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»Probleme der deutschen Sprache«: Probleme mit dem Wort »Mädchen«

Porträt Otto Ludwig (2015)Probleme mit dem Wort Mädchen gibt es in unserer Sprache gleich zweimal: einmal hinsichtlich der Bildung und dann noch einmal in Bezug auf die Bildung von Texten.

Um die Bildung des Wortes zu begreifen, muss man etwas ausholen. Alle Menschen, ob groß oder klein, jung oder alt, männlich oder weiblich, fassen wir in dem Begriff Mensch zusammen. Es ist die Bezeichnung für die ganze menschliche Gattung. Sie steht an der Spitze einer ganzen Begriffspyramide. Es ist ihr Oberbegriff.

Eine Stufe tiefer werden erste Differenzierungen vorgenommen. Einmal nach dem Geschlecht: Mann oder Frau und dann noch einmal nach dem Alter: Kind. Im ersten Fall entspricht das grammatische Geschlecht dem natürlichen: der Mann, aber die Frau. Im zweiten Fall ist das etwas anders. Selbstverständlich hat jedes Kind ein natürliches Geschlecht. Aber darauf nimmt die Sprache zunächst einmal keine Rücksicht. Es ist ein Neutrum: das Kind.

Erst auf der nächsten Stufe der Pyramide werden Kinder nach ihrem natürlichen Geschlecht eingeteilt in Jungen und Mädchen. Bei der Geburt eines Kindes war früher, als man das Ungeborene noch nicht auf dem Bildschirm sehen und also auch nicht sein Geschlecht erkennen konnte, stets die erste Frage: Ist es ein Junge oder ein Mädchen?

Schauen wir uns die Bezeichnungen für Jungen und Mädchen etwas genauer an. Bei Junge ist alles unproblematisch. Das grammatische Geschlecht stimmt mit dem natürlichen überein. Das ist bei Mädchen anders. Niemand kann in Zweifel ziehen, dass Mädchen weibliche Wesen sind. Folglich wäre an dieser Stelle ein Wort zu erwarten gewesen, das auch grammatisch weiblich ist. Das ist aber nicht der Fall. Denn im Deutschen sind alle mit der Endung -chen gebildeten Wörter ausnahmslos neutral, also Neutra: das Engelchen, das Herrchen, das Frauchen usw. Das gilt auch für Mädchen. So war es unvermeidlich, dass in diesem Fall grammatisches und natürliches Geschlecht auseinanderfallen.

Ausgerechnet an der Stelle, an der es darauf ankommt, das weibliche Geschlecht gegenüber dem männlichen hervorzuheben und unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen, steht grammatisch ein anderes Geschlecht: das Mädchen. Es ist eigentlich unbegreiflich, dass man das hingenommen hat. Unbefriedigend ist eine solche Lösung allemal. Sie verweist aber auf ein grundsätzliches Problem, das auftritt, wenn zwei Prinzipien bei der Ausgestaltung unserer Sprache aufeinandertreffen. Dazu kommt es immer dann, wenn Form und Inhalt nicht übereinstimmen, formale Zwänge in Widerspruch zur inhaltlichen Bedeutung geraten, und es damit zu einem Konflikt zwischen beiden Prinzipien kommt.

Der Konflikt tritt offen zutage, wenn es bei dem Wort Mädchen um die Bildung von Texten geht. So beginnt das Märchen von den »drei Spinnerinnen« bei den Brüdern Grimm mit dem Satz: »Es war ein Mädchen faul und wollte nicht spinnen.« Zu erwarten ist, dass im weiteren Verlauf der Geschichte das grammatische Geschlecht erhalten bleibt und sächliche Formen des Personalpronomens zum Zuge kommen. Und so ist es auch. Der Erzähler der Geschichte fährt also fort: »[…] und die Mutter mochte sagen, was sie wollte, sie konnte es [nicht sie] nicht dazu bringen. Endlich übernahm die Mutter einmal Zorn und Ungeduld, daß sie ihm [nicht ihr] Schläge gab, worüber es laut zu weinen anfing.«

Man möchte meinen: einmal Neutrum immer Neutrum. Davon sind Sprachpuristen in der Tat überzeugt. Konsequent wäre es gewiss. Aber der Sprachgebrauch ist nicht immer konsequent. So kommt es, dass sich das natürliche Geschlecht oft nicht auf Dauer unterdrücken lässt und mal früher, mal später durchschlägt. So auch in dem Märchen von den »drei Spinnerinnen«. Das Mädchen war an einem Hof aufgenommen worden, hatte die Bekanntschaft von drei Spinnerinnen gemacht und diese eingelassen. Und dann heißt es: »Vor der Königin verbarg sie [nicht: es] die drei Spinnerinnen.«

In dem Märchen stehen die zitierten Stellen im Text weit auseinander. Das muss aber nicht so sein. Es gibt eine Vielzahl an Belegen dafür, dass der Wechsel unmittelbar erfolgt. Im
Internet habe ich unter den Mädchensprüchen den folgenden gefunden: »Für jedes Mädchen gibt es diesen einen Jungen, über den sie nie hinwegkommt. Der eine, der sie jedesmal zum Lachen bringt. Der eine, bei dem sie immer Schmetterlinge im Bauch hat, nur dann, wenn jemand seinen Namen sagt.« Auffällig häufig hat Goethe diesen Wechsel vorgenommen, auch dann, wenn wir noch Hemmungen hätten, ihn zu akzeptieren. Nur zwei Beispiele: »Ich hatte indessen das Mädchen ereilt und hielt sie fest.« In den »Wahlverwandtschaften« liest man: »Nur über ein kleines, lebhaftes Mädchen wurde immer geklagt, daß sie ohne Geschick sei, und im Hause nun ein für allemal nichts thun wolle.«

Der Wechsel vom grammatischen Geschlecht zum natürlichen ist in unserer Sprache nicht geregelt, sondern bleibt dem jeweiligen Sprecher oder der jeweiligen Sprecherin überlassen. Aber nicht ganz. Denn generell kann man feststellen, dass die Kraft, die von dem grammatischen Geschlecht von Mädchen ausgeht, in der unmittelbaren Nachbarschaft am größten ist, weshalb die angeführten Beispiele von Goethe wirklich erstaunlich sind. In dem Maße aber, in dem man sich von dem Ort entfernt, in dem das Wort Mädchen erwähnt wird, verliert die grammatische Prägung an Kraft, sodass an seine Stelle das natürliche Geschlecht treten kann. Das geschieht mal früher, mal später, manchmal aber auch überhaupt nicht. (20.07.2020)

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Otto Ludwig

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