Bernhard Debatin

  

Analyse einer öffentlichen Gruppenkonversation im Chat-Room

Referenzformen, kommunikationspraktische Regularitäten und soziale Strukturen in einem kontextarmen Medium

Vortrag gehalten auf der Jahrestagung der
Fachgruppe Computervermittelte Kommunikation der DGPuK in München 1997


© Bernhard Debatin 1998. Kopieren und Nachdrucken nur zum privaten Gebrauch gestattet.


                     

"There's a tendency (simply because of the type of media this is) to not really "perceive" the real aspect of people in here, but we must all remember that they are very real people on the other end of the line." (1)

              

Sozialwissenschaftliche Beobachtungen von und in Chat-Rooms haben seit den Studien von Turkle, von Stone und von Wetzstein et al. auch in Deutschland den Ruch des bloßen Zeitvertreibs verloren.(2) Trotz vieler offener Fragen zum methodischen und konzeptionellen Vorgehen ist es heute deutlich, daß die Beobachtung von virtuellen Welten und Chat-Rooms zur Palette von Untersuchungsverfahren gehört, mit deren Hilfe die "weiche" Seite der Internetnutzung erforscht werden kann.(3)

Mein Beitrag versteht sich als ein Versuch, kommunikationstheoretische Fragestellungen, die sich im Zusammenhang mit der computervermittelten interpersonalen Komunikation stellen, anhand von Beobachtungen in einem Chat-Room zu thematisieren. Ich werde dabei weitergehende methodische Fragen und auch andere zu diesem Thema existierende Literatur ausklammern, da es mir hier zunächst um die Darstellung und Interpretation der von mir gewonnenen Daten geht.(4) Ausgehen will ich dabei von folgenden Hypothesen über textbasierte computergestützte Gruppenkommunikation (CMGC = computer mediated group communication), die durch meine Untersuchung überprüft und gegebenenfalls modifiziert werden sollen (5):

1. CMGC beschleunigt und entgrenzt Kommunikationsprozesse, da Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen in Echtzeit miteinander kommunizieren können. Durch die Beschränkung auf das Medium Text treten existierende Status-, Herkunfts-, Erscheinungs- und sonstige personale und soziale Merkmale vermutlich eher in den Hintergrund.

2. Textbasierte CMGC begrenzt dabei aber auch kontextuelle Information aufgrund des Mangels an körpersprachlichen und anderen non- und paraverbalen Signalen. Die kontextuelle Information wird durch Textsymbole (Emoticons, Abkürzungen etc.) nur unzureichend und meist umständlich ersetzt. Dies läßt annehmen, daß die Rolle von Hintergrund- und Insiderwissen um so bedeutender ist.

3. Die textbasierte CMGC ist deshalb als eine kontextreduzierte Form der Kommunikation anzusehen, der textbasierte Chat-Room dementsprechend als ein kontextarmes Medium. Es ist davon auszugehen, daß aus diesem Grund explizite Formen der Bezugnahme (Referenz) nötig sind und daß sich spezifische konversationelle Regularitäten herausbilden.

4. Die textbasierte CMGC ermöglicht die Bildung einer virtuellen Gemeinschaft, in der besondere Strukturen von Freundschaft und Zusammengehörigkeit entstehen. Innerhalb dieser virtuellen Gemeinschaft kann es zu intensiven Gefühlsbindungen kommen.

      

1 Die Ausgangslage

Die folgenden Überlegungen beruhen auf meinen Beobachtungen eines englischsprachigen Chat-Rooms in einem Forum des Online-Providers Compuserve. Ich bin auf dieses Forum im September 1995 eher zufällig gestoßen und war von dem freundlichen und offenen Umgangston zwischen seinen Mitgliedern sehr eingenommen.(6) Es handelt sich um ein thematisch ungebundenes, aber moderiertes Forum, das eine Echzeitkommunikation sowohl zwischen mehreren Teilnehmern in fest installierten Chat-Rooms (Gruppenkonversation) erlaubt, als auch die private ad hoc-Kommunikation zwischen zwei oder mehr Teilnehmern in gesonderten, vom Benutzer zu öffnenden Fenstern (Privat- und Gruppenräumen) ermöglicht. Zugang zu diesem Forum haben nur Compuserve Nutzer, die sich bei dem Forum unter ihrem Namen oder unter einem festen Nickname angemeldet haben.

Ich habe in diesem Forum die (virtuelle) Bekanntschaft der dort regelmäßig verkehrenden Besucher gemacht, mich mit vielen intensiv unterhalten und an zahlreichen Gruppen- und Einzeldiskussionen teilgenommen. Im Zeitraum von etwa Dezember 1995 bis Juli 1997 habe ich eine (unter gewissen Vorbehalten) als teilnehmende Beobachtung zu bezeichnende kommunikationswissenschaftliche Forschung in diesem Forum durchgeführt.(7) Dabei kam es mir zunächst darauf an, die Sozialbeziehungen der Teilnehmer zu verstehen und zu analysieren. Daneben ging es mir zum einen um die Untersuchung von kommunikativen Prozessen und Strukturen dieser elektronisch gestützten Kommunikation. Des weiteren interessierten mich auch motivationale, soziale und emotionale Aspekte der Teilnehmer, und zwar vor allem im Blick auf die Differenz zwischen ihrem normalen Leben (Real Life oder kurz RL) und dem Leben in diesem Forum (Virtual Life oder kurz VL).

Wenn man sich in das Forum einloggt, erscheint zunächst eine Liste der angemeldeten Teilnehmer, mit denen man in Echtzeit textbasiert kommunizieren (chatten) kann. Dabei ist es möglich, sich sowohl die Namen (bzw. Nicknames) als auch die bei Compuserve als Nummerncode vergebene E-mail Adresse auflisten zu lassen. Für jeden Teilnehmer kann man sich auch ein Profile anzeigen lassen, in das der jeweilige Teilnehmer seine persönliche Vorlieben, Hobbies, Botschaften oder sonstige Information hineinschreiben kann.

Um mit anderen Personen zu chatten, kann man entweder einen der fest installierten öffentlichen Chat-Rooms betreten (durch anklicken auf der Raum-Liste) oder man lädt eine oder mehrere Personen zu einem privaten Einzel- bzw. Gruppengespräch ein (durch anklicken auf der Anwesenden-Liste). Neben der Echtzeitkommunikation stellt das Forum auch eine Library bereit, in der die Teilnehmer Botschaften an andere via E-mail ablegen können oder sich auch an thematisch gegliederten Diskussionssträngen (Threads) durch eigene Beiträge beteiligen können.

Die Library erlaubt darüber hinaus auch das Uploaden von Bildern durch die im Forum angemeldeten Benutzer. Mit den Möglichkeiten der Library und des Profile können die Teilnehmer selbst entscheiden, wieviel Information sie über sich preisgeben wollen und wie sehr sie ihre Anonymität wahren wollen. Vorgreifend kann an dieser Stelle schon gesagt werden, daß vom Uploading persönlicher Bilder reger Gebrauch gemacht wird, während das persönliche Profile meist leer bleibt oder ironische Bemerkungen enthält. Dies liegt vermutlich daran, daß das Profil allgemein und schnell zugänglich ist, so daß auch "ungebetene" Gäste dies lesen können, während das Anschauen der Bilder in der Library eine gewisse Kenntnis der Strukturen und ein Interesse an den Personen des Forums voraussetzt.

