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Orthografie

Tipps für korrekte Rechtschreibung

Vermaiden Sie Fehla! Unsere Rechtschreibexperten Christina und Torsten Siever (correctura.com) räumen häufige Rechtschreibfehler auf leichte Weise aus und klären über typische Zweifelsfälle auf. – Sie haben eine Frage zur Orthografie? Schreiben Sie ihr an orthografie@mediensprache.net.

  • Kongruenz
    Flaschen, die von der Form her einander passend ergänzen»Am letzten Wochenende gab es in Düsseldorf eine große Demonstration, an der sich eine Viertelmillion Menschen beteiligten.« Stimmt gar nicht? Gut bemerkt! Denn das Subjekt im Nebensatz (eine Viertelmillion Menschen) ist nicht mit dem Verb (beteiligten) kongruent. Unter Kongruenz versteht man die formale Übereinstimmung (in Kasus, Numerus, Genus und Person) zusammengehörender Teile im Satz; in diesem Fall ist der Numerus (Singular oder Plural) betroffen. Zwar handelt es sich bei einer Viertelmillion Menschen auf semantischer Ebene um sehr viele Personen. Doch in grammatischer Hinsicht steht das Subjekt im Singular, denn der Kern des Subjekts ist eine Viertelmillion. Dass es sich um Singular handelt, erkennt man einerseits am Zahlwort eine, andererseits daran, dass Viertelmillion nicht die Pluralendung -en trägt. Zur Verwirrung bei der Wahl des Numerus beim Verb trägt bei, dass das Attribut Menschen im Plural steht, doch der Kern des Subjekts ist ausschlaggebend. Entsprechend heißt es auch »Eine große Gruppe unternehmungslustiger Seniorinnen wanderte durch das Maggiatal« und eben nicht wanderten, da der Kern des Subjekts eine große Gruppe im Singular steht – auch wenn die Gruppe groß ist. Der umgekehrte Fall liegt vor bei: »Die USA erheben Importzölle auf deutsche Marmelade.« Das Kurzwort USA steht für United States of America, zu Deutsch Vereinigte Staaten von Amerika. Aus diesem Grund muss das Verb hier im Plural stehen. Inhaltlich hingegen dürfte Inkongruenz vorliegen: Die Mehrheit aller US-Marmeladenfreunde dürfte mit Trumps Strafzöllen wenig kongruent gehen. (21.09.2020)
  • Verbindung unerwünscht
    Stari Most – das in den Jugoslawienkriegen zerstörte Wahrzeichen in Mostar (Bosnien-Herzegowina)Mit der Bezeichnung Schwarz-Weiß-Seher wird in der Regel nicht auf Zuschauer alter Filme verwiesen, sondern auf Menschen mit einer wenig bis undifferenzierten Sichtweise. Üblicherweise handelt es sich bei mit Bindestrichen verbundenen Adjektiven allerdings um ein Sowohl-als-auch: Die Adjektivkomposita süß-sauer und rot-weiß etwa verweisen bei Speisen darauf, dass sie ebenso süß wie sauer bzw. sowohl rot als auch weiß sind (so bei Pommes frites mit Ketchup und Mayo). Für eine freundschaftlich-entspannte Atmosphäre gilt dies ebenso wie für eine deutsch-schweizerische Familie, deren Mitglieder aus Deutschland und der Schweiz stammen. Doch welche Herkunft hat das Nationalgericht eines zurückliegenden Tipps, die Ćevapčići? ― Die sich hier auftuende Fallgrube geht auf politische Zustände zurück: die postjugoslawische Zeit. Wer zu serbokroatisch greift, kann sich eines Grubensturzes sicher sein, weil damit eine (ehemalige?) Sprachgemeinschaft bezeichnet – und hier unabhängigkeitsstrebend nun eher von Bosnisch, Kroatisch, Serbisch etc. gesprochen – wird, die es politisch seit 1991 nicht mehr gibt. Ein Bindestrich in serbo-kroatisch würde nur optisch die gewünschte Grenze ziehen, denn das auslautende -o könnte als Unterordnung statt Nebenordnung gedeutet werden, weshalb es für die traditionelle Sprachklassifikation neben Serbokroatisch jüngst auch Kroatoserbisch gibt. Damit sollte serbisch-kroatisch der Vorzug gegeben werden; politisch (hyper-)korrekt wäre eine vollständige Aufhebung der Wortverbindung: Ćevapčići sind eine kroatische und serbische Spezialität (alphabetisch). Wer nun politisch inkorrekt spottet: »Kindergarten!«, sollte sich im Deutschen umhorchen. Auch hier gibt es ein (moderates) sprachliches Unabhängigkeitsbestreben: Deutsch werde in Deutschland gesprochen, in Österreich hingegen Österreichisch. Damit fordern Einige, was in Luxemburg mit Luxemburgisch – einem Ausbaudialekt mit eigener Orthografie – bereits fortgeschritten umgesetzt ist. (14.09.2020)
