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»Probleme der deutschen Sprache«: »Postfaktisch« – das Wort des Jahres 2016

Porträt Otto Ludwig (2015)Die Redaktion des Oxford English Dictionary, des maßgebenden Wörterbuchs der englischen Sprache, wählte im November 2016 zum internationalen Wort des Jahres 2016: »post-truth«, wörtlich übersetzt ›nach der Wahrheit‹. Einen Monat später, im Dezember 2016, wählte in Deutschland die Gesellschaft für deutsche Sprache »postfaktisch« zum Wort des Jahres 2016, in Analogie zum Englischen: ›nach den Fakten‹, ein Wort, das viele Deutsche noch nicht einmal zur Kenntnis genommen hatten.

Um von vorneherein keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen: Es war nicht Aufgabe der Jury, unter den zahlreichen Vorschlägen das schönste auszuwählen oder die gelungenste Wortbildung zu würdigen, sondern einzig und allein das Wort zu präsentieren, das für das vergangene Jahr charakteristisch ist oder – mit anderen Worten – den Nerv der Zeit trifft.

In der Begründung der Jury für ihre Entscheidung heißt es darum auch: »Das Kunstwort postfaktisch […] verweist darauf, dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größer werdende Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen ›die da oben‹ bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der ›gefühlten Wahrheit‹ führt ›im postfaktischen Zeitalter‹ zum Erfolg.«

Wollte man postfaktisch einem Faktencheck unterziehen, so käme man schnell zu dem Ergebnis, dass von dem, was der Begriff voraussetzt, so gut wie nichts stimmt. Es stimmt einfach nicht, dass eine Zeit zu Ende gegangen ist und wir in eine neue eingetreten sind, wie es die Nachbildung zu postmodern nahelegt. Es stimmt auch nicht, dass sich die Zeit davor allein am Faktischen orientiert habe. Auch damals sind Fakten verwässert, verschleiert, verfälscht oder unterdrückt worden. Genauso wenig stimmt es, dass unsere Zeit in Bausch und Bogen antifaktisch sei. Die meisten Diskussionen werden auch heute noch mit dem Anspruch geführt, dass Behauptungen durch Fakten zu erhärten sind.

Der Begriff ist aber nicht nur irreführend, sondern auch höchst gefährlich. Darauf wurde vor kurzem in einem Artikel aus der ZEIT mit aller Deutlichkeit hingewiesen: »›Postfaktisch‹ ist ein Euphemismus, der etwas Hässliches in ein schönes Gewand hüllt.« Mit ihm »wird der zivilisatorische Mangel der Brexiteure und Trumpisten, der Klimaleugner und Früher-war-alles-besser-Schwarzseher, diese intellektuelle Inkontinenz der Gegenwart zum epochalen Merkmal geadelt.« (Die Zeit, 21.12.2016, S. 10)

Was man gegen die Bildung des Begriffes auch immer vorbringen kann, in einem Punkt scheint er zumindest einen Nerv der Zeit getroffen zu haben. Das zeigen die Reaktionen. Die politische Lüge ist nicht der Punkt, auf den es ankommt. Wer lügt, weiß, dass er nicht die Wahrheit sagt. Damit erkennt er zumindest das Postulat der Wahrheit an. In manchen Kommentaren werden an die Stelle der Fakten Gefühle gesetzt. So heißt es in der Begründung der Jury, »dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht«. Auch unsere Kanzlerin ließ verlauten: »Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen […] folgen allein den Gefühlen.« Doch der Bezug auf Gefühle greift meines Erachtens zu kurz. Es sind doch nicht nur Gefühle, die an die Stelle von Fakten treten, sondern auch Vorurteile, irgendwelche abstrusen Ideen und Überzeugungen aller Art.

Nicht was an die Stelle der Fakten tritt, scheint mir von Bedeutung zu sein, sondern die Haltung, die allem zugrunde liegt. Frau Merkel hat in ihrem Statement auch auf sie aufmerksam gemacht. Denn sie verweist nicht nur auf Gefühle, sondern stellt auch fest: »Die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten.« Das heißt: Man interessiert sich einfach nicht mehr dafür, ob eine Aussage wahr oder falsch ist, sich durch Fakten belegen lässt oder auch nicht. Ein Anspruch auf Wahrheit wird überhaupt nicht mehr gestellt.

Wie es zu einer solchen Interesselosigkeit kommen konnte, mag viele Ursachen haben. Gewiss werden die neuen Medien eine Ursache sein. Im Netz ist niemand verpflichtet, seine Behauptungen durch Fakten zu belegen. Eine andere Ursache dürfte ein neuer Stil in der politischen Auseinandersetzung sein. Donald Trump hat gezeigt, wie man durch Falschmeldungen, Täuschungen und offenbare Lügen Wahlen gewinnen kann. Vielleicht sind die Ursachen aber doch tiefer in unserer Gesellschaft angelegt. Wer sich abgehängt fühlt, von der Gesellschaft fallen gelassen und ihr nicht mehr zugehörig, dem ist es egal, was man von ihm erwartet. Zu argumentieren hat er sich schon längst abgewöhnt. Um Fakten kümmert er sich sowieso nicht. Neu mag an einem solchen Verhalten nicht die Haltung als solche sein (die mag es schon immer gegeben haben), neu ist an ihr nur die Tatsache, dass sie es wagt, an die Öffentlichkeit zu treten. (06.07.2020)

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Otto Ludwig

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