Das Forum wird wie bereits erwähnt moderiert, d.h. es gibt feste Syspos (System Operators), die neben ihren technisch-organisatorischen Tätigkeiten vor allem die in den öffentlichen Räumen ablaufenden Interaktionen beobachten und gegebenenfalls auch einschreiten, wenn die Interaktionen gegen gewisse Moral- und Anstandsnormen verstoßen. Nicht geduldet werden insbesondere Fluchen, Fäkalsprache, sexuell explizite Äußerungen, grobe Beschimpfungen und Belästigungen. Teilnehmer, die gegen diese Normen verstoßen, werden in der Regel zunächst ermahnt und bei Wiederholung temporär oder auch permanent aus dem Forum verbannt.(8)

Neben dieser Kontrollfunktion haben die Sysops aber auch die Funktion der Animation, d.h. sie sollen Diskussionen anregen, Neuankömmlinge begrüßen und überhaupt für eine gute Stimmung im Forum sorgen. Letzeres geschieht unter anderem durch die Organisation von Ratespielen (nach dem Modell von "Trivial Pursuit", "Glücksrad"etc.), von thematisch orientierten Diskussionsgruppen und ähnlichem. Dabei werden die Sysops, die für ihre Arbeit durch kostenlose Benutzung des gesamten Online-Dienstes belohnt werden, häufig von sogenannten Hosts unterstützt, die weniger Macht und Einfluß haben, aber für die Gestaltung von Diskussionen und Spielen wichtig sind und dafür kostenlosen Zugang zum Forum erhalten.

     

2 Die Untersuchungsbasis

Um einigermaßen verwertbare Ergebnisse zu erhalten, war es notwendig, sich auf die regelmäßig im Forum auftauchenden Teilnehmer zu beschränken. Diese Regulars zeichnen sich dadurch aus, daß sie sich

Die Regulars bestimmen die Koordinaten des sozialen Netzes im Chat-Room, sie erzeugen und tradieren die spezifische konversationelle Atmosphäre, die impliziten Regeln und die vielfältigen Geschichten dieses Chat-Rooms. Obwohl der Nickname frei gewählt und auch beliebig verändert werden kann, legen die Regulars meistens großen Wert auf ihren Nickname und halten auch an ihm fest, da dieser nicht nur Wiedererkennbarkeit garantiert, sondern auch als eine Art Markenzeichen fungiert. Letzteres drückt sich darin aus, daß viele der regelmäßigen Benutzer ein Copyright-Zeichen (© oder ä ) in ihrem Namen tragen. Die Verwendung eines bereits existierenden Nicknames durch andere Teilnehmer wird dementsprechend vor allem dann nicht geduldet, wenn es sich um einen phantasievollen und besonderen Namen handelt (CompuServe ist übrigens inzwischen in manchen Diensten wie Worlds Away dazu übergegangen, Nicknames auf Wunsch gegen Entgelt zu schützen).

Von den Regulars sind solche Gäste zu unterscheiden, die den Chat-Room nicht so häufig, aber doch über einen gewissen Zeitraum hinweg immer wieder besuchen, so daß sie bei gleichbleibendem Namen immer wieder identifiziert werden können. Diese Gäste, die über einen gewissen Zeitraum zu Regulars werden können und sich dann wieder zurückziehen, tragen zur Kontinuität des Forums nicht unerheblich bei. Wenn Regulars mit Freunden im RL vergleichbar sind, dann spielen diese Gäste die Rolle von Bekannten.

Daneben gibt es eine gößere Menge von Zufallsgästen und Neuankömmlingen, die kurz auftauchen und wieder verschwinden oder sich nach einiger Zeit des Lurking (passives Beobachten, Lauern) in die Gruppe der Regulars integrieren. Die Neuankömmlinge, im Chat-Room Slang Newbies genannt, werden mitunter etwas abfällig oder übermäßig paternalistisch behandelt, da sie sich meist mit den konversationellen und sozialen Gepflogenheiten des Chat-Rooms nicht auskennen.

Die Differenz zwischen Regulars und Newbies kann im Blick auf die Gruppenidentität der Chat-Room Gemeinschaft als konstituierende Differenz betrachtet werden: Viele Regulars sind auf ihre Insider-Rolle stolz und zeigen dies auch durch entsprechende (für Newbies unverständliche) Anspielungen auf Vorkommnisse in der Gemeinschaft, die Nennung von nichtanwesenden Regulars oder den Verweis auf anderes Insiderwissen.

In dem von mir untersuchten Forum gab es im Untersuchungszeitraum eine stabile Gruppe von etwa 40 bis 50 Regulars, von denen etwa 60% weiblich waren.(9) Die Regulars setzten sich zu ca. 40% aus US-amerikanischen, zu weiteren 40% aus britischen bzw. irischen und zu 20% aus sonstigen meist europäischen Nutzern zusammen. Eine Sonderrolle spielten die britischen Mitglieder, da diese sich relativ häufig als Gruppe auch im Real Life trafen (in der Regel in Londoner Pubs) und davon auch Bilder in der Library aushängten, während die anderen Gruppen (auch die US-amerikanische) für solche Treffen zu weit voneinander entfernt waren. Gerade in den USA gab es aber auch eine Reihe von privaten RL-Besuchen zwischen einzelnen Mitgliedern, die sich miteinander angefreundet hatten.

Im Unterschied zu vielen MUDs und MOOs, sowie zu den vergleichsweise offeneren (aber dadurch auch unverbindlicheren) IRC-Gruppen zeichnet sich das von mir untersuchte Forum nicht durch besondere Experimentierfreudigkeit im Bereich der Identitätskonstruktion aus. Die von A. Bruckman, S. Turkle und anderen beschriebene Bildung von "multiplen Identitäten" oder den experimentellen Umgang mit der Geschlechteridentität habe ich in diesem Forum nicht beobachten können.(10)

Dennoch spielte die Differenz zwischen Real Life und Virtual Life und die mit den Bedingungen der textbasierten Online-Kommunikation verbundene Anonymität für viele Benutzer eine große Rolle: So konnte manche normalerweise eher gehemmte Person sich eher einbringen und über private oder intime Dinge sprechen, die im Real Life nicht besprechbar schienen.(11) Die mit dem System der Nicknames verbundene Kombination von Anonymität und Intimität – man kennt sich nur in der VL-Rolle, dort aber mitunter extrem gut – hat in vielen Fällen zur Entwicklung von Cyber-Relationships geführt.

