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Linguistik

Science-Fiction als Text- und Wortwelt

Cover des WörterbuchesWas unter Science-Fiction zu verstehen ist und welche Werke diesem Genre zuzuordnen sind, darüber herrscht in der Literaturwissenschaft Uneinigkeit. Der Begriff selbst setzt sich erst in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts durch, aber ein Datum wird als die Geburtsstunde der Science-Fiction im engeren Sinne gesehen: April 1926. In der ersten Ausgabe der Zeitschrift Amazing Stories publiziert Hugo Gernsback ein Manifest zur »scientifiction« und begründet – so auch der Titel seines Beitrags – »A New Sort of Magazine«. Die Wortkreuzung aus Science (Wissenschaft) und Fiction (lat. fictio = Einbildung, Annahme) spiegelt die konstitutiven Momente des Genres wider: literarische Verarbeitung wissenschaftlicher Sachverhalte, für Gernsback optimal im Mischungsverhältnis drei zu eins.

Literarische Gattungen und Genres aber werden »nicht aus dem Nichts erschaffen. Ihre Entstehung ist ein komplexer Prozess, in dem sich das neue Genre allmählich aus bestehenden Formen herausschält«. (Innerhofer 2008: 2) Auch wenn hier Traditionslinien über Mary Shelleys Frankenstein (1818) und Louis-Sebastièns Merciers Roman L’an 2440 (1771), Francis Bacons Nova Atlantis (1627) und Thomas Morus’ Utopia (1516) bis hin zum Prometheus- und Golem-Mythos gezogen werden können, so ist eine Fokussierung sinnvoll, und es lohnt ein Blick in die ersten Ausgaben von Amazing Stories, in denen unter anderem Geschichten von Jules Verne, H.G. Wells und Edgar Allen Poe wiederabgedruckt wurden. Es sind Geschichten von Autoren, die Gernsback als prototypische Vertreter der Science-Fiction ansah. Und dies zu Recht! Ist Jules Verne der Autor der Überbrückung der räumlichen Distanz (Von der Erde zum Mond 1974, frz. 1865; Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer 1875, frz. 1873), so H.G. Wells in dem Klassiker Time Machine (1895) der Autor der Überbrückung der zeitlichen Distanz (Zeitreise). Und Edgar Allen Poe? Neben der Kurzgeschichte The Unparalleled Adventure of One Hans Pfaall (1835), in der eine Ballonreise zum Mond geschildert wird, ist er der Autor des Grotesken und des Horrors. In der Geschichte Some Words with a Mummy (1845) wird eine Mumie durch Elektroschockbehandlung wiederbelebt: Neben der Aufhebung zeitlicher Begrenztheit wird kulturell Fremdes, der Mythos vom ägyptischen Totenkult, literarisch verarbeitet. Steht bei Verne die Technik im Vordergrund, bei Wells eher das utopische Moment, so bei Poe das Phantastische. Auf der Folie dieser Tradierungen, aber auch der Themen in der Gegenwart, kann Science-Fiction als technisch-utopisch-phantastische Literatur begriffen werden.

Von den Anfängen der Science-Fiction über das so genannte ›Goldene Zeitalter‹ in den USA vom Ende der 30er bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts, von der Pulp-Science-Fiction und der britischen ›scientific romance‹ bis hin zu Space Opera und Cyberpunk hat sich das Genre stark ausdifferenziert, sowohl bezüglich der Themen als auch der Formen. Dennoch scheint es eine Art prototypische Science-Fiction zu geben. In dieser stehen technologischer und sozialer Wandel und/oder naturwissenschaftliche Konzepte und Modelle im Vordergrund, die in utopische Szenarien extrapoliert werden. »Die Welt der Science-Fiction ist gleichzeitig dissonant und unvereinbar mit der Erfahrung des Lesers und dennoch bekannt; diese Entfremdung […] wird durch technische und soziale Erneuerungen verursacht, die prinzipiell möglich erscheinen, da sie in der Sprache der Wissenschaft und Technologie beschrieben werden.« (Weber 2005: 8)

Von dem Philosophen Hans-Georg Gadamer stammt der schöne Satz: Erst mit der Sprache geht die Welt auf. Dies gilt für die Konstruktion fiktionaler Welten zumal. Indem durch die Sprache der Zugang zu Textverstehen und Denken erfolgt, kommt dem Verstehen von Begriffen, der Deutung von Wörtern eine Schlüsselrolle zu. Wie etwas ausdrücken, dass ein so gründliches Verstehen bezeichnet, dass der Beobachter zu einem Teil des Beobachteten wird und beide verschmelzen‹? Robert A. Heinlein prägt in seinem Roman Fremder in einer fremden Welt (2002) für dieses marsianische Konzept den Begriff groken (in Kapitälchen gesetzte Begriffe sind in das Lexikon aufgenommen). Wie die Fähigkeit ausdrücken, von zwei einander widersprechenden Ansichten zugleich vollkommen überzeugt zu sein? In George Orwells Roman 1984 wird hierfür der Begriff Doppeldenk bzw. Zwiedenken eingeführt. Oder umgekehrt: Was versteht man unter einem Sophonten oder Droiden? Was ist ein Skip-Antrieb und was kann man unter davondopplernverstehen?

