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Typografische Tücken im Netz (und anderswo)

Papierflut

Alles nur aus Liebe zum Detail? Jein. Leser sind verwöhnte Menschen, und stolpern über typografische Fehler – nicht nur aus ästhetischen Gründen: Sie behindern auch die Leseleistung. Die folgende Auflistung geht auf häufige Unsicherheiten und Fehler ein, um solche bei der Texterstellung zu vermeiden. Da HTML[]-Texte schwieriger zu kontrollieren sind als gedruckte, finden sich – falls sinnvoll – spezielle Hinweise für im Internet publizierte Dokumente. Für diese sind Basiskenntnisse von CSS sinnvoll.

Konkret finden Sie auf dieser Seite Informationen zu Absätzen, Schriftarten, Anführungszeichen, dem Apostroph, dem Binde- und Gedankenstrich, zur Worttrennung, zu Leerzeichen, Auslassungspunkten, Ligaturen (wie ß), Schusterjungen und Hurenkinder.

Absätze

Methoden der AbsatzformatierungAbsätze sind wichtige Gliederungseinheiten, die den Lesenden die zu vermittelnden Informationen vorstrukturieren. Diese gedanklichen/inhaltlichen Einheiten sollten typografisch unterstützt werden: Rücken Sie entweder die erste Zeile eines jeden Absatzes leicht ein (»Einzug«) oder fügen Sie einen Abstand zwischen den Absätzen ein (Abstand nach Absatz). Bei Einzügen ist darauf zu achten, dass nach Überschriften und ähnlichen Textflussunterbrechungen kein Einzug gesetzt wird (s. Abb. oben).

Satzprogramm: Die Einstellungen können bei den Absatzformaten (Formatvorlagen) vorgenommen werden.
Internet: Bei CSS finden sich ebenfalls entsprechende Eigenschaften (text-intend, padding).

Schriftarten

Als eher modern gelten serifenlose Schriften (»Grotesk-Schriften«), die auf dem Bildschirm – mit geringerer Auflösung als beim Druck – besser wahrgenommen werden können. Allgemein unterstützen allerdings Serifen beim Leseprozess, sodass sich folgern lässt: Für Bildschirmtexte sollten serifenlose Schriften (Arial, Verdana, Helvetica), für gedruckte oder im Regelfall ausgedruckte digitale Dokumente (PDF[]) solche mit Serifen (»Antiqua-Schriften« wie Times, Garamond, Courier). Eine gelungene Mischung aus Tradition und Moderne kann man bei der Kombination aus Grotesk-Schriften für Überschriften und Antiqua-Schriften für Fließtexte erreichen.

Internet: Verwenden Sie am besten Standardschriften wie Arial oder Schriftfamilien (font-family: "Times New Roman", Times, serif). Als generische Familien existieren serif, sans-serif und monospace. Bei letzteren handelt es sich um äquidistante Schriftarten, d. h. jedes Zeichen nimmt denselben Raum ein (ein schmales i genauso viel wie ein breites Q).

Anführungszeichen

Im Deutschen gibt es tatsächlich zwei gültige Anführungszeichen: die „Gänsefüßchen“ und die alten »deutschen Guillemets«, d. h. die Umkehrung der französischen «Guillemets français». Sollten fremdsprachige Texte zitiert oder übersetzt werden, muss das Zitat entsprechend angepasst werden: die “Quotation marks” im Englischen sind beispielsweise (oben angeordnete) gespiegelte Pendants der deutschen Gänsefüßchen. Ein einfaches Anführungszeichen sollten Sie nicht mit der Kommataste einfügen.

Internet: Wer sicher gehen möchte, dass die Zeichen korrekt angezeigt werden, sollte die geraden einfachen ' und doppelten " Anführungszeichen verwenden (benanntes HTML-Zeichen: " – wie in diesem Text).

Der Apostroph

Der Apostroph darf gemäß neuer Rechtschreibung in Ute’s Café stehen. Allerdings geht diese Regel von einer typografisch korrekten Verwendung des Apostrophs aus; Word autokorrigiert den Apostroph aber leider falsch. Falls Sie sich also für den Einsatz des Genitiv-Apostrophs entscheiden oder den Apostroph für den ursprünglichen Zweck der Auslassungsmarkierung verwenden möchten, darf er weder ein englischer (hab‘s), noch ein Akzentzeichen (hab´s) sein. Vielmehr muss ein einfaches »Anführungszeichen« (oben dick, unten dünn) verwendet werden: hab’s.

Binde- oder Gedankenstrich?

Keine Frage: Anteilseigner-Guthaben kann man mit Bindestrich schreiben, aber -12 bzw. - 12? Es gibt eine einfache Regel, die der Name selbst bereits preisgibt: Bindestriche stehen nur dort, wo sie etwas »verbinden«, so also bei einem »Bindestrich-Kompositum« wie Anteilseigner-Guthaben und ebenso bei Teilkürzungen (linguistisch: »Koordinationsellipsen«) wie bei vier- bis fünfmal und Hausbau und -verwaltung. Bei letzterem wandeln einige Textverarbeitungsprogramme leider auch wieder den Bindestrich in einen Gedankenstrich um (»Autokorrektur«).

