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»Probleme der deutschen Sprache«: Ein unmöglicher Superlativ

Porträt Otto Ludwig (2015)Ein bekanntes Sprichwort besagt, dass »nicht sein kann, was nicht sein darf«. Im alltäglichen Leben mag es so sein, wenn auch Zweifel angebracht sind. In der Sprache jedoch gelten andere Regeln. Hier ist etwas durchaus üblich, auch dann, wenn es eigentlich nicht sein dürfte.

Das Adjektiv einzig bezeichnet eine Eigenschaft, die nur einmal vorhanden ist. »Sie war meine einzige Freundin« heißt: »Ich hatte damals keine andere«. Eine solche Feststellung lässt sich eigentlich nicht steigern. Sollte man annehmen. Tatsächlich aber verhalten wir uns anders. Zwar haben wir Bedenken, den Komparativ zu verwenden: »Sie war meine einzigere Freundin«. Doch hört sich der Superlativ schon durchaus passabel an: »Sie war meine einzigste Freundin«. Selbst die folgende Steigerung dürfte noch akzeptabel sein, auch wenn einige sie ausdrücklich verbieten (aber was heißt hier schon »verbieten«?):

- Du bist der Einzige, den ich liebe!
- Du bist der Einzigste, den ich liebe!
- Du bist der Allereinzigste, den ich liebe!

In der Sprache der Liebe scheint alles möglich zu sein. Wie aber kommt es, dass wir hier etwas durchgehen lassen, was eigentlich nicht sein dürfte? Ein Blick abseits, auf eine ähnliche Überhöhung von einzig, könnte Aufschluss geben.

In dem bekannten Roman von Ulrich Bräker Der arme Mann aus dem Tockenburg findet man folgende Verwendung: »Endlich musste ich Ännchen selber bitten umzukehren: ›Es muss, es muss doch sein!‹ Dann noch einen eineinzigen Kuss, aber einen, wie’s in meinem Leben der erste und letzte war.« Es war zwar nur ein einziger Kuss, aber dieser eine hat alle anderen Küsse in den Schatten gestellt. Einzig war er nicht der Zahl, als vielmehr seiner Art nach: »wie’s in meinem Leben der erste und letzte war«.

Genau dieser Unterschied zeichnet auch den Superlativ von einzig aus. An sich ist einzig eine numerische Angabe: ›nur einmal vorhanden‹. Im Superlativ kann aber aus einer rein numerischen Angabe eine qualitative Aussage werden: ›in diesem Falle einzigartig‹.

Nicht nur einzelne Wörter, sondern auch ganze Begriffspaare versagen sich auf den ersten Blick einer Steigerung. Das Paar mündlich/schriftlich ist ein solcher Fall. Mündlich ist alles, was in sprachlicher Form buchstäblich durch den Mund gegangen ist, als lautliches Signal übermittelt wird und als Gesprochenes gehört werden kann. Für schriftlich gilt genau dies nicht. Schriftlich ist alles, was mit der Hand aufgeschrieben wird, sei es mit einem Stift, einer Feder, einer Schreibmaschine oder dem Computer. Es wird als visuelles Signal übermittelt und mit den Augen aufgenommen, nicht gehört, sondern gelesen. Zwischen beiden gibt es keine Übergänge. Entweder ist eine Aussage mündlich oder sie ist schriftlich. Dazwischen ist nichts. So betrachtet, können die Wörter mündlich und schriftlich auch nicht gesteigert werden. Ein mündlicher oder gar ein am mündlichsten bzw. ein schriftlicher oder am schriftlichsten kann es nicht geben.

Diese Beschränkung gilt aber nur, wenn von dem Medium die Rede ist. Bezieht man sich mit mündlich oder schriftlich dagegen auf die Art und Weise, in der eine Aussage erfolgt, d. h. auf ihre sprachliche Form – auf die Wortwahl, die Grammatik und die konzeptionelle Struktur insgesamt –, dann sind Abstufungen durchaus möglich. Ein Roman kann sprachlich so abgefasst sein, dass der Leser den Eindruck gewinnt, als säße er einem leibhaftigen Erzähler gegenüber. Von einem begnadeten Redner sagen wir, er rede wie gedruckt. In beiden Fällen sind Abstufungen durchaus möglich. Ein Roman kann in seinem sprachlichen Duktus durchaus mündlicher als ein anderer wirken, eine Rede schriftlicher ausfallen, als erträglich wäre.

Wie dem Begriffspaar mündlich/schriftlich ergeht es dem Adjektiv zahnlos. Eigentlich bedeutet es ›ohne Zähne im Mund‹: »Der Säugling ist noch zahnlos.« »Großmutter musste auch noch der letzte Zahn gezogen werden, nun ist sie zahnlos.« Und weil ein Mund, der keine Zähne mehr hat, nicht noch zahnloser sein kann, ist das Wort eigentlich nicht steigerbar.

Nun kann zahnlos aber auch in einem übertragenem Sinne gebraucht werden. So konnte man von Schalke 04, den sogenannten »Knappen«, und dem SV Wolfsburg, den »Wölfen«, in der Zeitung lesen: »Bissige Knappen bezwingen zahnlose Wölfe«. Gemeint ist nicht, dass die »Wölfe« alle ohne Zähne herumgelaufen sind, sondern dass ihnen beim Spiel der Biss gefehlt hat, also genau das, was die Spieler von Schalke auszeichnete. Das Wort wird hier also nicht in seiner eigentlichen konkreten Bedeutung, sondern in einem übertragenen Sinne gebraucht.

Im übertragenen Sinne kann das Wort dann aber auch gesteigert werden, etwa wenn man feststellt: »Die Wolfsburger haben in diesem Spiel noch zahnloser gespielt als im Spiel eine Woche zuvor.« Für den Superlativ habe ich folgenden Beleg gefunden. Ein Rezensent hält den letzten Roman von le Carré für »den vermutlich langweiligsten, zahnlosesten und ausrechenbarsten Roman der letzten 15 Jahre«.

Wie zahnlos verhalten sich unzählige Adjektive, die mit dem Suffix -los gebildet worden sind – nur mit dem Unterschied, dass die meisten schon von ihrer Grundbedeutung her eine Steigerung zulassen: »Ahnungsloser konnte man gar nicht sein.« Oder: »Das war die fruchtloseste Lehrveranstaltung aller Zeiten.«

Quelle: Duden-Newsletter vom 30.11.2012 (25.05.2020)

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