  • Fast alle Einwohner*innen korrekt bezeichnet
    Plakat der Firma Galaxus am Bahnhof TurgiDer größte Onlinehändler der Schweiz bzw. einer seiner beiden Onlineshops wirbt seit August 2019 mit dem Claim »Fast alles für fast jede*n.« Ende August 2020 nun hat das Unternehmen in einer generativen Printkampagne über 11'000 Plakate aufgehängt, die mit einem Bezug zum jeweiligen Plakatstandort das regionale Einkaufsverhalten aufzeigen. Mittels eines Algorithmus wurden ortspezifische Produktvorlieben der Kundschaft ermittelt und die Plakate daraufhin computergeneriert erstellt. Während manche entsetzt darüber sein dürften, wie gläsern die Schweizer Kundschaft aufgrund solcher möglichen Datenanalysen ist, waren wiederum andere empört, dass zwar lokale Konsumvorlieben, aber nicht lokale sprachliche Eigenheiten berücksichtigt wurden. Während man die Einwohnerschaft Wettingens gendergerecht ganz einfach Wettinger*innen nennt, ist es bei Orten wie Turgi, Uster und Schlieren schon nicht mehr so einfach. Ein Algorithmus kann nicht wissen, dass die korrekten Bezeichnungen hier Turgemer*innen, Ustermer*innen und Schlieremer*innen lauten müssten statt Turgier*innen, Usterer*innen und Schlieremer*innen. Wer also über Einwohner*innen bestimmter Gemeinden, Städte oder Länder schreibt, sollte sich vorher erkundigen, wie diese bezeichnet werden. Wie also nennt man die Einwohner der folgenden Orte? Guatemala, Hannover, Katalonien, Lugano, Madrid, Monaco, Sardinien und Tokio? Wer hätte es gewusst? Guatemalteke, Hannoveraner, Katalane, Luganese oder Luganer, Madrilene, Monegasse, Sardinier (früher auch: Sarde) und Tokioter (aber auch Tokioer ist korrekt). Und wo kommen Sie her und wie nennt man die Menschen aus diesem Ort? Findet man die Bezeichnung bereits im Genderator-Wörterbuch? https://www.genderator.app/wb/index.aspx Wir tragen fehlende Einwohnerbezeichnungen gerne nach! (07.09.2020)
  • Über Gebühr
    (Über-)Sterblichkeit in Deutschland durch COVID-19Exzesse werden mitunter mit etwas Positivem verbunden, obwohl sie Kopfschmerzen oder Reue erzeugen. Gänzlich negativ konnotiert sind sie allerdings im Fall der Sterblichkeit. Exzess-Mortalität bezeichnet in der Demografie die Sterblichkeitsrate, die über dem zu erwartenden Mittelwert liegt: von lat. ex-cedere ›über ein bestimmtes Maß hinausgehen‹. Spätestens seit Corona ist uns diese als Übersterblichkeit bekannt. Wem die Wortbildung ungewöhnlich bis inkorrekt erscheint, dem geht es nicht anders als dem Autor, doch liegt dies nicht an der Struktur, sondern eher an der nachdenklich machenden Bedeutung; ein Blick auf ähnlich gebildete Wörter zeigt, dass man so verfahren kann (alle Beispiele haben übrigens leider etwas mit Übersterblichkeit zu tun): Übergewicht, Überängstlichkeit, Überbeanspruchung. Nur selten wird von Untersterblichkeit gesprochen (die es natürlich ebenso gibt), eher noch von Unsterblichkeit. Letztere gibt es allerdings leider nicht außerhalb der Heldenwelt, die bekanntlich nur in der Jugend, in größter Entfernung zur Sterblichkeit also, nicht als Fiktion einsortiert wird. Auf den letzten Metern schaffen wir es noch zu einem Tipp: Statt exzessiv/übertrieben lässt sich auch über die/alle Maßen (›über-/unmäßig‹) oder über Gebühr (›mehr als einem zusteht‹) verwenden – Letzteres immer ohne Artikel oder adjektivisch als ungebührlich. (31.08.2020)

