Digitale Kommunikation

Neuere Entwicklungen: Vorwort

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Im Herbst 2004 fand in Hannover zum zweiten Mal eine Tagung zum Thema "Sprache und computervermittelte Kommunikation" statt, die unter dem Motto "Neuere Entwicklungen in der linguistischen Internetforschung" stand. "Neuere Entwicklungen" – dies impliziert "ältere" Entwicklungen und ein etabliertes Forschungsparadigma. Diese Annahme erweist sich jedoch als irrig. Obwohl bereits eine Ausdifferenzierung der Forschung zu beobachten ist – soziolinguistische, diskursanalytische, mediensoziologische und kommunikationstheo­retische Fragestellungen sind hier besonders hervorzuheben – kann trotzdem keineswegs von einem etablierten Forschungsparadigma die Rede sein. Dies ist insofern kein Wunder, da die linguistische Internetforschung seit knapp zehn Jahren der dynamischen Entwicklung internetbasierter Kommunikationssysteme folgt. Damit steckt sie also, wenn nicht in den Kinderschuhen, so doch noch am Anfang; und sie ist ein Produkt der modernen Mediengesellschaft, wenn sie auch auf etablierte Verfahren und Theorieansätze zurückgreifen kann.

Noch Anfang der 1990er Jahre gab es nur wenige deskriptive Arbeiten und Analysen zu den Auswirkungen des Internets auf Kommunikation und Sprache. Dies hat sich geändert: Neben Analysen zu einzelnen Kommunikationsformen (Chat, E-Mail) liegen fünfzehn Jahre später Untersuchungen zur Hypertextgestaltung (Websiteanalyse, Internetwerbung, Evaluation von Onlineauftritten etc.), zu Mündlichkeit/Schriftlichkeit und Text-Bild-Beziehungen in computervermittelter Kommunikation, zur sprachlichen Konstituierung von Identität und Gemeinschaft im Netz oder auch zum Stellenwert des Internets als Massenmedium vor.

Auf der Tagung standen drei Themenschwerpunkte im Vordergrund: "Das Internet als sprachlicher Variationsraum", "Netzdiskurse und digitale Textsorten" sowie "Anwendungen in Praxis und Sprachdidaktik". Die Ausdifferenzierung eines Forschungsgebietes einerseits und die dynamische Anwendung von Forschungsergebnissen andererseits ist ein typisches Phänomen, wenn ein neues Forschungsparadigma entsteht. In den Beiträgen dieses Heftes lässt sich ein zweites, begleitendes Phänomen beobachten: Die Integration neuer in bestehende Forschungsfelder. Im Hinblick auf den Schwerpunkt "Das Internet als sprachlicher Variationsraum" bedeutet dies konkret: Fragestellungen, Konzepte, Methoden aus der Variationslinguistik werden auf die Untersuchung internetbasierter Kommunikation übertragen, oder umgekehrt formuliert: Internetbasierte Kommunikation wird als Phänomenfeld für die Variationslinguistik fruchtbar gemacht. Ein hervorragendes Beispiel hierfür ist der Beitrag von Beat Siebenhaar, in dem schweizerdeutsche Chat-Interaktion einer Analyse in dialektologischer Perspektive unterzogen wird. Unter Rückgriff auf Fragestellungen und Methoden der quantitativen Variationslinguistik werden dabei regionale Chaträume im Hinblick auf Mundartverwendung und ihre Schreibkonventionen untersucht. Auch in einer anderen Untersuchung verbindet Siebenhaar (2005) Konzepte und Methoden der interaktionalen und korrelativen Soziolinguistik, um Code Switching-Phänomene im Chat zu untersuchen.

