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Computerfreaks like 2 party
Relay Parties zwischen Virtualität und Realität
  WZB Discussion Paper FS II 94-104, Wissenschaftszentrum Berlin, 1994

Kai Seidler , 9/94

  Sprungbrett
  Abstract
  Zusammenfassung
1  Computerfreaks like 2 party
2  Was - um alles in der Welt - ist IRC?
3  Eine kurze Geschichte des IRCs
4  Was - um alles in der Welt - ist RP?
5  Eine kurze Geschichte der Relay Parties
6  Vorboten, wo Feuer ist...
7  Anreise, Willkommen in der Wirklichkeit
8  Abends, die Party
9  Jenseits, der Samstag
10  Abreise, trennen tut weh
11  Nachwehen, zurück im Netz
12  Fazit, das war's
  Fußnoten

 

  Veröffentlichungsreihe der Abteilung "Organisation und Technikgenese" des Forschungsschwerpunkts Technik-Arbeit-Umwelt am WZB

Projektgruppe Kulturraum Internet

Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH (WZB)
Reichpietschufer 50, 10785 Berlin
Telefon (030) 254 91-0, Fax (030) 254 91-684

Die Papierversion kann gegen Einsendung eines mit der eigenen Anschrift adressierten Aufklebers und einer 1 DM-Briefmarke pro paper beim WZB bestellt werden. (Bestellnummer nicht vergessen: FS II 94-104) Alle Bestellungen bitte an: WZB, Presse- und Informationsreferat, Reichpietschufer 50, 10785 Berlin.

Abstract
 

The Internet Relay Chat is a communications system that is available all over the world to people with access to the Internet. As the whole Internet, the IRC forms a virtual reality and the IRC users make up their own specific community within the broad Internet community. Besides the virtual meetings, the IRC users regularly meet each other at real world parties, so called Relay Parties.

This article begins with a brief history of the IRC program and Relay Parties. Then it focuses on the German speaking part of the international IRC community and describes the party preparations in the virtual net, the real world party itself and its ending back in the virtuality of the net.

Zusammenfassung
 

Dieser Text handelt von Menschen, die über ein spezielles elektronisches Kommunikationsforum des Internet miteinander in Verbindung stehen, somit quasi eine virtuelle Kommunikationsgemeinschaft bilden, die IRCer. Seit der Programmierung dieses Forums 1988 wird diese Gemeinschaft weltweit rasch größer. In dieser Gemeinschaft haben sich bestimmte kulturelle Gepflogenheiten herausgebiltet, von denen hier die Parties näher geschildert werden.

Das Internet Relay Chat ist ein weltweites öffentliches Kommunikationsforum des Internets, das es Tausenden von Menschen ermöglicht miteinander zu sprechen. Die Menschen, die sich in diesem virtuellen Raum des Internets treffen, nennen sich, zumindest im deutschsprachigen Raum, IRCer. Außer zu den Begegnungen im Netz treffen sich diese IRCer bei realweltichen Parties. Der Übergang von der Netzwelt des IRC in die Realwelt bei den RPs und wieder zurück ist das Thema dieses Artikels.

Noch gibt es kaum schriftlich niedergelegte Dokumentationen zu diesem jungen Kommunikationsforum, d.h. die Geschichte ist überwiegend im Gedächtnis der Teilnehmenden ,,archiviert``. Dieser Text gibt einführend einen kleinen Überblick über die Geschichte des IRCs und der RPs. Er konzentriert sich dann hauptsächlich auf den deutschsprachigen Raum des IRCs und beschreibt, wie hier die Vorbereitungen einer RP virtuell im Netz beginnen, wie die realweltliche RP abläuft und wie sie dann wieder virtuell im Netz endet.

Die hier vorgelegte Darstellung dieses Themas aus einer Innenperspektive ist Teil eines derzeit anlaufenden technikanthropologischen Forschungsprojekts der Abteilung Organisation und Technikgenese, in welchem es um den ,,Kulturraum`` Internet geht, seine generischen Eigenschaften und Bedingungen seiner Entstehung und Ausbreitung.

1 Computerfreaks like 2 party
 

Überall, wo man Rechenzentren eingerichtet hat [...], kann man aufgeweckte junge Männer mit zerzaustem Haar beobachten, die oft mit tief eingesunkenen, brennenden Augen vor dem Bedienungspult sitzen [...] Sie arbeiten bis zum Umfallen, zwanzig, dreißig Stunden an einem Stück. Wenn möglich, lassen sie sich ihr Essen bringen: Kaffee, Cola und belegte Brötchen. Wenn es sich einrichten läßt, schlafen sie sogar auf einer Liege neben dem Computer. Aber höchstens ein paar Stunden - dann geht es zurück zum Pult oder zum Drucker. Ihre verknautschten Anzüge, ihre ungewaschenenen und unrasierten Gesichter und ihr ungekämmtes Haar bezeugen, wie sehr sie ihren Körper vernachlässigen und die Welt um sich herum vergessen. Zumindest solange sie derart gefangen sind, existieren sie nur durch und für den Computer. Das sind Computerfetischisten, zwanghafte Programmierer. Sie sind ein internationales Phänomen.

Joseph Weizenbaum, ,,Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft`` (1977)

Nur zweimal im Jahr trennen sich diese Computerfetischisten (und auch immer mehr Computerfetischistinnen) von ihren Bedienungspulten, dann treibt es sie in die reale Welt hinaus, zu den RPs.

