Linguistik

Bühler'sche Sprachtheorie

Karl Bühler hat 1934 mit seinem Buch "Sprachtheorie" ein Werk vorgelegt, das bis heute für eine funktionale Sprachbetrachtung grundlegend ist. Für Bühler ist Sprachwissenschaft eine Erfahrungswissenschaft, also eine Wissenschaft, die auf Beobachtungen beruht. "An konkreten Sprechereignissen macht der Sprachforscher seine grundlegenden Beobachtungen und fixiert ihr Ergebnis in Erstsätzen der Wissenschaft" (Bühler 1982: 15). Die Grundsätze der Sprachforschung fasst Bühler indes axiomatisch: "Wir formulieren im Folgenden eine Anzahl von Sätzen, die den Anspruch erheben, entweder selbst schon als Axiome der Sprachforschung angesehen zu werden, oder doch wenigstens fortschreitenden theoretischen Bemühungen um ein geschlossenes System solcher Axiome als Anhalt und Ausgang dienen" (ebd. S. 21). Es sind vier Axiome, 'Leitsätze über die menschliche Sprache', die für die Bühler’sche Sprachtheorie konstitutiv sind: (A) das Organonmodell der Sprache, (B) die Zeichennatur der Sprache, (C) Sprechhandlung und Sprachwerk, Sprechakt und Sprachgebilde und (D) Sprache als System von Wörtern und Sätzen.

Wie Saussure geht Bühler vom Zeichenbegriff aus und legt über den Zeichencharakter der Sprache das Fundament seiner Sprachtheorie, wie es im Organonmodell (Abb. 1) kondensiert ist.

Organon-Modell nach Bühler

Abb. 1: Organonmodell (aus Bühler 1982: 28)

Dem Organonmodell liegen drei 'Relationsfundamente' zugrunde: der Eine (Sender, Sprecher), der Andere (Empfänger, Hörer) sowie Dinge und Sachverhalte. Der Kreis in der Mitte stellt das konkrete Schallphänomen dar, was bei Saussure dem Signifikanten entspricht. Die semantischen Funktionen des komplexen Sprachzeichens werden durch die Linienscharen symbolisiert. Das Sprachzeichen nun "ist Symbol kraft seiner Zuordnung zu Gegenständen und Sachverhalten, Symptom (Anzeichen) kraft seiner Abhängigkeit vom Sender, dessen Innerlichkeit es ausdrückt, und Signal kraft seines Appells an den Hörer dessen äußeres oder inneres Verhalten es steuert wie andere Verkehrszeichen" (ebd., S. 28).

Bühler nimmt eine dreifache Zeichenfunktion an: die (dominante) Darstellungsfunktion des gegenstandsbezogenen Symbols, die Ausdrucksfunktion des senderbezogenen Anzeichens und die Appellfunktion des empfängerbezogenen Signals. "Als System von sinntragenden Zeichen erweist die Sprache sich nunmehr in drei verschiedenen 'Sinndimensionen' insofern ihre Zeichen Symbole, Anzeichen und Signale sein können. Diese sind aber als Zeichen verschieden nicht darin, daß sie verschiedenen Zeichensorten oder gar disjunkten Zeichenklassen zugehören, sondern lediglich insofern, als sie unterschiedliche Funktionen ausüben […]" (Ströker 1984: 49). Entscheidend ist, dass gegenüber dem klassischen Zeichenbegriff, der allein die Symbolfunktion ins Auge fasst, Bühler über das Sender-Empfänger-Konzept die Sprechsituation in das Zentrum der Argumentation rückt, denn Sender und Adressat "sind nicht einfach ein Teil dessen, worüber die Mitteilung erfolgt, sondern sie sind Austauschpartner, und darum letzten Endes ist es möglich, dass das mediale Produkt des Lautes je eine eigene Zeichenrelation zum einen und zum andern aufweist" (Bühler 1982: 31). Sprache ist nach Bühler nicht reduzierbar auf die Repräsentationsfunktion von Welt, sondern sie ist vielmehr eine Form menschlichen Handelns. Vor dem Hintergrund des Handlungscharakters von Sprache und seiner Zeichentheorie sieht Bühler gegenüber der Saussure’schen Langue-Parole-Dichotomie vier Seiten der Sprache, die Gegenstand der Sprachwissenschaft sind und die er in einem Vierfelderschema (Abb. 2) zusammenfasst.