Vor der Folie der Variationslinguistik lassen sich zwar methodisch und theoretisch abgesicherte Untersuchungen auf die internetbasierte Kommunikation übertragen. Aber in diesem Übertragungsprozess steckt auch ein systematisches Problem, das die linguistische Internetforschung beschäftigen wird. Wenn Konzepte, Methoden und Fragestellungen von einem Paradigma auf ein anderes, vom Variationsraum der direkten auf dem der digitalisierten Interaktion übertragen werden, so stellt sich die Frage, was dies bedeutet und welche Konsequenzen sich ergeben. Wird möglicherweise nicht Bekanntes in einer Endlosschleife im Hinblick auf neue Felder bestätigt? Wird das Originäre des Neuen möglicherweise in die Muster des Bestehenden eingepasst? Können Konzepte aus einem Paradigma ohne Weiteres auf ein neues Variationsfeld eins-zu-eins übertragen werden? Wenn Krämer (1997) anmerkt, dass mündliche Interaktionsbeziehungen keinen Maßstab bilden können für das, was in Textnetzen geschieht, und dass in internetbasierten Netzwerken nicht zwischen Personen, sondern zwischen digitalisierten Symbolkonfigurationen interagiert wird, so ist dies ein Hinweis darauf, selbstverständlich erscheinende Übertragungsprozesse von einem Konzept auf ein anderes ("Face-to-Face-Interaktion" auf "User-User-Interaktion") kritisch zu reflektieren. Im Hinblick auf den Themenbereich "Das Internet als sprachlicher Variationsraum" steht eine solche grundsätzliche Reflexion noch aus. Aber die Beiträge in diesem Band stehen in dem Spannungsfeld zwischen dem variationslinguistischen Pol einerseits, dem Pol einer Linguistik der internetbasierten Kommunikation andererseits. Es wird eine interessante Frage sein, ob hier ein eigenständiges Forschungsparadigma entsteht oder ob nicht vielmehr die internetbasierte Kommunikationsforschung zu einem nicht unerheblichen Teil in die Variationslinguistik integriert wird.

Die Übertragung "alter" Paradigmen auf neue empirische Gegenstände setzt sich beim zweiten Themenschwerpunkt dieses Heftes – "Netzdiskurse und digitale Textsorten" – fort, allerdings bezogen auf andere Erkenntnisinteressen und empirische Felder. Lag der erste Schwerpunkt auf computervermittelter Interaktion, so geht es im zweiten Teil dieses Heftes vorwiegend um Facetten des Online-Journalismus und um die multimodale Struktur von Online-Kommunikaten. Sichtbar wird dabei das "Schicksal" der linguistischen Internetforschung, mit der rasanten Entwicklung Web basierter Technologien und ihrer gesellschaftlichen Aneignung Stand halten zu müssen. Exemplarisch hierfür ist zur Zeit das Phänomen der Weblogs, die sich – im Gegensatz zu den abgeschotteten Gruppenöffentlichkeiten von Chatkanälen und Newsgroups – mit den massenmedialen Diskursen auseinandersetzen, einen zunehmenden Einfluss auf den öffentlichen Diskurs ausüben und nach Fraas und Barczok (in diesem Heft) als "das erste online-Kommmunikationsformat, das öffentliche und individuelle Kommunikation wirklich koppelt", gelten können. Auch die anderen Beiträge des zweiten Schwerpunktes behandeln digitale Kommunikationsformen und -prozesse, die der im ersten Schwerpunkt dominierenden Chatkommunikation zeitlich nachgeordnet sind: Neue Textsorten, die ihre massenmedialen Vorbilder zu kompensieren suchen (Jucker); verschiedene Website-Typen und ihre multimodalen Textformen (Handler, Meier-Schuegraf, Schmitz); und aktuelle Entwicklungen des "schwebenden", "konkreativen" Schreibens in digitalen Umgebungen (Suter). Die Erkundung dieser Arenen integriert je nach Fragestellung verschiedene linguistische und interdisziplinäre Ansätze; ihr Ertrag ist nicht nur die Erhellung neuer empirischer Gegenstände, sondern stellenweise auch eine Theorieentwicklung, die wiederum auf "alte", nichtdigitale Kommunikationsformen anwendbar ist.