Manche dieser Beziehungen sind platonischer Natur, manche explizit sexuell. In sechs Fällen haben sich sogar Partnerschaften entwickelt, die ins Real Life überführt wurden, und vier dieser Paare sind meines Wissens bis heute zusammen. Die meisten elektronischen Partnerschaften bleiben jedoch auf das virtual life der computervermittelten Kommunikation begrenzt und scheinen auch daraus ihren Reiz zu gewinnen: Cyber-Relationships beruhen auf einer brisanten Mischung von intimer Geständniskommunikation und hochprojektiver Phantasietätigkeit. Anonymität und Intimität bilden dabei eine spannungsvolle produktive Grundlage für die Kommunikation.

Zur Entwicklung der Gruppenstruktur im Forum ist zu vermerken, daß es trotz des lange Zeit guten Klimas gegen Ende des Untersuchungszeitraums (etwa ab April 1997) große Konflikte zwischen einigen zentralen, vorwiegen weiblichen Regulars gab, die mit der Frage nach der Moralität und Legitimität von Cyber-Relationships zu tun hatten. Diese Konflikte, in deren Verlauf sich auch die Sysops untereinander zerstritten, führten zu einer weitgehenden Umstrukturierung des Forums, zur Entlassung einiger Sysops und zur Abwanderung von vielen Regulars. Das Forum machte eine etwa halbjährige Krise durch, während der es sehr schlecht besucht war. Nur selten sah man ein paar alte Regulars, die dann meist den alten Zeiten nachzutrauerten. Heute besuchen nur noch wenige der alten Regulars aus der Zeit vor dem Konflikt das Forum.

Meine eigene Rolle in diesem Forum war zum einen die eines aus Deutschland kommenden und deshalb eher exotischen Regulars, zum anderen die eines (ebenso exotischen) Forschers. Die regelmäßigen Nutzer des Forums waren dabei über mein wissenschaftliches Interesse informiert und sie sahen darin auch keine irgendwie geartete Störung. Vielmehr fanden es die meisten Regulars sehr "cool", daß ich eine Studie über sie beabsichtigte und einige wollten auch gerne von mir interviewt werden.

Ich habe im Laufe meiner Beobachtung allerdings nur vier längere (jeweils ca. 1-2 Stunden dauernde) Interviews mit Regulars geführt, denn der Schwerpunkt meiner Forschung lag auf der Teilnahme an und Beobachtung von Kommunikationen in kleineren und größeren Gruppen, sowie von Einzelgesprächen. Die Interviews habe ich anhand eines Leitfadens geführt, allerdings steht eine systematische qualitative Analyse dieser Interviews noch aus.

      

3 Untersuchung ausgewählter Diskussionssequenzen

Meine folgenden Interpretationen basieren auf dem elektronischen Mitschnitt einer fast 2 Stunden (109 min.) dauernden Chat-Room Diskussion zum Thema "Internet-Beziehungen", die am 29.1.1997 stattfand. Die Diskussion war von den Sysops auf Vorschlag eines Mitglieds angesetzt und vorher durch das News Flash (ein Informationsfenster, das sich beim Betreten des Forums öffnet) bekannt gegeben worden. Ich habe aus dieser Diskussion drei Stellen ausgewählt, die sich in besonderer Weise durch ihre thematischen und konversationellen Eigenschaften auszeichnen und mit deren Hilfe ich drei zentrale Problemkreise behandeln will: (1) Mehrfach gekreuzte Bezugnahme bei zwei gleichzeitig laufenden Themen, (2) eine thematisch fokussierte Diskussion und (3) eine thematisch fokussierte Diskussion mit permanenter Verschiebung und Verdichtung des Themas. Aus Gründen der Übersichtlichkeit habe ich die Sequenzen für die Analyse jeweils in Abschnitte eingeteilt. An den drei Sequenzen waren insgesamt 14 Personen beteiligt, davon zehn Frauen und vier Männer, wobei die sich nur kurz einklinkende Benutzer nicht eingerechnet sind.

3.1 Sequenz 1: Mehrfach gekreuzte Bezugnahme bei zwei gleichzeitig laufenden Themen

In der ersten Sequenz finden sich durchgängig zwei Themen, die parallel miteinander laufen. An der Sequenz nehmen 12 Personen teil. Beide Themen werden von jungen und nicht sehr etablierten Regulars gesetzt (Girl One und Chelsey), aber von den anderen Teilnehmern problemlos angenommen. Das erste Thema lautet: "Haben sich alle schon mal IRL (im Real Life) getroffen?" und das zweite: "Gibt es Cliquenbildung im Chat-Forum?" Die Sequenz beginnt folgendermaßen:

Bild 1: Anfang von S 1: Etablierung der beiden Themen

Während das von Chelsey gesetzte Thema von Cef, Sap und Zara direkt positiv quittiert wird, bekommt Girl One auf ihre Frage nicht gleich eine direkte Antwort, sondern die Mitteilung, daß Twice schon einmal Geburtstagsgeschenke per Post von Forumsmitgliedern bekommen hat. Damit verschiebt Twice das Thema noch bevor es beantwortet ist. Erst der Beitrag von Vidrew nimmt direkt Bezug auf auf Girl One’s Frage. Twice ist es dann auch, die das erste Thema mit der Bemerkung verschiebt, daß im Forum mehr "click crossing" als im RL stattfindet. Damit setzt Twice auch den Rahmen für den nächsten Abschnitt dieser Sequenz.

Hier zeigt sich bereits eine interessante Eingenart des Chat, nämlich daß vor allem erfahrene Teilnehmer virtuos auf verschiedene Themen reagieren und so mehrere konversationelle Stränge parallel verfolgen können. Für viele Regulars liegen Herausforderung und Lustgewinn im Erwerb und in der Demonstration dieser virtuosen Chatting-Kompetenz, die freilich auf Neulinge höchst verwirrend und oft abschreckend wirken kann.

Bild 2:
Mittelteil von S 1: Thematische Aufspaltung von Thema 1 (Treffen im RL)

Bild 2: Mittelteil von S 1: Thematische Aufspaltung von Thema 1

In diesem Teil der Sequenz dominiert das Thema 1, wobei dieses sich aufspaltet in Beiträge zur generellen Frage, ob die Mitglieder sich schon einmal getroffen haben und Beiträge zu dem von Twice gesetzten Unterthema des Empfangens von Geschenken. Starbird und Faith betonen dabei, daß auch sie schon jede Menge Geschenke, Postkarten und Telefonanrufe bekommen haben.(12) Die diversen Antworten und vor allem die Antwort von Zara, daß sich die Briten regelmäßig treffen, führt zu der Quittierung "ahhhh I see" durch Girl One. Das Thema 2 über die Cliquenbildung gewinnt dagegen an Brisanz, insofern Chelsey der von Joka geäußerten Ansicht, daß man im Forum immer willkommen sei, den Zusatz "manchmal" entgegensetzt.