    zu den aktuellen Fallzahlen des Statistischen Bundesamts
  • Wenn die Gästin der Grünin vom Koryphäer erzählt
    Gebrüder Jacob und Wilhelm GrimmEin heißes Eisen, das wir hier anfassen, aber wir schmieden es wie immer sachlich. Bei einem solchen Einstieg kann es sprachbezogen ja nur um Fremdwörter oder das Gendern gehen – und tatsächlich: um Letzteres. Natürlich muss sich ein geschlechtergerechter Sprachgebrauch erst einmal finden – abzulesen an Baerbocks Steuer*innenzahler. Fahrerin, Steuerzahlerin, prima. Doch muss man wirklich Gästin bilden? Gast hat doch kein -er am Ende. Zweifelsohne sind hier ebenso Zweifel berechtigt wie bei Herrin, Menschin, frau (zu man) und einigen mehr. Gästin etwa, so ist mancherorts zu lesen, sei schließlich schon im Grimm’schen Wörterbuch (*1854) aufgeführt – was nicht weiter verwunderlich ist, da die Brüder ehrgeizigst jedes Wort aufzunehmen beabsichtigten, das sie nur irgendwo belegt fanden (s. u.). Ebenso fraglich ist die Bauherrin, da inkonsistent insofern, als das enthaltende Herr eindeutig auf einen Mann referiert. Sinnvoll ist es auch hier, Alternativen zu prüfen; so könnte das im südlichen Sprachraum weit verbreitete Bauherrschaft als Lösung in Betracht gezogen werden. Ob auch Baufrau ein passendes Gegenstück sein könnte, möge man (und eher nicht frau, sondern jede(r)) selbst entscheiden. Tatsächlich ist man von Mann abgeleitet, doch ist die Sprachgeschichte nicht immer eine gute Beraterin, da wir dann auch Menschin bilden müssten und mit »Du bist toll!« eine Ohrfeige ernten würden (ahd. tol ›dumm, töricht‹). Wer Gast und Mensch gendert, müsste eigentlich auch Feminina wie Zicke oder Koryphäe gendern (der Zickerich, Koryphäer?; vgl. Hexer). Belegt sind auch Kälbinnnen, Deutschin und Grüninnen (wortschatz.uni-leipzig.de): Das Neutrum von Kalb bedarf keiner weiteren Erläuterung und substantivierte Adjektive müssen natürlich nicht gegendert werden: der/die Grüne, das sind die guten Alternativformen geschlechtergerechten Sprachgebrauchs. Aber die Linke-Ratsfraktion in Flensburg beantragte 2016 sogar die Einführung von Papierkörbinnen und Computerinnen im Rathaus, zog den Antrag aber wieder zurück – das war im wahrsten Sinne Politik. Sicher ist: Gendergerechter Sprachgebrauch erfordert zuweilen Zeit und Kreativität. Im Gender-Wörterbuch auf www.genderator.app finden sich viele Vorschläge für gendergerechte Formen sowie alternative Formulierungen, die eine Hilfestellung beim Gendern bieten. (24.08.2020)

    zum Eintrag »Bauherr« im Gender-Wörterbuch

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