So verbindet der Beitrag von Andreas H. Jucker empirische Ergebnisse der anglistischen Korpuslinguistik mit dem an Schulaufsätzen entwickelten "Parlando"-Konzept (Sieber 1998), um den Sprachstil von live text commentaries zu beschreiben. Wie so oft bei der Analyse digitaler Kommunikationsformen zeigt sich dabei, dass dieses Substitut der Sportberichterstattung im Rundfunk nicht einfach auf einem linearen Kontinuum zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit anzusiedeln ist, sondern eine spezifische Konfiguration konzeptionell mündlicher bzw. schriftlicher Mittel darstellt. Für die Beiträge von Claudia Fraas und Achim Barczok sowie von Stefan Meier-Schuegraf bildet die von Foucaults Diskurstheorie geprägte, linguistisch weiter entwickelte (Kritische) Diskursanalyse die Folie für eine Diskursanalyse neuer Medien. Nicht eine Textsorte bzw. Kommunikationsform an sich ist hier der Ausgangspunkt, sondern die Verarbeitung eines thematisch und zeitlich abgegrenzten Diskurses in verschiedenen Textsorten und Medien. Fraas und Barczok führen die kultur- und literaturwissenschaftlichen Konzepte von Inter- und Transmedialität ein, um die „intermediale Arbeitsteilung" von Weblogs und Printzeitungen bei der Konstitution und Entfaltung des untersuchten Diskurses zu analysieren, und zeigen durch eine vergleichende intermediale Analyse den journalistischen Mehrwert von Weblogs im Vergleich zu Printmedien auf. Bei Meier-Schuegraf dient die vergleichende Analyse des Online-Diskurses zum Thema Hartz IV als Ausgangspunkt für eine funktionale Typologisierung von Webangeboten. Die Reflexion über die Übertragbarkeit von Paradigmen verweist hier auf zwei Desiderata: die Entwicklung neuer Methodologien der Korpuserstellung und der visuellen Diskursanalyse einerseits, die Überwindung der analytischen Isolierung einzelner Kommunikationsformen durch eine integrative Untersuchung der Verflechtung publizistischer und interaktiver Formate in demselben Webangebot andererseits.

Der Beitrag von Ulrich Schmitz nähert sich dem Desiderat einer multimodalen Analyse von der Rolle der Schrift in Webumgebungen. Die bisher meist beachtete Form von Schriftlichkeit in der linguistischen Internetforschung ist die "sekundäre Schriftlichkeit" – der unter Bedingungen kommunikativer Nähe entstehender konzeptionell mündlicher Schreibstil, der am deutlichsten in der Chatkommunikation zu beobachten ist (siehe den ersten Themenschwerpunkt dieses Heftes). Aufbauend auf die Schriftlichkeitstheorie von Walter Ong (1987) lenkt Schmitz nun das Augenmerk auf die noch unzureichend theoretisierte "tertiäre Schriftlichkeit" – eine nichtautonome, in Text-Bild-Gefügen eingebettete Schrift, deren Verständnis von ihrer visuellen Erscheinung und Umgebung abhängig ist. Freilich sind die von Schmitz untersuchten "Koalitionen und Metamorphosen" von Schrift und Bild weder neu noch auf das Web eingeschränkt, dennoch sind im Web ihre gegenwärtig avantgardistischen Formen zu finden. Eine im Onlinejournalismus verbreitete kommunikative Nutzung tertiärer Schriftlichkeit zeigt der Beitrag von Peter Handler am Beispiel des "digital storytelling". Obwohl Hypertext gemeinhin durch das Fehlen einer linearen Sequenzierung gekennzeichnet ist, entstehen innerhalb von (journalistischen) Webangeboten auch narrativ strukturierte Text-Bild-Sequenzen, die auf eine lineare Rezeption angelegt sind. Dadurch wird ein basales Darstellungsverfahren menschlicher Kommunikation, Erzählung, mit den Ressourcen der neuen Medien umgesetzt. Handler greift für die Analyse und Typologisierung solcher Sequenzen auf Grundlagen der Erzählforschung zurück und zeigt, dass ihre gegenwärtige Umsetzung im Onlinejournalismus noch "unausgegoren" ist.