Gleichzeitig kommt das von Twice gesetzte Unterthema zum Ende, nachdem Twice sagt, daß sie niemals jemanden getroffen hat, weil sie nicht kann – dazu muß man wissen, daß Twice zum Zeitpunkt dieses Gespräches 16 Jahre alt war und irgendwo im Staat New York bei ihren Eltern lebte. Für sie also ist der Chat-Room eine rein virtuelle Angelegenheit, wenn man von den Geschenken und Postkarten absieht. All das weiß Girl One nicht, die am Ende dieses Teils fragt "you can’t twice?". Diese Frage aber läuft, wie der dritte Teil der Sequenz zeigt, ins Leere: Twice antwortet nicht mehr darauf.

Bild 3: Ende von S 1:
Thematische Aufspaltung von Thema 2 (Cliquenbildung)

Bild 3: Ende von S 1: Thematische Aufspaltung von Thema 2

Der dritte Teil bezieht sich fast ausschließlich auf das zweite Thema, also die Frage der Cliquenbildung. Dabei splittet sich dieses Thema in mehrere Stränge auf, die gleichzeitig und mehrfach überkreuzt verfolgt werden. Das Problem der Cliquenbildung wird mehrfach stark ironisiert, was darauf hindeutet, daß es sich in der Tat um ein brisantes Thema handelt, aber auch darauf, daß die Teilnehmer in der Lage sind, dieses Thema zu entschärfen, bevor es konflikthaft wird. Interessant ist hier auch, daß Joka am Schluß der Sequenz die beiden Ausgangsthemen wieder zusammenführt, indem er ironisch bemerkt, daß Zara ihre Bemerkung, dies sei ein außergewöhnlich freundliches Forum (= Thema 1) nur macht, damit sie an ihrem Geburtstag jede Menge Geschenke (prezzies) und Postkarten bekommt (= Thema 2). Der weitere Verlauf der Diskussion geht in eine andere Richtung, so daß die Sequenz an dieser Stelle als beendet angesehen werden kann.

Insgesamt gesehen zeigt sich in dieser ersten Sequenz:

3.2 Sequenz 2: Thematisch fokussierte Diskussion über ein dominantes Thema

Die zweite Sequenz zeigt eine völlig andere Situation: Hier gibt es ein dominantes Thema, nämlich die Frage nach Anteilnahme und Verpflichtungsgefühl gegenüber anderen Forumsmitgliedern. Das Thema wird von Ann (die kurz zuvor von ihrem Cyber-Lover sitzen gelassen wurde) eingeführt und energisch verfolgt. Ann bedient sich dabei einer stark insistierenden Nachfragetechnik, durch die das Thema fast orgelpunktartig weiter vorangetrieben wird. Die Diskussion ist dadurch sehr fokussiert und folgt fast ausschließlich den thematischen Vorgaben von Ann. Die Sequenz wird durch Ann’s Fragen und ihre dann folgende Konklusion in drei thematische Abschnitte geteilt, nämlich:

(1) Wenn ein Regular sterben würde, würde euch das wirklich kümmern?

(2) Wenn jemand ein ernstes Problem hätte, würdet ihr euch wie bei einem RL-Freund kümmern?

(3) Was, wenn jemand verschwände, würdet ihr ihn zu finden versuchen?

Bild 4: Abschnitt 1 von S 2:
"Wenn ein Regular sterben würde, würde euch das kümmern?"

Bild 4:Abschnitt 1 von S 2

Auf Ann’s Eröffnugsfrage in Abschnitt 1 antworten alle Teilnehmer zustimmend. Dies spricht für ein starkes Gefühl der Gemeinschaft in diesem Chat-Room, wobei hier nicht entscheidbar ist, ob dies heißt, daß die Regulars tatsächlich vom Tod eines anderen Regulars betroffen wären, oder daß man aufgrund eines moralischen Gruppendrucks meint, so antworten zu müssen. Das Thema wird dabei zunächst von Sap und dann auch von Zara auf empirische Erfahrungen geleitet, nämlich auf den (vermeintlichen) Tod zweier ehemaliger Regulars: Sap verweist auf Showan, der eine Cyber-Liebes-Affäre mit E. hatte. E. litt, wie sie vielen Regulars im Vertrauen erzählte, an Leukämie und es hieß dann nach ihrem Verschwinden aus dem Forum, daß sie gestorben sei. Ihr Tod löste im Forum große Trauer aus und Showan, ihr Cyber-Lover, verschwand für mehrere Monate aus dem Forum. Später stellte sich heraus, daß E. ihre Krankheit und ihren Tod nur inszeniert hatte, um so aus der emotional zu komplizierten Affäre mit Showan herauszukommen: Der ca. 15 Jahre jüngere, ledige Showan wollte mit E., die in einer unglücklichen Ehe lebte, ein "neues Leben" beginnen, was für sie nicht in Frage kam. Einige Monate danach setzte sich E. aber mit Showan erneut in Verbindung und kam dann sogar auch von Zeit zu Zeit ins Forum zurück.

Der zweite vermeintliche Tod, auf den Zara anspielt, ereignete sich fast zeitgleich. In diesem Fall "starb" der Regular W. an Krebs, nachdem er schon ein paar Wochen im Krankenhaus verbracht hatte. Angeblich hatte er keine Angehörigen und deshalb eine Krankenschwester beauftragt, den Forumsmitgliedern von seinem Tod bescheid zu sagen, was auch so geschah. Ähnlich wie E. ging es auch W. darum, aus seinen zu kompliziert gewordenen Cyber-Relationships auszubrechen, und auch W. wurde nach seinem "Tod" noch von einigen Forumsmitgliedern in diesem und auch in anderen Foren "gesehen". Ein mit ihm eng befreundetes Forumsmitglied stellte nach eigenen Recherchen dann auch fest, daß W. weder in dem angegebenen Krankenhaus noch sonst irgendwo verstorben war.

In beiden Fällen stellte sich damit heraus, daß nicht die RL-Person, sondern nur die virtuelle Medienperson gestorben war. Der "plötzliche Tod" ist dabei aber nur die Extremform der weitaus üblicheren Form des plötzlichen Verschwindens: Oftmals meldet die betreffende Person dabei ihren aktuellen Compuserve Account ab und meldet sich dann wieder an, um einen neuen Account und damit eine neue Adresse zu bekommen. Es ist dann für andere praktisch unmöglich, die Person "wiederzuerkennen", solange diese sich nicht durch besonderes Insiderwissen oder explizit zu erkennen gibt.

Im Blick auf Ann’s Frage ist hier aber auch interessant, daß E. und W. nicht im Zusammenhang mit dem Problem des inszenierten Verschwindens, sondern im Zusammenhang mit dem Gefühl der Trauer und der intensiven Anteilnahme erwähnt werden. Obwohl sich alle der Inszenierung der Tode bewußt sind, beharren sie auf der Authentizität ihrer Gefühle und verwenden dies als Argument dafür, daß sie der Tod eines Regulars sehr wohl betreffen würde. Bezeichnend hier die Äußerung von Vidrew, die am Ende dieses Abschnittes konstatiert "I didnt even know her but felt like one of the "family" dies", und die damit das Gemeinschaftsgefühl mit dem im Forum häufig zu findenden Topos der "one big family" auf den Punkt bringt.