Science-Fiction-Texte weisen unterschiedliche Sprachschichten und -register auf, es gibt Fachtermini, Wortneuschöpfungen, bekannte Wörter mit neuen Bedeutungen, und neben den Wortkomponenten spielt immer der Kon- und Kotext eine wichtige Rolle.

Zur Bedeutung von Wörtern in Science-Fiction

Die Lektüre eines Science-Fiction-Textes kann selbst von einem geübten Leser als Herausforderung empfunden werden. Die zahlreichen Wortneubildungen des Genres, also Wörter, denen der Leser nicht von vornherein eine Bedeutung zuweisen kann, mögen dafür nicht allein ausschlaggebend sein, aber ganz sicher haben sie daran einen erheblichen Anteil. Prinzipiell ist es durchaus möglich, einen Science-Fiction-Text ohne eine einzige Wortneubildung zu schreiben, doch in der Praxis ist es schwierig, entsprechende Beispiele zu finden. Wortneubildungen sind eben doch von besonderem Gewicht als ein sprachliches Mittel, »which allows idea to become flesh«. (Eckert/Thurnbull 1983: 168) Wie ausgiebig dieses Mittel für die Gestaltung eines Textes genutzt wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Es gibt ausgesprochen wortbildungsfreudige Autoren, wie zum Beispiel Stanislaw Lem, der zwar vorgibt, sich in dieser Beziehung »auf die durch den Kontext bewirkte artikulatorische Notwendigkeit« (Lem/Beres 1985: 141) zu beschränken, dessen Texte die Lust am Spiel mit dem Wort aber geradezu mit Händen greifbar machen. Ein näherer Blick zeigt jedoch, dass auch Lem dieser Lust nicht ungezügelt freien Lauf lässt. So gesehen setzt die artikulatorische Notwendigkeit zumindest doch gewisse Grenzen. Eine wahre Explosion der Wortbildungskreativität vollzieht sich in Texten mit humoristischem oder parodistischem Charakter und ganz besonders dort, wo Lem seinen Leser dem jeweiligen Protagonisten über Seiten hinweg beim Studium fiktiver Enzyklopädien, Abhandlungen, Streitschriften und dergleichen mehr über die Schulter schauen lässt. Ernstere Texte, zum Beispiel »Solaris« (poln. 1961), sind in dieser Hinsicht sparsamer. Wie bei anderen Autoren, die unter Umständen keine so ausgeprägte Vorliebe dafür haben, richtet sich die Bildung neuer Wörter also auch bei Lem zumindest grundsätzlich nach Bedingungen übergreifender literarischer Gestaltungsabsichten.

Dem Leser von Science-Fiction muss es also nicht zwangsläufig so ergehen wie Ijon Tichy, Lems Helden in den »Sterntagebüchern« (poln. 1968) und in »Lokaltermin« (poln. 1982), nach einem arbeitsreichen Tag in der Bibliothek des Genfer Instituts für Geschichtsmaschinen: »Promvilen (Prothesen des Milden Verhaltens), Ethifizierung der Umwelt und deren antisophische Verseuchung, Furialspeicherbomben, Brustschutzbunker, Entlüster, Deterrogenate(Terrorschwundpräparate), Mamalen, Antibrüder, Schwiegerfangnischen, Maulaffizialien, Buhlanzen – solche und tausend andere ebenso rätselhafte Begriffe wirbelten wie ein Mahlstrom durch mein unglückliches Gehirn.« (Lem 1986a: 81) Es fragt sich allerdings auch, wie wichtig es aus Sicht des Lesers ist, jedes Wort in einer Passage wie dieser mit einem Sinn erfüllen zu können, zumal dies ohne bewusste, den Lesefluss unterbrechende interpretatorische Arbeit kaum möglich sein dürfte und im Einzelfall auch nicht zu befriedigenden Ergebnissen führen muss. Natürlich dient die Konzentration von Worträtseln in dieser Passage bei Lem dazu, genau diese Tatsache zu illustrieren, der Leser ist deshalb nicht dazu aufgerufen, in jedem Fall eine fundierte Bedeutungshypothese aufzustellen. Das betrifft in ähnlicher Weise auch andere Wortneubildungen der Science-Fiction. Oft tauchen diese nur an einer einzigen Stelle in einem Text in einem Nebensatz auf und sollen vielleicht gar nicht mehr bewirken als den momentanen Eindruck des Besonderen. Sofern der Leser die Komponenten eines solchen Wortes kennt und der Kontext zusätzliche Hilfestellung bietet, kann er ihm schnell und ohne großen Aufwand eine Bedeutung zuweisen. Wenn in einem Text zum Beispiel von menschenähnlichen Robotern die Rede ist, dürfte es dem Leser kaum schwer fallen, en passant Wörter wie Stahlschultern oder Metallarme mit aufzunehmen. Sind die Interpretationsbedingungen weniger günstig, kann der Leser unter Umständen einfach über solche Wörter hinweglesen, was auf die Promvilen, Furialspeicherbomben usw. durchaus zutreffen mag. Zumindest kann zu Neubildungen der Science-Fiction häufig nur eine relativ allgemeine und vage Bedeutung angegeben werden. Stößt der Leser des bereits genannten Romans »Lokaltermin« in einem diplomatischen Schreiben vom Planeten Entia auf das Wort Khurlandien, dürfte es sich für ihn um einen Ländernamen handeln, der, in einer schwierigen Passage voller neu gebildeter Wörter, damit zunächst auch ausreichend interpretiert ist.