Der dritte Themenschwerpunkt der Tagung nimmt "Anwendungen in Praxis und Sprachdidaktik" in den Blick. In diesem Teilgebiet wird schlaglichtartig das pragmatische Potenzial der linguistischen Internetforschung konturiert, indem einerseits der Aspekt der (Text-)Produktion (Nickl) und andererseits jener der Evaluation (Jakobs/Lehnen und Knopp) ins Zentrum des Interesses gerückt wird – interessanterweise eben auch außerhalb des rein akademischen Kontextes.

Eva-Maria Jakobs und Katrin Lehnen fragen, wie mittels etablierter Instrumentarien aus der Angewandten Linguistik die Qualität der sprachlich-visuellen Gestaltung von Websites bewertet werden kann. Ausgehend von dem in der Usability-Forschung etablierten Nutzertest wird versucht, dieses Verfahren im Hinblick auf linguistisch relevante Aspekte hin zu prüfen und fruchtbar zu machen. Im Fokus stehen dabei insbesondere die Formulierungsleistungen der Testenden sowie die Auswertung von Nutzerkommentaren. Hierdurch können Hinweise gewonnen werden, wie sprachlich-visuelle Rezeptionsmuster die Erstellung und spätere Bewertung von Websites beeinflussen.

Der Textproduktion "jenseits des Mediums" nimmt sich Markus Nickl unter dem Begriff "Single Source Writing" an. Ausgangspunkt ist hierbei das Vorhandensein monomedialer Textformen (z.?B. Print vs. EDV-Text), die redaktionell für eine plattformübergreifende, d.h. medienneutrale Ausgabe aufbereitet bzw. umgearbeitet werden sollen. Dieser Aufgabe wird zentral mit Hilfe textlinguistischen Handwerkzeugs – wie etwa Textkohärenzmittel oder Themenentfaltung – begegnet.

Matthias Knopp widmet sich in seinem Beitrag den sprachdidaktischen Potenzialen synchroner computervermittelter Kommunikation, wie sie prototypisch im Chat vorliegt. Es wird dabei gefragt, wie diese Form der Kommunikation zu einem besseren oder effizienteren Lernen/Lehren und der kooperativen und kollaborativen Konstruktion von Wissen beitragen kann. Der Autor zeigt anhand ausgewählter Chat-Werkzeuge, wie ein Unterrichtssetting, welches prototypischerweise durch die dialogische Face-to-Face-Situation determiniert ist, durch das didaktische Potenzial synchroner computervermittelter Kommunikation (einem also auf Schrift reduzierten Setting) aufgewertet werden kann. Dabei werden die Vorteile gegenüber den Nachteilen einer unter didaktischen Belangen kritischen Prüfung unterzogen, um sie für den Unterricht fruchtbar zu machen.

Literatur

Krämer, Sybille (1997): "Vom Mythos 'Künstliche Intelligenz' zum Mythos 'Künstliche Kommunikation' oder: Ist eine nicht-anthropomorphe Beschreibung von Internet-Interaktionen möglich?" In: Münker, Stefan/Roesler, Alexander (Hrsg.): Mythos Internet. Frankfurt am Main, S. 83-107.

Ong, Walter J. (1987): Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes [amerik. 1982]. Opladen.

Siebenhaar, Beat (2005): Varietätenwahl und Code Switching in Deutschschweizer Chatkanälen. Quantitative und Qualitative Analysen. Hannover (= Networx 43). Internetdokument: [http://mediensprache.net/de/networx/docs/networx-43.asp].

Sieber, Peter (1998): Parlando in Texten. Zur Veränderung kommunikativer Grundmuster in der Schriftlichkeit. Tübingen.

 

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Verlagsinformationen

 

Jannis K. Androutsopoulos, Jens Runkehl,
Peter Schlobinski & Torsten Siever

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