Linguistik

Grundfragen der Sprachwissenschaft: Vorwort

Peter Schlobinski: Grundfragen der Sprachwissenschaft

Das vorliegende Buch führt in Grundfragen der Sprachwissenschaft und das Thema Sprache und Sprachen ein. Sprache interessiert viele - diese Erfahrung mache ich im Alltag immer wieder. Dennoch hat die Sprachwissenschaft einen schlechten Ruf. Zu kompliziert und formal, Grammatik: furchtbar, so viel zu lernen - das sind nur einige Urteile, die wesentlich durch den schulischen Sprach- und Grammatikunterricht geformt sind. Dabei gibt es so viel zu entdecken in der Welt der Sprache(n). Allerdings: Wenn man sich in einer unbekannten Welt bewegt, dann braucht man einen Kompass, um sich orientieren zu können. Die Sprachwissenschaft stellt nicht nur einen Kompass, sondern auch Landkarten und Routenplaner, Höhenmesser und Tiefenbohrer, Fernrohre und Mikroskope, Busch- und Seziermesser zur Verfügung.

Die vorliegende Reise in die Welt der Sprache ist natürlich durch meine Arbeit als professioneller Reiseführer geprägt, und ich zeige Ihnen die Plätze, die ich selbst in den letzten Jahrzehnten besucht habe. Aber auch Orte von Freunden und Kollegen, die ganz wesentlich zur Vermessung der sprachlichen Welt beigetragen haben. Und ich habe Studienanfänger befragt, welche Reiseziele sie besonders interessieren, und habe ihre Wünsche berücksichtigt.

Wenn jemand eine Reise tut, dann ... Dann ist es bequem, im Zug zu sitzen, aus dem Fenster zu schauen und die Landschaft zu genießen. Fernsehen live. Etwas ganz Anderes ist es, zu Fuß einen Dreitausender zu erklimmen oder sich im Amazonasgebiet durch das Dickicht zu schlagen. So ist es auch beim Durchqueren von Sprachlandschaften. Manche Orte erreicht man leicht, andere Wege sind schwierig und man muss einige Mühen auf sich nehmen. Aber am Ende wird man immer durch neue Erfahrungen und Erkenntnisse belohnt.

Die kleine Reise folgt einer inneren Logik und die Reiseroute ist gut begründet. Dennoch können einzelne Reiseziele und Orte ohne Kenntnis der anderen besucht werden. Gelegentlich jedoch ist es hilfreich, erst einen Ort aufzusuchen und anschließend einen anderen, Hinweisschilder helfen hier weiter. Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei Ihrer Entdeckungsreise durch die Welt der Sprache. Und für einen längeren Aufenthalt in unbekannten Sprachregionen empfehle ich Ihnen, den Rucksack mit Handwerkszeug Deskriptive Linguistik. Grundlagen und Methoden (Dürr/Schlobinski 2006) mitzunehmen.

Zunächst jedoch noch einige vorbereitende Hinweise, bevor Sie mit der Lektüre beginnen. Wenn Ihnen Fachbegriffe nicht bekannt sind, dann hilft das Register weiter, in dem wichtige Begriffe erklärt und Verweise auf die relevanten Stellen im Buch gegeben sind. Der Schwierigkeitsgrad der einzelnen Kapitel ist unterschiedlich. Manche Teilbereiche sind theoretisch anspruchsvoller, andere erscheinen wegen der Beispiele aus uns fremden Sprachen schwierig. Als Hilfe für die Analyse von Sprachbeispielen werden diese mit einer Glossierung versehen.

ItalienischEnglischChinesischNahuatl
cant-er-ó
sing-FutI-1s
ich werde singen
car-s
Auto-p
Autos
yī zhāng zhˇı
ein KL Papier
ein Stück Papier
ni-mits-miktia
Subj.1s-dO.2s-töten
ich töte dich

In dem Beleg aus dem Chinesischen steht das Beispiel in standardisierter Alphabetschrift (Pīnyīn), in der dritten Zeile kursiv die Übersetzung. Bei Sprachen ohne Schriftsystem steht das Beispiel in Lautschrift. In der zweiten Zeile, der eigentlichen Glossierung, werden die Wortstämme bzw. Grundwörter auf Deutsch gegeben und abgekürzt Kategorien und grammatische Funktionen. Im Ialienischen Beispiel steht FutI für ›Futur I‹ und 1s für ›1. Person Singular‹, im Englischen steht p für ›Plural‹ und im Chinesischen steht KL für ›Klassifikator‹. In dem Beispiel aus dem Nahuatl, einer in Mexiko von ca. eineinhalb Millionen Menschen gesprochenen Sprache, steht Subj.1s für ›Subjekt, 1. Person Singular‹ und do.2s für ›direktes Objekt, 2. Person Singular‹. Die Glossierung ist möglichst einfach gehalten und auf die relevanten Punkte beschränkt, sie hilft bei einer dem Leser unbekannten Sprache, die Strukturen in den Belegen zu erkennen. Die für die Glossierung gewählten Abkürzungen und Konventionen finden sich im nachfolgenden Abkürzungsverzeichnis.

Im Buch sind zahlreiche Arbeiten verarbeitet, auf die nicht im Einzelnen verwiesen wird. Das Literaturverzeichnis gibt die zugrunde liegende Literatur wieder. Die für einzelne Kapitel wichtige Literatur wird im Literaturverzeichnis durch spitze Klammer < > angegeben. Wenn Sie also zu den in den einzelnen Kapiteln behandelten Themen grundlegende Literatur suchen, dann können Sie diese einfach über den Klammer-Index[] erschließen.

Es ist immer eine schwierige Aufgabe, einerseits möglichst fachlich genau, andererseits verständlich und einfach zu schreiben. Schwierige und komplexe Sachverhalte können nicht immer auf ein einfaches Niveau heruntergebrochen werden, ohne völlig trivialisiert zu werden. So habe ich den Spagat zwischen fachlicher Angemessenheit und Allgemeinverständlichkeit versucht in der Hoffnung, dass viele Studienanfänger das Buch mit Gewinn lesen und die Fachkollegen mir nicht gram sind.

Für Verbesserungsvorschläge und kritische Hinweise möchte ich mich bei Dr. Ulrike Gießmann-Bindewald, Dr. Olaf Krause, Alexa Mathias, Dr. Gernot Mathias und Dr. Katerina Stathi herzlich bedanken. Mein besonderer Dank für viele anregende Gespräche über linguistische und nicht-linguistische Fragen und Probleme gilt meinem Freund und Kollegen Prof. Dr. Michael Dürr. Und last, not least: Im Text verwende ich grundsätzlich das generische Maskulinum (s. hierzu Kap. 82).

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Einblick: Inhaltsverzeichnis (PDF, 69 KB)

Kapitel 11: Welche ist die schwierigste Sprache der Welt? (PDF, 96 KB)

Kapitel 74: Gibt es ein Sprachgen? (126 KB)

zur vollständigen bibliografischen Aufnahme

 

Informationen bei UTB

Informationen zum Gegenstand bei mediensprache.net


Peter Schlobinski

Zitierte Literatur

Dürr, MichaelPeter Schlobinskim (2006). Deskriptive Linguistik. Grundlagen und Methoden. Göttingen. mehr

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