In neue Bezüge gerät dieses Wort erst, wenn der schon vorgestellte Ijon Tichy und mit ihm der Leser etwas später Bekanntschaft mit den Kurdeln und damit auch den kulturellen Besonderheiten Khurlandiens schließt. Dessen Einwohner bewohnen die Kurdel, große, saurier- oder drachenähnliche Tiere. Diese eigentümliche Lebensweise wird im weiteren Textverlauf breit entwickelt, allerdings nicht kontinuierlich, sondern unterbrochen durch anderweitige Teilstränge der Darstellung, so dass sich erst nach und nach ein immer detaillierteres Gesamtbild ergibt. Immer wieder kommt in diesen Zusammenhängen das Wort Kurdel vor, so dass der Leser allmählich eine feste und klar konturierte Vorstellung davon gewinnt, was es bedeutet, auch dann, wenn es als Bestandteil weiterer Wortneubildungen im Text erscheint, zum Beispiel in Kastellkurdel, Wolkenkratzkurdel oder eben – rückbezüglich – Khurlandien. Kurdel erweist sich als ein Schlüsselwort des Romans und ist dem Leser zumindest für die Dauer dieser Lektüre bald fast so vertraut wie ein völlig geläufiges Wort.

Dies ist sicher die anspruchsvollere Art, hinter die Bedeutung eines neu gebildeten Wortes zu kommen und damit ein Stück weit in eine fiktionale Welt hineinzuwachsen. Es kommt aber auch vor, dass der Autor seinen Leser stärker bei der Hand nimmt und ihm die Bedeutung eines neuen Wortes explizit erklärt, oder genauer, eine solche Erklärung seinem Erzähler oder einer Figur im Text in den Mund legt. So erläutert in Paul Erhardts Roman »Nachbarn im All« (1975) Fu, ein Wissenschaftler vom Planeten Sirter, was Mnemosonen sind: »Mnemosonen sind frei werdende Denkkorpuskeln oder Informationsquanten hochorganisierter Materie, die als organische Lebensform bereits das Niveau von Bewußtseinsvorgängen erreicht hat.« (Ehrhardt 1975: 91f). Damit ist eine Definition gegeben, die einen hochspekulativen Sachverhalt im ehrwürdigen Gewand wissenschaftlicher Fachsprache präsentiert, auch wenn der Leser in diesem Fall für weitere Hintergrundinformationen durchaus dankbar sein mag – Informationen, die uns Herr Fu auch keineswegs vorenthält. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf den Eintrag zur Gedankenreise,Kapitel »Raumschiffe/Transportmittel«, im vorliegenden Lexikon.

Wortneubildungen in einem Text können also, wie sich gezeigt hat, unterschiedliches Gewicht für dessen Gesamtverständnis durch den Leser haben, in unterschiedlichem Maß semantisch erschließbar sein und darüber hinaus vielfältige Beziehungen untereinander stiften, eben wenn sie zum Beispiel als Konstituente weiterer Neubildungen auftreten. Damit sind sie in ihrem Wirkungskreis zunächst auf die Lektüre dieses einen Textes beschränkt. Manche von ihnen bleiben dem Leser vielleicht trotzdem in Erinnerung, weil sie besonders wichtig oder beziehungsreich, vielleicht auch komisch oder originell sind. Andere sind noch während der Lektüre oder post textum schnell vergessen. Nur wenigen Wortneubildungen der Science-Fiction war es vergönnt, diesen einzeltextgebundenen Wirkungskreis zu überschreiten. So weiß der geübte Leser von Science-Fiction – und vielleicht nicht nur dieser –, was beispielsweise ein Cyborg, ein Android oder ein Humanoid ist. Wörter wie Roboter, Zeitmaschine und Marsmensch sind erst recht zu sprachlichem Gemeingut geworden. Tauchen Wörter wie diese in einem Science-Fiction-Text auf, ist deshalb meist schon ein entsprechendes Konzept abrufbar. Dieses bleibt auch dann noch Interpretationsgrundlage, wenn Autoren originellere Zweitbenennungen finden: Auch ein Biaioid ist ein Cyborg, auch ein Chronorch eine Zeitmaschine.

