abonniert haben, und wem es in seiner Kleinstadt an Gesprächspartnern über sein Lieblingsthema mangelt, der findet in den Newsgroups sicherlich genügend Ansprechpartner, denn hier ist die ganze Welt Forum.

Die ganze Welt allerdings nur eingeschränkt, denn natürlich nur der Teil von ihr, der über einen Computerzugang verfügt, was in sogenannten Drittweltländern sicherlich kaum der Fall ist. Während der Kontinent Australien 71 Groups aufweist, existiert in der Hierarchie africa nur africa.news, eine gering frequentierte Gruppe, in der man auf Deutsche, Amerikaner, Australier und viel Werbung trifft – kaum auf Afrikaner.

Gerade diese Öffentlichkeit ist es auch, die die Wissenschaft auf der einen Seite fördert, auf der anderen Seite natürlich auch behindert. Während man sich in vielen Gruppen mit Forschern über ‚sein‘ Thema austauschen kann, kann dies auch die Konkurrenz tun, und so gerät die Entwicklung von wissenschaftlichen Theorien nur selten in ein so öffentliches Forum, wo sich jeder bedienen kann und behaupten könnte, daß er diese Arbeit selbst geleistet habe. Die unbegrenzte Zahl der Mitleser macht es unmöglich, geheime Forschung zu betreiben, gerade dieselbe hohe Teilnehmerzahl jedoch erschließt Wissenschaftlern ein unschätzbar großes Auditorium, in dem man meist zielsicher Antworten auf selbst die abwegigsten Fragen erhält (18):


Thema: Bretonisch
Von: Name@IP-Adresse
Datum: Wed, 5 May 1999 19:14:04 +0200
Newsgroup: de.etc.sprache.deutsch

Vorname Name < Name@IP-Adresse > wrote:
> Ein Beispiel:
> In Frankreich geht man damit sehr viel lockerer um. Wieviele Menschen
> sprechen dort noch Bretonisch?

Wenige fliessend - Sehr alte Leute auf dem Lande sprechen es noch und
viele Unterrichtsstunden werden in regionalen Sprachen auf der Uni
gegeben. Es sieht aber oft wie künstliche Beatmung aus.
Ich weiss nicht einmal, wie gesprochenes Bretonisch klingt, obwohl ich
mich jedes Jahr dort einige Zeit aufhalte. Man kann es allerdings in
Volksliedern hören in verschiedenen typischen Bistros der Küste . Die
schrillen Klänge der 'binious' aber sind eine so richtige Nervensäge,
dass ich manchmal weghöre ;-)

>Und wie viele Menschen sagen mit stolz von
> sich: Je sui Breton, certement.

Manche sind ja stolz darauf und sagen es !

Kenavo - Vorname

     

Der Mangel an Infomationen über Qualifikation und Quellen, der hier auffällt, soll allerdings unter 6.2 Anonymität behandelt werden; wichtig ist, daß Behauptungen ohne Quellenangaben natürlich immer als persönliche Meinung gelten und auch unbedingt als solche betrachtet werden müssen.
 
 
 

5.2. Anonymität

Während viele Menschen, die an Newsgroups teilnehmen, dies über Universitäts- oder Firmenaccounts tun, bei denen Wert auf eine deutliche Identifizierbarkeit des Benutzers gelegt wird, sind auch Email-Adressen wie die von AOL, Compuserve oder Hotmail weit verbreitet, von denen man nicht notwendigerweise Rückschlüsse auf den Benutzer ziehen kann und wo sogar für ein und dieselbe Person verschiedene Adressen möglich sind. Namen wie ‚Seide98‘, ‚Rogana‘, ‚Gegi77‘ oder ‚Levulator‘ sagen häufig überhaupt nichts über die Personen aus, die sich dahinter verbergen, eine Tatsache, die auch gerne zur mutwilligen Täuschung über Identität oder Geschlecht benutzt wird.

Abgesehen von der Unüberprüfbarkeit der Aussagen des Gegenübers, auf dessen Wort man sich verlassen muß, fördert das Usenet ähnlich wie der Chat die Nähe durch Distanz. Diese merkwürdige Formulierung läßt sich dadurch erklären, daß die tatsächliche Distanz zwischen den Teilnehmern einer Diskussion das ungezwungene Miteinander erst ermöglicht. Dem Selbstbewußtsein eventuell abträgliche Merkmale wie Aussehen, Kleidung, Übergewicht etc. sind im Usenet nicht präsent, man hat zunächst eine virtuelle, optimale Vorstellung vom Gegenüber, bis man eventuell ein Photo zugesandt bekommt, bei dem aber wiederum nicht gesichert ist, daß es dem tatsächlichen Äußeren entspricht. Ängste und Unsicherheiten können hinter sich gelassen werden, man kann sozusagen mit jeder Email-Adresse von neuem anfangen und wird allein aufgrund seiner Äußerungen und der Art und Weise, wie man sich gibt, beurteilt.
 
 

5.3. Die Unüberprüfbarkeit von Behauptungen

Die Anonymität, die ein wesentliches Merkmal des Usenet ist, bietet sowohl Vor- wie auch Nachteile. Aus ihr resultiert (wie oben bereits angedeutet) die Unüberprüfbarkeit von Behauptungen. Für wissenschaftliches Arbeiten im Netz wäre zum Beispiel von Bedeutung, ob der Doktor der Psychologie tatsächlich einer ist, das ist nicht nur für die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen wichtig, sondern zum Beispiel auch für die Problemberatung via Usenet. Hier ist die Aussage über Geschlecht und Aussehen völlig irrelevant, aber ein jeder Teilnehmer, dessen Adresse zum Beispiel JohnCarter@aol.com oder ähnlich lautet, mag behaupten, er sei ein Psychotherapeut und sich anbieten, Menschen mit Problemen zu helfen. Mißbrauch und Betrug sind mögliche Folgen, wenn dafür auch noch Geld verlangt wird, ebenso wie schwere Schäden für die Behandelten.

Dieses Problem der Unüberprüfbarkeit resultiert manchmal in Konflikten mit einem Vorteil der Anonymität. Über das Usenet muß man sein Gesicht nicht zeigen, man kennt die Leute nicht, und, viel wichtiger, sie kennen einen selbst nicht, vielleicht wird man ihnen nie wieder begegnen. Unter solchen Umständen kann man seine Probleme eher offenbaren, als das manchem Menschen in einem persönlichen Gespräch oder mit einem Psychologen möglich ist.

