Linguistik

Semiotik: Ferdinand de Saussures Zeichenbegriff

Die Sprache bildet nach Saussure »ein System von Zeichen, in dem einzig die Verbindung von Sinn und Lautzeichen wesentlich ist [...]« (Saussure 1967: 18). Saussure nennt dies Artikulation: »[...] jeder Bestandteil der Sprache ist ein kleines Glied, ein articulus, wo ein Gedanke sich in dem Laut festsetzt, und wo ein Laut das Zeichen des Gedankens wird.« (ebd., S. 134) Gegenüber Positionen, in denen das sprachliche Zeichen einen Namen und Objekt in sich vereint (vgl. Abb. 1 oben), postuliert Saussure eine Verbindung von Lautbild und Vorstellung als Zeichen konstitutiv (vgl. Abb. 1 unten sowie Abb. 2).

Saussures Zeichenbegriff

Abb. 1: Saussures Zeichenbegriff (Saussure 1967: 76, 78)

Das sprachliche Zeichen hat also nach Saussure ein Siginifikat (signifié) bzw. eine Bedeutungsseite (z.B. BAUM), und einen Signifikanten (signifiant, vgl. auch Abb. 2), durch den das sprachliche Zeichen manifestiert ist (/baʊm/). Die Verbindung von Lautseite und Bedeutung ist arbiträr, d.h., es gibt keine Motivation dafür, dass dem Signifikat BAUM genau das Lautbild /baʊm/ entspricht.

Natur des sprachlichen Zeichens

Abb. 2: Natur des sprachlichen Zeichens (Saussure 1967: 78, 136)

Das Sprachzeichen beruht wie »jedes in einer Gesellschaft rezipierte Ausdrucksmittel im Grunde auf einer Kollektivgewohnheit, oder, was auf dasselbe hinauskommt, auf der Konvention« (ebd., S. 80). Arbitrarität und Konventionalisierung sind zwei zentrale Charakteristika des sprachlichen Zeichens; über die Konvention wird der soziale Aspekt der Sprache aktiviert. Die Sprache »ist der soziale Teil der menschlichen Rede und ist unabhängig vom Einzelnen, welcher für sich allein sie weder schaffen noch umgestalten kann; sie besteht nur kraft einer Art Kontrakt zwischen den Gliedern der Sprachgemeinschaft.« (ebd., S. 17) Allerdings ist hier eine Präzisierung vorzunehmen: Dem, was in der deutschen Übersetzung als 'Sprache' gefasst ist, liegt der Terminus 'langue' in Abgrenzung zum Terminus 'parole' und 'faculté de langage' zugrunde. Die kategoriale Differenzierung in 'Langue' und 'Parole' ist ein weiterer zentraler Baustein in der Saussure'schen Sprachauffassung (s. hierzu Schlobinski 2003: Kap. 2).

Ferdinand de Saussure wurde 1857 in Genf geboren, studierte in Leipzig und Berlin Indogermanistik und hielt von 1906 bis 1911 Vorlesungen in Genf über Allgemeine Sprachwissenschaft. Er starb am 22.2.1913 in Vufflens-le-Château.

Seine Zeichentheorie und sprachwissenschaftliche Arbeiten haben die Linguistik des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst. Er gilt als Begründer der strukturalistischen Sprachwissenschaft.

Der Strukturalismus bildet ein Wissenschaftsparadigma, das für die moderne Sprachwissenschaft von eminenter Wichtigkeit war und ist. Der Strukturalismus ist in seiner Entstehungsgeschichte eng mit den Arbeiten von Ferdinand de Saussure verbunden, insbesondere mit den durch seine Schüler Charles Bally und Albert Sechehaye posthum veröffentlichten Vorlesungsmitschriften, die unter dem Titel Cours de linguistique générale (1916; Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaft 1931) erschienen sind. Die Interpretation des Cours, seine Originalität und Authentizität sind umstritten, sicher ist jedoch: Der Cours hat eine breite und tiefgehende Rezeption erfahren und er ist somit in vielerlei Hinsicht paradigmenbildend für die moderne Linguistik und andere Wissenschaften wie z.B. Literaturwissenschaft oder Ethnologie gewesen.


Peter Schlobinski

Zitierte Literatur

Saussure, Ferdinand de (1976). Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin. mehr

Schlobinski, Peterm (2003). Grammatikmodelle. Positionen und Perspektiven. Opladen. mehr

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Montag, 22. Februar 2010 Gast