Zur Startseite von mediensprache.net

Linguistik

Syntax des gesprochenen Deutsch: Einleitung

Cover des SammelbandsSich mit der Syntax der gesprochenen Sprache zu beschäftigen bedeutet für einige Syntaktiker das Stochern im ,sprachlichen Müll', gelten ihnen doch nicht die sprachlichen Produkte als Gegenstand der Untersuchung, sondern vielmehr die ,internalisierte Sprache'. Die Variation dessen, was wirklich gesprochen und geschrieben wird und empirisch belegbar ist, wird vorschnell marginalisiert oder in den ,Abfalleimer' mit dem Etikett ,Performanz' geworfen. Hierbei werden Befunde, die der (welcher?) Norm widersprechen oder in das Syntaxmodell nicht passen, nicht selten als Performanzfehler aussortiert: Da das Gesprochene als Teil eines konkreten Sprechereignisses von Parametern wie situativer Kontext, Interaktionspartner, Sprecherstrategien u.a.m. abhängt, unterliegen die syntaktischen Strukturen einer starken Variation, die als frei und/ oder fehlerhaft begriffen wird. Gegenüber der Position, die gesprochene Sprache sei nicht genuiner Untersuchungsgegenstand einer syntaktischen Beschreibung, einigt die AutorInnen dieses Bandes nicht nur das Interesse am gesprochenen Deutsch, sondern auch die empirische Fundierung einer syntaktischen Beschreibung sowie die Berücksichtigung pragmatischer Faktoren. Die Gewichtung der Beschreibungsfaktoren schwankt zwischen den Polen ,starker Fokus auf Syntax' (Uhmann, Schlobinski) und ,funktionaler Ansatz über die Konversationsanalyse' (Selting, Günthner), und inwieweit syntaktische und andere pragmatische Konzepte in ein Modell zu integrieren sind, ist eine offene Frage. Ungeachtet dessen vertreten alle AutorInnen einen korpusbezogenen Beschreibungsansatz unter Einbeziehung pragmatischer Aspekte.

In meinem einleitenden Beitrag zur Analyse syntaktischer Strukturen in der gesprochenen Sprache gehe ich der Frage nach, welche methodischen und analytischen Konsequenzen gezogen werden können, wenn man den Gegenstand ,Syntax der gesprochenen Sprache' als ein eigenes und relevantes Untersuchungsobjekt ernst nimmt. Eine wichtige Konsequenz ist, daß die Beschreibung korpusbezogen und unter Integration pragmatischer Faktoren erfolgen muß. Hannes Scheutz und Peter Auer untersuchen topologische Eigenschaften syntaktischer Strukturen in Konversationen, genauer: Vorfeldbesetzungen. Scheutz behandelt in seinem Beitrag das ,Freie Thema' und ,Linksversetzungen' im Hinblick auf funktionale Aspekte (thematische Orientierung, Aufmerksamkeitssteuerung), wobei er ,enge' und ,weite Linksversetzungen' in Abhängigkeit vom Bezug zum vorangehenden Referenten unterscheidet. Peter Auer konzentriert sich in seinem Beitrag auf VorVorfeldphänomene und zeigt auf, daß diese im gesprochenen Deutsch eine wichtige Rolle spielen und zu komplexen, unterschiedlich zu gewichtenden Besetzungen führen, wobei die grundlegende Funktion die der Rahmung der Folgeäußerung ist. ,Ellipsen' als eigenständige, nicht von ,Vollsätzen' abgeleitete Konstruktionen sind Gegenstand der beiden Beiträge von Margret Selting sowie Christine Busler und Peter Schlobinski. Margret Selting zeigt auf, daß ,Ellipsen' als selbständige Turnkonstruktionseinheiten zu begreifen sind, deren Funktion in der Kohäsion zu Vorgängereinheiten besteht, und die damit als ein grammatisches Mittel der Kohäsion neben anderen zu sehen sind. Christine Busler und Peter Schlobinski begreifen ,Ellipsen' als autonome syntaktische Formate, die aus einem Wissenspool von Sprechern aktiviert werden und deren jeweiliges Format sich unter syntaktischen, semantischen und pragmatischen Faktoren bestimmen läßt, ohne daß dabei auf maximal spezifizierte Strukturen zurückgegriffen werden muß. Susanne Uhmann geht in ihrem Beitrag zur Reparatursyntax der übergreifenden Frage nach, wie syntaktische und konversationelle Faktoren in die Beschreibung konkreter Phänomene zu integrieren sind. Sie zeigt auf, daß Reparaturen einerseits auf der Folie konversations analytischer Kategorien zu analysieren sind, andererseits das satzgrammatische Konzept des ,funktionalen Kopfes' für die Analyse eine zentrale Rolle spielt, was eine integrative Analyse erzwingt. Alexander Polikarpow zeigt am Beispiel von und, welche Polyfunktionalität mit diesem parataktischen Konnektor verbunden ist. Neben der Leistung, semantische Relationen herzustellen, erfüllt und eine textverknüpfende Funktion im Hinblick auf Parameter wie Dialogstruktur, Sprechökonomie, Subjektivität und Situationsabhängigkeit. Syntaktische Variation des spezifischen Geschehenstyps ,Weiterbewegen des Balls' in der Fußballberichterstattung ist Gegenstand der Untersuchung von Frank Jfugens. Die Analyse zeigt, daß neben klassischen Konstruktionen spezifische Nominalkonstruktionen gebraucht werden, die als Formatierung dieses semantisch-pragmatischen Musters auftreten. Gewissermaßen an der Schnittstelle zur Textlinguistik steht der Beitrag zur direkten Rede in Alltagskonversationen von Susanne Günthner. Günthner zeigt an vielen Beispielen auf, daß Redewiedergaben keineswegs allein mimetische Abbildungen einer Originaläußerung sind, sondern vielmehr als rhetorische Mittel zur Illustration vergangener, prospektiver, hypothetischer und fingierter Äußerungen und Dialoge fungieren. Helmuth Spiekermann geht in seinem Beitrag der Frage nach, inwieweit sog. ,Fehler' in der Fremdsprache Deutsch auf Interferenzen oder auf das gesprochene Deutsch zurückzuführen sind. Bei chinesischen Deutschlernern zeigt er, daß eine Reihe von ,Fehlern' sich als sprechsprachlich normaler Gebrauch interpretieren läßt.

Sämtliche Beiträge sind mehr oder weniger empirisch fundiert, wobei natürlich nur einzelne Aspekte Gegenstand der Analyse sein können. Es bleibt zu hoffen, daß zukünftig die Beschreibung grammatischer Phänomene in bezug zur gesprochenen Sprache eine größere Aufmerksamkeit durch konkrete, empirische Untersuchungen erfährt.

Zum Abschluß möchte ich Jan Berns dafür danken, daß er den Band Korrektur gelesen, die Textdatei korrigiert und die Feinformatierung vorgenommen hat.

Interessiert? Sie können das Buch vollständig und gratis herunterladen:

zum kostenlosen Download


Peter Schlobinski

Ihre Meinung

Kommentare zu dieser Seite