Bild 5: Abschnitt 2 von S 2:
"Wenn jemand ein ernstes Problem hätte, würdet ihr euch wie bei einem RL-Freund kümmern?"

Bild 5: Abschnitt 2 von S 2

In Abschnitt 2 führt Ann mit dieser Frage nun die Diskussion von der Extremsituation Tod und Verschwinden weg und thematisiert die eher alltägliche Seite von Beziehungen, nämlich ob man bei Problemen von Freunden wirklich betroffen wäre. Nach einer kleinen Unterbrechung durch Zara und Starbird, die über den Realitätsstatus von W.’s Tod in Streit geraten, führt Ann explizit die Differenz zwischen Real Life und Virtual Life als Ernsthaftigkeitskriterium ein.

Direkten Bezug auf diese Differenz RL/VL nehmen jedoch nur Twice und Chelsey mit ihren Beiträgen, in denen deutlich wirde, daß die beiden die Differenz für unerheblich halten: Twice, weil sie tagsüber häufig an die Leute aus dem Forum denken muß und sich so RL und VL in ihrem Leben dauernd verschränken; Chelsey, insofern sie Freunde darüber definiert, daß man sich mit ihnen unterhalten will, egal ob man sich im RL oder im VL befindet. Ansonsten betonen alle anderen Beteiligten, daß auch ihnen die Probleme von Online-Freunden tatsächlich etwas ausmachen würden, wobei Vidrew erneut hervorhebt, daß dieses Forum ja wie eine Familie sei und die meisten sich deshalb um die anderen kümmern würden.

Auf den Streit zwischen Zara und Starbird geht nur Faith ein, indem sie nachfragt, wer eigentlich dieser W. sei. Innerhalb dieses Abschnittes bekommt Faith jedoch keine Antwort mehr und es scheint zunächst, als ob ihre Frage, wie auch der ungelöste Konflikt zwischen Zara und Starbird ohne weiteren Kommentar stehen bleiben.

Zu Beginn des Abschnitts gibt es darüberhinaus auch den Versuch des hinzukommenden Joka, sich mit einer lockeren Begrüßung in die Diskussion einzuklinken, was jedoch vollkommen unbeachtet bleibt. Diese ganz unübliche Mißachtung informeller Höflichkeitsnormen – im Chat-Room werden hinzutretende Personen normalerweise freundlich begrüßt – ist ein Anzeichen dafür, wie sehr die Beteiligten von der Diskussion gefangen genommen sind.

Bild 6: Abschnitt 3 von S 2:
"Was, wenn jemand verschwände, würdet ihr ihn zu finden versuchen?"

 Bild 6: Abschnitt 3 von S 2

In Abschnitt 3 stellt Ann nun die Frage, ob man wirklich nach jemandem suchen würde, wenn er oder sie verschwände. Auch hier antworten die meisten Teilnehmer zustimmend, wobei aber auch die Grenzen der Handlungsmöglichkeiten diskutiert werden: Twice fragt schlicht, wie man das tun solle und impliziert damit, was später Sap ausspricht, nämlich daß man nicht viel tun kann, wenn man nichts als eine E-mail Adresse hat. Dabei etablieren sich zwei Unterthemen, nämlich zum einen die Unterhaltung über alle möglichen "Verschwundenen" und zum anderen die Diskussion darüber, was man tatsächlich tun kann. Zu letzterer ist vor allem die Äußerung von Faith bemerkenswert, daß es zu wahrer Freundschaft gehöre, die anderen vom eigenen Verschwinden wissen zu lassen. Damit nämlich betont Faith die für Freundschaften zentrale Reziprozitätsnorm, die sie auch für VL-Beziehungen gelten lassen will.

Zwei weitere Ereignisse sind in diesem Abschnitt wichtig: Erstens liefert Zara nun Faith eine Erklärung, wer W. ist, und sie verknüpft dies mit einer geradezu salomonischen Beschwichtigung ihres vorherigen Konfliktes mit Starbird, indem sie zugibt, daß manche Leuten den Tod von W. bestreiten und manche sogar danach noch mit ihm gesprochen haben wollen, aber daß es trotzdem eine traurige Sache war. Zweitens erscheint am Ende des Abschnittes der Neuling David, der (im Unterschied zu Joka im vorherigen Anschnitt) von einigen Teilnehmern begrüßt wird. Weitere Beachtung wird David aber nicht geschenkt.(14)

Schließlich kommt Ann zu ihrer Konklusion, nämlich daß mit dem Abschalten des Computers auch die Beziehung ausgestellt wird. Diese Schlußfolgerung bezieht sich auf die vorherige Diskussion über die (Un-)Möglichkeit, verschwindende Regulars aufzuspüren. Für sie sind die Argumente der anderen nicht überzeugend, sie identifiziert die Grenzen von Cyber-Relationships mit den Grenzen des technischen Mediums. Interessanterweise stimmt Showan ihr hier zu, obwohl er nicht nur die Erfahrung gemacht hatte, daß E. verschwunden war, sondern auch, daß sie aus eigenem Antrieb und ohne das technische Medium Computer wieder mit ihm Kontakt aufgenommen hatte.

An dieser Stelle geschieht etwas Seltsames: Während Ann in den vorangegangenen Abschnitten durch ihre Fragen den thematischen Verlauf der Diskussion sehr stark bestimmen konnte, ist bleibt ihre Äußerung nun praktisch folgenlos. Dies hat sicherlich zum Teil damit zu tun, daß sie diesmal keine Frage stellt, sondern ein Resümee zieht. Allerdings ist dieses Resümee provokativ und steht den von den anderen Teilnehmern bisher geäußerten Meinungen entgegen, weshalb man hier eigentlich Widerspruch erwarten könnte. Statt dessen dreht sich die folgende Sequenz (die ich hier nicht mehr weiter dokumentiere) um die bereits eingeführte Frage nach den "Verschwundenen". Dabei entsteht eine Art von Gruppendydnamik, die dem Erzählen von den guten alten Zeiten nicht unähnlich ist: Man erinnert sich genüßlich-melancholisch an die Verschwundenen und dadurch gewinnt man als "Übriggebiebene" natürlich auch Stolz und Identität. Die Diskussion verliert in dieser Folgesequenz an Fokussierung und zersplittert sich in viele Einzelinteraktionen.

In der hier vorgestellten zweiten Sequenz zeigt sich zusammenfassend betrachtet:

3.3 Sequenz 3: Diskussion mit permanenter Verschiebung und Verdichtung des Themas

In dieser Sequenz geht es um den Vergleich von Netzfreunschaften und RL-Freundschaften, wobei das Thema durch verschiedene Teilnehmer dauernd weitergetrieben, verschoben und verdichtet wird und stets mehrere Themenstränge parallel laufen. Im Unterschied zu den beiden ersten Sequenzen wird hier kontrovers und differenziert argumentiert. Zur Verdeutlichung der Argumentationsentwicklung habe ich wichtige Aussagen in Fettschrift hervorgehoben.

