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»Probleme der deutschen Sprache«: Willkommenskultur

Porträt Otto Ludwig (2015)Ich muss gestehen, irgendetwas stört mich an diesem Wort. Ich gebrauche es nicht. Ist es eine Assoziation, die mir nicht gefällt? Oder passt das eine nicht zum anderen? Kann man überhaupt aus einem Willkommen eine Kultur machen? Ich weiß es nicht, möchte es aber gerne wissen.

Der Begriff der Kultur ist im Deutschen nicht eindeutig. Er weist mindestens drei Bedeutungen auf:
(1) In den Naturwissenschaften spricht man von Kulturen, wenn von biologischen Lebenszusammenhängen die Rede ist. So werden Pilzkulturen angelegt, um bestimmte Erkrankungen erkennen zu können.
(2) In der historischen Wissenschaft ist von menschlichen Lebenszusammenhängen die Rede. Man spricht von der Hallsteinkultur, von der Kultur der Karolinger, der Kultur der Renaissance und meint die Lebensform, die eine Gesellschaft jeweils für sich gefunden hat.
(3) Heute bezeichnet man mit dem Begriff oft ein kultiviertes Verhalten. Man spricht von Gesprächskultur, wenn die Gesprächsteilnehmer sich an bestimmte Regeln halten, die von Gesellschaft zu Gesellschaft wieder anders sein mögen. Für uns Deutsche gilt, dass man den Gesprächspartner ausreden lässt und ihm nicht ins Wort fällt. Zu einer Streitkultur gehört der Respekt vor anderen. Man verzichtet auf die Anwendung körperlicher Gewalt und hütet sich zu verletzen. Unsere Esskultur zeichnet sich dadurch aus, dass man mit Messer und Gabel isst.

Aber nicht jedes kultivierte Verhalten begründet eine Kultur. Worauf es ankommt, ist vielmehr zweierlei. Das Verhalten muss allgemein sein oder zumindest von der tonangebenden Schicht an den Tag gelegt werden. Und dann muss es eine gewisse Dauer aufweisen. Es genügt nicht, dass man sich nur heute so verhält.
So stellt sich die Frage, ob der Begriff der Willkommenskultur überhaupt auf den Empfang, den wir den Flüchtlingen bereiten, anwendbar ist.

Die ursprüngliche Bedeutung von willkommen könnte man folgendermaßen wiedergeben: »(Du bist) nach Willen gekommen« – oder freier formuliert: »Es entspricht unserem Willen, dass du gekommen bist«. Aber nicht nur das! »Sie sind uns immer willkommen« ließe sich mit den Worten umschreiben: »Wir freuen uns immer, wenn Sie zu uns kommen«. In Willkommen kommen also zwei Momente zum Zuge: einmal, dass das Kommen akzeptiert wird und dann, dass man es nicht nur akzeptiert, sondern auch begrüßt und sich darüber freut.

Genau dies geschieht, wenn wir jemanden empfangen. Zuerst wird der Gast oder ein Fremder begrüßt: »Ich heiße Sie in unserem Haus willkommen« oder kurz »Willkommen in unserem Haus«. So wurden die Flüchtlinge mit den Worten begrüßt: »Willkommen in Deutschland!« In der Begrüßung kommt zum Ausdruck, dass der Ankömmling akzeptiert wird. Auf die Begrüßung folgt unmittelbar oder in zeitlichem Abstand die eigentliche Aufnahme. Diese kann verschiedene Formen annehmen: Beköstigung, Unterbringung, Unterhaltung, Betreuung usw. Auch das haben wir den Flüchtlingen, die bis zu uns gelangt sind, angedeihen lassen. An Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft hat es nicht gemangelt. Darauf können wir stolz sein. Und dennoch dürfte es nicht angebracht sein, ja vielleicht sogar vermessen erscheinen, jetzt schon von einer Willkommenskultur zu sprechen.

Einmal fehlt das Kriterium der Allgemeinheit. Ein kleiner Teil unserer Bevölkerung begegnet den Flüchtlingen feindlich und mit Aggressionen. Ein anderer, nicht unerheblicher Teil verhält sich ihnen gegenüber reserviert und kann sich über ihr Kommen überhaupt nicht freuen. Dann fehlt das Kriterium der Dauer. Es gibt viele Gesellschaften auf der Welt, für die es selbstverständlich ist, Fremde aufzunehmen. »Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben, wie dich selbst.« Dieser Satz steht im Alten Testament (Leviticus 19,34) und zeugt von der Willkommenskultur der alten Israeliten. Wir würden es nicht wagen, ihn auf uns anzuwenden. Wir hatten nie eine richtige Willkommenskultur. Wenn wir jetzt Flüchtlinge herzlich bei uns aufnehmen und uns um sie kümmern, dann ist das erfreulich, auch menschlich und wohl doch auch christlich. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich damit auch bei uns bereits eine Willkommenskultur etabliert hätte. Erst wenn wir in zwanzig oder hundert Jahren immer noch so freundlich zu Fremden sind, wäre es vielleicht an der Zeit, auch bei uns von einer Willkommenskultur zu sprechen.

Aber warum ist der Begriff heute in aller Munde? Weil er funktionalisiert wird. So einfach könnte die Antwort sein. Wenn man sich so gibt, als verfüge man bereits über eine Kultur des Willkommenheißens, obwohl doch von einer solchen nicht die Rede sein kann, dann tut man so, als habe man alle Probleme im Griff und könne die Integration mit links bewerkstelligen. Wenn unsere Kanzlerin in einer bestimmten Situation gesagt hat »Wir schaffen das!«, dann tat sie das in dem Bewußtsein, dass es nicht selbstverständlich ist und großer Anstrengungen bedarf. Genau dies aber wird mit dem Gerede von der Willkommenskultur verschleiert, sodass der Verdacht nicht von der Hand gewiesen werden kann, dass wir mit einem solchen Begriff vereinnahmt werden sollen.

Anregung: Gisela Zifonun, Willkommenskultur. In: Sprachreport 4, 2015, S. 27. (02.03.2020)

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Otto Ludwig

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