2 Was - um alles in der Welt - ist IRC?
 

Das Internet Relay Chat (IRC) ist ein Computerprogramm, das es ermöglicht via Internet mit Tausenden von Menschen (gleichzeitig) zu sprechen. Diese Kommunikation findet in Textzeilen auf dem Computerbildschirm statt. Im IRC ist man unter seinem Spitznamen bekannt, und alles, was man sagt und macht, erscheint unter diesem Namen. Diesen Spitznamen kann man selbst frei wählen, nur darf er nicht länger als 9 Zeichen sein und es darf zur gleichen Zeit keine andere Person mit gleichem Namen im IRC geben. Ab und zu kommt es zu sogenannten Nick Wars, das bedeutet zwei Personen streiten sich um einen Spitznamen. Zum Beispiel versucht die eine Person möglichst immer vor der anderen das IRC zu betreten, um so den Spitznamen zu belegen. Oder sie versucht möglichst immer im IRC zu bleiben, auch wenn sie in Wirklichkeit gar nicht anwesend ist. Sie wäre dann ein sogenannter Geist (ghost). [1]

Da nicht alle tausende Benutzer durcheinander reden können, ist das IRC in Kanäle unterteilt. Diese Kanäle sind so etwas wie virtuelle Orte, an denen man sich mit Freunden oder Fremden treffen und unterhalten kann. Jeder Kanal hat einen frei wählbaren Namen, der jedoch immer mit einem Doppelkreuz (#) beginnen muß. Will jemand über ein bestimmtes Thema reden oder Kontakt suchen, so kann er einfach einen bestehenden Kanal betreten, oder einen neuen IRC-Kanal erzeugen. Typische Kanalnamen sind z. B.: #berlin oder #linux. Neben diesen öffentlichen Kanälen, gibt es auch private und geheime Kanäle. Hier kann man sich in stiller und heimlicher Weise mit Freunden treffen, ohne in die breite IRC-Öffentlichkeit zu treten.

Traf man sich früher beim Nachbarn um zu schwatzen, so trifft man sich heute auf einem Kanal im IRC. Das IRC ist zum Haus und der Kanal zum Wohnzimmer geworden.

Die IRC-Sprache ist Englisch: die Kanäle heißen Channels, die Spitznamen sind Nicknames und die Mitteilungen sind Messages. Trotzdem werden die nationalen Eigenheiten gepflegt, und es gibt viele Kanäle, auf denen nur die jeweilige Landessprache gesprochen wird. Der Hinweis aber, daß in diesen Kanälen eine andere Sprache herrscht, wird wiederum in Englisch gegeben. Gute Beispiele sind die japanischen Kanäle: Für uns Europäer ist schon ein Zuhören dort gänzlich unmöglich; nicht, weil dort Japanisch gesprochen wird, sondern weil sie gar keinen lateinischen Zeichensatz haben. Das IRC-Programm ist so erweiterbar, daß es den großen Zeichenvorrat der Japaner zuläßt.

Das IRC wird im Deutschen irk, und jemand der das IRC benutzt, der IRCer, wird irker ausgesprochen. Allerdings ist das mehr eine IRC-Insideraussprache, und außerhalb der IRCer-Gemeinde ist das deutsch-buchstabierende i - r - c gebräuchlicher. Übrigens wird auch in Finnland, dem Herkunftsland des IRCs, das IRC irk ausgesprochen.

3 Eine kurze Geschichte des IRCs
 

Leider gibt es zu der Geschichte des IRCs kaum schriftlich niedergelegte Dokumente. Die Informationen in diesem und den nächsten Abschnitten stammen aus Interviews, die ich im IRC und per E-Mail geführt habe und meinen eigenen Erfahrungen.

Die Geschichte des IRCs begann im Sommer 1988, als Jarkko Oikarinen an der University of Oulu in Finnland anfing, ein Mehr-Personen-Schwatz-Programm (was für ein grausiges Wort) für seine OuluBox[2] zu entwickeln:

I was working in the Department of Information Processing Science in University of Oulu during summer'88. I guess they didn't have much for me to do. I was administring the department's sun server, but it didn't take all time. So I started doing a communications program, which was meant to make OuluBox (a Public Access BBS running on host tolsun.oulu.fi, administered by me) a little more usable. The purpose was to allow USENET News-kind of discussion and groups there in addition to real time discussions and other BBS related stuff. (Jarkko Oikarinen in einer persönlichen E-Mail an mich, 14. Februar'94. Die weiteren Zitate stammen auch aus dieser E-Mail.)

Der Geburtstag des IRCs war dann Ende August 1988 und bald wurde deutlich, daß dieses Mehr-Personen-Schwatz-Programm (Multi-User-Talk!) als eigenständiges Programm viel nützlicher ist als in der einschränkenden Verbindung mit einem BBS-Programm:

When IRC started occasionally having more than 10 users, I asked some friends of mine to start running irc servers in south Finland, mainly in Tampere University of Technology and Helsinki University of Technology. Some other universities soon followed ... At that time it was obvious that adding BBS like functions to the program was not a good idea, it's better to have one program for one purpose. So the BBS extension idea was given up and just IRC stayed. (Jarkko Oikarinen)

Nun verbreitete sich das IRC auch an weiteren finnischen Universitäten, und Jarkko versuchte über das BITNET-Relay[3] außerfinnische Nutzer für sein IRC-Programm zu interessieren. Da Finnland zu diesem Zeitpunkt noch nicht am Internet angeschlossen war, konnten diese aber keine Verbindung zu dem finnischen IRC aufbauen, und so war das Interesse nicht besonders groß. Erst als die Internetverbindung zwischen Finnland und den USA eingerichtet wurde, traf er auf Interessierte:

Through ai.ai.mit.edu I got to know Vijay Subramaniam (I hope I spelled that correctly :-)[4] . I had given IRC to him and not heard of him for some time. Then I got mail messages from Jeff Trim (used to be jtrim@orion.cair.du.edu, University of Denver, current address unknown) David Bleckmann (bleckmd@jacobs.cs.orst.edu) and Todd Ferguson (melvin@jacobs.cs.orst.edu, Oregon State University). Vijay had given IRC to them and they had started ircd on their machines (orion.cair.du.edu and jacobcs.cs.orst.edu, if I remember correctly) and wanted to connect to Finnish irc network. After that some other people started running IRC, and the number of servers grew quickly. (Jarkko Oikarinen)

Heute gibt es das IRC in 27 Ländern, und in diesem Moment, am 31. August 1994 um 10:23 Uhr GMT, sind genau 3523 Menschen anwesend. Zu diesem Zeitpunkt kommen etwa 7%der IRC-Benutzer aus Deutschland. Das IRC kam Oktober 1989 nach Deutschland, und die ersten deutschen Universitäten mit IRC waren Erlangen, München, Freiburg und später Karlsruhe. Zu dieser Zeit waren, ähnlich wie beim finnischen IRC, die internationalen Verbinungen sehr schlecht, d. h. die deutschen IRCer blieben zunächst unter sich. Es war dann schon ein großes Ereignis, wenn mal eine Verbindung zum Ausland aufgebaut wurde, und nicht mehr nur 10 deutsche IRCer das IRC bevölkerten, sondern ganze 40 weltweit.[5] :-) Wie das IRC-Netz heute aufgebaut ist und welche deutschen Universitäten an das IRC angeschlossen sind, kann man Abbildung 1 entnehmen.


[Deutschlandkarte mit den IRC-Staedten und IRC-Verbindungen]

Abbildung 1: IRC Link Structure in Germany von Michael Pall <pall@rz.uni-karlsruhe.de>.


Noch etwas zu einem besonderen Kanal auf dem IRC: Immer wieder, wenn es irgendwo in der Welt kriselt, bildet sich ein Kanal namens #report. Auf diesem Kanal werden Informationen live aus dem Krisengebiet gebracht. Als sich Anfang 1991 der Golfkrieg verschärfte, trafen sich hunderte von IRCern auf diesem Kanal und lauschten den Berichten. Schneller als CNN, aus erster Hand und zum Teil sehr dramatisch: Z. B. berichtete damals ein IRCer aus Israel, wie 100 Meter neben ihm eine Scud-Rakete eingeschlagen ist, und ihm durch die Erschütterung die Teetasse vom Tisch gefallen ist. Die Logfiles von damals sind heute noch auf FTP-Servern archiviert. Weitere Anlässe für einen #report-Kanal waren z. B. der Putschversuch in Moskau (1992) und das '94 Erdbeben in Kalifornien.

Das IRC ist ein Service des Internets, und der Zugang zum Internet ist, aus technischen und finanziellen Gründen, für Privatpersonen schwer zu erhalten. Zwar gibt es bereits private Internetanbieter, aber sie sind noch eher die Ausnahme. Im Moment stellen, hier in Deutschland, sicherlich die Universitäten den größten Teil der Internetbenutzer, und so bestehen auch die deutschen IRCer fast nur aus Studenten. Davon sind ein großer Teil Informatikstudenten, und ein Teil davon sind wieder Computerfreaks. In anderen Ländern - außer den USA, dort ist die Kommerzialisierung des Internets sehr verbreitet - sieht es im Grunde auch nicht viel anders aus.

4 Was - um alles in der Welt - ist RP?
 

Auf der einen Seite ist es wunderbar, sich mit so vielen Menschen weltweit unterhalten zu können. Aber diese Kommunikation findet nur in Textzeilen auf dem Computerbildschirm statt, und reale zwischenmenschliche Begegnungen kommen nicht vor. Irgendwann möchte man mal die Menschen persönlich kennenlernen, mit denen man schon Tage und Nächte am Computer verbracht hat, sie einfach mal f2f (face to face) erleben.

Genau das ist der heilige Zweck einer Relay Party, die Menschen, die man vom Computernetz her kennt, mal persönlich kennenzulernen und - auch wichtig - mit ihnen Spaß zu haben. Der Begriff ,,Relay Party`` ist nur im deutschsprachigen Raum gebräuchlich. Jedes Land hat so seine eigenen Bezeichnungen, z. B. heißen diese Parties in Finnland IRC-Parties und in den USA Netcons oder auch IRC-Parties. Wird im nachfolgenden Text von Relay Parties geredet, so sind damit immer nur die Parties im deutschsprachigem Raum gemeint. Relay Parties werden zweimal im Jahr veranstaltet, einmal im Sommer und einmal im Winter. Jeder ist eingeladen, egal ob IRCer, BITNETer oder keines von beiden. Manchmal kommen sogar Gäste aus den USA über den Großen Teich geflogen. Es kommen Computerfreaks, Hardcore-Computerfreaks, Informatiker, Nicht-Informatiker und wen es sonst noch interessiert. Und um niemanden unrecht zu tun, nennen sich die Teilnehmer einer RP auch nur RPler.

RPs werden von den IRCern selbst organisiert, ohne Unterstützung der Universitäten. Oft haben die Organisatoren große Probleme, die Ressourcen für eine RP zu finden: ein Partyraum für zwei Nächte und jede Menge Schlafplätze.

Eine RP dauert immer drei Tage, und das Protokoll sieht jedesmal gleich aus. Freitag: Anreise, abends Party; Samstag: zur freien Verfügung, abends Party; Sonntag: Frühstück und Abreise.

5 Eine kurze Geschichte der Relay Parties
 

Ähnlich wie beim IRC, ist auch hier die Geschichte kaum schriftlich niedergelegt. Die einzige schriftliche Quelle, auf die ich zurückgreifen konnte, waren alte Newsartikel, die von Privatpersonen aufgehoben wurden. Weitere Informationen stammen wieder aus Interviews die ich im Netz geführt habe und meinen eigenen Erfahrungen.

