Linguistik

Peter Eisenberg: Korrektes Deutsch!

Lemma Communication

Protokoll des gleichnamigen Vortrags von Peter Eisenberg am 12.12.2007 an der Leibniz Universität Hannover.

Sprachkritik hat Hochkonjunktur. Das belegen die Verkaufszahlen der Veröffentlichungen eines bekannten Publizisten, welcher seiner Sorge um den Fortbestand des deutschen Genitivs bereits im Titel seines populärsten Werkes Ausdruck verleiht. Dass im Kampf des deutschen Bildungsbürgertums gegen die Bedrohung des gepflegten Deutschs durch "falsch" verwendete Konjunktionen, verschwindende Kasusmarkierungen und tatsächliche oder vermeintliche Anglizismen in Lexikon und Syntax nicht immer linguistischer Sachverstand waltet, wurde im Verlauf des Vortrags von Prof. Dr. Peter Eisenberg im voll besetzten großen Hörsaal der Philosophischen Fakultät der Universität Hannover deutlich.

In einem Land, das im Unterschied zu seinen französischen Nachbarn keine Akademie zur Pflege der Sprachkultur besitzt (dafür aber mehrere große Wörterbücher und zehn stark frequentierte Online-Sprachberatungsstellen), ist die Diskussion um Sprachnorm und Sprachpflege zum gesellschaftlichen Gemeingut geworden, wie auch im Zuge der Rechtschreibreform spürbar wurde. Dabei stehen Beiträge aus berufenem Munde Seite an Seite mit Gemeinplätzen wie "Sprache bestimmt das Denken" oder mit Behauptungen wie ein Ausdruck sei "falsches Deutsch". Eisenberg hob hervor, dass die nicht graduierbaren Antonyme „richtig" und "falsch" für die Normierung von Sprache keine geeigneten Kriterien seien, zumal "falsches Deutsch" bei Licht betrachtet "gar kein Deutsch" sei. Die Kriterien "richtig" und "falsch" würden zudem im Zuge der Diskussion über Sprache nur allzu oft mit den Wertmaßstäben „schön" und "unschön" vermengt, wobei als Richtlinie in der Regel literarische Vorbilder herangezogen würden, die sich jedoch nicht grundsätzlich für die Begründung von Sprachnorm eigneten. So verwende Thomas Mann als einer der Ikonen literarischen Schaffens bekanntlich die koordinierende Konjunktion "trotzdem" zur Einleitung von Nebensätzen – anstelle des eigentlich erforderlichen "obwohl" – und Robert Walser zeichne für Wortneubildungen wie "töneumschmetterlingelt" verantwortlich, welches bei aller Ästhetik und suggestiver Kraft gegen fundamentale Regeln der deutschen Wortbildung verstoße.

Sprachnorm kann sich also nicht auf die Autorität kreativ Schaffender berufen sondern vielmehr zum einen auf erworbene soziale Handlungsmuster, die ihre Verbindlichkeit durch gesellschaftliche Aushandlung und Überlieferung erhalten, zum anderen bedarf sie eines Normdiskurses auf Grund dessen, was Sprechernorm ist. Mit der Kodifizierung des im Diskurs explizit gemachten impliziten Sprecherwissens werden nachvollziehbare Kriterien für die grammatische Normierung von Sprache niedergelegt. Aufgrund des Diskurses als Voraussetzung für Normierung kann auch sich verändernden sprachlichen Konventionen Rechnung getragen werden. So finde man in der Grammatik von Jude aus den 60er Jahren nur zwei Alternativen zum Ausdruck des Passivs, nämlich reflexive Verbformen wie "es lässt sich leugnen" neben Passivkonstruktionen wie "es kann geleugnet werden". Dort noch nicht aufgeführt sei die heute gängige Form des Rezipientenpassivs "sie bekommen es ausgehändigt" als Alternative zu "es wurde ihnen ausgehändigt". Heutige Normdiskussionen in diesem Zusammenhang entzünden sich nun an Formen wie "er kriegt es geregelt". An diesen Beispielen wird die notwendige (wie faktische) Erweiterung des Normbegriffs erkennbar, welche die Grundlage für jede Neuauflage des Dudens, des Wahrig und anderer Wörterbücher bildet.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich, dass als "falsch" bezeichnete Fälle von Sprachverwendung meist nur eine Abweichung des kodifizierten Schreibstandards darstellen, die vor allem in der Mündlichkeit verbreitet sind; man denke hier an die als unschön oder "falsch" verurteilte – aber hochfrequente – Verbzweitstellung in mit "weil" eingeleiteten Sätzen. Ähnlich stark kritisiert werden Vergleiche mit "wie" ("schlauer wie du" statt "schlauer als du"), die sogar in einigen diatopischen Varietäten Standard sind, jedoch nicht Standard im Schriftdeutschen (des sogenannten "Hochdeutschen"). Würde man hier mit den Werten "richtig" (Deutsch) oder "falsch" (Nicht-Deutsch) operieren, wäre ein großer Teil der deutsch Sprechenden seiner Muttersprache de facto gar nicht mächtig, da ihre regionalen Varietäten nicht als Deutsch zu betrachten wären, einem Verdikt, dem auch der wohl anerkannteste deutsche Schriftsteller, Goethe, zum Opfer fiele, wenn er seinem Heinrich Faust die Worte in den Mund legt: "Da steh ich nun, ich armer Tor[]! / Und bin so klug als wie zuvor"