Der Gedankenstrich (druckersprachlich: Halbgeviert) ist länger als der Bindestrich (Viertelgeviert). Er steht in allen anderen Fällen, also bei »Gedankensprüngen« (Heute gibt es hitzefrei – sofern nicht noch Regen kommt), Auslassungen (10,– Euro), Minuswerten (–12°) und bis-Angaben (S. 197–201). Letztes gilt nicht nur für Zahlen, sondern auch für andere Zeichenfolgen (Der Flug Hannover–Zürich dauert eine Stunde). Bei letzterem wäre auch ein Geviert denkbar.

Satzprogramm: Verwenden Sie in Word Strg + - (Minuszeichen des Ziffernbocks!), im Regelfall auch in anderen Programmen per Eingabe von Alt + 0150.
Internet: Das in HTML benannte Zeichen ist – – dezimal: –. Tipp: Wer gezielt eine falsche Trennung von Zeichen (-1) vermeiden möchte, kann mti ⁠ ein Zeichen einfügen, dass keinen Abstand enthält, aber einen Zeilenumbruch verhindert.

Leerzeichen

Bei mehrteiligen Abkürzungen, zwischen einem Wert und einer Maßeinheit (10 %) etc. – bei Einheiten also, die enger zusammenstehen als andere – wird kein normales Leerzeichen gesetzt. Aus zwei Gründen: Zum einen soll ein Zeilenumbruch zwischen dem ersten und zweiten Bestandteil vermieden werden, also statt eines getrennten St.
Anton
ein St. Anton. In der engl. Benennung »non-breaking space« ist dies transparent benannt.

Zum anderen soll aber vermieden werden, dass der Abstand größer wird, wenn zum Beispiel durch Blocksatz alle Abstände zwischen den Wortformen der entsprechenden Zeile größer werden. Die deutschsprachige Benennung »geschütztes Leerzeichen« trifft damit die zwei Verwendungsgründe besser als die englischsprachige. Für engere Beziehungen, zum Beispiel den Abkürzungen, wird im Satz üblicherweise ein schmales geschütztes Leerzeichen gesetzt: z. B. oder S. 12. Bei Prof. Higgens hingegen muss das geschützte Leerzeichen normaler Länge gesetzt werden.

Satzprogramm: Per Tastatur lässt sich das geschützte Leerzeichen per Strg + Umschalttaste + Leertaste (Windows/Word) bzw. Alt + Leertaste (MacOS) einfügen, das schmale leider nicht so einfach (es muss als Sonderzeichen oder per Tastenkombination Alt + 8239 eingefügt werden).
Internet: Als benanntes HTML-Zeichen besteht &nbsp; für das geschützte Leerzeichen; das schmale lässt sich nur dezimal mit &#8239; oder als Unicode U+202F einbinden. Allerdings interpretieren nicht alle Browser das Zeichen (korrekt) oder der Zeichensatz enthält es erst gar nicht, sodass auf das geschützte Leerzeichen einfacher Länge ausgewichen werden sollte. In den meisten Fällen ist dies die »bessere« Wahl, als gar kein Leerzeichen zu verwenden (z.B.), ist aber auch aufwändiger. Zwar gibt es auch noch das benannte HTML-Zeichen &thinsp;, doch wird hierbei kein Umbruch vermieden. Nicht mehr verwenden sollte man statt des geschützten Leerzeichens <nobr>St. Anton</nobr> – es ist veraltet und nicht XHTML-konform. Verwenden Sie stattdessen den CSS-Selektor white-space: nowrap, wenn Sie kein geschütztes Leerzeichen setzen möchten.

»Deppenleerzeichen«

Die nicht sehr freundliche Bezeichnung steht für ein Zeichen, das nicht gesetzt werden darf. Es ist gewissermaßen das Pendant zum Apostroph, das Leerzeichen innerhalb eines Wortes. Beispielsweise ist Bio Gurke ein zusammengesetztes Wort (Kompositum), das entsprechend Bio-Gurke geschrieben werden muss. Einfache Regel: Wörter werden zusammengeschrieben. Unternehmen und Institutionen verstoßen aus ästhetischen Gründen immer öfter gegen diese Regel: Leibniz Universität.

Auslassungspunkte

Zeichen, die eine Auslassung signalisieren, werden entsprechend der Aussage angewendet: Wenn es eine Auslassung von Wortteilen ist, wird das Auslassungszeichen (der Dreipunkt ) unmittelbar an den reduzierten Wortbestandteil angehängt (Sch… Wetter). Wenn das Auslassungszeichen allerdings wortunabhängig resp. für ein ganzes Wort eingesetzt wird, ist der Dreipunkt abzutrennen (Tomaten, Paprika und …). Übrigens hat das Auslassungszeichen niemals mehr als drei Punkte (und keine zwei). Falls noch ein Satzzeichen ergänzt wird, darf es sich nicht um einen Punkt handeln, sondern um ein anderes Satzzeichen, also Fragezeichen, Semikolon usw. Beispiel: Tomaten, Paprika und … vs. Tomaten, Paprika und …? Falsch wäre Tomaten, Paprika und… oder Tomaten, Paprika und ..!