Das allererste IRCer-Treffen überhaupt fand Juli 1989 in Espoo (Finnland) - Technical University of Helsinki - statt und nannte sich treffenderweise IRC-PARTY. Arto Kojo, ein Organisator dieser Party, erinnert sich:

The first IRC-party took place 26. - 28. July, 1989 at Otaniemi Student village (Campus), Espoo, Finland (Espoo is just next to Helsinki). There were several places that we used during the weekend, but mainly we were either on the terminal classes at Helsinki University of Technology, at TF's (building of the student union of swedish speaking students), or at the meeting room and sauna of the finnish speaking student union, TKY.

The cost of the party was about 150 FIM (USD 30) including meals, places to spend the night at the actual party at TF's on the saturday night. There were 30 - 40 participants (dont remember the exact number). I could name half of them, if I had to and if I really tried. We also have photos.

The term "IRC-party" was also invented by us, as far as I remember. There were no other IRC-party at that time neither in Finland nor elsewhere, since IRC was such a new thing, only about 30 nodes alltogether, most of them in Finland. (Arto 'Artist' Kojo in einer persönlichen E-Mail an mich. 22. Februar'94.)

In Deutschland beginnt die Geschichte der RPs ohne die IRCer. Ohne IRCer, weil es das IRC damals noch gar nicht gab. Aber wer also, wenn nicht die IRCer, feierte eine RP? Das war so... Vor den IRCern gab es die BITNETer[3], und die feierten eben *die* erste Party Anfang 1988 in Nijmegen. Einige von ihnen sind heute noch im IRC, aber die meisten sind nicht mehr am Netz. Es folgten die RPs Oldenburg und Heidelberg. Bisher wurde kaum etwas organisiert, man kündigte ein Treffen ein, zwei Wochen vorher an und traf sich dann mehr oder weniger spontan. Heidelberg war die erste *richtig* organisierte RP, mit Ankündigung und Anmeldung.

Zuerst haben sich ein paar Leute - teilweise kurzfristig, Terminplanung eine Woche vorher - an verschiedenen Orten in Europa zwanglos getroffen, um sich mal zu sehen, um mal was miteinander zu trinken und um mal f2f (face to face) miteinander zu sprechen! Da kam es schon vor, dass in Holland an einem Wochenende parallel 2 Feten stattfanden: eine in Nijmegen und eine in Utrecht und die einen wussten nix von den anderen. Da wurde nix Jahre vorher geplant, die Getraenke und das Essen wurden an Ort und Stelle und gemeinsam gekauft oder mitgebracht, es gab also keine grossartigen Finanzierungsplaene, keine Offenlegung der Finanzen hinterher. Die Uebernachtung erfolgte teilweise zu 10 und 20 in Schlafsaecken eng an eng im Wohnzimmer oder zu viert und fuenft im Auto ... manchmal wurd' auch gar nicht geschlafen ;-) (Markus ,,Maex`` Stumpf, München, in einem Newsartikel[6] [Rubrik de.talk.chat], 15. Juni 1992)

Die nächste RP war wieder in Nijmegen, und danach ging es nach Ulm. Die Ulmer RP gab sich als erste RP einen Namen: ,,European Relay Party at Ulm``, aber mit einem dicken Grinsen auf der Tastatur: ,,Das hatte einer als Gag gepostet. Ich habs aufgenommen und auf die T-Shirts drucken lassen :-0`` (Ulli ,,Framstag`` Horlacher, Ulm). Auf dieser RP wurde die Tradition des RP-Geschenks[7], eben dieses T-Shirt, eingeführt. Man hat es zwar selbst bezahlt, aber es nennt sich halt Geschenk. Vielleicht wäre die Bezeichnung Souvenir richtiger, ein Ding, das man wahrscheinlich seinen Enkeln zeigen soll ;-). Handtücher[8], T-Shirts, Regenschirme, Bierkrüge, alles was sich irgendwie mit ,,Relay Party`` bedrucken läßt, ist gut. Merchandising laß grüßen, wann gibt es RP-Haferflocken? :-)

Die Geschichte der *Internet* Relay Parties beginnt mit der Erlanger RP, inzwischen sind wir im Jahr 1990 angekommen. Schon gleich zu Anfang hatte die Anzahl der IRCer die Anzahl der BITNETer weit überrundet. Dafür gab's aber einen einfachen Grund: Die BITNETer waren oder fühlten sich nicht zu dieser Party eingeladen. Jedenfalls war, und erst recht auf den nächsten RPs, die Zahl der IRCer wesentlich größer als die der BITNETer. Nach Erlangen kam Aachen, hier fand die erste große Massen-RP statt. Die Zeit der kleinen gemütlichen Parties war vorbei, und die Zeit der großen gemütlichen Parties begann. Die nächste RP in München (1991) betitelte sich erstmals ,,InterNet & BitNet Relay Party``. Das BITNET im Namen, wird nur für eine kleine Gruppe BITNETer aufgeführt, die noch immer RPs besuchen und die ihre BITNET-Herkunft (weil inzwischen IRCer) jedem mitteilen, der es wissen will. ;-) Und um diesen Absatz nicht noch länger werden zu lassen, steht alles - und mehr und genauer und besser - nochmal in Tabelle 1.