Bild 7: Abschnitt 1 von S 3:
Über die Schwierigkeit, Freunde im RL zu finden

 

Die Sequenz wird mit Zara’s Feststellung eröffnet, daß sie es schwierig findet, im RL Freunde zu finden. Auf diese Äußerung folgen einige zustimmende Reaktionen, in denen neben Ratlosigkeit auch betont wird, daß es im Forum einfacher als im RL ist, Freunde zu gewinnen (was nebenbei bemerkt einen Teil der Attraktion von Online-Chat erklärt). Zara hebt dabei hervor, daß sie ihre Online-Freunde als wirkliche Freunde versteht, mit denen sie bereits viel gemein hat, wenn man sich schließlich im RL trifft. Besonders eindrucksvoll ist in dieser Sequenz die Bemerkung von Vidrew, daß es im VL keine "Physical Distractions" gibt und deshalb die Kontaktaufnahme nicht durch Äußerlichkeiten behindert wird.

Hier wird deutlich, daß die Barrieren, die im RL durch Status und äußere Erscheinung hervorgerufen werden, in der textbasierte Computerkommunikation zumindest reduziert wenn nicht sogar beseitigt werden. Die Hemmschwelle zur Kontaktaufnahme mit Fremden sinkt deshalb drastisch, wie auch Girl One betont, wogegen man im RL nicht einfach an Fremde herantritt und mit ihnen ein Gespräch beginnt. Allerdings gibt Ann zu bedenken, daß sie eben dies auch im RL mache, was ihr die ironische Bermerkung von Vidrew einbringt, daß sie ja auch mit sich selbst spräche.(15) Girl One relativiert daraufhin ihre Aussage, indem sie zugibt, zwar selbst ab und zu Fremde im RL anzusprechen, daß aber nicht viele Menschen so handelten. Auch Starbird findet, daß es sehr leicht ist, Online-Freundschaften zu schließen, aber sie gibt zu bedenken, daß sie dadurch auch zu sehr in die Leben dieser Freunde hineingezogen wird. Mit dieser Bemerkung, die zunächst nicht weiter beachtet wird, setzt sie das Thema für den folgenden Abschnitt.

Bild 8: Abschnitt 2 von S 3:
In Online-Freundschaften kann man sehr verletzt werden

Bild 8: Abschnitt 2 von S 3

Das Thema verschiebt sich in diesem Abschnitt auf die problematischen Seiten von Online-Freundschaften. Dabei zeigen sich zwei Argumentationslinien: Zum einen geht es um die von vielen geteilte Ansicht, daß man in der Chat-Room Kommunikation sehr verletzt werden kann, auch (und gerade) wenn man die andere Person nicht sieht. Am Ende des Abschnittes präzisiert Twice diese Problematik noch einmal, wenn sie sagt, daß man in seinen Äußerungen sehr klar sein muß, da sonst verletzende Mißverständnisse kaum zu vermeiden sind. Zum anderen geht es um die Frage, wie stark man in das Leben anderer hineingezogen wird – und im Zusammenhang damit, ob dies nicht zu jeder Freundschaft gehört, egal ob Online oder im RL. Aus diesem Strang, der sich auch in den nächsten Abschnitt hineinzieht, ergibt sich dann auch die Äußerung von Zara, daß (ihrem Cyber-Lover Explorer zufolge) Online-Beziehungen sogar intensiver sein können, als RL-Beziehungen.

Neben diesen beiden Themensträngen gibt es diesem Abschnitt der Sequenz eine bemerkenswerte Anzahl von metakommunikativen Beiträgen. Earstwhile (die später hinzugekommen war) will zunächst wissen, wer dieses Thema aufgebracht hat und stellt dann nach kurzer Beobachtungszeit fest, daß nur noch Frauen an der Diskussion teilnehmen – außer Showan und Cef. Dies wiederum veranlaßt Vidrew zu ihrem ebenfalls metakommunikativen und ironischen Kommentar "talk about honesty and they (= die Männer, B.D.) go flying". In der Tat ist für alle drei Sequenzen charakteristisch, daß vorwiegend Frauen zur Diskussion beitragen, obwohl durchaus Männer anwesend sind, die sich am Ende ja auch kurz zu Wort melden.

Bild 9: Abschnitt 3 von S 3:
Online-Freundschaften brennen schneller aus

Bild 9: Abschnitt 3 von S 3

Im letzten Abschnitt dieser Sequenz wird zunächst Zara’s Aussage, daß Online-Beziehungen intensiver als RL-Beziehungen sein können, unter die Lupe genommen. Dabei führt Faith gegen Zara’s Position das Argument ein, daß Online-Beziehungen dafür aber auch schneller ausbrennen als RL-Beziehungen. Twice nennt ebenfalls relativierende Aspekte, wenn sie eine größere Intensität für möglich, aber auch für selten erklärt. Faith’s Annahme wird schließlich auch von Sap bestätigt, die darüber berichtet, wie sie anfänglich sehr intensiv involviert war, und nun kaum noch etwas mit den betreffenden Personen zu tun hat. Dagegen bekommt Vidrew auf ihre Aufforderung an Zara, mehr über ihre Online-/Offline-Beziehung zu berichten, keine Antwort.(16)

Daneben gibt es noch Beiträge zur Differenz zwischen Online- und RL-Freundschaften, wobei hier von Starbird erneut bekräftigt wird, daß es für die Qualität der Freundschaft keine Rolle spielt, ob sie online oder offline stattfindet. Hier findet sich auch einer der wenigen Fälle eines Mißverständnisses: Zara antwortet auf Starbird mit der etwas unklaren und unpassenden Bemerkung "Starbird...Yes they do....people seem to "move on"". Es ist aus dem Verlauf der Diskussion nicht aufklärbar, wer mit "they" gemeint ist, und warum Zara hier sagt "people seem to "move on"". Vermuten läßt sich allenfalls, daß Zara auf die in Sequenz 2 bereits behandelte Problematik der "Verschwundenen" anspielt. In jedem Fall stimmt hier der thematische Anschluß nicht, auch wenn Blackbird dann seinerseits betont, daß er zu denen gehört, die weitergereist ("moved on") sind.

Schließlich häufen sich am Ende dieser Sequenz noch einmal die metakommunikativen Kommentare: Showan nimmt bezug auf Earstwhile’s Bemerkung, daß die Männer sich nicht beteiligen, indem er sich zum bloßen Zuschauer erklärt. Earstwhile wiederholt ihre Anfangsfrage nach dem Motiv für diese Diskussion und sie bekommt zum Abschluß auch befriedigende Antworten von Zara und Twice darauf.

