Aus der Presse

Abhören nicht nötig

Drei Politiker zeigen mit zwei Datenexperimenten, wie viel Metadaten über uns aussagen. Nebenwirkung des politischen Statements: öffentliche Entblößung.

Nach dem eindeutigen Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) über die Vorratsdatenspeicherung sollte sie im Grunde der Vergangenheit angehören. Doch während Schweden, Finnland und die Slowakei das Urteil umzusetzen scheinen, fordern Unionspolitiker und der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, einen "nationalen Alleingang". Und der Schweizer Nationalrat, der sich an EU-Richtlinien oder EuGH-Urteile nicht halten muss, entscheidet zurzeit sogar über eine Ausweitung des Zeitraums auf zwölf Monate. Wer der Meinung ist, dass dies ja „nur Metadaten“ sind, sollte auf zwei jüngste Experimente schauen.

Beim ersten hat der CH-Nationalrat Balthasar Glättli die Verbindungsdaten von seinem damaligen Mobilfunkanbieter eingefordert (Januar 2013 und Juli 2013). Visualisiert hat die Daten die Digitale Gesellschaft Schweiz, die Agentur OpenDataCity, die Schweiz am Sonntag, Watson.ch und Arte; die interaktive Karte auf nzz.ch lässt sich wie ein Film abspielen und kommt einem „Abziehbild des Lebens Glättlis“ gleich. Ergänzt wurden die Metadaten, also die Zeit und der Ort sowie Telefonnummern und Mailboxen, lediglich um öffentlich einsehbare Updates aus Facebook[] und Twitter[]. Schon vor rund drei Jahren hatte der Grünen-Politiker Malte Spitz seine Vorratsdaten eingeklagt und auf zeit.de veröffentlichen lassen.

Beim zweiten Experiment hat die dänische Bildungsministerin Sofie Carsten Nielsen und der sozialdemokratische Parlamentsabgeordnete Jens Joel der Zeitung Berlingske den Zugriff auf ihre E-Mail-Konten, SMS, Daten vom Finanzamt, ihre Facebook-Aktivitäten, ihre Fitnesstracker und sogar ihre EC-Zahlungen erlaubt. Anlass für die Veröffentlichung ihres Lebens sind die ausgebliebenen Diskussionen um den NSA-Skandal in Dänemark.

Erst vor einem Monat hatten Forscher der Universität Stanford dargelegt, dass man mit Metadaten die Züchtung von Cannabis, einen Abtreibungswunsch oder eine schwere Erkrankung erkennen kann.
[29.04.2014, 17:46 Uhr, Quelle: Golem.de, ergänzt um eigenes Material]

Visualisierung der Vorratsdaten von Glättli in der NZZ (extern)

Torsten Siever

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