Wie aber soll man nun urteilen? Einerseits weiß man nichts über die Person, wird auch niemals alles über sie wissen können, wenn man ihr nicht gegenübersitzt. Alles, was sie berichtet, könnte genauso gut gelogen sein. Auf der anderen Seite benötigt diese Person vielleicht in der Tat Hilfe, die zu verweigern ebenso schädlich sein kann.

Ein Beispiel aus sci.psychology.psychotherapy.moderated beleuchtet diese Problematik recht deutlich (19):


Thema: Ethical Violations?
Von: Name@IP-Adresse
Datum: Thu, 01 Apr 1999 20:20:17 GMT

Last December I send an e-mail to my therapist's AOL account under the guise of
being sexually attracted to him. I was suicidal at the time and realize the
activity was wreckless to say the least. But over time I developed numerous
online relationships with him that all involved sexual contact. He sent very
provocative pictures of himself and I have masturbated to them. I sent online
porn photos for my identity.
I consulted with two therapists on this because it has caused a psychic
disturbance. One therapist told me to try to talk to him about it, the other
suggested that he relationship had been so contamintated that he advised that I
terminate. The latter therapist even went so far as to suggest that I had
legal recourse in the situation since my therapist shouldn't have been so
promiscuous.
However I feel I set him up.
I don't know what to do. Any suggestions would be greatlly appreciated.
Please e-mail me directly at Seide98@aol.com. I will appreciate your input.
By the way, I am no longer suicidal. A friend's death in January sort of
reieved the destructve element of my thoughts... grief, despite the pain, has
somehow saved me. What a paradox...

     

Hier bittet eine angeblich behandelte Person um Hilfe gegen ihren Psychologen, behauptet aber gleichzeitig, selbst schon zwei andere Therapeuten herangezogen zu haben. Trotzdem gibt sie vor, nicht zu wissen, was sie tun soll. Diese vordergründig so mitleiderregende Klage wurde in der Gruppe demzufolge auch widersprüchlich debattiert. Zur Verwirrung trug bei, daß mindestens ein weiterer neuer AOL-Account zur selben Zeit wie Seide98 auftauchte und vehement für sie argumentierte und vermutet wurde, daß dies einfach ein weiteres Alias der Person hinter Seide98 sei. Ein dritter AOL-Benutzer schließlich argumentierte gegen sie, ist aber in der Gruppe schon häufiger augetreten, so daß keine inhaltliche Verbindung nahegelegt wurde.

Eine Antwort auf Seide98s Frage (20):


Thema: Re: Ethical Violations?
Von: Name@IP-Adresse
Datum: Mon, 19 Apr 1999 13:52:00 GMT

There's something very disturbing about this string. Not only are we without
the full details of this case, judgements have been fast and furious in what is
an increasingly disturbing trend among the psychological profession: that we
must protect one another for any and all ethical demands.
Seide's case reminds me of a situation in which I was seen by a client at a sex
club. It was a very uncomfortable situation and one that we spent weeks
discussing. But the end result was a more complete process. We realized we
were both human.
The puritanical aspects of our professional ideals are not realistic. Seide's
therapist may indeed have been indiscrete, no doubt. And Seide's interest was,
or seems to have been, prompted by an intense interest in the therapist. Where
exactly is the violation? At least Seide admitted the facts.
Shame on Seide? NO, shame on us. I can only assume there has been a strong
counter transference in this situation which has cause Seide a great deal of
confusion. There is a life behind the issue. The issue is not tantramount nor
is it insurmountable.

Interesting issue nonetheless.

Vorname Name, MFCC

     

Bei diesem Posting vermutete eine langjährige Teilehmerin der Gruppe, daß es sich nur um einen Zusatznamen unter AOL von Seide98 selbst handelt, doch Beweise dafür sind natürlich nicht zu erbringen.

Zusätzlich zu der Diskussion um die Echtheit dieser Anfrage entstand in sci.psychology.psychotherapy.moderated allerdings noch eine sehr fruchtbare Debatte um die Vorteile der Anonymität von Therapeuten im Internet und die ethischen Ansprüche, die man an diesen Berufsstand stellen sollte.
 

Ein anderes Beispiel von mutwilliger Verwirrung durch Anonymität im Netz zeigte sich in de.etc.sprache.deutsch, wo Verwirrung dadurch verursacht wurde, daß ein Teilnehmer Androhungen einer zweiten Person in der Gruppe veröffentlichte, der aber behauptete, seine (private) Email sei verfälscht worden. Ausgangspunkt war Kritik an den Gedichten der zweiten Person, die sie ausgesprochen übel aufnahm. Das dem vedrohten zu glauben war, stellte sich jedoch bald durch nähere Untersuchung heraus, denn der Glaube, daß man bei T-Online wirklich anonym ist, wenn man es nicht richtig anstellt, erwies sich als irrig (21):


Thema: Re: ... (Anonymus)
Von: Name@IP-Adresse
Datum: Sat, 3 Apr 1999 23:55:04 +0200

Trerror Maker (Name@IP-Adresse) meinte folgendes:

Lieber Vorname W. aus H., alias irgendwas,
warum postest Du hier eigentlich anonym, wenn Du in anderen Newsgroups
Deinen Realname angibst und uns Deine Telefonnummer im Header gleich noch
mitlieferst?
Unter diesen Umständen sollte es Dir doch leicht fallen, Dich an die
Netiquette zu halten.

>BTW, was bedeutet Trerror Maker?