 

 III
1.HW
2.AG

Abb. 2: Vierfelderschema (aus Bühler 1982: 49)

In dem Schema bezeichnet H Sprechhandlungen, A Sprechakte, W Sprachwerke und G Sprachgebilde; I meint subjektbezogene Phänomene, II subjektentbundene und dafür intersubjektiv fixierte Phänomene, 1. steht für eine niedere Formalisierungsstufe, 2. für eine höhere Formalisierungsstufe. Der Begriff der Sprechhandlung zielt auf den Handlungscharakter der Sprache ab, denn "jedes konkrete Sprechen steht im Lebensverbande mit dem übrigen sinnvollen Verhalten eines Menschen; es steht unter Handlungen und ist selbst eine Handlung" (ebd., S. 52). Die Sprechhandlung ist an Sprechsituationen gebunden: "[...] es gibt für uns alle Situationen, in denen das Problem des Augenblicks, die Aufgabe aus der Lebenslage redend gelöst wird: Sprechhandlungen. Und es gibt andere Gelegenheiten, wo wir schaffend an der adäquaten sprachlichen Fassung eines gegebenen Stoffes arbeiten und ein Sprachwerk hervorbringen" (ebd.). Sprachwerke sind also Produkte, die von der Sprechsituation des 'Erzeugers' abgelöst sind wie Romane oder wissenschaftliche Bücher.

Als Nächstes spricht Bühler von den Sprachgebilden, sie sind "platonisch gesprochen ideenartige Gegenstände, sie sind logistisch gesprochen Klassen von Klassen wie die Zahlen oder Gegenstände einer höheren Formalisierungsstufe des wissenschaftlichen Denkens" (ebd., S. 60). Auf der Ebene der Sprachgebilde begegnet uns die Sprache als Langue im Laut- und Wortschatz, in semantischen Relationen und in grammatikalischen Strukturen. "Wir verlangen nur, dass das linguistische Strukturhafte an den Zeichendingen als solches gemeint sein soll; dasjenige, was den Gegenstand der linguistique de la langue ausmacht. Nicht wesentlich anders, wie 'das rechtwinklige Dreieck' zu den 'Gebilden' der elementaren Geometrie, gehört das Verbum, der Artikel und der Akkusativ zu den sprachwissenschaftlichen Gebilden" (ebd., S. 62). Wörter und Sätze, die zum Strukturmodell der Sprache gehören (Axiom D) sind Sprachgebilde, die "beide zusammengehören und korrelativ zu definieren sind" (ebd., S. 70).

Die letzte Kategorie ist die des Sprechakts, die "am wenigsten ausgebaut und noch sehr umstritten [ist]" (ebd., S 62). Der Sprechakt ist ein Akt der "sinnverleihenden" (ebd., S. 63), bedeutungsverleihenden Setzung des Subjekts in Abhängigkeit von der Sprechsituation. Dabei ist das "Studium der intersubjektiv geregelten Sprachkonventionen" (ebd., S. 68) vorgängig und man muss "das soziale Moment der Sprache als logisch vorgeordnet oder mindestens als logisch gleichgeordnet einer subjektbezogenen Akttheorie bezeichnen [...]" (ebd., S. 69). Unter dem Aspekt des Sprechaktes stellt sich die Frage: Was meint der Sprecher im Kontext X?, wobei Informationen aus den Umständen der Sprechsituation erschlossen werden müssen. Hintergrund dieses Aspektes ist die Annahme, dass "die sprachliche Darstellung […] allenthalben Spielräume der Bedeutungsunbestimmtheit offen [läßt]" (ebd., S. 66) und die Interpretation durch Rückgriff auf Kontextfaktoren  erfolgt. Dies wird von Bühler anhand 'empraktischer' Ausdrücke diskutiert (vgl. ebd., S. 154 ff.).

