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»Probleme der deutschen Sprache«: Kohle machen, sammeln und anderes

Porträt Otto Ludwig (2015)Auf glühenden Kohlen sitzen

Wer auf glühenden Kohlen sitzt, dem rennt die Zeit davon. Er wartet auf etwas, das nicht eintritt, obwohl es schon längst hätte eintreten müssen. Das macht ihn ungeduldig und besorgt, weil es, wenn es nicht mehr eintreten sollte, unangenehme Folgen haben könnte: »Beim Wahltag saßen wir alle wie auf glühenden Kohlen und warteten auf die erste Hochrechnung.«

Wir gebrauchen eine solche Redewendung, ohne die geringste Ahnung davon zu haben, was sich an Schrecklichem hinter ihr verbirgt. Sie führt uns ins finstere Mittelalter. Wenn damals in einem Prozess die Beweismittel fehlten, um jemanden zu überführen, kam es vor, dass man ihn einer lebensbedrohlichen Situation aussetzte und es Gott überließ, über Schuld und Unschuld zu entscheiden. Unschuldig war nur, wer auf unerklärliche Weise unbeschadet diese Prozedur überstand. Die vielleicht grausamste Methode, Gott zu einem Urteil zu bewegen, bestand darin, den Delinquenten über glühende Kohlen gehen zu lassen oder – auf glühende Kohlen zu setzen. Das dürfte kaum einer überlebt haben.

Feurige Kohlen auf jemandes Haupt sammeln

Die Redensart stammt aus der Bibel. Dort wird sie gleich zweimal verwendet, einmal im Alten und ein anderes Mal im Neuen Testament. In den Sprüchen heißt es: »Hungert dein Feind, so speise ihn mit Brot, dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser. Denn du wirst feurige Kohlen auf sein Haupt häufen, und der Herr wird dirs verdenken« (25. Kapitel). Diesen Spruch hat Paulus im Römerbrief noch einmal aufgegriffen (12. Kapitel). Über die Bibel ist er überall bekannt geworden.

Man versteht die Moral dieser Maxime nur, wenn man sie im Rahmen der Gastfreundschaft sieht, wie sie in archaischen Gesellschaften gepflegt wurde. Dazu schreibt ein renommierter Anthropologe: »Ist der Fremde möglicherweise ein gefährlicher Feind, besteht der normale Weg, die Gefahr zu überwinden, in einer spektakulären Geste der Großzügigkeit« (Graeber, David: Schulden. 2011. S. 107). Großzügigkeit sollte entwaffnen.

In der Bibel sind die feurigen Kohlen auf dem Haupt nur ein Bild. Wie aber ist das Bild zu verstehen? Zum Zeichen einer Sinnesänderung, der Reue oder Beschämung, sind früher tatsächlich feurige Kohlen aufs Haupt gehäuft worden. Wie man sich das vorzustellen hat, kann man einer alten ägyptischen Erzählung entnehmen. Lutz Röhrig hat sie nacherzählt: »Chaemwese ist in das Grab des Noferkaptah eingedrungen und entwendet dem Grabinhaber dessen wirkungskräftiges Zauberbuch […]. Der Bestohlene unternimmt […] nichts gegen den Dieb. Er sagt, er werde Chaemwese zwingen, das Buch, das ihm nur schaden wird, wiederzubringen, ›indem‹ – so heißt es wörtlich – ›ein gegabelter Stab in seiner Hand und ein Kohlenbecken von Feuer auf seinem Haupt ist‹«. Und genau das geschieht dann. »Nach schwerem Unglück begibt sich Chaemwese […] mit gegabeltem Stab in der Hand und Kohlenbecken von Feuer auf dem Haupt zu Noferkaptah« und gibt das gestohlene Buch zurück. Die feurigen Kohlen auf dem Haupt sind also ein Zeichen dafür, dass jemand seine bösen Absichten zurückgenommen und damit seinen Sinn geändert hat.

Kohle machen

Diese Redensart hat es noch nicht in die Wörterbücher geschafft. Schaut man aber im Internet in die Portale, bei denen es ums Geldverdienen geht, dann findet sich: Es wimmelt nur so an Belegen. Der Ausdruck gehört zum Repertoire der Internetnutzer. Nur wenige Beispiele: »Wie kann ich schnell Kohle machen, ohne einen Finger krumm zu machen?« – »Ich mag es, Leuten zu zeigen, wie man dicke Kohle macht«. – »Ich verkaufe meine Seele nicht, das ist das Einzige, was ich nicht verkaufe, um Kohle zu machen«. – »Weißt du, ich bin auch mit einem nackten Ar… geboren. Mein Alter, Gott hab ihn selig, war ein Säufer und meine Mutter, die hat gemeckert, und uns mit ein paar Kröten durchgebracht. Sie hatte keine Möglichkeit, die flotte Kohle zu machen.«

Kohle machen heißt eigentlich: ›im Bergwerk unter Tage Kohle abbauen‹. Was das früher konkret bedeutete, kann man der folgenden Schilderung entnehmen: »Man darf dabei nicht vergessen, wir haben damals echt arbeiten müssen, echt arbeiten müssen. Jeder Stein, der losgeschossen wurde, der wurde mit dem Bohrhammer von Hand oder von der Schulter geholt. Heute haben sie elektrische Bohrsäulen, Bohrwagen. Und jeder Stein, der geladen wurde, wurde mit der Schüppe geladen und jedes Pfund Kohle, das gemacht wurde, wurde mit der Schüppe geladen.« (mündliche Äußerung)

Von der Mühsal, die das Kohlemachen unter Tage bereitete, ist in der Redensart keine Spur mehr zu finden. Vom Kohlemachen im eigentlichen Sinn auch nicht. Stattdessen geht es ums Geld. Kohle ist zur Metapher für ›Geld‹ geworden und der Ausdruck Kohle machen zu einer Maxime: möglichst schnell und mit dem geringsten Aufwand an viel Geld zu kommen: schnelle, flotte, dicke, fette Kohle.

Quelle: Lutz Röhrig. Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Bd. 3, 4. Freiburg/Basel/Wien 1992, S. 864 f. (30.03.2020)

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