Im Hinblick auf das Thema Netzfreundschaft/ RL-Freundschaft finden sich im Diskussionsverlauf dieser Sequenz sieben aufeinander folgende Argumentationsschritte; dabei bauen die Beiträge eng aufeinander auf und Argumente werden mit empirischen, logischen oder rhetorischen Mitteln gut untermauert:

  1. Es ist schwierig RL-Freunde zu gewinnen (empirisches Argument)
  2. Es gibt im Netz keine beziehungsbehindernden "Physical Distractions", weshalb man hier leichter Freunde findet (empirisch-logisches Argument)
  3. Man kann zwar leicht Online-Freundschaften schließen, aber man wird dann zu sehr in das Leben dieser Freunde hineingezogen (empirisches Argument)
  4. Deshalb kann man auch bei Online-Freundschaften sehr verletzt werden (empirisch-logisches Argument)
  5. Ein Freund ist ein Freund, ob im RL oder im VL (rhetorisch-tautologisches Argument, das empirische Erfahrung generalisiert)
  6. Online-Beziehungen können sogar intensiver sein als RL-Beziehungen (empirisches Argument)
  7. Online-Freundschaften können aber auch schneller ausbrennen (empirisch-logisches Argument)

Insgesamt betrachtet zeigte sich damit in dieser Sequenz,

                  

4. Schlußfolgerungen und Ausblick

Als Resultat der Analyse dieser drei Sequenzen lassen sich folgende Schlüsse formulieren:

  1. Referenz auf andere Personen und Beiträge kann in der computergestützten Gruppenkommunikation durch expliziten Verweis oder durch anaphorische bzw. thematische Referenz erzeugt werden. Letzteres funktioniert jedoch meist nur innerhalb eines kurzen Zeit- und Referenzraums
  2. Beiträge zur Gruppendiskussion müssen sich deshalb an relativ enge Zeitlimits halten, Antworten müssen innerhalb eines kurzen Zeitraumes gegeben werden, da sie sonst ihren Anschluß verlieren.
  3. Die Initiative für Beiträge beruht (außer bei direkten Antworten) i.d.R auf Selbstselektion, was Statusdifferenzen verringert, jedoch Kooperativität und ein hohes Involvement voraussetzt.
  4. Der Aufbau und das Verstehen von Äußerungskontexten erfordert mehr Hintergrundwissen als dies bei dyadischer CMC oder face-to-face Kommunikation der Fall ist.
  5. Explizite verbale Information muß stärker als in face-to-face Kommunikationen als Träger von Hintergrundwissen und Mittel des Kontextaufbaus wirken, da die referentiellen Mittel für Zeigehandlungen (Ostensionen) und der Demonstration weitgehend fehlen und da ein gemeinsam geteilter Wahrnehmungsraum nur auf dem Bildschirm in Form von Textfenstern existiert (und selbst dieser kann je nach Hard- und Softwareausstattung sehr verschieden sein).
  6. Deshalb kann CMGC auf neu Hinzukommende relativ schnell ausschließend wirken, was sich sowohl in der auf die gemeinsame Gruppenidentität bezogenen Selbstbeschreibung von regelmäßigen Mitgliedern als Regulars ausdrückt, als auch im demonstrativen Umgang mit Hintergrund- und Insiderwissen durch Regulars. Die Differenz Regulars/Newbies kann als konstitutive Differenz für die Gruppenidentität und die Gruppengrenzen angesehen werden.
  7. Die durch die Regulars gebildete virtuelle Gemeinschaft ist von intensiven Freundschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühlen geprägt. Dabei sind sich die Mitglieder dieser Gemeinschaft durchaus über die Probleme bewußt, die mit den besonderen Bedingungen des Mediums verbunden sind. Insbesondere besteht große Klarheit darüber, daß das Eingehen von Online-Beziehungen mit ebenso großen Konsequenzen verbunden ist, wie das von RL-Beziehungen. Gleichzeitig wurde aber auch immer wieder betont, daß die Situation aufgrund der mit der technischen Vermittlung verbundenen Anonymität und Distanz komplizierter ist als im RL.
  8. In den Diskussionen wurde deutlich, daß die meisten Teilnehmer gegenüber ihren Online-Freunden ein starkes Verpflichtungs- und Verantwortungsbewußtsein haben und dieses ihrerseits auch von ihren Online-Freunden erwarten. Auch zeigte sich hier, daß die einzelnen Teilnehmer aufgrund von eigenen Erfahrungen und von Erzählungen anderer sich durchaus keinen Illusionen hingeben, sondern ein eher kritisch-vorsichtiges Herangehen an Online-Freundschaften favorisieren.
  9. Den Äußerungen einzelner Teilnehmer ist zu entnehmen, daß viele Regulars sich von der Chat-Room Situation angezogen fühlen, da sie dort leichter als im RL Kontakte knüpfen und Freunde finden können. Es kann hier mit aller Vorsicht die generelle Vermutung aufgestellt werden, daß die textbasierte CMGC scheuen, stillen oder gehemmten Personen Möglichkeiten der Kontaktaufnahme bietet, die sie im RL nicht finden.(17) Ob dies zu positiven Veränderungen im RL führt, kann hier nicht beurteilt werden.
  10. Spektakuläre Befunde vom Typ "Bildung multipler Persönlichkeiten durch Online-Chat" konnten nicht bestätigt werden. Zwar spielt das Verhältnis von Anonymiät und Intimität gerade bei der Entstehung von Cyber-Relationships eine sehr wichtige Rolle, aber der entscheidende Punkt scheint eher zu sein, daß die einzelnen Mitglieder hierdurch die Möglichkeit (oder zumindest die Illusion) haben, ihr emotionales Involvement und ihre Selbstdarstellung in der virtuellen Gemeinschaft stärker als im RL kontrollieren zu können. Hinzu kommt schließlich, daß die computergestützte Kommunikation nur eine von vielen möglichen medial vermittelten Kommunikationen ist und auch Chatter je nach Bedürfnis das Medium wechseln können: So gibt es neben dem Chat eine Menge E-mail Verkehr zwischen den Regulars, darüberhinaus wird viel telefoniert, werden Poskarten und Briefe geschrieben, sowie persönliche Treffen organisiert. Die Grenzen der virtuellen Gemeinschaften sind also nicht (wie Ann in ihrer Konklusion behauptete) mit den Grenzen des Computernetzwerkes identisch.

Die zu Beginn allgemeine formulierten Hypothesen haben sich, wie diese 10 Punkte zeigen, in der vorliegenden Analyse bestätigt und konkretisiert. Natürlich bleiben eine Vielzahl von Fragen offen. Meine Analyse ist nur eine erste Annäherung an ein sehr komplexes Phänomen. Desiderate der Analyse sind z.B.

Vergessen sollte schließlich nicht werden, daß die rein textbasierte Einzel- und Gruppenkommunikation in Chat-Rooms und in MUDs und MOOs auf Dauer wahrscheinlich marginalisiert werden wird oder sogar ganz verschwinden wird. Immer schnellere Rechner und immer kompliziertere Software werden vermutlich zunehmend audiovisuelle Animationseffekte in den Chat integrieren, wie dies etwa bei "Worlds Away" und anderen Avatar-basierten virtuellen Welten bereits der Fall ist. Es ist deshalb sehr fraglich, ob virtuelle Gemeinschaften des von mir untersuchten Typs auf lange Sicht weiter existieren werden (was natürlich nicht heißt, daß virtuelle Gemeinschaften überhaupt verschwinden werden).

