Vor dem Hintergrund eines Hackerangriffs wurden sicherheitshalber alle Passwörter zurückgesetzt und ein altes Backup eingespielt. mehr
Zur Startseite von mediensprache.net

basix

»Probleme der deutschen Sprache«: Was die Birkenblätter tun?

Porträt Otto Ludwig (2015)»Ich werde ins Grab sinken, ohne zu wissen, was die Birkenblätter tun. Ich weiß es, aber ich kann es nicht sagen. Der Wind weht durch die jungen Birken; ihre Blätter zittern so schnell hin und her, daß sie ... was? Flirren? Nein, auf ihnen flirrt das Licht; man kann vielleicht allenfalls sagen: die Blätter flimmern ... aber es ist nicht das.
Es ist eine nervöse Bewegung, aber was ist es? Wie sagt man das? Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst (...).
Steht bei Goethe ›Blattgeriesel‹? Ich mag nicht aufstehen, es ist so weit bis zu diesen Bänden, vier Meter und hundert Jahre. (...)
Was tun die Birkenblätter – ? Nur die Blätter der Birke tun dies; bei den anderen Bäumen bewegen sie sich im Winde, zittern, rascheln, die Äste schwanken, mir fehlt kein Synonym, ich habe sie alle. Aber bei den Birken, da ist es etwas anders, das sind weibliche Bäume – merkwürdig, wie wir dann, wenn wir nicht weiterkönnen, immer versuchen, der Sache mit einem Vergleich beizukommen (...).
Während ich dies schreibe, stehe ich alle vier Zeilen auf und sehe nach, was sie tun. Sie tun es. Ich werde dahingehen und es nicht gesagt haben.«

Der dies geschrieben hat, ist kein geringerer als Kurt Tucholsky. Tucholsky (1860–1935) war vor und nach dem Ersten Weltkrieg ein bekannter Journalist, einer der bekanntesten. Kennern der deutschen Literatur wird sein Name noch bekannt sein, denn einige seiner Romane werden noch heute gelesen: Rheinsberg etwa, »ein Bilderbuch für Verliebte« – sein Erstlingswerk, mit dem er sich bekannt gemacht hat (1912) – oder Schloß Gripsholm. Eine Sommergschichte. Im Deutschunterricht wird hin und wieder neben Schopenhauer und Nietzsche auf Tucholsky als Vorbild in Fragen des Stils verwiesen. Was er zum Tun der Birkenblätter zu sagen hat, gehört in diesen Zusammenhang. Es führt uns zu einem Problem, mit dem alle zu tun haben, für die Schreiben mehr ist als ein Kommunikationsmittel.

Man kann den Text als das Protokoll eines Scheiterns lesen. Die Suche nach einem Wort für das, was die Birkenblätter tun, erweist sich als erfolglos. »Ich weiß es, aber ich kann es nicht sagen«, heißt es zu Beginn und am Ende nicht anders: »Ich werde dahingehen und es nicht gesagt haben«. Fast hätte er das erlösende Wort gefunden: »Flirren?« Aber dann besinnt er sich eines Besseren: »Nein, auf ihnen flirrt das Licht«, sie selbst aber flirren nicht. Wenn es Tucholsky nicht gelingt, so muss das nicht unbedingt heißen, dass es nicht doch jemanden gibt, der ein Wort findet, das überzeugt.

Man kann den Text aber auch so lesen, dass nicht der Autor versagt, sondern die Sprache. Es gibt das treffende Wort nicht. Die Frage nach dem, was die Birkenblätter tun, treibt die oder den Fragenden an die Grenze der Sprache und ihrer Möglichkeiten. Wer so fragt, macht die Erfahrung, dass sich nicht alles in Worte fassen lässt.

Man muss den Text vielleicht aber doch ganz anders lesen. Zwischen dem dritten und vierten Abschnitt ist eine Passage einzutragen, aus der hervorgeht, dass der Text Teil einer politischen Auseinandersetzung ist. Tucholsky setzt sich mit Schriftstellern aus der Arbeiterbewegung auseinander, denen es nicht so sehr auf den sprachlichen Ausdruck ankommt, als vielmehr auf die Gesinnung. Ihnen hält er vor: »Wenn die pazifistischen Theatertücke nun auch noch prägnant geschrieben wären, daß sich die Sätze einhämmern, dann hätte unsere Sache den Vorteil davon. Sprache ist eine Waffe.« Es geht ihm also nicht um ein Unvermögen – weder der Sprache noch des Autors. Im Gegenteil! Er fordert seine Schriftstellerkollegen vielmehr auf, sich auf ihr sprachliches Vermögen zu besinnen, es in Anspruch zu nehmen und so lange an dem einzelnen Wort zu arbeiten, bis genau der Punkt getroffen ist, der die Sache, auf die es ankommt, zum Ausdruck kommen lässt. Was die Birkenblätter tun? An diesem Beispiel zeigt Tucholsky, wie mühsam, aber auch wie interessant die Arbeit schon an einem einzigen Wort sein kann – auch dann, wenn sie nicht zum Erfolg führt.

Das treffende Wort zu finden ist weiß Gott nicht Sache der Schriftsteller allein. Auch für uns wird es oft zu einem Problem. Wer dem Arzt sagen will, welche Schmerzen er empfindet, weiß ein Lied davon zu singen. Ich jedenfalls ärgere mich immer, wenn es mir nicht gelingt, meiner Augenärztin klarzumachen, dass ich zwar nach einer Augenoperation wieder richtig gut sehen kann, das Auge selbst aber sich anders verhält als zuvor. »Es drückt«? Ja, aber es ist mehr als das. »Es bewegt sich nicht rund«? Aber auch das ist nicht alles. Ich fürchte, es wird mir nicht mehr gelingen. So oft habe ich es vergebens versucht. Ein anderes Beispiel: Wir stehen vor einem Bild, einem Bauwerk oder einer Landschaft und sind überwältigt von der Schönheit. »Das ist aber schön!« Mehr kommt uns oft nicht über die Lippen. Es fehlen uns einfach die Worte.

(Quelle: eigener Aufsatz, Praxis Deutsch 126, S.55–57. (27.04.2020)

weitere Miszellen einsehen

Otto Ludwig

Ihre Meinung

Kommentare zu dieser Seite