Dass die Lektüre von Science-Fiction anspruchsvoll sein kann, hat, bezogen auf die Wortebene, oft noch eine andere Ursache: Fachwörter, die in Expertenkreisen zwar mehr oder weniger selbstverständlich gebraucht werden, darüber hinaus aber kaum bekannt sind. Anleihen etwa bei spekulativen Zweigen der Physik transportieren unbekanntes Vokabular und mit ihm Ideen, die ohne entsprechendes Hintergrundwissen von reiner Science-Fiction – in nichtliterarischen Zusammenhängen auch ein Synonym für besonders gewagte Spekulation – kaum zu unterscheiden sind. Aus Sicht des Lesers ist es in solchen Fällen oft unerheblich, ob ein ihm unbekanntes Wort eine Erfindung des Autors ist oder im Rahmen einer wissenschaftlichen Theorie tatsächlich Verwendung findet. Ein echter Grenzgänger ist zum Beispiel das Wurmloch, auch unter so klangvollen Bezeichnungen wie Einstein-Rosen-Brücke oder Kerr-Tunnelanzutreffen: Obwohl das Wort im Zusammenhang mit der Allgemeinen Relativitätstheorie entstand, mutet das, was es bezeichnet, nach wie vor so phantastisch an, dass es fast automatisch mit Science-Fiction in Verbindung gebracht wird. (Vgl. auch den Eintrag Wurmloch, Kapitel »Raum und Kosmologie«, im vorliegenden Buch.) Und um noch einmal den schon zitierten Wissenschaftler vom Planeten Sirter zu bemühen: »Die zentrifugale Fazilität ist die Gegengröße zu der Ihnen bekannten zentripedalen Gravitation.« (Ehrhardt 1975: 93) Und da sage noch einer, Science-Fiction sei nur auf vordergründige Unterhaltung aus.

Der spezifische Charakter von Science-Fiction kann sich schließlich darin äußern, dass gerade das Bekannte und Vertraute neue Züge annimmt. Das gilt auch für den geläufigen Wortschatz. Ein Anachronismus ist etwas, was nicht in seine Zeit passt. In Wolfgang Jeschkes Roman »Der letzte Tag der Schöpfung« (1981) erscheint das Wort auch mit dieser Grundbedeutung, doch wird diese zugleich wesentlich spezifiziert. Ein Anachronismus ist bei Jeschke ein archäologischer Fund, der nicht erklärbar ist, weil das betreffende Objekt – zum Beispiel ein Militärjeep – erst seit kurzer Zeit existiert, sein Zustand jedoch darauf hindeutet, dass es sich bereits seit Millionen von Jahren in der Erde befindet. In der fiktionalen Welt des Textes hat das Wort Anachronismus einen Prozess der Terminologisierung durchlaufen, der es semantisch verändert, so dass es dem Leser vertraut und fremd zugleich erscheinen kann.

Wie neue Wörter in Science-Fiction-Texten gebildet werden

Neue Wörter in Science-Fiction-Texten dürften in vielen Fällen spontanen Einfällen eines Autors während der Textproduktion entspringen, echte Okkasionalismen, also Gelegenheits- oder Augenblicksbildungen. In anderen Fällen werden sie, wie Selbstzeugnisse von Autoren verraten, sorgfältig geplant, bevor die erste Zeile eines Textes geschrieben ist. Wann[]ein neues Wort gebildet wurde, ist ihm in der Regel nicht mehr anzusehen. Wie es gebildet wurde, dagegen schon, was nicht heißt, dass alle damit verbundenen Überlegungen und Hintergründe greifbar wären. Vielmehr lassen sich grundlegende Verfahren identifizieren, mit deren Hilfe neue Wörter erzeugt werden. Mit der semantischen Umdeutung bekannter Wörter ist ein solches Verfahren bereits genannt worden.