Ort und/oder Bezeichnung RPler Jahr
Nijmegen 40 Februar'88
Oldenburg n.a. n.a.
Heidelberg n.a. n.a.
Nijmegen 80 n.a.
The 5th European RP at Ulm 60 September'89
The 6th European RP at Erlangen 25 Sommer'90
The 7th European RP at Aachen 80 November'90
The 8th InterNet & BitNet RP at München 120 Juni'91
The 9th InterNet & BitNet RP at Passau 100 November'91
The 10th InterNet & BitNet RP at Berlin 126 Juni'92
The 11th InterNet & BitNet RP at Karlsruhe 137 November'92
The 12th InterNet & BitNet RP at Zürich 85 April'93
The 13th InterNet & BitNet RP at Ulm 183 Juli'93
The 14th InterNet & BitNet RP at Aachen 170 Dezember'93
The 15th InterNet & BitNet RP at Dresden 150 Juni'94
The 16th InterNet & BitNet RP at Stuttgart 185 Dezember'94
The 17th InterNet & BitNet RP at Münster 252 Juni'95
The 18th InterNet & BitNet RP at Ilmenau 243 Mai'96
RP Zürich II (Classic RP) n.a. August'96
RP Aachen III (mit Teilnehmerzahlberenzung) 167 Dezember'96
RP München II n.a. Juli'97

Tabelle 1: RP-Veranstaltungsorte und Termine nach inoffizieller/offizieller Zählung. Die ersten vier RPs zählten sich selbst gar nicht. Erst die RP in Ulm nannte sich die fünfte RP und so wurden die anderen zwangsweise zu den ersten vier. Nebenbei gab und gibt es noch kleinere regionale Treffen, die hier aber nicht aufgeführt wurden.


6 Vorboten, wo Feuer ist...
 

Etwa 1 - 2 Monate vor dem RP-Termin tauchen in den News die ersten Anzeichen einer RP auf, meist in Form einer Ankündigung oder Einladung. Es wird mir mitgeteilt wann und wo die RP stattfindet, was das RP-Geschenk[9] kostet, wie hoch der RP-Beitrag (etwa 10 DM) ist, und wie ich mich anmelden kann. Die Anmeldung kann auf zwei Wegen erfolgen, entweder per E-Mail oder - wie sollte es sonst sein - via IRC. Die RP-Organisatoren setzen einen Roboter ins IRC, der die Anmeldungen entgegen nimmt. Ein IRC-Roboter ist eine Software, die sich auf dem IRC ähnlich wie ein Mensch verhält, jedoch nur auf bestimmte Stichwörter (Kommandos) reagiert. Und um niemanden zu verwirren bekommen Roboter Namen, die auf Serv (von Service) oder Bot (von Robot) enden. So wird einigermaßen sicher ausgeschlossen, daß jemand versucht mit dem Roboter ein Gespräch anzufangen. :-)

Die Aufgabe dieses RP-Roboters geht aber über die Annahme der Anmeldungen hinaus, er gibt auch nähere Informationen über die Party und über bisher angemeldete Personen. So kann ich schon vorher sehen, wem ich auf der Party begegnen werde, und ob ich lieber daheim bleiben sollte.

Ein paar Tage vor der RP wird eine Anfahrtsbeschreibung veröffentlicht, eine für Informatiker verständliche Anleitung, wie sie von ihrem Rechner zum Partyraum finden. Das ist der endgültige Startschuß zur RP...

7 Anreise, Willkommen in der Wirklichkeit
 

Die Anreise, das Eintreffen am Veranstaltungsort, läuft seit Generationen gleich ab. Bedenkt man, wie jung RPs sind, klingt Generationen vielleicht etwas übertrieben, aber in der jungen und schnellebigen Computerwelt kommt es einem wie Generationen vor.

Betritt man den Partyraum, steht irgendwo in der Nähe des Eingangs ein Tisch, auf dem alle Namenschilder alphabetisch ausgebreitet liegen. Jeder bekommt so ein Namensschild, auf dem Spitznamen, E-Mail-Adresse und wirklicher Name (Real Name) stehen, in die Hand gedrückt. Das ist notwendig, da sich die RP-Gäste in der Regel noch nicht f2f kennen und sich erst noch kennenlernen werden.

Der RP-Neuling begegnet nun zum ersten Mal anderen IRCern. Wie sehen sie aus? Entsprechen sie seinen Vorstellungen? Was sind das überhaupt für Menschen? Die Gesichter sind ihm zwar fremd, aber die Spitznamen, und die sich dahinter befindenden Persönlichkeiten, sind wohl bekannt. Was sind das nun für Menschen, diese RPler? Man nehme eine durchschnittliche Gruppe Studenten[10] mit der Gemeinsamkeit Computer, und schon hat man eine durchschnittliche RP-Bevölkerung. Es gibt alte Studenten, es gibt punkige Studenten und es gibt schwule Studenten. Einige rauchen, andere trinken und wieder andere lassen beides. Es gibt viele Linke, wenige Rechte, große und kleine, dicke und dünne! RPler sind da nicht anders, warum sollten sie auch! Bis auf: Das einzige auffällige Merkmal ist das Mißverhältnis der Geschlechter, wie es aber wohl überall in der Computerwelt sichtbar ist.

8 Abends, die Party
 

Der Übergang vom ,,Eintreffen`` zur ,,Party`` ist fließend, denn auch im Laufe der Party treffen noch neue Gesichter ein. Oberflächlich unterscheidet sich diese Party nicht von anderen Parties, nur ein paar klitzekleine Besonderheiten fallen auf...Auf einer RP fällt nicht, wie bei ,,gewöhnlichen`` Parties, der erste Blick ins Gesicht seines Gegenübers, sondern auf sein Namensschild. Dort steht dann in großen Buchstaben der Spitzname. Kennt man diesen aber nicht, geht der Blick noch ein wenig näher an das Namensschild, um die E-Mail-Adresse zu lesen - daran kann man sehen, woher der Namensschildträger kommt. Klingelt es noch immer nicht, dann kennt man sein Gegenüber nun wirklich nicht und kann es ruhig links stehen lassen: ,,Ach, Dich kenn ich ja gar nicht. Bis später... vielleicht.`` ;-)


[Eingescanntes Bild des Aachener Namenschildes] [Eingescanntes Bild des Berliner Namenschildes]
Abbildung 2: Zwei Namenschilder: RP-Aachen'90 und RP-Berlin'92.
Wenn es wenigstens ein wenig klingelt, kann man ein normales Partygespräch beginnen und warten bis ein bekannteres Namensschild vorbeiläuft.

