Linguistik

Podiumsdiskussion zum Sprachwandel (oder -verfall?)

Lemma Communication

Protokoll zur Podiumsdiskussion zum Thema "Verfällt die deutsche Sprache?" am 22.06.2010 an der Leibniz Universität Hannover.

Von "Sprachmisshandlung" bis "natürlicher Sprachwandelprozess" – Was passiert mit der deutschen Sprache?

"Die Überschrift für Ihre Veranstaltung ist falsch gewählt. Es kann keinen Sprachverfall geben, da Verfall etwas ist, an dem man nicht aktiv mitwirkt. Was mit unserer Sprache geschieht, ist eine aktive Misshandlung – an der wir alle mitwirken." Mit diesen deutlichen Worten eröffnete Herr Dr. Schrammen vom "Verein deutsche Sprache" sein Anfangsplädoyer bei der Podiumsdiskussion über die deutsche Sprache und ihre Entwicklung, zu der die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) und der Linguistische Arbeitskreis Hannover (LinguA) eingeladen hatten.

Bereits vor der Veranstaltung war im Hörsaal zu merken, wie sehr das Thema die Gemüter erhitzt: Es war rappelvoll, und einige Gäste begannen schon vor dem eigentlichen Podiumsgespräch kleinere Diskussionen unter sich. Diesmal waren deutlich mehr Menschen zur LinguA-Veranstaltung gekommen als zu den sonstigen Terminen, die der Arbeitskreis anbietet. Kein Wunder, denn: Welches sprachwissenschaftliche Thema bewegt mehr Menschen im deutschsprachigen Raum, und welcher Gast könnte ein größerer Publikumsmagnet sein als Bastian Sick, Autor zahlreicher Bestseller, darunter das wohl bekannteste Werk "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod"?

Die angespannte Atmosphäre im Saal war auch noch zu bemerken, als Prof. Schlobinski die Veranstaltung eröffnete und das Feld kurz darauf nach einigen einführenden Worten seinen Podiumsgästen überließ. Die Diskussion, die von den Mitarbeiterinnen des Deutschen Seminars Alexa Mathias und Netaya Lotze moderiert wurde, nahm ihren Lauf – und offenbarte interessante Standpunkte, zu denen noch interessantere Reaktionen aus dem Publik zu bemerken waren.

Von Alexa Mathias gebeten, ein Anfangsplädoyer zu bieten, stellten die 4 Diskussionsteilnehmer, darunter Professor Klaus Bayer vom Deutschen Seminar der Universität Hannover, Frau Dr. Ewels von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) und Bastian Sick, ihre jeweiligen Positionen dar – die etwas zu lang und ausschweifend, zum Teil auch defensiv, gerieten, um eine Diskussion wirklich mit "Zündstoff" anzuheizen. Frau Dr. Ewels ging sofort und ohne Umschweife auf die Streitfrage der Anglizismen im Deutschen ein, versuchte, die "Diskussion" von Anfang an in wissenschaftlich fundierten Bahnen zu halten. Die Sprachwissenschaftlerin problematisierte die schwierige Stellung der Medien in der Debatte um den "Sprachverfall": einerseits beschuldigt, zur Verhunzung und Anglifizierung der Sprache beizutragen, sind sie es doch selbst, die die Problematik ständig aufgreifen und damit polemisierend umgehen.

Als zweiter Teilnehmer der Diskussion war Herr Dr. Schrammen aufgefordert, die Position des Vereins deutsche Sprache darzustellen. Offensichtlich gut auf Anfeindungen vorbereitet, aber auch selbst zum Angriff bereit, war er, wie oben beschrieben, zunächst bemüht, die seiner Meinung nach falsche Formulierung "Sprachverfall" zu korrigieren. Was an seinem Plädoyer jedoch am meisten die Gemüter erhitzte, war der Vorwurf an die studierten Sprachwissenschaftler, mit dem Argument des "Sprachwandels" alle guten Argumente anderer Menschen "überheblich und herablassend" zu behandeln und so die Diskussion mit Hinweis auf die Überlegenheit der sprachwissenschaftlichen Forschung unterdrücken zu wollen. Sichtlicher und hörbarer Unmut unter den Linguisten im Raum war sofort zu spüren. Die Atmosphäre im Hörsaal war angespannt, die Luft zum Schneiden dick. Manch einer in den Rängen schien sich zu ärgern, nicht an der Diskussion teilnehmen zu können – die Menschen auf der Bühne aber schien Herr Dr. Schrammen überraschend kalt zu lassen.