Mit dem Verschwinden der rein textbasierten Computerkommunikation wird auch eine der faszinierensten Eigenschaften dieses Mediums vergehen: Das stete, fast hypnotische Vorrücken eines kollaborativ erzeugten Textflusses im Chat-Fenster und das Vergnügen an den Kontingenzen dieser gemeinschaftlichen Phantasietätigkeit, die noch gesteigert wird, wenn man mehrere solcher Chat-Fenster offen hat und dadurch gleichzeitig an drei, vier oder mehr verschiedenen Gesprächen teilnimmt.(18) So bleibt neben den Freundschaften, die auch ich in den fast zwei Jahren meiner Teilnahme an dieser kleinen virtuellen Gemeinschaft geschlossen habe, eine gewisse Wehmut beim Gedanken an diese vergehende Textwelt zurück.

       


ANMERKUNGEN

1 Äußerung des Teilnehmers Explorer während der hier in Teilen analysierten Gruppendiskussion.

2 Vgl.: S. Turkle: Life on the Screen. Cambridge: MIT 1995, A.R. Stone: The War of Desire and Technology at the Close of the Mechanical Age. Cambridge: MIT 1995, T. Wetzstein et al: Datenreisende. Die Kultur der Computernetze. Opladen: Westdeutscher Verlag 1995.

3 Vgl. B. Batinic, M. Bosnjak, A. Breiter: Der "Internetler". Empirische Ergebnisse zum Netznutzungsverhalten. In: L. Gräf/M. Krajewski (Hrsg.): Soziologie des Internet. Handeln im elektronischen Web-Werk. Frankfurt/New York: Campus 1997, S. 196-215, v.a. S. 197f.

4 Zu methodischen, konzeptuellen und kommunikationswissenschaftlichen Analysen vgl. etwa die Anthologien von D. Porter (Hrsg.): Internet Culture. London/New York: Routledge 1996, S.G. Jones (Hrsg.): Virtual Culture: Identity and Communication in Cybersociety. Thousand Oaks: Sage Publications 1997, sowie T. Wetzstein et al, a.a.O., v.a. Kap. IV-VI.

5 Diese Hypothesen sind als erste Orientierung vor meiner Analyse der Diskussion auf der Grundlage von Literaturauswertung entstanden.

6 Aus Diskretionsgründen gegenüber den Mitgliedern nenne ich den Namen dieses Forums hier nicht, aus diesem Grund habe ich auch die Nicknames der Mitglieder verändert.

7 Natürlich kann man nicht, wie bei normaler teilnehmender Beobachtung, an der realen Lebenswelt der Betroffenen teilnehmen, jedoch kann man an der virtuellen Lebenswelt des Chat-Rooms ebenso intensiv teilnehmen, wie alle anderen Mitglieder des Forums.

8 Die meisten Compuserve-Foren haben einen Policy Text, der die im Forum üblichen Regeln, Normen und Sanktionen auflistet. Beim Betreten eines Forums verpflichtet man sich automatisch, diese Policy anzuerkennen. Die Policy Rules sehen in fast allen Foren sehr ähnlich aus und beginnen meist mit folgender Einleitung: "The act of joining the forum and your use of the forum constitutes your acceptance of and agreement to be bound by the forum's Rules and Operating Procedures. The forum's Rules and Operating Procedures will be enforced. The membership of violators may, at the sole discretion of the Forum Operator, be suspended or permanently revoked for any reason without prior notice or opportunity to be heard. In addition, the membership of any person deemed by the Forum Operator to be disruptive of the forum will be revoked. Since the Forum Operator is unable to monitor all activities in the forum, members are invited to call a sysop's attention to potentially problematic messages, files, or behavior in the forum." (aus: Policy des World Community Forum, access code CIS:EWCFOR, - übrigens nicht das von mir untersuchte Forum). Diesem Einleitungstext folgen dann präzisere Ausführungsbestimmungen.

9 Diese Einschätzung beruht natürlich auf den Angaben der Mitglieder. Daß die Geschlechtsangabe in diesem Forum in der Regel aber auch tatsächlich zutrifft, läßt sich u.a. daraus ableiten, daß viele Mitglieder auch RL-Kontakt miteinander hatten und daß sehr viele der Regulars ihre Bilder in die Library stellen.

10 Vgl. S. Turkle, a.a.O.; A.R. Stone, a.a.O.; A.S. Bruckman: Gender Swapping auf dem Internet, in: R. Maresch (Hrsg.): Medien und Öffentlichkeit.Mannheim: Boer 1996, S. 337-344.

11 In diesem Sinne erfüllt die Online-Kommunikation hier eine ähnliche Funktion wie etwa anonyme Telefondienste (z.B. Telefonseelsorge, Aids-Telefon, Sorgentelefon etc.).

12 Die beiden Frauen sind als Sysops tätig und scheinen hier demonstrieren zu wollen, daß sie in ihrer virtuellen Beziehungswelt im Zentrum der Beliebtheit stehen, vgl. hierzu auch D. Tannen: Du kannst mich einfach nicht verstehen, Hamburg: Kabel 1991.

13 Zur besseren Nachvollziehbarkeit habe ich Namensnennungen in den Beiträgen immer unterstrichen.

14 Zu einem späteren (hier nicht dokumentierten) Zeitpunkt versucht David, sich erneut einzuklinken, wobei er sich mit der Frage nach dem Alter der Anwesenden aber nur als ahnungsloser Newbie outet und dementsprechend keine Antwort bekommt.

15 Diese Bemerkung ist nicht nur witzig, sondern verweist auch darauf, daß Ann und Vidrew einander gut kennen. Im Rahmen der Gruppenkommunikation handelt es sich um die häufig zu beobachtende Demonstration von Insider- und Detailkenntnis. Die beiden in Amerika lebenden Frauen haben sich auch im RL öfter besucht und dabei gut miteinander angefreundet.

16 Zara (verheiratet und mehrfache Mutter) hatte mit Explorer zunächst eine Cyber-Affaire, die dann ins RL überging. Sie zog sogar für einige Zeit mit ihm zusammen; die Beziehung zerbrach aber nach etwa einem halben Jahr daran, daß sie wieder zurück zu ihrer Familie wollte und dies dann auch tat.

17 Dieser Befund hat sich auch in vielen Einzelgesprächen mit Regulars und auch in den von mir durchgeführten Online-Leitfadeninterviews bestätigt.

18 Darauf bezieht sich auch Twice in einer im Anschluß an Sequenz zwei nachgereichten Antwort an Chelsey zur Frage, ob man einfach mit Fremden spricht, in der sie u.a. sagt: "…I used to start convos (= conversations, B.D.) with strangers back in the "good ole days"… 6 going at once <g>" (Hervorhebung von mir). Twice ist in der Tat eine der kompetentesten, schlagfertigsten und witzigsten Chatterinnen, die ich je erlebt habe. Sie beherrscht die Kunst der synchronen Mehrfachkomunikation auf unnachahmliche Weise.



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© Bernhard Debatin 1998