Kommt dann doch noch ein bekanntes Klingeln vorbei, kann man sich, voller Freude des Findens, gegenseitig beschnuppern: ,,Also, *Du* bist der Sowieso.``

Klingelt es Sturm, läuft vielleicht gerade eine Netzpersönlichkeit vorbei. Diese kann man dann voller Bewunderung anbeten. Aber das machen natürlich nur die Frischlinge... :-)

Netzpersönlichkeiten sind z. B. die IRC-Operatoren, Systemadministratoren und natürlich auch die RP-Veteranen. Sie sind die routiniertesten RP-Besucher, kennen sich untereinander und lästern gemeinsam über die vielen Frischlinge. Das heißt nicht, daß sie auch die ultimativen Partylöwen sind. Merke: Wer im Netz groß ist, muß nicht im realen Leben der Tanzbär sein. :-)

Frischlinge sind die, die zum erstenmal eine RP besuchen und sich erst seit kurzem auf dem IRC aufhalten. Sie laufen mit großen staunenden Augen herum. :-) Einige sieht man auf den nächsten RPs wieder, andere kommen nur dieses eine Mal. Das ist besonders auf Winter-RPs zu beobachten, da zum Beginn des Winter-Semesters immer neue Studenten ans Internet kommen und noch in der ersten IRC-Euphorie stecken.

Eine Personengruppe fällt auch noch besonders auf: die Karteileichen. Diese Menschen sind so die richtig originalen Computerfreaks: Geeks, Nerds oder wie auch immer. Es gibt wohl auf der ganzen weiten Welt keinen anderen Ort, an dem sie so fehl am Platze sind, wie auf einer Party. Von ihnen gibt es aber nicht viele. Mit ihnen redet keiner, und sie reden auch mit niemandem. Vielleicht finden sie ja einen anderen ihrer Art, und sie können sich gegenseitig anschweigen. War das jetzt zu hart? Das Leben ist hart!

Zum Thema Frauen auf einer RP: Obwohl der gemeine Computerfreak mit Frauen doch gar nichts am Hut haben soll - er hat ja seinen Amiga-Computer :-) - zeigt die RP-Realität das Gegenteil. Frauen sind hier zwar eine Minderheit, aber eine sehr begehrte. Üblich ist es daher auch, daß jedes weibliche Wesen von einer Gruppe professioneller Baggerer umschwärmt wird. Auf einer RP sind etwa 20%der Gäste Frauen. Auf der letzten RP in Aachen (Aachen II) waren es sogar mehr, aber ich weiß nicht, ob das so bleiben wird. Hoffen wir mal ja. Der oder die Interessierte möge es mal versuchen: mit einem weiblichen, oder weiblich klingenden Spitznamen den IRC zu betreten. Nie hatte er/sie so viel Aufmerksamkeit wie heute. :-) Dieser besonderen Aufmerksamkeit verdanken zwei kleine Titel ihre Existenz, die seit der RP in München unregelmäßig vergeben werden: Baggerfahrer und Baggerfahrerin des Jahres. In München wurden die beiden durch Wahl bestimmt und bekamen als Preis einen kleinen goldenen Bagger verliehen. Die genauen Kriterien der Wahl kann man nicht recht in Worte fassen, aber es geht im weitesten Sinne um das besonders zahlreiche und erfolglose Anmachen bzw. Anmachen lassen auf dem IRC. Der Preis muß keine Auszeichnung sein! ;-)

Hier und da zerplatzt ein vorsichtig im Netz verbreitetes Image wie eine Seifenblase: ,,Hast du den Typen da gesehen? Was ist denn das für einer? *So* hab ich mir den aber gar nicht vorgestellt.`` Ab und zu hört man vereinzeltes Geläster: ,,Ach, schon wieder so eine Karteileiche.`` und ,,Viel zu viel Informatiker hier!``. Natürlich ist das Ganze nicht wirklich so boshaft, wie es vielleicht klingen mag, irgendwie ist alles nur Spaß und Ironie.

Die Gespräche sind nicht tiefgründiger als auf anderen Parties auch. Hier möchte ich auf eine Programmiersprache namens Smalltalk hinweisen. :-) Sicherlich haben alle Gespräche einen leichten Computerhauch, aber ein Streichholz denkt eben wie ein Streichholz. Zumindest die Vokabeln sind computerlastig, defaultmäßig[11]. Zum Beispiel kann man sich nun prima über die Aussprache von englischen Fachbegriffen streiten: Wird ,,router`` nun ruuter oder rauter ausgesprochen? Im getippten IRC ist die Aussprache ja egal, aber hier kann es schon fast zum Glaubenskrieg werden! :-)

Irgendwann kommt es dann dazu, daß einige RPler beginnen, ihre Namensschilder zu vertauschen, oder sich Namensschilder anstecken von Personen, die abwesend sind. Mal sehen was passiert, wer läßt sich denn nun verwirren? Das geht hier zwar nicht so perfekt wie im Netz selbst, aber wer nicht gerade versucht, sein Geschlecht zu wechseln, hat Erfolg. Das Namensschild ist ein und alles. Ein wenig Maskenball gefällig?

