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»Probleme der deutschen Sprache«: Drei Weisen, »sozusagen« zu verwenden

Porträt Otto Ludwig (2015)Dem Kolumnisten Harald Martenstein ist aufgefallen, dass in dem Fernsehduell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück die Kanzlerin siebenmal sozusagen gebraucht hat, Steinbrück aber kein einziges Mal: »Merkel äußerte, zur Lage in Griechenland, sozusagen Bedauern, forderte den amerikanischen Geheimdienst auf, Informationen sozusagen herauszurücken, und erwähnte, dass Deutschland bei etwas sehr Schönem, das ich vergessen habe, sozusagen die höchste Steigerungsrate besitzt.« Man kann dem Redakteur des Tagesspiegels nicht verdenken, daß er die Gelegenheit ergriffen und dazu eine bissige Kolumne geschrieben hat, die sich schließlich zu der Feststellung versteigt: »Sozusagen ist die sprachliche Hongkong-Grippe der Ära Merkel. Von Helmut Kohl bleiben ›Bimbes‹, ›absurd‹ und ›geradezu abwegig‹, von Gerhard Schröder bleibt ›Gedöns‹. Von Angela Merkel wird ›sozusagen‹ bleiben.«

Martenstein hat das nicht ernst gemeint. Er hat mich aber auf den Gedanken gebracht, der Sache einmal nachzugehen. Das habe ich getan und nicht bereut, denn es ist schon bemerkenswert, was dabei herausgekommen ist.

Sozusagen ist eine Kurzform, die auf ein einziges Wort gebrachte Form für einen ganzen Satz: »um es so zu sagen«. Man könnte, was gemeint ist, auch anders ausdrücken, etwa so: »um es auf diese Weise zu sagen« oder »um es in dieser Form zum Ausdruck zu bringen«. Wie auch immer: Stets bezieht sich der Ausdruck auf die Form, in der etwas gesagt wird, und unter der Form kann dreierlei verstanden werden:

1. Sozusagen kann bedeuten: ›um es in einer besonderen Form zu sagen‹

Das so ist in diesem Fall betont und macht darauf aufmerksam, dass der folgende Ausdruck oder die folgende Äußerung nicht wörtlich zu nehmen ist. Vermutlich handelt es sich um die ursprüngliche, vielleicht sogar auch um die eigentliche Bedeutung.

Beispiel 1: »Es geschah sozusagen über Nacht“. Es muss nicht unbedingt in der Nacht, es kann durchaus auch am helllichten Tage geschehen sein. Was gesagt werden soll, ist etwas anderes: Es geschah plötzlich und unerwartet, mit einem Schlag. Über Nacht ist also in einem übertragenen Sinne zu verstehen. Darauf hinzuweisen ist die Aufgabe von sozusagen, darum ist es auf keinen Fall überflüssig.
Beispiel 2: »kurz und erschöpfend, mit soldatischer Knappheit sozusagen«. Das Zitat stammt von dem bekannten Nachkriegsschriftsteller Hans Hellmut Kirst. Sozusagen ist hier nachgestellt. Das tut aber nichts zur Sache. Man könnte es durchaus auch voranstellen. Die sprachliche Form, in der die Sache zur Sprache kommt, ist ein Bild: das Bild eines Soldaten, der nicht drumherum redet, sondern zackig und so knapp wie möglich zu antworten hat.
Beispiel 3: »Es geschah sozusagen offiziell“ heißt so viel wie: Es geschah zwar weder in amtlichem Auftrag noch mit amtlichen Ehren, aber immerhin doch mit der Verbindlichkeit, die sonst einem amtlichen Akt innewohnt.

In allen drei Fällen ist sozusagen eine Verständnishilfe. Dem Hörer oder Leser wird zu verstehen gegeben, dass bei dem folgenden Ausdruck Vorsicht geboten ist. Auf keinen Fall darf er wörtlich genommen werden. In den meisten Fällen ist er in einem übertragenen Sinne zu verstehen.

2. Sozusagen kann bedeuten: ›um es in einer vorläufigen Form zu sagen‹

In der wissenschaftlichen Literatur ist sozusagen kein Thema. Aber immerhin findet man in dem Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm unter dem Stichwort so den Hinweis, dass so ein »ausdruck der unsicherheit« sei, und zwar »bei angaben, die keinen besonderen anspruch auf genauigkeit machen«. Und in der Deutschen Grammatik von Ulrich Engel wird “sozusagen zu einer Gruppe von Wörtern gezählt, die auf einen einzelnen Ausdruck hin orientiert sind und dessen Bedeutung relativieren. »Solche Elemente verwendet der Sprecher, wenn er sich nicht auf einen bestimmten Wert festlegen will.«

Die von Martenstein bei Frau Merkel gefundenen Beispiele fallen unter diese Kategorie.
»Bedauern äußern«, »Informationen herausrücken« und »die höchste Steigerungsrate besitzen« sind Ausdrücke, die, häufig gebraucht, an Ausdruckswert verloren haben. Das scheint Frau Merkel gespürt zu haben, und deshalb gebraucht sie die Ausdrücke »unter Vorbehalt«.

In diesem Zusammenhang trifft sozusagen eine Vorsichtsmaßnahme, wie Engel sie charakterisiert. Sie gibt dem Hörer oder Leser zu verstehen, dass der auf sozusagen folgende Ausdruck, nur ins Unreine gesprochen wird, keinesfalls endgültig ist und jederzeit durch einen besseren ersetzt werden kann. Er bleibt im Ungefähren und damit im Unverbindlichen. Oft ist er – wie so – ein »Ausdruck von Unsicherheit« oder wird zumindest als ein solcher empfunden.

3. Sozusagen kann schließlich gar nichts bedeuten

In zwei Diskussionsrunden der SBS habe ich jeden Satz, in dem ein sozusagen ausfindig zu machen war, herausgefischt, angeschaut und geprüft. Dabei bin ich auf eine dritte Verwendungsweise gestoßen. In der übergroßen Mehrzahl findet man Beispiele wie die folgenden: »ob das wirtschaftlich sozusagen vernünftig ist«; »was sozusagen aus Washington kommt«; „ ein Geheimdienst, der sich sozusagen aus dem KGB entwickelt hat«; »wo das sozusagen nicht passiert«; »was sozusagen die Zivilisation angeht«; »es ist sozusagen eine Aufgabe«; »der hat sich bereit erklärt sozusagen«.

Eine Bedeutung vermag ich in diesen Fällen beim besten Willen nicht zu erkennen. Dann dachte ich, es könnte sich um eine Art Pausenfüller handeln. Aber Anzeichen für eine Pause waren nicht zu erkennen. Vermutlich ist es nicht mehr als ein Ausdruck von Unsicherheit. Das Moment der Unsicherheit in der zweiten Bedeutung des Wortes löst sich von der Form des Vorläufigen und wird verabsolutiert.

Quelle: Harald Martenstein, »Über das sprachliche Erbe der Ära Merkel«, ZEITmagazin 26.9.2013 Nr. 40 (22.06.2020)

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