Digitale Kommunikation

Microblogs global: Vorwort

Cover Microblogs global

Als die Idee zum vorliegenden Projekt aufkam, war Twitter noch ein in Deutschland mäßig bekannter und wenig verbreiteter Dienst. Zwischenzeitlich hat sich die Social-Networking-Plattform zu einer allseits bekannten und stark frequentierten Anwendung entwickelt, neben Facebook[] fest etabliert und aufgrund des Erfolgs mehrere Parallelen am Markt entstehen lassen. Gemäß dem Website-Ranking bei Alexa gehören die beiden Plattformen zu den beliebtesten ihrer Art im Jahr 2013. Seit dem Start der Plattform im Juli 2006 sind nicht nur Microblog[]-Werkzeuge, sondern ähnliche Dienste wie Pinterest[], Instagram und Tumblr[] entstanden, doch liegt die Stärke von Twitter – wie auch bei Pinterest – in der Minimalkommunikation, die einen Schwerpunkt beim internationalen Twitter-Projekt bilden.

Nur kurz soll an dieser Stelle Twitter vorgestellt werden, da der Dienst inzwischen weithin bekannt ist und an anderer Stelle bereits beschrieben worden ist (Moraldo 2009; Siever 2012). Twitter ist ein typisches kontobasiertes Social Network, in dem Mitteilungen von Nutzern veröffentlicht werden, die kürzer sind als SMS-Mitteilungen und Tweets[] oder Updates genannt werden. Es handelt sich um Postings, denn Twitter (und andere vergleichbare Microblog-Dienste stellen Blogs dar, bei denen die Veröffentlichungen sehr stark eingeschränkt sind: Bis 2012 waren Tweets monomodal auf Text beschränkt – und sind dies im Grunde immer noch; mit twitpic lassen sich seither allerdings Bilder mittelbar über URLs[] integrieren; die Texte sind auf 140 Zeichen beschränkt und lassen sich typografisch nicht gestalten. Veröffentlicht werden die Updates inzwischen kaum mehr über die Website selbst, sondern vor allem mobil über Apps, die zahlreich für unterschiedliche Geräte und Betriebssysteme verfügbar sind.

Neue Tweets erscheinen auf der Timeline (TL), die in Echtzeit neu eingehende Mitteilungen von abonnierten Accounts[] präsentiert – also weblogspezifisch in umgekehrt chronologischer Sortierung. Die frühere Public Timeline, die alle öffentlich zugänglichen Tweets gelistet hatte, ist nicht mehr verfügbar. Durch die Echtzeitverarbeitung, die inzwischen sogar von Diensten wie Google[][] bei der Präsentation von Tweets in Suchergebnissen genutzt wird, ist es möglich, relativ schnell auf Tweets zu reagieren (quasisynchron), was dialogartige Turns ermöglicht. Ein beliebtes Verfahren ist die ›Weiterleitung‹ von Tweets, die dann Retweets[] genannt werden. Dabei wird in der Regel der Tweet mit der Abkürzung RT eingeleitet und der Urheber genannt, bevor der weiterzuverbreitende Inhalt wiedergegeben wird.

Kontoinhaber werden grundsätzlich mit @ eingeleitet, also beispielsweise @user. Wird auf einen Tweet geantwortet, dieser weitergeleitet oder der Username anderweitig in eine Mitteilung integriert, wird diese bei der entsprechenden Person auf der Accountseite aufgeführt. Wird eine Person nicht direkt angesprochen, sondern nur erwähnt, bezeichnet man die Einbindung des Accountnamens als @mention[] (habe ich bei @mentioned gelesen). Eine weitere wichtige Funktion ist das Verschlagworten von Inhalten, für das so genannte Hashtags[] eingesetzt werden. Diese beginnen mit einem Rhombus und werden durch ein Leerzeichen abgeschlossen (#wichtig). Das Prinzip ist inzwischen in anderen Plattformen aufgegriffen worden, unter anderem bei Facebook im Frühjahr 2013. Häufig gesetzte Hashtags werden als Trends bei Twitter aufgeführt, sind allerdings nicht die einzigen Trendsetter. Ausgewertet werden daneben auch die Tweet-Inhalte selbst, von denen die hochfrequent auftretenden Wortformen oder Phrasen ebenfalls unter den Trends aufgeführt werden – folglich können sowohl Menschen als Maschinen programmatisch Trends ermitteln (und damit auch bestimmen).

Twitter weist ein Abonnement-Modell auf. Tweets von Nutzern können abonniert werden, womit man einem Account folgen kann (following); umgekehrt wird auf einer Profilseite auch angezeigt, wie viele Abonnenten dem Accountinhaber folgen (follower). Accountinhaber können Einzelpersonen ebenso sein wie eine Personengruppe oder Körperschaft. Durch die verified-Zertifikat ist es möglich, dass sich eine Person als die authentische (dahinter vermutete) ausgeben kann, was unter anderem dem ›Accountdiebstahl‹ entgegenwirken soll. Zu den Top-Accounts zählen seit Jahren konstant der US-Präsident Barack Obama und Teenie-Star Justin Bieber. Zu den hinsichtlich der Abonnentenzahl erfolgreichsten Körperschaften gehört CNN, YouTube und das Unternehmen Twitter selbst.