Die Axiomatik ist eine der Komponenten der Sprachtheorie Bühlers, gewissermaßen orthogonal dazu steht die 'Zweifelderlehre'. Hintergrund dieses Ansatzes ist die Konzeption eines sprachlichen Umfeldes, nachdem jede sprachliche Äußerung situativ und kotextuell eingebettet ist. Bühler unterscheidet zwei Felder: das 'Zeigfeld' und das 'Symbolfeld'.

Im Zeigfeld bildet das Hier-jetzt-ich-System der subjektiven Orientierung den Ausgangspunkt, denn "das konkrete Sprechereignis muß am vollen Modell des Sprechverkehrs zuerst beschrieben werden" (ebd., S. 79). Auf der sprachlichen Ebene geht es zuallererst um deiktische Ausdrücke, die Bühler ausführlich behandelt. Das Symbolfeld setzt am Symbol als sprachlichen Zeichen an: "Die Sprache [...] symbolisiert; die Nennwörter sind Gegenstandssymbole. Aber ebenso wie die Farben des Malers einer Malfläche, so bedürfen die sprachlichen Symbole eines Umfeldes, in dem sie angeordnet sind. Wir geben ihm den Namen Symbolfeld der Sprache" (ebd., S. 151). Die wichtigste Funktion des Symbolfeldes besteht in der Erfassung "zwischen dem syntaktischen und lexikalischen Moment der Sprache" (ebd., S. 163). Das Symbolfeld ist situationsentbunden und konstituiert einen für den Nenn-Ausdruck jeweils eigenen Bezugsrahmen (Kontext).

Die Felderlehre ist von Ehlich (1996) erweitert worden (Abb. 3), der Bezug zur Sprechakttheorie ist offenkundig.

FELDPROZEDURBEZUGBEISPIEL
ZeigfelddeiktischSituationhier, so
SymbolfelddeklarativWeltwissenPeter, arbeiten
Malfeldexpressivsubjektive Welt von SBoah, ey!!!
LenkfeldexpeditivKommunikationhm, ähm
Operations-
feld
operativWissens-
verarbeitung
denn, der

Abb. 3: Erweiterte Felderlehre (nach Ehlich 1996)

Die funktionale Pragmatik, wie sie von Konrad Ehlich ausgearbeitet wurde und in deren Rahmen sprachliche Ausdrücke und grammatische Phänomene analysiert wurden, knüpft direkt an die Bühler’sche Sprachtheorie an. Entscheidend hierfür ist die Sprechsituation, die Elementarform einer zeichentheoretisch fundierten Handlungstheorie. Sprach­liche Ausdrücke werden auf der Folie von Feldern gesehen, bei Bühler das Symbol- und Zeigfeld. Präsentieren und Zeigen sind bei ihm die basalen Handlungsmodi der natürlichen Sprache. Indem die Sprechsituation in das Zentrum der Betrachtung rückt, werden die Situation sowie der sprachliche und außersprachliche Kontext von zentraler Bedeutung und Sprachfunktionen somit an die Analyse sprachlicher Formen gebunden.


Peter Schlobinski

Zitierte Literatur

Bühler, Karl (1982). Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Stuttgart New York. mehr

Ehlich, Konrad (1996). »Funktional-pragmatische Kommunikationsanalyse – Ziele und Verfahren«. Aufsatz im Sammelband Sprachwissenschaft. mehr

Ströker, Elisabeth (1984). »Bühlers Axiomatik der Sprachwissenschaften im Kontext. Eine problemgeschichtliche Skizze«. Aufsatz im Sammelband Karl Bühlers Axiomatik. Fünfzig Jahre Axiomatik der Sprachwissenschaften. mehr

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Kommentare zu dieser Seite

habe nach bühlerschen funktionen gesucht und auf einen blcik gefunden gz und ty
Dienstag, 3. März 2009 Gast
Ich weiss nicht, ob ich es nur nicht gefunden habe: Es müsste eine möglichkeit geben, die Inhalte sich anders darstellen zu lassen. In einer 390 Pixel breiten Tabelle zwischen zwei Navigationen eingepfercht ist ein etwas irritierendes Format, das mir persönlich Schwierigkeiten beim lesen eines Artikels bereitet. Das ist schade, weil die Inhalte sehr interessant für mich sind.
Freitag, 27. April 2007 Gast