Ein weiteres besteht darin, sich, allenfalls begrenzt durch lautliche Kombinationsbeschränkungen einer Sprache, völlig neue Wörter bzw. Wortwurzeln einfallen zu lassen. Dieses Verfahren wird auch als Wortschöpfung bezeichnet. Zum Beispiel ist Larry Niven nach eigener Aussage auf diesem Weg zu seinem Tasp gekommen. (vgl. Niven 1976) Bezeichnungen für fremde Lebensformen oder Planeten sind oft ebenfalls Wortschöpfungen. Sehr viel geläufiger sind jedoch die Mittel der Wortbildung. Der Unterschied zur Wortschöpfung besteht darin, dass Wortbildung auf der Grundlage bereits vorhandenen Sprachmaterials operiert und dieses in neue Zusammenhänge bringt, in den meisten Fällen durch Kombination. Die mit Blick auf Science-Fiction wichtigsten Strukturmuster der Wortbildung sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden. Da die Terminologie der Wortbildungslehre nicht immer einheitlich ist, sei darauf hingewiesen, dass sie sich hier, wie auch an anderen Stellen dieses Buches, an der Einführung in die »Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache« von Wolfgang Fleischer und Irmhild Barz (1992) orientiert.

  • Wie auch sonst in der deutschen Gegenwartssprache, sind die meisten Wortneubildungen der Science-Fiction Komposita, genauer gesagt Determinativkomposita, die zumindest vom Prinzip her aus ursprünglich eigenständigen Konstituenten zusammengesetzt sind, wobei eine Konstituente die andere näher bestimmt. Konstituenten sind überwiegend einfache oder auch schon in sich komplexe Wörter (Insektenwaffe, Raubkartoffel, Hochgeschwindigkeits-Axial-Flug). Eine große Rolle spielen auch die so genannten Konfixe, Wortbildungselemente meist fremdsprachiger Herkunft, die eine relativ konkrete Bedeutung haben, jedoch nicht isoliert auftreten (zum Beispiel als Erstglied in Astro|navigationscomputer, Bio|ware, Krypt|ware, in Chrono|naut sogar als Erst- und Zweitglied). In Komposita ebenfalls produktiv sind Kurzwörter (V-Tank, GUT-Schiff).

  • Ein zweites zentrales Verfahren ist die Derivation, auch als Ableitung bekannt. Neue Wörter entstehen hier durch das Hinzufügen nicht selbstständiger Wortbildungselemente (Affixe) zu einer Derivationsbasis. Je nach ihrer Position zur Basis werden die Affixe in Präfixe, Suffixe und Zirkumfixe eingeteilt. Einige der produktivsten Präfixe in der Science-Fiction sind fremdsprachigen Ursprungs (Hyper|antrieb, Super|computer, Mega[]|frachter, Ultra|antrieb, Anti-|Welt). Einheimische Präfixe liegen in un|astronautisch und Ur|atomistik vor. Die Produktivität der Suffixe spiegelt generelle Tendenzen der deutschen Gegenwartssprache wider (Land|er, Fischwerd|ung, Roboter|in, Flenser|ist, Bleich|ling. Eher genrespezifisch sind die Suffixe -or und -oid (Lumin|or, Arachn|oid). Zirkumfixe wie Ge-/-e (Ge|sing|e) sind in der Science-Fiction kaum produktiv.

  • Eine Konversion liegt vor, wenn ein Wort, von eventuell hinzutretenden oder wegfallenden Flexionsmorphemen abgesehen, ohne Formveränderung in eine andere Wortklasse wechselt (Adjektiv wabbelig > Substantiv die Wabbeligen, Numerale dritt(e/es) > Substantiv das Dritt, Pronomen ich > Substantiv der Ich).

  • Ebenfalls produktiv ist die Wortkreuzung (auch Kontamination, Blending): Zwei Konstituenten werden miteinander verschränkt bzw. übereinandergeblendet, was auf den ersten Blick nicht immer leicht aufzulösen ist (Stirche aus Staat + Kirche), manchmal vielleicht gar nicht auffällt (Milchstrassenverkehrsordnung aus Milchstraße + Straßenverkehrsordnung), beim Leser aber doch immer wieder Aha-Effekte erzeugen kann (Löger aus Löwe und Tiger).

  • Von großer Bedeutung ist schließlich die Kurzwortbildung: Aus einer Langform wird ein Bestandteil herausgelöst (unisegmentales Kurzwort) oder mehrere Bestandteile werden neu kombiniert (multisegmentales Kurzwort). Zur ersten Gruppe gehören Kopfwörter (Schimp aus Schimpanse) sowie Schwanzwörter bzw. Endformen (CON aus MEWACON), zur zweiten Gruppe Initialwörter (PIZ aus Pariser Ideogenetische Zentrale), Silbenwörter (Komsat aus Kommunikationund Satellit) und Klammerwörter (Indist aus Indifferentist). Eine besondere Form sind ›homonymenbildende Kurzwörter‹ (Begriff nach Bellmann 1980), die formal einem bekannten Wort entsprechen, was oft die Konstruktion eigens daraufhin angelegter Langformen erfordert und zu humoristischen oder anderweitigen Kontrasten zwischen Kurzwort und Homonym führen kann (TROTTEL aus Telechronisches Trottoirsystem, Hohn aus Hohes Komitee der Nationen, Ratteaus Realpolitik auf Terra).