Tweets werden inzwischen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft genutzt, um Trends aufzudecken. Beispielsweise können durch die geografische Bestimmung von Nutzern, die in ihren Tweets über Grippesymptome klagen, Ursprungsorte von Pandemien ermittelt werden. Über Hashtags und andere Filterungsarten können Meinungsbilder zu gesellschaftlichen Themen über Tweets erhoben werden. Schließlich werden Microblogs auch zu Marketingzwecken missbraucht, was mit viralem Marketing bezeichnet wird: Nicht die Werbetreibenden schreiben jeden Nutzer an, sondern setzen nur einen Impuls, der durch Dritte weiterverbreitet wird.

Gegenstand des vorliegenden Bandes sind hingegen sprachliche und kommunikative Aspekte von Tweets. Im Fokus stehen die für digitale Kommunikation typischen Merkmale sowie sprachökonomische Phänomene, von denen angesichts der Kürze der Mitteilungen ausgegangen worden ist. Hierbei ist der Band so aufgebaut, dass alle Teilnehmenden dieselben Merkmale analysiert haben, um – anders als noch im Weblog-Projekt im Jahr 2005 – eine gewisse Vergleichbarkeit zu ermöglichen. Dabei konnten die Autorinnen und Autoren eigene Schwerpunkte setzen und einige Merkmale wie Inflektive oder Schreibung sind nicht in allen untersuchten Sprachen vorhanden.

Untersucht worden sind in jeder Einzelsprache 640 Tweets von 32 Nutzerinnen und 32 Nutzern, die eine Mindestmenge an Tweets verfasst haben. Die Zusammenstellung des Korpus ist in den jeweiligen Kapiteln beschrieben (X.2). Folglich ist auch die Kapitelaufteilung zu jeder Sprache identisch, sodass bei Interesse an sprachvergleichenden Aussagen die je spezifischen Abschnitte rezipiert werden können. Zu den gemeinsamen Analyseinhalten gehören im Anschluss an die Darstellung der Microblogoshäre (X.1) die Orthografie (X.3.1), Mündlichkeitsaspekte (X.3.2), der Wortschatz (X.3.3), Reduktionsphänomene (X.3.4), die Syntax (X.3.5), die Verwendung von Graphostilistik (X.3.6), die Interaktion (X.3.7) sowie Funktionen von Tweets (X.3.8).

Insgesamt haben sich 15 Personen am Projekt beteiligt, die Tweets in zehn Sprachen analysiert haben (nach Sprachen sortiert): Jia Zhu (Chinesisch), Peter Schlobinski und Torsten Siever (Deutsch), Saskia Kersten und Netaya Lotze (Englisch), Sabrina Braukmeier, Alexa Mathias und Hélène Stoye (Französisch), Sandro Moraldo (Italienisch), Hiromi Shirai und Shota Tanaka (Japanisch), Christina Margrit Müller (Niederländisch), Bernd Sieberg (Portugiesisch), Larissa Shchipitsina (Russisch) sowie Mario Franco (Spanisch). Jeder Beitrag schließt mit einer zusammenfassenden Tabelle ab, die ebenfalls für eine bessere Vergleichbarkeit weitestgehend identisch aufgebaut ist. Da Twitter in China nicht zugänglich ist, wurde ein alternativer Microblog herangezogen.

Um Einsteigern die Lektüre zu erleichtern, wurde ein kleines Glossar mit zentralen Termini rund um Twitter erstellt, welches im Anhang zu finden ist (für weitere Begriffe s. unser Lexikon). Dort findet sich auch die Aufschlüsselung der Netlinks, die im Text genannt werden. Die Liste ist nicht zum Abtippen gedacht, sondern zur bequemen Eingabe bei mediensprache.net unmittelbar im Anschluss an den Domainnamen – z. B. für den Netlink 567 in Form von http://www.mediensprache.net/567.

Die Herausgeber möchten sich bei allen Mitautorinnen und -autoren für die gute Zusammenarbeit und produktive Diskussion im geschlossenen Bereich sowie bei Sandro Moraldo für den initiierenden Anstoß herzlich bedanken.

Weitere Informationen

Über den Inhalt können Sie sich informieren:

Inhaltsverzeichnis (PDF, 90 KB)

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Verlagsinformationen


Torsten Siever

Zitierte Literatur

Moraldo, Sandro M.m (2009). »Twitter: Kommunikationsplattform zwischen Nachrichtendienst, Small Talk und SMS«. Aufsatz im Sammelband Internet.kom. Neue Sprach- und Kommunikationsformen im WorldWideWeb. Band 1: Kommunikationsplattformen. online lesbar

Siever, Torstenm (2012). »Zwischen Blog und SMS: Das Microblog Twitter.com aus sprachlich-kommunikativer Perspektive«. Aufsatz im Sammelband Entwicklungen im Web 2.0. Ergebnisse des III. Workshops zur linguistischen Internetforschung. mehr

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