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»Probleme der deutschen Sprache«: Die ganzen Anschlusszüge

Porträt Otto Ludwig (2015)Ich erinnere mich an unsere letzte Urlaubsreise von Hannover nach Toblach in Italien. Zweimal mussten wir umsteigen, einmal in München und ein anderes Mal in Franzensfeste. Der Zugwechsel in München war unproblematisch, aber der in Franzensfeste stand auf dem Spiel: Unser Zug hatte sich erheblich verspätet. In dieser Situation ertappte ich mich bei dem Satz: »Wenn der Zug weiter so bummelt, kriegen wir die ganzen Anschlusszüge nicht mehr.«

Eine solche Aussage ist nicht logisch. Denn nimmt man sie beim Wort, müsste man voraussetzen, dass etwas mit den Anschlusszügen nicht ganz stimmt, sei es dass sie nur mit verminderter Wagenzahl unterwegs, sei es, dass nicht alle Wagen in Ordnung sind. Das ergab aber keinen Sinn. Gemeint war schlicht und einfach, dass alle Anschlusszüge den Bahnhof bereits verlassen hätten.

In den Grammatiken zur deutschen Sprache spielen solche Sätze so gut wie keine Rolle. Allenfalls erfährt man, dass sie in der Umgangssprache vorkommen. Eine Erklärung sucht man jedoch vergebens. Beobachtet man sich oder andere aber beim Sprechen, dann kann man feststellen, dass solche Aussagen gar nicht so selten sind. Einige Beispiele: »Seine ganzen Bücher sind verbrannt.«, »Wo gehen die ganzen Leute hin?«, »Einer muss die ganzen Pralinen aufgegessen haben.«, »Die ganzen Bäume haben keine Blätter mehr.« Stets handelt es sich um eine Pluralform und in jedem Fall ist von einer Gesamtheit die Rede, wie bei alle auch. Man hätte also auch dieses Wörtchen gebrauchen können: »alle Anschlusszüge«, »alle Bücher«, »alle Pralinen« usw.

Und noch etwas: Derartige Sätze sind nicht neu. Man hat sie schon bei Luther nachweisen können. Eine solche Entdeckung sollte einem zu denken geben. Denn wenn sich eine Formulierung so lange – über Jahrhunderte hinweg – hat halten können, dann ist anzunehmen, dass das nicht ohne Grund geschehen ist.

Früher hätte ich mich über solche Aussagen lustig gemacht und etwa gefragt, ob denn etwa auch halbe Züge hätten fahren können oder die Bücher nur zur Hälfte verbrannt seien. Heute weiß ich, dass kein Anlass besteht, sich über solche Sätze lustig zu machen. Sie scheinen zwar unlogisch zu sein. Macht man sich aber die Mühe, sie zu verstehen, dann stehen sie auf einmal ganz anders da.

Wir haben im Deutschen mehrere Wörter zur Verfügung, um Quantitäten zu bezeichnen. Das Wörtchen ein bezeichnet ein und nur ein Exemplar aus einer Menge: »Ein Schritt weiter und du bist des Todes.« Einige – das ist mehr als nur ein Exemplar. Die Anzahl hält sich aber in Grenzen: »Es sind immer einige, die den Mund nicht halten können«. Das können wenige sein: »Sie werden in wenigen Tagen zurück sein.« Es kann sich aber auch um mehrere handeln: »eine Gleichung mit mehreren Unbekannten.« Viele schließlich ist das Gegenteil von wenige: »Denn viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt.« (Matt. 20,16)

In dieser Reihe spielt das Wörtchen alle eine besondere Rolle. Es ist nicht eindeutig. Zwei Lesarten bestimmen seinen Gebrauch, eine begrenzte und eine unbegrenzte. Nehmen wir ein oft herangezogenes Beispiel: »Alle Menschen sind sterblich.« Ein Ausdruck wie alle Menschen bezieht sich auf alle Menschen der Welt. Ein Logiker würde sagen: auf alle Exemplare einer Gattung. In der Logik spielen solche Sätze eine bedeutsame Rolle. Im alltäglichen Leben jedoch kommen sie nur selten vor. Hier beziehen wir uns meistens auf eine begrenzte Gesamtheit, die uns etwa vor Augen steht, von der die Rede ist oder die überhaupt in Frage kommt. Wenn von allen Anschlusszügen die Rede ist, dann ist klar, dass nicht alle Anschlusszüge der Welt gemeint sind, sondern nur diejenigen, die zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Bahnhof in Frage kommen. Im Gegensatz zu alle lässt eine Konstruktion mit dem Adjektiv ganz Fragen nach dem, was denn nun gemeint sei, gar nicht erst aufkommen. Sie bezieht sich immer nur auf eine bestimmte Menge: die ganzen Anschlusszüge. Es ist genau dies, was sie auszeichnet und von alle unterscheidet: ihre Eindeutigkeit.

Eigentlich brauchen wir die Konstruktion mit dem Adjektiv ganz aber gar nicht. Denn es bereitet uns nicht die geringste Schwierigkeit, dem Wörtchen alle eine der beiden Lesarten zuzuordnen. Mir ist kein Fall bekannt, der ernsthaft zu Zweideutigkeiten hätte führen können. Das ist vermutlich auch der Grund dafür, dass in der Schriftsprache nur Konstruktionen mit alle zugelassen sind. In der lockeren Umgangssprache sind wir dagegen nicht so streng. Hier gebrauchen wir ungeniert daneben auch Konstruktionen mit ganz, die zwar wörtlich verstanden keinen Sinn ergeben und auch nicht notwendig sind, sich aber dennoch als nützlich erwiesen haben. (11.05.2020)

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Otto Ludwig

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