Bastian Sick, als strenger Sprachkritiker bekannt, überraschte mit vorsichtigen Formulierungen, indem er sich nicht etwa explizit gegen Ausdrücke wie "des is die Mutter sei Gesischt" aussprach, sondern vielmehr dialektale Färbungen als "warmherzig" in Schutz nahm. Im Publikum war unter offensichtlichen Sick-Fans eine gewisse Enttäuschung zu spüren – war das derselbe Mann, der die Zwiebelfischkolumnen bei Spiegel Online schrieb?

Als letztes äußerte sich Herr Prof. Bayer – gut vorbereitet verlas er einige Thesen zum Thema, mit dem er sich schon lange wissenschaftlich beschäftigt – leider gerieten diese etwas zu lang und schienen das Publikum sichtlich zu verwirren. Kurz gefasst – und daher Herrn Bayers Thesen nicht wirklich gerecht werdend – könnte man seine Auffassung als "versöhnlich" bezeichnen. Der Professor ist der Meinung, es sei falsch von den Linguisten, jeglichen Sprachverfall zu negieren, man müsse schon irgendwie auf "Fehlentwicklungen" reagieren. Wie genau, blieb jedoch offen.

Beim Thema Jugendsprache, in das Frau Mathias einführte, schieden sich die Geister: Frau Ewels war der Ansicht, Jugendliche verwendeten ihr spezielles Register nur als "Geheimsprache", die Ausdrucksweisen der jüngeren Generation seien aber keinesfalls als große Gefahr einzustufen. Zustimmung erhielt sie von Bastian Sick, während Herr Bayer Zweifel an der Einschätzung der Beiden anmeldete und vorsichtig andeutete, vielleicht seien Jugendliche heutzutage nicht mehr immer in der Lage, ihre Sprache der jeweiligen Situation anzupassen. Herr Schrammen gab zu, manche Wortschöpfungen von Jugendlichen sogar amüsant zu finden (er gab hier das "Überhangmandat" als Ausdruck für einen überdimensionalen Bierbauch als Beispiel), man dürfe jedoch keinesfalls eine laissez-faire-Haltung gegenüber der Jugendsprache einnehmen oder diese verherrlichen. Nach den Möglichkeiten gefragt, Schüler an korrektes Deutsch heranzuführen, brachte Bastian Sick eine Antwort, die ein kollektives Aufstöhnen im Saal hervorrief: Man solle doch seine Bücher auf den Lehrplan setzen... "Ach nee, wirklich..." schienen alle Zuhörer zu denken.

Am Schluss der Diskussion ging es noch einmal um Anglizismen: Wie erwartet wetterte Herr Schrammen dagegen. An einer Stelle ließ seine Argumentation alle Besucher aufhorchen: Der exzessive Gebrauch von Anglizismen sei ein Zeichen für unserer unterwürfige Haltung den USA gegenüber. Natürlich kam gleich die Gegenfrage, ob man denn französische und lateinische Wörter auch abschaffen solle, schließlich stammten auch sie zum größten Teil aus Zeiten, in denen die Römer die Überhand hatten. Dies wurde von Schrammen vehement verneint, denn diese Ausdrücke kämen aus untergegangenen Kulturen, die es aber wert seien, von ihnen Ausdrücke zu übernehmen.

Alles in allem fasste Herr Bayer die Diskussion am Schluss wohl am Besten zusammen: Es seien sich alle zu einig. Leser dieses Berichtes mögen das bezweifeln, doch wer dabei war, kann bestätigen, dass eigentlich vor allem das Publikum provoziert wurde, während die Diskussionsteilnehmer recht wenig Streitlust zeigten und kaum direkt aufeinander eingingen. Es wurden zwar fundamentale Meinungsverschiedenheiten offengelegt, zu einem wirklichen "Austausch", einem "Hin und Her", einem "Streitgespräch" mit sich aufeinander beziehenden Argumenten aber kam es leider kaum.

Trotzdem war die Podiumsdiskussion ein sinnvoller Anstoß für die sprachkritische Arbeit im Deutschen Seminar der Uni Hannover. Bereits in der ersten Sitzung des Linguistischen Arbeitskreises nach der Podiumsdiskussion wurde ausführlich über die Podiumsdiskussion gesprochen und der ein oder andere Gedankengang, der dort vorgetragen wurde, wird sich womöglich sogar in Hausarbeiten oder anderen wissenschaftlichen Arbeiten wiederfinden, die in den nächsten Jahren von den Studenten bzw. den Dozenten verfasst werden.


Nora Tobien

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