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»Probleme der deutschen Sprache«: Wo uns die Worte fehlen

Porträt Otto Ludwig (2015)Der Bedarf an neuen Wörtern ist riesengroß. In einer so schnelllebigen Welt wie der unsrigen kann die Sprache kaum noch Schritt halten mit der Entwicklung neuer Dinge, neuer Technologien und neuer Ideen. Aber nicht nur die neuen Entwicklungen setzen uns unter Druck. Auch im vorhandenen Wortschatz finden sich allenthalben Lücken. Ich habe mein Leben lang im Bereich der geschriebenen Sprache gearbeitet und hatte meine liebe Not, eine für das Lesen entsprechende Bezeichnung für das Mündliche zu finden. Meine Kollegen helfen sich damit, dass sie von »Hörverstehen« sprechen. Damit konnte ich mich nie anfreunden.

Um dem Bedarf an neuen Wörtern gerecht zu werden, stehen uns zwei Möglichkeiten zur Verfügung. Wir könnten uns die Wörter, die uns fehlen, bei unseren Nachbarn klauen. Dieser Weg ist aber bei Zeitgenossen, die auf die Reinheit unserer Sprache bedacht sind und mit Argusaugen darüber wachen, verpönt. Tut man es, kommt man schnell in den Geruch, ein Sprachverhunzer zu sein.

Es wäre schon das Beste, nicht wildern zu gehen, sondern neue Wörter zu erfinden. Das ist aber leichter gesagt als getan. Denn ein Einfall mag noch so klug sein: Wenn er nicht auch von anderen akzeptiert wird, hat er nicht die geringste Chance, im allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen zu werden. Immer gehören also dazu zwei: der Erfinder und die öffentliche Zensur.

An einem Beispiel möchte ich zeigen, vor welche Schwierigkeiten man gestellt ist, wenn man sich daran macht, ein neues Wort zu finden. Der Sachverhalt, um den es geht, mag etwas aus der Mode gekommen sein. Doch jeder weiß, was gemeint ist.

Mätresse kommt aus dem Französischen und ist eine Ableitung von maitre. Ursprünglich bezeichnete es einen weiblichen Herrn, also eine Herrin, später eine Geliebte und heute »die anerkannte, meist in einen höheren Rang erhobene Geliebte eines Fürsten« (Pfeifer) bzw. da, wo es keine Fürsten mehr gibt, schlicht die Geliebte einer höher gestellten Persönlichkeit.

Und wie verhält es sich für den Fall, dass eine höher gestellte Dame einen Geliebten hat? Dafür haben wir kein Wort. Nicht weil es diesen Fall nicht gäbe, vielleicht aber, weil er an sich uninteressant ist. Aber nehmen wir einmal an, dass er – aufgrund welcher Umstände auch immer – interessant würde, wie sollten wir dann einen solchen Geliebten nennen? 3sat hat genau danach gefragt und die verschiedensten Vorschläge erhalten, von denen man jetzt schon sagen kann, dass keiner, auch nicht ein einziger, die Chance haben würde, akzeptiert zu werden.

Es liegt nahe, statt der weiblichen eine männliche Form zu nehmen und die Endung, in der ein weibliches Wesen angezeigt wird, durch eine entsprechende männliche Form zu ersetzen. So hat man einfach das Schluss-e weggelassen und der Mätresse den Mätress(en) an die Seite gestellt. Oder man hat statt der weiblichen Endung eine bekannte männliche gesetzt. So kam der Mätreuer zustande. Schließlich hat man an die weibliche Endung noch eine männliche angehängt und so ein Wort sowohl mit einer weiblichen als auch mit einer männlichen Endung gebildet, einen sprachlichen Zwitter sozusagen. Herausgekommen sind dabei sowohl der Mätresser als auch der Mätresseur. Keiner dieser Vorschläge kann wirklich überzeugen. Offensichtlich genügt es nicht, an der Endung zu drehen.

Amüsant, mehr aber auch nicht, dürften die Vorschläge sein, in denen ein neues (lexikalisches) Wort gebildet wird. Bemerkenswert ist an ihnen dreierlei. »Der in Rede stehende Herr wird auf eine einzige Aufgabe reduziert« (Eisenberg). Es ist dann von Lustknabe und Lustgesell die Rede, von Bettmännchen und Bettwärmer, von Abrufliebhaber, Teilzeitliebhaber und Kurverspringer. Oder er wird »ausdrücklich in die zweite Reihe verwiesen« (Eisenberg): Reservegatte, Beimann, Scheinmann oder Nebenherr. An der Männlichkeit wird nie gekratzt, was durchaus möglich gewesen wäre; man vergleiche nur die Memme, die Flasche und die Schwuchtel. Doch »[a]lle vorgeschlagenen Wörter sind Maskulina« (Eisenberg). Den Wettbewerb gewonnen hat übrigens der Matratzo, die männliche Bildung eines an sich weiblichen Wortes, wie dieses klingend und eine unverhohlene Anspielung auf den Ort des Geschehens. Nicht schlecht, aber doch wohl ohne Aussicht auf Erfolg.

Das Beispiel zeigt, dass es nicht leicht ist, ein neues Wort zu finden, und man damit rechnen muss, dass man schließlich auch bei gemeinsam betriebener Anstrengung, wozu der Wettbewerb angeregt hatte, mit leeren Händen dasteht. Das sollten sich alle hinter die Ohren schreiben, die darauf pochen, man solle doch bitteschön statt eines fremden Wortes ein deutsches Wort gebrauchen. Gewiss, wenn ein solches vorhanden ist, gibt es nicht den geringsten Anlass, es nicht auch zu nutzen. Unsere Sprache ist reich an schönen Wörtern. Aber nicht reich genug, um den ganzen Bedarf in einer schnelllebigen Zeit zu decken. Wer kann es einem da verdenken, wenn man auf fremde Wörter zurückgreift. Ein neues zu finden ist immer Glückssache, aber in jedem geglückten Fall der Mühe wert.

Quelle: Eisenberg, Peter, Eine männliche Mätresse, in: 3sat. Uns fehlen die Worte, München 2009, S. 19 ff. (13.04.2020)

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Otto Ludwig

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