Gruß, Vorname

     

Diese Fehler im Konzept des selbsterklärten "Terror Maker" lassen darauf schließen, daß er ein Usegroup-Neuling ist und es das nächste Mal leider besser machen wird. Der (falsch geschriebene) Aliasname deutet zudem daraufhin, daß dieser Account (zumindest im Moment) allein zu dem Zweck benutzt wird, andere Usenetteilnehmer zu bedrohen, zu bedrängen und Terror zu verbreiten, Terror, den er selbst (laut dem Bedrohten) als "Telefon-Terror" bezeichnet (22):


Thema: ... (Anonymus)
Von: Name@IP-Adresse
Datum: 04 Apr 1999 00:00:00 +0000

Hallo allerseits, hi, Vorname!
Der schlechte Verlierer Vorname hat erneut zugeschlagen. Neuerdings
erhalte ich diverse Newsletters und sonstigen Mist, den er in meinem Namen
bstellt hat (s. Anhang). Da sind auch ein paar Mails, die ungefaehr 500mal
das Wort "Rache" bzw. die Woerter "Hast'e Probleme" enthalten. Ich glaube
nicht, dass Marcel Reich-Ranicki von den von ihm Kritisierten so einen
geistigen Durchfall ertragen muss. Das ist schon wieder ein Argument gegen
die absurde Annahme, dass Dominik ein Literat waere. Er ist schlicht und
ergreifend ein Idiot.
Mittlerweile hat er nach eigenem Bekunden (das habe ich nicht ausprobiert)
seine Adresse bei T-Online geaendert. Wovor hat er Angst?

Ciao!

Vorname
 

Hier Vornames Ankuendigung:

-------------------------------------------------------------

... Mir macht das Spiel auch Spass. Und dieser Spass beginnt jetzt erst
richtig, Arnulf. Denn ich bin an der Reihe. Ich kenne zum Beispiel
Deinen Vornamen und deinen Nachnamen. Da kommt mir doch direkt der
Begriff "Telefon-Terror". Mal gucken, wenn ich vielleicht Langeweile und
nichts besseres zu tun habe. Desweiteren habe koennte ich Dich bei
unzaehligen Newslettern eintragen. Auf die schnelle fallen mir schon ein
paar ein. Es steht auf jeden Fall fest, dass Du ab naechste Woche
regelmaessig informierende eMails bekommst. Ach, da fallen mir noch die
beruehmt-beruechtigten eMail-Bomben ein...

     

Diese Androhungen legen die kindische Vermutung nahe, daß der Absender zu viele Horrorfilme gesehen hat. Da allerdings ein Teil dieser Androhungen bereits wahr gemacht wurde, wie der Bedrohte bestätigt, handelt es sich hier tatsächlich um ein illegales Vorgehen, das zumindest der allgemeinen Netiquette scharf zuwiderhandelt.

Nach einer Anzeige bei T-Online und der Weiterleitung der Drohbriefen an den Provider wurde der Fall übrigens der Rechtsabteilung bei T-Online übergeben, ein Zeichen dafür, daß der Benutzer solchen anonymen Terroristen doch nicht schutzlos ausgeliefert ist – wenn sie sich immer so dumm anstellen, wie in diesem Fall.
 
 

5.4. Quellenangaben und Zitierung

Die Überprüfbarkeit von Behauptungen wird durch die Anonymität der Teilnehmer noch schwieriger gemacht, als dies in einer direkten Diskussion bereits der Fall ist. Ist der Teilnehmer wirklich ein Doktor der Germanistik? Meist lassen sich solche Fragen aber bereits durch einen Blick in die Postings beantworten, denn ein echter Wissenschaftler gibt bei jeder Behauptung Quellenangaben.

Das nicht alle Usenet-Benutzer tatsächlich derart ausgebildet sind, zeigt sich in der selten angewandten Praxis an diesem Beispiel aus de.etc.sprache.deutsch, in dem diskutiert wurde, ob "involviert" ein Anglizismus sei oder nicht (23):


Thema: Re: Involviert
Von: Name@IP-Adresse
Datum: Fri, 23 Apr 1999 12:21:06 +0200
Vorname Name (Name@IP-Adresse) meinte folgendes:
>Vorname Name wrote:
>>
>> Vorname Name < Name@IP-Adresse wrote in message
>> Message-ID...
>> > Mit Anglizismus meine ich übrigens, dass das
>> > Wort aus dem Englischen ins Deutsche
>> > übernommen wurde, unabhängig davon, woher
>> > das Englische den Ausdruck kennt.
>>
>> Da das Deutsche diesen Ausdruck direkt aus dem Lateinischen übernommen
>> hat, ist er kein Anglizismus.
>>
>
>Dieses Bisschen Information fehlte mir noch. Ich danke Dir und
>allen Anderen, die mir wieder meinen Seelenfrieden geschenkt
>haben :-).

Allerdings lässt einen die fehlende Quellenangabe doch ein klein wenig
unbefriedigt zurück.

Gruß, Vorname

     

Dies ist übrigens hauptsächlich ein Problem von Newsgroups, deren Charta sie mehr als allgemeine Diskussionsforen ausweisen als als thematisch begrenzte Gruppen. In Foren mit enger wissenschaftlich gefaßten Chartas wird meistens korrekt zitiert, bzw. wird die Quellenangabe hinzugefügt. Da aber auch dort der Bildungsstand auf höchst unterschiedlichen Niveaus liegt und niemandem das Posten verwehrt wird, nur weil er keinen Doktor der Mathematik vorweisen kann, finden solche Vorfälle fast überall statt.

Moderierte Gruppen unterscheiden sich in dieser Hinsicht kaum von nichtmoderierten, da dies meist nicht in die Zuständigkeit der Moderatoren fällt. Tatsächlich wird ein solcher Mangel an Zitatangaben hauptsächlich bei der Diskussion von Theorien jedweder Materie wichtig. In mathematischen oder physikalischen Gruppen, in denen untereinander diskutiert wird, werden solche Verweise meist nicht gegeben:


Subject: Re: Difference Sets, I think....
Date: 05 May 1999 00:38:18 +0200
From: Name@IP-Adresse.no>
Newsgroups: sci.math

* Vorname Name
> In article <Message-ID>, Name@IP-Adresse wrote:
>
> > Here's the problem. I want to find two subsets, A and B,
> > of the integers modulo n-squared. Each of A and B has n elements.
> > The sums a+b where a is from A and b is from B exhaust all
> > n-squared possible values. (Sums taken modulo n-squared).
> >
> > I'm not interested in the obvious solution:
> > A={0, n, 2n, 3n, ... (n-1)n}
> > B={0, 1, 2, 3, ... n-1}
> >
> > And I'm aware that the obvious solution can be transformed by
> > adding constant offsets to A and to B or by multiplying all
> > the elements of A and B by k where k is relatively prime to n.
> > I'm not interested in these solutions either.
> >
> > The question is, are there any other solutions?
> >
>
> How about n = 3, A = {0, 3, 6}, B = {0, 1, 5} ?