Science-Fiction-Autoren greifen oft auf bestimmte Wortbildungsmodelle zurück, die sich als ökonomische und flexibel einsetzbare Lösung bewährt haben, um ähnlich gelagerte Bezeichnungsbedürfnisse zu erfüllen. Entsprechende Wortbildungen erhalten so ein genretypisches Gepräge. Beispiele sind die zahlreich belegten Komposita mit Erstgliedern wie Raum- (Raumpirat), Zeit- (Zeitfalle), Raum-Zeit-(Raum-Zeit-Wirbel), Roboter-, Robot[]- oder Robo-(Roboterarmee, Robotdiener, Robobutler), cyber- bzw. kyber-(Cyberspace, Kybergraf), Chrono- (Chronokanone) oder die schon erwähnten Bildungen mit Wortelementen wie hyper-, mega-, super-, -or oder -oid. Doch Science-Fiction wäre nicht Literatur, wenn solchermaßen erprobte und immer wiederkehrende Bildungsmuster nicht gelegentlich auch selbstironisch auf die Spitze getrieben würden. Was etwa ist mega am Arkturanischen Mega-Eselspüree?Darüber hinaus finden sich viele Bildungen, die weniger gebräuchlichen Mustern folgen. Zum Beispiel werden Wortbestandteile miteinander kombiniert, weil sie ähnlich klingen, was einer Neubildung einen reduplizierenden Charakter verleiht (Spin-Spinne, SimStim-Deck, Stimsim), es entstehen überlange Bildungen aus manchmal kaum noch klassifizierbaren Elementen (30-Megatöt-Definit-Kill-Photrazon-Kanone), vereinzelt Palindrome, Wörter, die von hinten wie von vorn gelesen werden können (Chronorch). Auch die schon angesprochenen Wortkreuzungen und homonymenbildenden Kurzwörter sind geeignete Mittel, auffällige, originelle und beziehungsreiche Wörter zu erzeugen. Sämtliche Möglichkeiten, Sprachmaterial zu manipulieren, werden genutzt, was Science-Fiction-Texte auch in dieser Hinsicht zu einer reichen Fundgrube macht. Manch eine Bildung fordert linguistische Klassifikationsraster geradezu heraus: Mapsynth steht für synthetische Psychomasse, eine Substanz, die zu enormen, die Kapazität jedes menschlichen Gehirns weit übersteigenden Rechenleistungen fähig ist. Es handelt sich um ein Kurzwort (synthetische Psychomasse), wobei die Elemente der Langform in umgedrehter Reihenfolge kombiniert und Psy- und synth- zusätzlich gekreuzt sind. Als eine Art Wortkreuzung erweist sich aber auch Mapsynth als Ganzes, steckt doch der Absinth darin – dies nun eine Substanz, die Rechenleistungen eher abträglich sein dürfte.

Das Beispiel synthetische Psychomasse illustriert schließlich eine letzte Form von Neubildungen, die in diesem Zusammenhang angesprochen werden soll, zumal sie für die Erstellung des vorliegenden Lexikons ebenfalls von Interesse war. Gemeint sind zweigliedrige Fügungen, in der Regel aus einem Adjektiv und einem Substantiv, wobei die einzelnen Bestandteile nicht neu gebildet sein müssen, die Fügung als Ganzes jedoch einen neuen, feststehenden Begriff ergibt, der wie ein Einzelwort gebraucht wird. Fügungen dieser Art sind in wissenschaftlichen oder technischen Fachtexten keine Seltenheit und treten auch in der Science-Fiction oft in der Funktion fiktiver Fachwörter auf, wie zum Beispiel das Antitemporale Gezeitenfeld, die chronotropischen Sensoren oder das Halbdurchlässige Null-Gravitationstor.

Basis und Aufbau des Lexikons

Die Materialbasis des vorliegenden Lexikons speist sich aus verschiedenen Quellen. Im Rahmen zweier Seminare zur Sprache der Science-Fiction im Wintersemester 2005/06 an der Universität Bielefeld und im Sommersemester 2006 an der Leibniz Universität Hannover haben Studierende Prosatexte der Science-Fiction auf Wortneubildungen hin ausgewertet und diese nach einem vorgegebenen Analyseraster weiter untersucht. Zusammengekommen ist auf diese Weise ein Wortkorpus von mehr als 15.000 Einträgen, aus denen wir für die Erstellung des Lexikons eine sinnvolle Auswahl zu treffen hatten. Diese Materialgrundlage haben wir durch eigene Lektüre und Sammelarbeit fortlaufend ergänzt. Ausgewertet wurden außerdem Wortlisten im Internet, zum Beispiel zu Reihen wie Perry Rhodan oder Star Trek. Diese sind im Literaturverzeichnis als Sekundärquellen aufgeführt. Schließlich haben wir einzelne Wörter aus Filmen und Fernsehserien in das Lexikon aufgenommen.