Satzprogramm: Es gibt ein spezifisches Zeichen für die Auslassungspunkte, das per Alt + 8230 eingefügt werden kann.
Internet: Verwenden Sie entweder das benannte Zeichen &hellip; oder dezimal &#8230;.

Eszett

Das, was die Schweizer gar nicht kennen, müssen Deutsche und Österreicher sogar binnendifferenzieren. Denn während Straße ein Eszett enthält, wird bei Versalienschreibung ein Eszett in ein Doppel-S verwandelt (STRASSE). In neueren Schriftsätzen ist zum Teil ein »Großes Eszett« enthalten, das speziell für die Großschreibung entworfen worden ist (STRASSE vs. STRAßE).

Satzprogramm: Im Unicode ist das Zeichen mit U+1E9E angegeben. Am besten wählen Sie es bei Bedarf aus der Glyphentabelle (Word: Einfügen Sonderzeichen) aus.
Internet: Verwenden Sie bei Versalienschreibung besser ein Doppel-S. Dezimal wird das große Eszett mittels &#7838; eingebunden.

Weitere Ligaturen

Beispiele für Ligaturen und ihre AnwendungDass das Eszett eine Ligatur ist, lässt sich schon am Namen ablesen (es-zett = s-z). Es gibt aber weitere Ligaturen, deren Herkunft nicht so transparent ist: vv => w, et => &, at => @ oder 0/0 => %.
Dazu gesellen sich rein typografische wie ff, fi, fl, ffi, ffl (es gibt weitaus mehr in speziellen Schriftschnitten). Werden sie eingesetzt, ist darauf zu achten, dass sie nicht an trennbaren Stellen verwendet werden – daher ist die automatische Ligatureinbindung in z. B. InDesign nur mit nachträglicher Korrektur zu empfehlen (Trennzeichen einfügen). Beispiele: Während bei Pfiff und fließend also Ligaturen verwendet werden können, dürfen sie es nicht bei affig (weil af-fig) oder Auflage (Auf-lage) – Ausnahme: Aufl.

Internet: Eine Verwendung in Internetseiten ist, wie schon beim schmalen geschützten Leerzeichen (s. o.), nicht zu empfehlen, da viele Schriftarten keine oder nur sehr wenige Ligaturen enthalten; so mag es sein, dass Sie oben Platzhalter (Quadrate) statt Ligaturen sehen. Aus diesem Grund sind die wichtigsten Ligaturen oben als Bild eingebunden.

Waisen: Schusterjungen und Hurenkinder

Die beiden seltsam wirkenden Benennungen referieren auf einzelne abgetrennte (»verwaiste«) Zeilen eines Absatzes am Anfang oder Ende einer Seite/Spalte. Schusterjungen stehen hierbei am Ende, Hurenkinder am Anfang einer Seite/Spalte.

Satzprogramm: Vermeiden lassen sich die Waisenzeilen mithilfe der »Absatzkontrolle«.
Internet: Hier kann per CSS (orphans, widows) die Mindestanzahl an Zeilen festgelegt werden, die gebündelt auftreten müssen (üblicherweise zwei).

Handarbeit

Typografie ist in der Tat auch Handarbeit. Allerdings wird stets versucht, mit dieser Handarbeit eine ästhetische Einheitlichkeit herzustellen und weitere Handarbeit zu vermeiden. Daher wird nicht jede Überschrift per Hand fett und 2 pt. größer gesetzt, sondern dies per Formatvorlage automatisiert. Ähnliches gilt für die Silbentrennung (Worttrennung). So sollten Worttrennungen niemals durch Bindestrich + Zeilenumbruch, also per Hand vorgenommen werden. Vielmehr sollten Sie Ihrem Text einen Umbruch vorschlagen, indem Sie einen bedingten Trennstrich (weiches Trennzeichen) einfügen.

Satzprogramm: In vielen Programmen ist dies mittels Strg + - (Minuszeichen/Bindestrich; nicht auf dem Ziffernblock!) oder Alt + 0173 möglich. So wird die Wortform getrennt und umgebrochen, wenn es möglich ist, andernfalls ist der Trennstrich unterdrückt.
Internet: Es gibt ein benanntes HTML-Zeichen für das weiche Trennzeichen (&shy;) – der dezimale Ausdruck ist &#173;.


Torsten Siever

Ihre Meinung

Kommentare zu dieser Seite

3x "Like" für den Beitrag "Typographie im Netz"!!! :-) Ich werde die Leerzeichen nie wieder falsch setzen... A.
Dienstag, 20. November 2012 Gast
ein "geht so" gab es deswegen, weil eine Erweiterung/ Akutalisierung sicher möglich wäre
Freitag, 5. Oktober 2012 Gast