B= {0,1,2} * 5

     

Hier werden einfach Lösungen angeboten, für die niemand eine Quelle nennt, da sie vermutlich selbst berechnet sind. Trotzdem bestehen Unsicherheiten, wie am Fragezeichen zu erkennen, die auch durch die letzte Antwort nicht ausgeräumt werden, da auch hier der Schreiber keine gesicherte Quelle nennt, sondern einfach eine Behauptung in den Raum stellt. Wissenschaftliche Arbeit ist allerdings nur auf der Basis von gemeinsamen Informationen und begründeten Standpunkten möglich, auch wenn hier gewisse mathematische Probleme eine Ausnahme darstellen, weil sie nachrechenbar bzw. beweisbar sind.

Nach dieser Diskussion der Vor- und Nachteile von Anonymität möchte ich zum Abschluß dieses Punktes noch auf die Auswirkung der Aufhebung der Anonymität zu sprechen kommen.

In fast jeder Gruppe lernen sich die Interessierten über einen längeren Zeitraum kennen, den sie in derselben Gruppe, manchmal sogar in mehreren themenverwandten, verbringen. Daraus resultiert persönlicher Kontakt, freundschaftlicher (oder abneigender) Umgang miteinander und Abschweifung. Hier ein Beispiel (24) aus de.etc.sprache.deutsch, wo zwei aus anderen Gruppen bekannten Usenet-Benutzer (wieder einmal) aufeinandertrafen:


Thema: Re: de.etc.sprache.deutsch
Von: lenafalk@aol.com (LenaFalk)
Datum: 08 May 1999 10:56:18 GMT

Im Artikel <Message-ID>, Vorname Name< Name@IP-Adresse >
schreibt:
>> In diesem Sinne: Gint es eine Charter zu dieser Newsgroup?
>>
>> Wenn ja, wo finde ich die?
>
>Du hier? Interessant.
>
>(...und schon verstieß er gegen die Charta...)
>

Vielmehr: Du hier? ;-)

Lena

     

Auch das bereits oben unter Durchsetzung der Ansprüche von Chartas gegebenes Beispiel (25), in dem zunächst über den Zusammenhang von Parmaesern mit Parmesan und Karthäuser geflaxt wird und schließlich eine moderne Fernsehserie besprochen wird, paßt in diesen Rahmen:


[...]
TH> Hallo G'Kar!
Nein, nein, ich will nicht unseren großen spirituellen Anführer dadurch in
Verlegenheit bringen, daß ich seinen Namen benutze :-) G'Car mit C bot sich
allerdings an.

TH> So kommt man vom Parmesan zur Karthause und wieder zurück ....

100 Punkte :-))

TH> Off topic: Wann gibts wieder Babylon 5 im TV?
Pro7 plant wohl im Juni eine Wiederholung. Man konnte auf ihrer Website an
einer Abstimmung teilnehmen, welche es werden soll. Frag mich lieber nicht.
Ggf. nach de.rec.sf.babylon5.misc gucken.

     

Da ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl aber über kurz oder lang in jeder Newsgroup entsteht, in der die Teilnehmer länger miteinander kommunizieren, beeinflußt es das Klima der Gruppe beträchtlich. In mancher Group ist ein solch familiärer Umgang willkommen, andere versuchen, ihn zu vermeiden – erreicht werden kann das durch eine engere Definition der Charta und eventuelle Moderierung der Gruppe.
 
 

5.5. Qualität vs. Quantität

Die Frequentierung von Newsgroups stellt sich von Group zu Group völlig unterschiedlich dar. Während de.etc.sprache.deutsch in acht Tagen etwa 580 Eingänge zählt, sind es bei sci.physics.research (moderated) nur 170, bei sci.math dagegen mehr als 1500.

Eine nähere Untersuchung ergibt nun, daß in diesen Gruppen die Verteilung von gehaltvollen, on-topic geschriebenen Mitteilungen in keinem Verhältnis zum Umfang der Postings steht. Tatsächlich besteht eine Verbindung zu den Themen der Group und der Menge der Beiträge.

Hier soll wieder de.etc.sprache.deutsch als Beispiel für eine offene Gruppe dienen. Die einzige Beschränkung der Charta auf das Thema "Deutsche Sprache" läßt hier alle Spielräume offen. Aktuelle politische Tehmen halten Einzug durch die kritische Diskussion über Kriegsvokabular wie "Luftschläge", "Kollateralschaden", Vorschläge über ein deutsches Internet-Vokabular (I-Brief statt Email, I-Seite statt Homepage etc.) führen zu hitzigen Auseinandersetzungen zur Begrifflichkeit des Internet versus WorldWideWeb, die auch sogleich zu einem Thread zur Definition des Internet führt – eine Fragestellung, die gemäß der Charta kaum noch on-topic zu nennen ist.

Alle anderen Newsgroups, die ich näher untersucht habe, wiesen solche Abgleisung in keiner Weise auf. Daß der Grund hierfür natürlich auch im Themenhorizont der Gruppen zu suchen ist, liegt auf der Hand, denn mathematische oder physikalische Diskussionen erlauben nun einmal kein Ausweichen auf ein derartiges Spektrum, wie es die Diskussion des modernen deutschen Sprachgebrauchs zuläßt, die quasi mit jeder politischen Umwälzung einhergeht.

Allein sci.psychology.psychotherapy.moderated bot hier einen Zwischenwert in der Diskussionsfolge "Re: Effectiveness of debriefing in trauma (Nancy)", in der Charakteristika von jugendlichen Massenmördern an amerikanischen Schulen aufgelistet wurden, also offensichtlich eine Reaktion auf das Massaker an der Columbine Highschool in den USA.

Je enger gefaßt das Thema, je mehr es mit toten bzw. abstrakten Dingen zu tun hat, desto weniger besteht also die Gefahr, mit Mitteilungen in der Group unerwünscht zu sein. Auf der anderen Seite lebt eine Gruppe wie de.etc.sprache.deutsch von solchen Beiträgen, da der Einbezug des Sprachgebrauchs im täglichen Leben definierter Teil der Charta ist.
 