Die Auswahl der zugrunde liegenden Texte repräsentiert einen breiten Querschnitt des Genres. Frühe Autoren wie Jules Verne, H.G. Wells oder Hugo Gernsback sind ebenso vertreten wie aktuelle Vertreter der Science-Fiction, etwa Charles Stross, Justina Robson, Alastair Reynolds oder Adam Roberts. Repräsentiert sind die wichtigsten Subgenres der Science-Fiction: die berühmten Dystopien des 20. Jahrhunderts von George Orwell, Aldous Huxley und Jewgenij Samjatin, die naturwissenschaftlich-technisch ausgerichtete Hard SF, etwa durch Hal Clement oder Stephen Baxter, die New Wave durch J.G. Ballard oder Thomas M. Disch, der Cyberpunk durch Autoren wie William Gibson oder Bruce Sterling, parodistische Science-Fiction durch Douglas Adams. Diese Aufzählung zeigt schon, dass es sich bei den ausgewerteten Texten oft um Übersetzungen handelt, die Neubildungen also, wenn sie aus dem Original nicht unverändert übernommen wurden, streng genommen Nachbildungen durch die jeweiligen Übersetzer sind. Wo es wichtig erschien und sie uns zugänglich war, haben wir Hinweise auf die Originalform eines Wortes in die Einträge unseres Lexikons aufgenommen. Einen Schwerpunkt bildet englischsprachige Science-Fiction, die auf das Genre immer eine besondere Ausstrahlung gehabt hat, vertreten sind jedoch auch Autoren anderer Literaturen, so aus Russland, Polen, Ungarn, Frankreich, Norwegen, Schweden oder Argentinien. Deutschsprachige Science-Fiction haben wir bei der Textauswahl in besonderer Weise berücksichtigt. Das reicht von den frühen Zukunftsromanen von Kurt Laßwitz oder Hans Dominik über Wolfgang Jeschke oder auch Science-Fiction aus der DDR, vertreten zum Beispiel durch Erik Simon, Wolfram Kober, Günther Krupkat oder Johanna und Günter Braun, bis hin zu wichtigen Autoren der Gegenwart, wie Wolfgang Eschbach und Andreas Brandhorst.

Als Lemmata für die Einträge unseres Lexikons haben wir in erster Linie solche Wörter ausgewählt, die für den jeweiligen Quellentext besonders wichtig oder aussagekräftig sind, genretypische Motive benennen oder charakteristischen Wortbildungsmustern des Genres folgen, darüber hinaus aber auch Wörter, die den Einfallsreichtum von Science-Fiction-Autoren in seiner ganzen Breite anschaulich werden lassen. Viele Einträge enthalten weitere, auf die Lemmata bezogene Neubildungen, so dass insgesamt eine breite Materialbasis präsentiert werden kann. Alle Neubildungen sind am Ende des Bandes in einem alphabetischen Register aufzufinden und im Text in Kapitälchen gesetzt.

Die Lexikoneinträge sind thematisch geordnet. Die Themen spiegeln zentrale Darstellungsbereiche der Science-Fiction wider und wurden vergleichsweise offen formuliert, um die Zuordnung der Einträge flexibel handhaben und größere Zusammenhänge sichtbar machen zu können. In Einzelfällen mussten wir uns für die Zuordnung zu einem bestimmten Themenbereich entscheiden, obwohl eine andere Zuordnung ebenfalls plausibel gewesen wäre. Insgesamt hat sich die Aufgliederung der Themenbereiche im Verlauf der Arbeit an dem Lexikon aber bewährt.

Der Aufbau der Lexikoneinträge ist überwiegend nach einem festen, im Anschluss kurz erläuterten Grundschema gestaltet. Hier zunächst ein Beispiel:

Chronotron [gr. chronos = Zeit + -tron, analog zu Synchrotron = ein Teilchenbeschleunigertyp] Gerät, mit dem unter großem Energieaufwand künstliche Schwerefelder hergestellt werden können, die den Transport von Menschen und Material in die Vergangenheit bewirken. Das Ch. erzeugt ein Kafu-Feld, eine Gravitationsanomalie (auch Gravitations-, Energieblase), die eine Masse in ihrem Zentrum aus dem bekannten Universum ausstößt und damit in der Zeit beweglich werden lässt. Der Zielzeitsektor eines Transports kann zwar recht genau berechnet werden, unterliegt aber dennoch einer chronotronischen Streubreite, die dazu beiträgt, dass das -> Unternehmen Westsenke (Kultur) außer Kontrolle gerät. (Jeschke 2005)

