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»Probleme der deutschen Sprache«: Hat »Anmut« etwas mit »Mut« zu tun?

Porträt Otto Ludwig (2015)In einem Leserbrief bin ich gefragt worden, was Anmut mit Mut zu tun habe. Dem Leserbriefschreiber möchte ich mit einem ganzen Artikel antworten. Der Artikel besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil lautet die Antwort: nichts, im zweiten: sehr viel.

Die Bedeutungen heute

Schaut man nur auf die Bedeutungen, die heute Gültigkeit haben, dann fällt die Antwort negativ aus. Das Wort Mut bedeutet die innere Bereitschaft, in einer riskanten oder gar gefährlichen Situation die Angst zu überwinden und das Wagnis, das mit dem nächsten Schritt in die Handlung hinein verbunden ist, einzugehen. Mut beweist, wer unerschrocken in ein brennendes Haus geht, um ein Menschenleben zu retten.

Zur Anmut hat sich Schiller 1793 in einer umfangreichen Abhandlung geäußert. Er stellt Anmut an die Seite der Schönheit: »Alle Anmut ist schön«, fährt dann aber fort: »aber nicht alles Schöne ist Anmut«. Denn Anmut ist eine besondere Form des Schönen. Sie tritt nur in der Bewegung zutage: »Anmut ist eine bewegliche Schönheit; eine Schönheit nämlich, die an ihrem Subjekte zufällig entstehen und ebenso aufhören kann. Dadurch unterscheidet sie sich von der fixen Schönheit, die mit dem Subjekte selbst gegeben ist.« An anderer Stelle bezeichnet er sie als »Schönheit der Bewegung«, man könnte auch von einer »Schönheit in der Bewegung« sprechen. „(Tadzios) Gehen«, schreibt Thomas Mann im Tod von Venedig, »war von außerordentlicher Anmut«.

Man sieht: In den Bedeutungen der beiden Wörter gibt es so gut wie nichts, was ihnen gemeinsam wäre. Mut bezeichnet eine innere Eigenschaft, Anmut eine äußere. Mut beweist der Mann. Anmut zeichnet weibliche Wesen aus. Darum ist Mut – grammatisch – männlich: »der Mut«, Anmut aber weiblich: »die Anmut«.

Die Bedeutungen früher

Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn man die Herkunft der beiden Wörter in Betracht zieht und nach ihrer ursprünglichen Bedeutung fragt. Hier besteht durchaus ein Zusammenhang, sodass die Ausgangsfrage durchaus auch bejaht werden kann.

Mut war im Mittelalter eine anthropologische Kategorie, und zwar eine grundlegende. Mut bezeichnete das Innere des Menschen als Gesamtheit von Fühlen, Denken und Wollen. Sie hatte ihren Sitz im menschlichen Herzen. So konnte sich Walther von der Vogelweide in einem seiner Lieder über seine Geliebte mit folgenden Worten beklagen:

Jedoch so tut sie Leides mir so viel.
Sie kann mir versehren
Herze und den Mut (muot).

In einigen Redewendungen hat sich noch die alte Bedeutung erhalten, wie etwa: »guten Mutes sein«, d. h. ›gut gelaunt sein‹; »mit frischem Mute an die Arbeit gehen«, d. h. ›mit neuem Elan die Arbeit wieder aufnehmen‹; »seinen Mut an jemandem kühlen« ›nicht wohl zumute sein‹ usw. Noch deutlicher tritt die alte Bedeutung in Wortzusammensetzungen wie Demut, Wehmut, Schwermut, Übermut, Hochmut Unmut usw. zutage. In ihnen allen kommen ausnahmslos innere Verfassungen oder seelische Befindlichkeiten zum Ausdruck.

Seit dem 16. Jahrhundert verändert sich die Bedeutung jedoch grundlegend. Aus der Menge der seelischen Befindlichkeiten wird in zunehmendem Maße eine besonders hervorgehoben: die Furchtlosigkeit, Unerschrockenheit oder Risikobereitschaft angesichts einer drohenden Gefahr. So konnte Schiller dichten:

Der Mut wächst mit der Gefahr.

In diesem eingeschränkten Sinne verwenden wir das Wort heute noch. Die Veränderung betrifft aber nur das isoliert stehende Wort Mut, nicht die vielen Ableitungen.

Anmut bezeichnete ursprünglich auch eine seelische Befindlichkeit, aber von Anfang an eine besondere. In Verbindung mit an erhält der innere Zustand eine Richtung. Er wird gerichtet und er richtet sich »an« etwas. Es ist der »an« etwas gesetzte Sinn. So wird aus der seelischen Befindlichkeit allgemein ein Streben nach etwas, ein Begehren, und aus dem Begehren schließlich eine Begierde. Noch bei Fischart, einem Satiriker aus dem 16. Jahrhundert, heißt es: »Die frau soll sich anschicken nach seiner (des Mannes) anmut, weis und willen.«

Ein Jahrhundert später beginnt der Begriff seine Richtung umzukehren. Aus dem Objekt des Begehrens wird eine Eigenschaft des Begehrten oder, wie es im Grimmschen Wörterbuch heißt: »Anmut ist uns nicht mehr das Begehrende, sondern das Begier Anregende und Befriedigende.« Ursache und Wirkung haben ihre Rollen vertauscht.

Mit der Bedeutungsveränderung hat das Wort Anmut auch sein grammatisches Geschlecht gewechselt. Solange es sich um ein Begehren, eine Begierde handelte, war Anmut männlich. Denn das Begehren galt als männliche Eigenschaft. Die Anmut als ›Schönheit in der Bewegung‹ ist eine typisch weibliche Eigenschaft. Es ist darum auch nur folgerichtig, dass zu einer solchen Bedeutung das männliche Geschlecht nicht mehr passte und Anmut weiblich wurde.

Was Anmut mit Mut zu tun hatte (danach wurde im Leserbrief gefragt), ist nun klar. Mut war ursprünglich ein Begriff für eine seelische Befindlichkeit. Mit Anmut wurde eine spezifische Ausprägung derselben bezeichnet: das Begehren.

Quelle: Das deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. (16.03.2020)

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Otto Ludwig

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