Das Todesurteil über die Sprache als einem lebendigen Phänomen wird endgültig gefällt, sobald seitens unermüdlicher Sprachpuristen die Etymologie ins Feld geführt wird. So führt der eingangs erwähnte Publizist gegen den (vermeintlichen) Anglizismus "es macht keinen Sinn" ins Feld, das Verb "machen" könne nur mit Konkreta gebraucht werden, da es von einer germanischen Wurzel mit der Bedeutung "kneten" abstamme, und Sinn könne man nicht kneten. Allerdings sei, so Eisenberg, die Verwendung von "machen" mit Abstrakta bereits im Wörterbuch von Grimm belegt, so z.B. "das macht Freude". Ob es sich bei "es macht keinen Sinn" tatsächlich eine aus dem Englischen übernommene Lehnprägung handele, bleibe so lange eine unbeweisbare Behauptung wie das „Deutsche Textarchiv" als elektronisch erfasstes Nationalkorpus für das Deutsche (rückläufig vom 20. bis ins 16. Jahrhundert) noch nicht fertig gestellt sei, welches Aufschluss über Erstbelege liefern könne. Für einen vergleichbaren Stein des Anstoßes, nämlich "etwas erinnern" (engl. "to remember something") statt "sich an etwas erinnern" hingegen gebe es einen sehr frühen Beleg dafür, dass die Puristen den herrschenden Sprachgebrauch zu Unrecht einer übertriebenen Anglophilie bezichtigen: die erstgenannte Form sei bereits in der Lutherbibel belegt. Trügerisch sind solche Übernahmebehauptungen – sei es auf syntaktischer, sei es auf lexikalischer Ebene – allemal: so ist "Plaste" als Fachterminus aus der Chemie bereits in den 20er Jahren in Verwendung gewesen und hat sich nicht erst nach dem Zusammenbruch der DDR als Teil ihrer sprachlichen Erbmasse Eingang in den gesamtdeutschen Sprachgebrauch gefunden.

Großer Beliebtheit erfreut sich stets auch die Diskussion um die korrekte Kasusmarkierung im Falle von "am Anfang diesen Sommers" versus "am Anfang dieses Sommers", der sich offenbar auch die Redaktion einer überregionalen Zeitung nicht entziehen konnte – und schließlich wohl nicht stellen wollte: So wurde in einem Beitrag des Vorsitzenden des deutschen Wissenschaftsrates ein Satz, der die erstgenannte Version dieser Nominalphrase enthielt, durch den zuständigen Redakteur kurzerhand vollständig gestrichen. Trotz diesem Akt der Kapitulation ist das <-n> als alternative Kasusmarkierung für den Genitiv Singular maskulin im Sprachgebrauch weit verbreitet. Dies liege, so Eisenberg, an der großen akustischen Stärke des /s/ im Deutschen, welches sich mit fast allen Silben kombinieren lasse, ohne dass eine neue Silbe entstehe. Diese ausgesprochene Stärke lege in der Sprachverwendung eine Notwendigkeit zu ihrer Begrenzung nahe, so dass in komplexen Nominalgruppen ein nur einmaliges Vorkommen des <-s> als Kasusmarkierung präferiert würde wie z.B. in "die Bilder Michelangelos" versus "die Bilder des Michelangelo" oder "guten Mutes" statt "*gutes Mutes". Das letztgenannte Beispiel verdeutlicht, dass vor Substantiven mit starker Kasusmarkierung – wie es auch "Sommers" im oben angeführten Beispiel ist – die Kasusmarkierung des vorangehenden Adjektivs (oder eines Quantuors mit adjektivischen Eigenschaften oder eines Demonstrativpronomens) vor der Markierung des Substantivs zurücktritt und zur Abschwächung tendiert. Entsprechende Formen zu verbieten hieße, befand Eisenberg, dem internen Sprachwissen des Sprechers Gewalt antun.

Sprachnorm, das wird an den beschriebenen Beispielen klar, müsse stets dem Entwicklungsstand einer Sprache entsprechen. Gerade für angehende Didaktiker sei es daher notwendig, sich im Studium ein starkes Maß an Kompetenz auf dem Gebiet der Grammatik anzueignen, damit sie nicht nur selbst konstruktiv und kreativ über deutsche Sprache nachdenken könnten sondern auch den Kindern ein ihrer Entwicklungsstufe gemäßes Sprachgefühl zu vermitteln in der Lage seien. An vorderster Stelle stehe nicht die sprachpuristisch motivierte Krittelei an der Sprachverwendung des Schülers sondern die Ausbildung ihrer Fähigkeit, von ihnen verwendete grammatische und lexikalische Formen am Sprachgebrauch ihrer Umgebung zu überprüfen und sie vor dem Hintergrund einer dem Sprachgebrauch folgenden, sukzessive erworbenen Norm plausibel zu begründen.

Goethe selbst – um letzten Endes doch die Autorität zu bemühen – hat sich seinerzeit schließlich dem herrschenden Sprachgebrauch gebeugt: Er änderte den Titel seines Werks "Die Leiden des jungen Werthers" in einer späteren Fassung unter Verzicht auf den sächsischen Genitiv in "Die Leiden des jungen Werther".


Alexa Mathias

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