 
 
 

6. Die Praxis wissenschaftlichen Arbeitens im Usenet

Nach den vielen negativen Beispielen möchte ich nun zu einigen positiven Durchführungen von wissenschaftlicher Arbeit um Usenet kommen. Wissenschaftliche Arbeit bedingt erkenntnisorientierte Arbeit, wozu auch der Diskurs über fachspezifische Fragestellungen gehört.

Diese Haltung ist im Usenet in der Praxis tatsächlich nicht sehr weit verbreitet, da die Diskussionen meist spielerisch sind und nebenbei entstehen, aus dem täglichen Leben Fragestellungen entnommen werden, die dann zur Überprüfung der Newsgroup-Öffentlichkeit unterbreitet werden.

Das folgende Beispiel (26) aus de.etc.sprache.deutsch zeigt, daß auch dort fachmännisch-wissenschaftliches Arbeiten möglich ist, in diesem Fall über Sprachwissenschaft und Ausspracheprobleme von deutschsprechenden Ausländern. Der Initiator bat um die Erläuterung der Aussprache von –er am Wortende, wie etwa in Vater und bitter:


Thema: Re: er oder a
Von: Name@IP-Adresse
Datum: Tue, 27 Apr 1999 21:14:04 +0200

Vorname Name schrieb:
> Das "r" ist von allen Konsonanten der interessanteste, weil
> es nämlich sehr unterschiedlich ausgesprochen wird und
> dennoch alle Varianten von allen verstanden werden.

Das <r>, daß du meinst, ist ein Graphem und kann daher weder ein Vokal
noch ein Konsonant sein. ;-) Diese Frage stellt sich erst bei der
Schrift-Laut-Zuordnung. (Oder fachmännischer: nach der
Graphem-Phonem-Korrespondenz.)
>
> Die Endsilbe "-er" wird auch sehr unterschiedlich
> ausgesprochen. "Standardsprachlich" ist es ein vokalischer
> Laut, ziemlich tonlos und kurz, dem "a" ähnlich.

Ein Vokal zwischen Schwa und (offenem) "a", aber in der Tat näher bei
letzterem. (Silbisches "r".)

> Im Süddeutschen ist der vokalische Anteil schwa-ähnlich,
> dazu ein recht gutturales r.

Sprichst du bei "bitter" (<-er> am Silbenende) tatsächlich ein
konsonantisches "r"? Ich als Franke jedenfalls nicht. Gesprochen wird
der Konsonant "r" vor allem in den südosteurop. Dialekten des Deutschen
(v.a. Siebenbürgisch; wer einen Deutschrumänen kennt, weiß, wovon ich
spreche.) und von Ungarn und Rumänen, die deutsch sprechen.

Grüße,

Vorname

     

Dieses Posting gibt eine verständliche wissenschaftliche Erläuterung zu der Fragestellung, ebenso wie der lange Thread dazu in der Lage war, einigen ausländischen Mitlesenden aus de.etc.sprache.deutsch die Tatsächliche Aussprache von –er = –a zu verdeutlichen.

Auch das folgende lange Posting (27) aus sci.math zeigt auf, wie im Usenet gemeinschaftlich an Theorien oder Beweisen gearbeitet werden kann, gleichzeitig aber auch, daß der mangelhafte Zeichensatz zu Problemen der Darstellung führen kann (ein Grund, weshalb ich das Posting in Courier wiedergebe). Einer der Teilnehmer stellte ein Problem auf, auf das viele Antworten folgten, bis schließlich eine Lösung gepostet wurde:


Subject: Re: Given a circle C whose diameter lies completely within the unit circle x^2+y^2=1....
Date: 1 May 1999 21:38:24 GMT
From: Name@IP-Adresse
Newsgroups: sci.math
In article <Message-ID, Vorname Name <Name@IP-Adresse wrote:
@In article <Message-ID, Name@IP-Adresse wrote:
@
@ Let U denote the unit circle x^2+y^2=1 and take a circle C at random whose
@ diameter lies intirely within U,
@    **** What is the probability that C and U do not intersect?
@
@To solve the no-intersection problem, first you should specify more
@explicitly how C is chosen at random. I will assume that both end points
@(x1,y1) and (x2,y2) are independently chosen at random inside U.
@
@The equation of U is U = 0 with
@
@                                   2    2
@                             U := x  + y  - 1
@
@and that of C is C = 0 with
@
@                          2                        2                    2
@C := (x - 1/2 x1 - 1/2 x2)  + (y - 1/2 y1 - 1/2 y2)  - (1/2 x2 - 1/2 x1)
@
@                        2
@     - (1/2 y2 - 1/2 y1)
@
@We want the solutions to this system. Subtracting the U from C equation
@gives rise to a linear one (the squares cancel out). Use this to
@substitute y in terms of x in the first equation:
@
@                       -x x1 - x x2 + x1 x2 + y1 y2 + 1
@                   y = --------------------------------
@                                   y1 + y2
@
@and get
@
@   2               2     2     2             2
@(x1  + 2 x1 x2 + y2  + x2  + y1  + 2 y1 y2) x
@
@     - 2 (x1 + x2) (x1 x2 + y1 y2 + 1) x
@
@     + (x1 x2 + 1 - y2 - y1 + y1 y2) (x1 x2 + 1 + y2 + y1 + y1 y2) = 0
@
@which is a quadratic equation in x. There will be two real roots if and
@only if its discriminant is positive (we're already certain that they'll
@be on U: as soon as x is real, so is y, which is a linear function of it).
@
@This discriminant is given by:
@
@            2
@-4 (y1 + y2)
@
@        2     2   2                     2         2   2     2     2
@    (-y2  + y1  y2  + 2 x1 x2 y1 y2 - y1  + 1 + x1  x2  - x2  - x1 )
@
@and we only look at the third factor. Introducing polar coordinates, we get
@
@                 2         2                          2     2
@          (1/2 r1  + 1/2 r1  cos(-2 t1 + 2 t2) - 1) r2  - r1  + 1
@
@Now we use the fact that only the difference t1 - t2 of angular
@coordinates occurs to set, without loss of generality, t2 = 0 (the whole
@problem is invariant under rotation). This gives the following upper limit
@for r2:
@
@                               /      2         \1/2
@                               |    r1  - 1     |
@                      r2lim := |----------------|
@                               |  2        2    |
@                               \r1  cos(t1)  - 1/
@
@
@Finally to get the probability we integrate r1 * r2 / Pi^2 over the domain
@0 < r2 < r2lim, 0 < t1 < 2*Pi, 0 < r1 < 1, 0 < t2 < 2*Pi, or, since t2
@does not occur, 2 * r1 * r2 / Pi over the domain 0 < r2 < r2lim, 0 < t1 <
@2*Pi, 0 < r1 < 1. These are good integration exercises. :^) The result is
@2/3 (for no intersection).
@
@The probability for a single intersection is zero. That for two
@intersection points is then clearly 1/3.
@
@The following Maple code does all of this:
@
@    U := x^2 + y^2 - 1;
@    C := (x - 1/2*x1 - 1/2*x2)^2 + (y - 1/2*y1 - 1/2*y2)^2
@         - (1/2*x2 - 1/2*x1)^2 - (1/2*y2 - 1/2*y1)^2;
@    yfromx := solve(C - U, {y});
@    tmp := subs(yfromx, U);
@    tmp := collect(numer(tmp), x, factor);
@    tmp := factor(discrim(tmp, x));
@    tmp := factor(- 1/4*tmp/(y1 + y2)^2);
@    tmp := collect(simplify(subs({x1 = r1*cos(t1), y1 = r1*sin(t1),
@        x2 = r2*cos(t2), y2 = r2*sin(t2)}, tmp)), r2);
@    tmp := simplify(subs(t2 = 0, tmp));
@    r2lim := sqrt(solve(tmp, r2^2));
@    assume(r1 < 1, 0 < r1);
@    int(int(int(2*r2*r1/Pi, r2 = 0 .. r2lim), t1 = 0 .. 2*Pi), r1 = 0 .. 1);
@
@Paranoid people who have drand48 can use this C program to verify that
@it's really 2/3:
@
@#include <math.h
@#include <stdio.h
@#include <stdlib.h
@#include <time.h
@
@int
@main (void)
@{
@  long i = 0;
@  long s = 0;
@  long m;
@  srand48 (time (NULL));
@  for (m = 1;; m *= 2)
@    {
@      for (; i < m; i++)
@        {
@          double x1;
@          double y1;
@          double x2;
@          double y2;
@          double xc;
@          double yc;
@          double r;
@          do
@            {
@              x1 = 2 * drand48 () - 1;
@              y1 = 2 * drand48 () - 1;
@            }
@          while (x1 * x1 + y1 * y1 1);
@          do
@            {
@              x2 = 2 * drand48 () - 1;
@             y2 = 2 * drand48 () - 1;
@            }
@          while (x2 * x2 + y2 * y2 1);
@          xc = (x1 + x2) / 2;
@          yc = (y1 + y2) / 2;
@          r = sqrt ((x2 - x1) * (x2 - x1) + (y2 - y1) * (y2 - y1)) / 2;
@          if (sqrt (xc * xc + yc * yc) + r < 1)
@            s++;
@        }
@      printf ("%ld %f\n", i, (double) s / i);
@    }
@  return 0;
@}
@--
@Vorname Name - Name@IP-Adresse
        And for those who like geometric reasoning:
        Call the random points  M, N.  Fix  M;  find  K  on the unit circle
U  s.t.  MK  is orthogonal to  U's  diameter through  M.  _Claim_ ("I say
that..."  in Apollonius's parlance!):  the probability of "N  yields a circle
not intersecting  U"  is  = |MK|.   (E.g.  1  for M = O, center of  U).
        [Proof:  Circles through  M  tangent to  U  have centers  R  on the
ellipse  |RM| + |RO| = 1;  so their  Ns  lie on an ellipse  |NM| + |NM'| = 2,
with major axis the diameter through  M.   The minor axis is then equal in
length to  MK.  Thus  (ellipse area)/(circle area) = |MK|.]
        Now, to integrate out the overall  P(no intersections),  erect  MI
orthogonal to U's plane s.t. |MI| = |MK|.  As  M  varies,  I  lies on the unit
hemi-sphere over  U.  The volume enclosed by the latter, as a fraction of the
volume of the surrounding unit-height cylinder, is  2/3.
        ( 2/3 pi 1^3 / pi 1^2 1, in our lingo.  Of course Archimedes proved
directly that sphere and cylinder, w.r.t. volume as well as area, stand in
ratio  2/3.)

Vorname

     

Inklusive Beweisführung und Rückführung des Themas auf Archimedes (quasi als Quellenangabe), verschiedener Lösungswege und der Beifügung eines Programmes zum Nachprüfen der Behauptung findet hier ein wissenschaftlicher Interkurs statt, der in der Gruppe allgemein positiv aufgefaßt wurde. Selbst wenn Fehler enthalten sein sollten, so findet hier doch der Lernprozeß zur Bearbeitung von mathematischen Problemen statt, der in einer Lösung enden kann.

Trotzdem bleibt ein solcher wissenschaftlicher Austausch doch eher die Seltenheit unter den Beiträgen einer Newsgroup. Viel eher entstehen Diskussionen interessehalber, oder die gewünschten Informationen werden per Internet-Adresse angegeben, wie in sci.psychology.psychotherapy.moderated geschehen (28), wo eine Diskussion über Kundentherapie per E–Mail stattfand, anhand der immer größer werdenden Online-Gemeinde ein für die Psychotherapie sicherlich interessantes Thema:


Thema: Re: Client contact by email Von: Name@IP-Adresse
Datum: Fri, 09 Apr 1999 14:09:27 GMT
Vorname G. wrote:
> I would very much appreciate hearing how other therapists are integrating
> email into their practice.
Vorname Nachname replied:
> Joan - I don't allow client contact by Electronic Mail. E-mail is not a
> sufficiently secure form of communication for me to maintain the confidences of
> the client or of other persons who may be identified in what becomes part of
> the client's record.

I would encourage anyone considering doing this to read
an article I recent wrote on the topic:

BEST PRACTICES in ONLINE PSYCHOTHERAPY
Confidentiality & Privacy
http://psychcentral.com/best/

While the title suggests the article is only for people
looking to practice cybertherapy, it indeed notes the
numerous problems with confidentiality and privacy with
respect not only to the online world, but in the real
world as well (limits I think clinicians often forget
or overlook).

