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»Probleme der deutschen Sprache«: Überhaupt – ein verkanntes Wort

Porträt Otto Ludwig (2015)Bei der Abfassung eines Artikels ist mir aufgefallen, dass ich mehrfach das Adverb überhaupt gebraucht hatte. Mir war aber nicht klar, was ich mit ihm zum Ausdruck bringen wollte, wann ich auf es zurückgriff und was es bedeutete.

Die Form des Wortes lässt keinen Rückschluss zu. Es handelt sich um eine Zusammenrückung einer Präposition (der Präposition über) mit einem Substantiv (dem Substantiv Haupt). Was soll das aber heißen: »über Haupt« oder »über dem Haupt« bzw. »über das Haupt« oder, um das altmodische Haupt zu vermeiden, »über dem Kopf« oder »über den Kopf hin«. Im Plural wäre es schon eher verständlich: »über die Köpfe hinweg«.

Ein Blick in die Geschichte des Wortes erweist sich als erhellend. Das Wort ist erst seit dem 15. Jahrhundert belegt und taucht zunächst nur im Zusammenhang mit dem Verkauf von Tieren auf, dem Viehhandel. Ein Beleg aus dem Jahre 1605: »Als ich ein han (Hahn) oder zehen (zehn) in die statt (Stadt) truge, dieselbige zu verkauffen, kame zu mir ein guter einfältiger bürger, derselbe kauffte mir sie überhaupt ab.« Das heißt: Er kaufte ihm alle Hähne ab, ohne die Köpfe zu zählen, einfach »über die Köpfe hinweg«, insgesamt, pauschal, en gros. Später löste sich das Wort aus seinem ursprünglichen Zusammenhang und konnte auf alles Mögliche angewendet werden. Ein Beleg von 1765: »Die Bücher sollen nicht einzeln, sondern überhaupt verkauft werden.«

Wenn wir heute das Wort verwenden, dann ist im Kern die alte Bedeutung noch erkennbar, doch hat das Wort in unserem Wortschatz einen anderen Stellenwert erhalten: »Mir gefällt es in London, überhaupt in England.« Das heißt, es gefällt mir nicht nur in London, sondern überall in England. »Ich habe ihn gestern nicht angetroffen, er ist überhaupt selten zu Hause.« Es handelt sich also nicht um ein einmaliges Ereignis, sondern um etwas, das sich häufiger feststellen lässt. »Er ist überhaupt ein netter Junge.« Er erweist sich nicht nur im vorliegenden Fall als nett, sondern generell. Er ist halt ein netter Typ. »Bach, der größte Komponist des Protestantismus und überhaupt.« (SZ vom 19./20. November 2016, S. 16) Er ist der größte Komponist nicht nur des Protestantismus, sondern aller Menschen, ohne Ausnahme, auch der Katholiken. In allen diesen Fällen nimmt überhaupt eine Verallgemeinerung vor. Was behauptet wird, soll nicht nur für einen speziellen Ort, eine bestimmte Zeit, einen besonderen Fall gelten, sondern allgemein. Aus dem ursprünglichen »pauschal über die Köpfe hinweg«, ist also ein Ausdruck geworden, mit dem wir Verallgemeinerungen aller Art vornehmen können. Eine solche Bedeutung erklärt vieles, aber nicht alles.

Das Wort wird in einigen Fällen auch dann gebraucht, wenn von einer Verallgemeinerung nicht die Rede sein kann. »Für einen anständigen Menschen gibt es in Bezug auf seine Kriegshandlung überhaupt nur einen Vorwurf, dass er nicht den Mut aufgebracht hat, Nein zu sagen.« (Tucholsky) Hier wird nichts verallgemeinert, sondern etwas Grundsätzliches angesprochen: die Mutlosigkeit der anständigen Menschen. In dieser Bedeutung findet sich überhaupt
1. in Verneinungen: »Das stimmt überhaupt nicht!« »Er ist überhaupt nicht mehr der Mann, den ich kennengelernt habe.« »Das Dörfchen hatte kein Gedächtnis über die Schwedenzeit hinaus, es hatte überhaupt keinen historischen Sinn.« (Raabe) In den Wörterbüchern ist von einer »Bekräftigung« der Aussage die Rede. Das trifft ohne Zweifel zu. Doch geht es um mehr. Es geht um etwas Grundsätzliches. Die Leute, von denen Raabe spricht, haben nicht eine Spur von einem historischen Sinn.
2. in scheinbar beiläufigen Fragen: »Was will er denn überhaupt von dir?« »Wieso machst du überhaupt den ganzen Aufwand?« »Wo warst du überhaupt so lange?« »Ich tippe dir schnell den Brief. — Kannst du denn überhaupt tippen?« Auch in solchen Fragen geht es um etwas Grundsätzliches, etwa die Fähigkeit, ob jemand überhaupt auf der Schreibmaschine schreiben kann.
3. in Gesprächen zur Einleitung eines neuen Gedankens, der wieder etwas Grundsätzliches zur Sprache bringt. »Weshalb du dich so ereiferst, und überhaupt, das ist doch meine Sache.« »Du kannst einmal nachfragen, und überhaupt solltest du dich mehr darum kümmern.«

Der Weg, den das Wort überhaupt genommen hat, geht von der Pauschalierung über die Verallgemeinerung bis hin zum Grundsätzlichen. Was die verschiedenen Bedeutungen miteinander verbindet und so untereinander einen bedeutungsmäßigen Zusammenhang herstellt, ist die Tatsache, dass in allen drei Fällen keine Rücksicht auf Einzelerscheinungen genommen wird, einmal, weil es nicht gezählt zu werden braucht, dann, weil es auf etwas Allgemeines ankommt und schließlich, weil es grundsätzlich zu gelten hat. (08.06.2020)

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Otto Ludwig

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