Kleine Höhepunkte der Party sind, wenn jemand seine Gitarre rausholt und gemeinsam z. B. Blues-Brothers-Songs gemurmelt werden. Die Blues Brothers sind unter IRCern sehr beliebt - manchmal wird dieser Kult allerdings ein wenig zu sehr gefeiert, finde ich. Übrigens, es gibt sogar ein RP-Songbook.

Ansonsten bilden sich, wie auch auf anderen Parties, kleine Grüppchen, zwischen denen man sich hin und her bewegen kann. Auffällig ist, daß sich diese Grüppchen entsprechend zu den IRC-Kanälen bilden: es stehen die Leute auf der Party zusammen, die auch auf dem IRC einen Kanal belegen.

9 Jenseits, der Samstag
 

Jenseits der RP bleibt eigentlich nur der Samstagnachmittag frei. Ein durchschnittlicher RP-Samstag könnte etwa so aussehen: Nach dem Aufstehen bilden sich kleine Gruppen, um gemeinsam irgendwo zu frühstücken. Das Mittagessen gibt's dann bei einem Chinesen und Nachmittags geht's zu irgendwelchen Sehenswürdigkeiten, wie z. B. dem Weihnachtsmarkt (auf einer Winter-RP) oder dem Englischen Garten (Sommer-RP). Hier ein Auszug aus einem Bericht zur RP-Aachen II:

Am Samstag Morgen waren doch Elwood_G, Kathie, Gargi, Oswald, ELCH und ich in Aachen auf der Suche nach nem annehmbaren Fruehstueck. Und irgendwann fanden wir auch ein Cafe, was unseren Anspruechen (man hoere und staune) Genuege tat. Bis... ja bis dann die Serviererin zu uns kam und meinte, dass wir doch bitte bitte fragen muessten, wenn wir die Tische zusammenruecken, weil die selbigen naemlich Abdruecke im Teppich hinterlassen wuerden und blablabla... Das ganze hat uns natuerlich sehr amuesiert, unsere - bis dahin noch etwas mueden - Gedanken wurden sehr schoen munter als wir uns ausmalten, wie wir dieses Cafe ruinieren koennten. Zwei Wochen lang IRCer da rein, und es trauen sich keine ,,normalen`` (man moege mir verzeihen ;-) Leute da mehr hin. Nach dem Fruehstueck haben wir uns auch gleich der Suche nach dem Mittagessen gewidmet, was wir nach einer Stunde durch die Menschenmassen-durch-die-Stadt-wuehlen (fast wie in den RP-Raeumen, so per Ellenbogenmethode) auch in einem Chinesen gefunden hatten... (Susanne ,,Sanni`` Menzel, Passau, in einem Newsartikel [Rubrik de.talk.chat], 8. Dezember 1993)

Hier besteht die Gelegenheit, sich wirklich gegenseitig kennenzulernen, ohne den Trubel und die Ablenkung der Party. Es zeigt sich, ob IRCer auch im realen Leben überlebensfähig sind.

Gegen Abend trudeln dann alle wieder langsam im Partyraum ein, und die Party kann weitergehen. Im großen und ganzen läuft dieser Abend genauso ab wie der erste, nur:

Abends ging die Party weiter und sogar ein Haufen Amis war mit dem Flieger ueber'n grossen Teich geschwommen. Es war doppelt so voll wie Freitag, aber auch dementsprechend lustiger. Elwood_G, Feestbeest & Madguitar haben Blues-Brothers-Songs getraellert (das ist etwas beschoenigt, ich geb's ja zu) und Lynx hielt neben Lolo auch oefter die Gitarre im Arm (ist ja besser als im Bein). Alles in allem war's sehr lustig, weil Feestje da, wo er die Texte nicht kannte, er einfach undeutlich gesungen hat :-)) (Udo ,,Hulk`` Wolter, Berlin, in einem Newsartikel [Rubrik dnet.general] vom 3. Dezember 1990)

10 Abreise, trennen tut weh
 

Sonntag ist der traurige Tag der Abreise, und man trifft sich ein letztes Mal zum gemeinsamen Frühstück. Hier kommt dann auch die Frage aller Fragen auf: Wo ist die nächste RP? Wohin geht die Arbeit und der Ruhm der nächsten RP?

Mit großen Abschieds-Umarmungen endet die Party, und ein letzter Gruß könnte sein: ,,Bis nachher auf'm IRC!``

11 Nachwehen, zurück im Netz
 

Ist die Party vorüber und sind alle Teilnehmer zurück an ihren Rechnern, werden alle Register der Internetkommunikationsmittel gezogen, um die RP zu verlängern. Unter der Rubrik de.talk.chat werden in den News RP-Berichte veröffentlicht. Diese Berichte beschreiben genau, wie die Party abgelaufen ist und was dort passiert ist. Unterstützend werden RP-Zitate veröffentlicht, die wortwörtlich zeigen, wer was zu wem gesagt oder gesagt haben soll. Jedenfalls wissen nun alle im Netz - und gerade die, die nicht auf der RP waren - was dort passiert ist und was sie verpasst haben.[12]

Da ein Bild bekanntlich mehr sagt als tausend Worte, kommen zusätzlich zu den RP-Berichten und RP-Zitaten die RP-Bilder. Sie sind mindestens genauso wichtig wie die RP-Berichte. Die Fotos, die auf der RP gemacht wurden, werden eingescannt und via News und FTP (und seit Dezember'89 auch via WWW[13]) den breiten Netzmassen zugänglich gemacht. Zu jedem Bild gibt es eine genaue Beschreibung, wer dort wo zu sehen ist. Oft wird vor der Veröffentlichung der Bilder eine Nachricht in den News verbreitet, die aufführt, wer auf den Fotos zu sehen ist. Jetzt hat man Gelegenheit, Einwände gegen die Veröffentlichung zu erheben, und wer nicht möchte, daß sein Bild bekannt wird, kann sich nun dagegen aussprechen.[14]