We shouldn't look to hold online contacts with clients to
some higher, unattainable standard than what we currently practice in
the real world. Instead, we should look to apply the same sound
principles of common sense to all such contacts.

Vorname

     

Derartige Verweise für Informationssuchende finden häufig, anders als hier geschehen, unkommentiert statt, wenn zum Beispiel in de.etc.sprache.deutsch Sekundärliteratur gesucht wird, in sci.math gute Lehrbücher empfohlen werden oder in sci.physics.research (moderated) eine Anfrage zu neuen Forschungsberichten beantwortet wird.

Abschließen möchte ich diesen Punkt mit einem Beispiel (29) aus einem Thread aus de.etc.sprache.deutsch, in dem eine Leserin eine Umfrage bezüglich häufiger deutscher Sprachfehler startete. Die vielen Antworten waren durchweg hilfreich und on-topic, beschäftigten sich jedoch schließlich auch mit der Frage, inwieweit die häufig genannten dialektischen Eigenheiten als Fehler anzusehen seien oder nicht.


Thema: Re: Suche deutsche Sprachfehler
Von: Name@IP-Adresse
Datum: Fri, 30 Apr 1999 14:28:06 +0200

Am Thu, 29 Apr 1999 22:55:40 GMT schrieb Vorname Name:
> > Ich suche häufige von Muttersprachlern begangene Fehler oder
> > Unsitten im geschriebenen und/oder gesprochenen Deutsch.
>
> entgültig, aber auch
> Entgeld

Aus meiner "Internet"-Bestenliste:
Addresse
automagisch
detailiert
drinn
'eh
eh´
eigendlich
gehöhrt
intollerant
meißten
mieserablen
neumodigen
persöhnlich
Rätzel
vieleicht
währe
warscheinlich

Vorname

     

Dieser Beitrag legt zudem nahe, daß moderne deutsche Sprachfehler stark durch die Internet-Kultur geprägt werden und eröffnet so ein neues Feld der Diskussion.

Mit seiner großen Anzahl an Beiträgen zeigte dieser Thread die Hilfbereitschaft und das Interesse an einer solchen Untersuchung an, die jedoch von der Fragestellerin leider nach der Initiation der Diskussion alleingelassen wurde, was auch von einem User negativ bewertet wurde (30):


Thema: Re: suche deutsche sprachfehler
Von: name@IP-Adresse
Datum: 7 May 1999 00:11:54 GMT

Vorname Name <Name@IP-Adresse> wrote:
> Ich suche häufige von Muttersprachlern begangene Fehler oder Unsitten im
> geschriebenen und/oder gesprochenen Deutsch.

Eine leider weit verbreitete Unsitte, speziell in dem in Newsgruppen
geschriebenen Deutsch, ist es, Threads zu initiieren, ohne dann ihren
weiteren Verlauf zu verfolgen ;-)

Tschüs,

Vorname

     

In diesem Fall liegt es also nicht an der Newsgroup, daß der wissenschaftliche Austausch stattfand, bei der Initiatorin aber vermutlich nicht zu dem erwünschten Ergebnis führte.
 
 
 
 

7. Wechselwirkungen Medium/Kommunikation

Jedes Medium beeinflußt auf seine Art und Weise die wissenschaftliche Arbeit, die über es stattfindet. Während man am Telefon keine Graphiken oder Bilder austauschen kann, findet der Datenaustausch per Brief sehr langsam und schleppend statt, ohne direkte Interaktion. Newsgroups wirken sich durch ihre Merkmale ebenso auf ihre Art auf die getragene Information und den Informationsaustausch aus.

Zunächst beeinträchtigt die Unsicherheit des Mediums die Arbeit beträchtlich, da Bestandteile des Datenaustausches verloren gehen können. Sei dies durch den Verlust eines Postings, der eine Diskussion zum Erliegen bringen kann, oder durch den Verlust des Usenet-Zuganges eines der Diskussionspartner, so daß dieser vielleicht über Wochen nicht in der Lage ist, weiter an dem Austausch teilzunehmen. Ausgeglichen wird dieser letzte Punkt zumindest teilweise über die Usenet-Archive wie Dejanews oder Altavista, in denen noch Monate, teils Jahre später die meisten Daten gesammelt bleiben.

Usenet-Arbeit wird auch, ähnlich wie der Austausch über die Brief-Post, durch Zeitzonen und den Wochenablauf behindert, denn wenn die Diskussionspartner einem verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus folgen, ist zeitliche Verschleppung eine unausweichliche Folge. Gleiche Auswirkung hat zum Beispiel ein Urlaub, sei dies nur für ein Wochenende oder längere Zeit.

Auf der anderen Seite kompensiert das Usenet diese Verzögerung, da schnellster Austausch selten nötig ist. Jedes Posting, daß die einzelnen Teilnehmer über ihren Newsreader empfangen, wird von ihnen schließlich als gerade erhalten bewertet, sei dies nun einen Tag oder eine Woche alt. Da die Daten erhalten bleiben und von jedem Diskussionsteilnehmer zu einem Zeitpunkt seiner Wahl bearbeitet werden können, kann es sein, daß noch nach vielen Wochen interessante Beiträge zu einem Thema gesendet werden, die die dann vielleicht bereits erloschene Diskussion wieder neu beleben.

Ein unvergleichliches Merkmal des Usenet ist sein großes Forum. In deutschen Gruppen erreicht man so vielleicht Experten von Flensburg bis München, die zu dem gewünschten Thema Auskunft geben können, in jedem Fall ist das Auditorium aber größer, als wenn man in der örtlichen Tageszeitung annonciert oder an der eigenen Universität Informationen einholt. In englischsprachigen Gruppen erweitert sich der Kreis sogar noch um ein Vielfaches, da man nun tatsächlich einen Mitleserkreis aus aller Welt erreicht. Auswirkung davon ist ein nahezu unerschöpflich großer Wissenspool, der den Teilnehmern des Usenet zur Verfügung steht und die Wahrscheinlichkeit vergrößert, daß jemand mit der gewünschten Information aufwarten kann, oder an einer (z.B. mathematischen) Untersuchung teilnehmen möchte.