  • Viele Einträge bieten im Anschluss an das in Kapitälchen gesetzte Lemma, in diesem Fall Chronotron, in eckigen Klammern Auskünfte über die Bedeutung und den Ursprung von Wortkonstituenten, soweit diese wenig gebräuchlich, mehrdeutig oder selbst neu gebildet sind. Wir haben nicht jede Zwischenstation aufgeführt, die ein Wort oder Wortbestandteil auf seinem Weg etwa vom Griechischen oder Lateinischen ins Deutsche möglicherweise genommen hat, denn das vorliegende Lexikon kann und soll ein etymologisches Wörterbuch nicht ersetzen.

  • Die eckigen Klammern umfassen außerdem bei einer Reihe von Einträgen Informationen zur Bildungsweise. So wird zu Kurzwörtern die jeweilige Langform angegeben, zu Wortkreuzungen werden die einzelnen Bestandteile isoliert aufgeführt, wie im Fall von Chronotronschließlich auch Hinweise auf Musterwörter gegeben, die einer Neubildung als Vorbild gedient haben können, sofern entsprechende Analogien mit einiger Sicherheit feststellbar waren.

  • In den Einträgen folgt die Bedeutungserklärung zum Lemma, gegebenenfalls auch eine weiterführende Einordnung des betreffenden Wortes oder des dahinter stehenden Sachverhalts.

  • Querverweise zu anderen Einträgen ermöglichen es dem Leser, größere Zusammenhänge in einem Text nachzuvollziehen. Beziehen sich Querverweise aufeinen Eintrag in einem anderen thematischen Kapitel, wird dieses durch einen Kurztitel in Klammern kenntlich gemacht. So erscheint das Chronotron als Version der Zeitmaschine im Kapitel »Zeit und Zeitreisen«, das Unternehmen Westsenke, welches durch den Bau des Chronotrons technisch ermöglicht wird, steht in übergreifenden politischen Bezügen und wurde deshalb in das Kapitel »Kulturen/Gesellschaftsformen/
    Lebenswelten« (Kurztitel »Kultur«) aufgenommen. Bei Querverweisen innerhalb eines thematischen Kapitels entfällt der Kurztitel.

  • Häufig wird im Anschluss an die Bedeutungserklärung eine aussagekräftige Belegstelle zitiert, um die Wirkung des betreffenden Wortes für den Leser besser nachvollziehbar zu machen.

  • Am Ende des Eintrags erscheint die Quellenangabe. Die Zahlenangabe bezieht sich auf das Erscheinungsjahr der von uns genutzten Ausgabe eines Textes. Das Jahr der Erstveröffentlichung und gegebenenfalls die Sprache des Originals sind dem Literaturverzeichnis zu entnehmen.

  • Im alphabetischen Register am Ende des Bandes erscheint das Lemma mit dem Kurztitel des jeweiligen thematischen Kapitels, in diesem Fall: Chronotron (Zeit). Weitere Neubildungen werden unter Verweis auf das dazugehörige Lemma aufgeführt, zum Beispiel: Kafu-Feld -> Chronotron (Zeit).

Einzelne Einträge weichen von diesem Grundschema ab. Zum Beispiel waren einige Wörter in mehreren Quellentexten auffindbar. Die verschiedenen Belege wurden dann in einen gemeinsamen Eintrag integriert. Zu allgemein bekannten Wörtern wie zum Beispiel Roboterhaben wir auf die Angabe von Belegen in unseren Quellentexten verzichtet und stattdessen Herkunft und Bedeutung grundsätzlich erläutert. Auch darüber hinaus konnten wir insbesondere zu ursprünglich englischen Wörtern in einigen Fällen den originalsprachigen Erstbeleg ermitteln. Das Oxford English Dictionary (in den Einträgen kurz OED) hat sich in diesem Zusammenhang als wertvolle Hilfe erwiesen.

Ausdrücklich bedanken möchten wir uns bei allen Studierenden der Universität Bielefeld und der Leibniz Universität Hannover, die durch ihre engagierte Mitarbeit in den angesprochenen Seminaren das Entstehen des vorliegenden Lexikons erst möglich gemacht haben. Bedanken möchten wir uns bei Alexa Mathias, die uns wertvolle Hinweise zu den Einträgen gegeben und vor allem die Herkunft vieler Wortelemente aufgeklärt hat, sowie bei Christof Goldhammer, der das Wortregister erstellt und uns bei der Formatierung der Druckvorlage geholfen hat.

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