12 Fazit, das war's
 

Durch das schnelle Wachsen des Internets wird auch die IRCer-Gemeinde immer schneller immer größer. Die RP-Gästezahl-Schallmauer scheint aber bei etwa 180 zu liegen. Ob es doch noch mehr werden, wird erst die Zukunft zeigen. Trotzdem sind die RPs der letzten Jahre immer mehr zu Massenversammlungen geworden, und besonders die alten Hasen, die BITNETer, weinen den romantischen kleinen RPs der ersten Tagen nach. Aber einige Kritik finde ich durchaus berechtigt:

Sie sollten sich halt ueberlegen, ob es Sinn macht zu einer Veranstaltung zu gehen, auf der ich vielleicht noch 10%der Leute kenne (egal ob jetzt f2f oder per CHAT/IRC) und von der ich dann weggehe und immer noch nur 10%der Leute kenne, weil mich die anderen 90%eh nicht interessieren! (Markus ,,Maex`` Stumpf, München, in einem Newsartikel [Rubrik de.talk.chat], 16 Juni 1992)

Ganz so ,,düster`` sehe ich die Zukunft oder Gegenwart der RPs nicht. Auch wenn ich keine neuen Leute kennenlernen will, kann ich doch immerhin noch meine ,,10%`` bekannten Leute treffen. Das ist zwar nicht mehr der ,,heilige Zweck``, aber noch immer Grund genug, eine RP zu besuchen.

Für die Mehrheit, und besonders für die Frischlinge, ist eine RP ein großartiges Erlebnis und ihrem Zweck, die IRCer zusammenzubringen, wird sie noch immer gerecht. RPs haben noch nicht ihren *Zauber* verloren, und die nächste RP wird mit Spannung erwartet.


Fußnoten
 
  1. Um diese Probleme zu vermeiden, wurde in München ein Nick-Service (Nickname = Spitzname) eingerichtet. Bei diesem Service kann man seinen Spitznamen für sich registrieren lassen. Allerdings gibt es im IRC das ungeschriebene Gesetz, daß niemand Anspruch auf einen bestimmten Spitznamen hat, und darum hat der Nick-Service nicht die Macht bekommen, die Benutzung eines Spitznamens zu verhindern. Er hat nur eine beratende, informierende Stellung - eine Art besseres Telefonbuch. Aus technischen Gründen ist dieser Service zur Zeit nicht in Betrieb.
  2. Ein öffentliches Bulletin Board System (BBS), das heute noch zu erreichen ist; mit: telnet tolsun.oulu.fi, login: box. Eine BBS ist ein Multifunktionsprogramm. Es erleichtert und ermöglicht den Zugang zu verschiedenen Informationsquellen: E-Mail, Datenbanken und Schwatz-Programmen.
  3. Das BITNET Relay Chat ist so etwas wie das Ur-IRC. Die Benutzer dieses Forums sind die BITNETer oder auch Relayer. Die Namensähnlichkeit mit dem Internet Relay Chat ist also nicht zufällig. Die deutsche Beteiligung am BITNET war nie besonders groß, und sie läßt auch seit Jahren nach. In Holland ist es aber immer noch sehr beliebt.
  4. Für Klammer-Fetischisten: Dieser Smiley schießt auch gleichzeitig die vorher geöffnete Klammer. Ein :-)) ist hier also nicht nötig und wäre sogar falsch, da es eine gesteigerte Form des normalen :-) bedeuten würde!.
  5. Erst im Februar 1990 wurde Deutschland an das Internet angeschlossen.
  6. News: Ein nach Themen aufgeteiltes, großes, elektronisches Schwarzes Brett, an dem jeder seine Artikel weltweit oder deutschlandweit veröffentlichen (sogenanntes posten) kann.
  7. Ok, auf dieser RP hieß das RP-Geschenk noch RP-Andenken, was ja eigentlich auch die korrektere Bezeichnung wäre, aber ich verwende hier die heute gebräuchliche Bezeichnung. Erst ab RP-Aachen wurde aus dem Andenken ein Geschenk.
  8. Anspielung an den Anhalter. Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams, eine Trilogie in - inzwischen - 5 Bänden. Laut Anhalter kann ein intergalaktischer Reisender nur dann überleben, wenn er immer sein Handtuch dabei hat. Ein Kultbuch!
  9. Was das Geschenk dann sein wird, ist ein streng gehütetes Geheimnis, das erst auf der RP gelüftet wird. RP-Geschenke kosten etwa 10 - 15 DM.
  10. Naja, es sind nicht alle RPler Studenten, nur 80%etwa. Aber die restlichen 20%haben studiert, oder sollten es zumindest. :-)
  11. Germish für: normalerweise.
  12. RP-Berichte und ähnliches Material (News-Artikel etc.) gibt es via Anonymous-FTP im Netz auf duplox.wz-berlin.de (Verzeichnis /pub/doc/RPs). Diese Texte sind auch via WWW, also auf bequemeren Wege, erreichbar: ,,http://duplox.wz-berlin.de/pub/doc/RPs/``.
  13. WWW: World Wide Web. Ein Informationssystem, das den Zugriff auf die Internetressourcen erleichtert. Per Mausklick durch die ganze Welt.
  14. Die Bilder der letzten RPs sind via Anonymous-FTP auf ftp.informatik.tu-muenchen.de (Verzeichnis /pub/comp/networking/irc/RP) verfügbar.

 

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