Negative Einwirkung hat dieses große Forum allerdings häufig auf die Diskussionstiefe der bearbeiteten Themen: Das Kommen und Gehen von Mitwirkenden in den Newsgroups führt unausweichlich zu periodischen Wiederholungen, da ein gerade eingeschriebener Benutzer nicht wissen kann, daß vor zwei Monaten eine ähnliche Diskussion wie die, die er anregen möchte, bereits geführt wurde. Solchen Wiederholungen versucht man meistens mit der FrequentlyAskedQuestions-Liste (kurz FAQL) vorzubeugen, indem man dort die häufig gestellten Fragen im Voraus beantwortet und regelmäßig in die Gruppe postet. Es gehört zum guten Ton, sich neben der Charta auch die FAQL zu verinnerlichen, bevor man in einer neuen Newsgroup postet.

Trotzdem besteht im Usenet eine Tendenz zum Wissensausgleich statt Wissensvermehrung. Dies resultiert einerseits aus der Durchmischung der Qualifikation der Teilnehmer, die natürlich nicht in Gruppen für Anfänger, Fortgeschrittene und Experten unterteilt sind, sondern alle in derselben Gruppe lesen und schreiben. Zwar bemühen sich viele Gruppen bereits in der Charta klarzustellen, daß man nicht wünscht, als Lexikon oder Nachschlagewerk mißbraucht zu werden, gänzlich vermieden werden kann eine solche ‚Verflachung‘ des Anspruches jedoch nicht.

Ebenso führt die oben erwähnte Fluktuation unter den Teilnehmern dazu, daß wenig Drang zur Diskussionstiefe vorherrscht, ständig ähnliche, populäre Themen aufs neue aufgebracht werden und Anfänger meist weder von Charta noch FAQL etwas wissen.

Ein weiteres unverwechselbares Merkmal von Newsgroups mit Auswirkungen auf die Diskussionen sind die Threads, die Diskussionsfolgen. Aufgrund dieser Struktur ist es jedem Teilnehmer einer Diskussionsfolge natürlich nur möglich, auf das Posting genau einer anderen Person zu antworten. Selbstverständlich könnte man diverse Punkte von verschiedenen Leuten zusammenfassend in einem Posting beantworten, dies wird in der Regel allerdings nicht durchgeführt. Also entstehen so verschiedene Threads, in denen sich viele verschiedene Postings auf ein und denselben Ausgangsbrief beziehen, auf die dann wieder von vielen verschiedenen Usern geantwortet wird, etc. Resultat ist eine große Lawine von Postings, in der man auch schon mal aneinander vorbeiredet, da vielleicht ein wichtiger Punkt nicht in dem Posting steht, auf das man sich gerade bezieht und so leicht der Überblick verloren geht.
 
 
 
 

8. Fazit

Ist also wissenschaftliche Arbeit in Newsgroups möglich? Die Antwort muß differenziert ausfallen. Zunächst einmal ist sie sicherlich möglich, aber nicht immer tatsächlich auch erwünscht. Ist sie jedoch erwünscht, hängt die Durchsetzung dieses Anspruches direkt von Thema, Definition der Charta und Moderationsstatus der Gruppe ab, sowie von der Disziplin jedes einzelnen Teilnehmers.

In Gruppen mit bereits in der Charta enger definierten Themengebieten, die sich mit einer deutlich abgegrenzten Materie beschäftigen, hat sich konzentriertere Arbeit entwickelt (sci.psychology.psychotherapy.moderated), als in Gruppen mit absichtlich offen gehaltenem Rahmen (de.etc.sprache.deutsch). Ebenso zeigte sich, daß das Arbeitsklima in moderierten Gruppen (sci.physics.research (moderated)) durch die Überwachung von Netiquette und On-topic-Diskussionen fruchtbarer ist, als in unmoderierten (sci.math).

Die allgemeinen Merkmale von Newsgroups bieten der wissenschaftlichen Arbeit also Vorteile und Nachteile, zwischen denen sorgfältig abzuwägen gilt. Der große Kreis der Mitarbeiter auf der einen Seite versus geringe Tiefe und Unkonzentriertheit auf der anderen Seite mag der einen Arbeit nützlich, der anderen jedoch nur abträglich sein.

Vielen Gruppen fehlt die Erkenntnisorientiertheit, die für wissenschaftliche Arbeit so wichtig ist, da die meisten eingeschriebenen Benutzer die Diskussionen als Hobby betrachten. Wird allerdings der Versuch von zielgerichtetem, wissenschaftlichem Austausch gemacht, sind die Reaktionen meist positiv und hilfreich.

Ansonsten wird das Usenet trotz seiner Potentiale meist nur als Wissenspool bei der Informationssuche benutzt, selten als Medium zur wissenschaftlichen Arbeit der Teilnehmer miteinander.

Abschließend bleibt zu sagen, daß das Usenet trotzdem auf seine Art und Weise inzwischen zu einem unverzichtbaren Medium der wissenschaftlichen Arbeit geworden ist, sei dies in bezug auf Meinungsaustausch, Informationsbeschaffung oder gemeinschaftliches Arbeiten. Ausschließlich über das Usenet zu arbeiten, schließt sich sicherlich ob der oben genannten Nachteile aus, doch als Ergänzung für die Informationssuche und den Austausch mit anderen Experten ist es sicherlich sehr sinnvoll.

Es ist aus der Landschaft der modernen Medien nicht mehr wegzudenken.
 
 
 
 

9. Literaturangaben

  1. Falkenhagen, Lena und Svenja Landje, (1998). Newsgroups im Internet. [http://www.mediensprache.net/networx/networx-1.pdf]
  2. Computer Network: http://register.cnet.com/Resources/Info/Glossary/Terms/newsgroup.html
  3. Handelskammer Aachen: http://www.aachen.ihk.de/Glossar/gl_n_new.htm
  4. Charter of sci.psychology.psychotherapy.moderated: http://www.grohol.com/sppm/
  5. Charta der Newsgroup de.etc.sprache.deutsch: <deutsch-faql.19980822@babylon.pfm-mainz.de> unter http://www.deja.com/
  6. de.etc.sprache.deutsch
  7. sci.math
  8. sci.physics.research (moderated)
  9. sci.psychology.psychotherapy.moderated
  10. alt.math.moderated