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@create "magic glitter"
Liebesspiele im kahunaMUD

von Nika Bertram

Das kahunaMUD ist eine codierte Bühne, basierend auf Bertrams Roman "Der Kahuna Modus." Hier kann sich jeder einrichten, mit den Romanfiguren, der Autorin oder anderen LeserInnen kuscheln, abhängen oder sich betrinken, flirten, kostümieren, fantasieren etc. Geht es auch in dem Roman inhaltlich um alternative Lebensformen und die (Un?)Möglichkeit der Unterscheidung zwischen Fiktion und Realem, so läßt sich im kahunaMUD erleben, wie sich so etwas direkt anfühlt, das Turingsche "Imitationsspiel", das "Making Up" eines Gegenübers, in der eigenen Vorstellung wie als Freude an der Maskierung, den Chancen zum Liebesspiel.


Am Anfang war das Buch. Aus Übermut und Lust am Experiment, den Folgen digitaler Besessenheit, habe ich es bei meinem Debütroman "Der Kahuna Modus" (2001, Eichborn) nicht bei der klassisch-narrativen Form belassen, sondern den Stoff zudem noch in zwei verschiedene ludisch-ergodische Varianten zu übertragen versucht. So gibt es die Geschichte jetzt nicht nur auf toten Bäumen, sondern auch als Shockwave Textadventure und MUD. In ersterem, dem "Kahuna Mode Fiction Game", schlüpfen die Spieler in die Rolle der Hauptfigur Nadine. Ihre Aufgabe ist es, Kahuna Level 3 zu erreichen, das Herz ihrer großen Liebe (Ary) zu gewinnen - und es zu behalten und gegen das "Big Nasty" zu verteidigen. Hier ist der Handlungsverlauf noch sehr am Buch orientiert.

Viel mehr und freiere Entscheidungs-, Eingriffs- und Variationsmöglichkeiten zu der ursprünglichen Vorlage bietet hingegegen das kahunaMUD. Es ist eigentlich ein MOO (Multi User Dungeon, Object Oriented), eine codierte Bühne, die Fortsetzung meines Romans mit digitalen Mitteln, und ein Spielplatz für fiktionale Weltenbummler. Hier kann sich jeder einrichten, mit den Romanfiguren, der Autorin oder anderen LeserInnen kuscheln, abhängen oder sich betrinken, flirten, kostümieren, fantasieren etc. Geht es auch im Roman inhaltlich um Wizards und weiße Hasen, Transformationen, alternative Lebensformen und die (Un?)Möglichkeit der Unterscheidung zwischen Fiktion und Realem und fiktionaler Selbstbestimmung, so läßt sich im kahunaMUD erleben, wie sich so etwas wirklich und direkt anfühlt, das Turing'sche "Imitationsspiel", das "Making Up" eines Gegenübers, in der eigenen Vorstellung und als Freude an der Maskierung, den Chancen zum Liebesspiel. Denn, "wenn man wirklich liebt, ist es egal, ob der andere ein Mann oder eine Frau oder ein Dreieck ist" (Karen Duve).

Für mich liegen besonders in den retro-verdächtigen Text-MUDs große Potentiale für neue erzählerische digitale Formen, eine Chance zu einer Art Subkultur, im Schatten der grafisch ausreizenden Werke der großen Spieleentwickler. Dennoch, so sehr mir die Entwicklung des MUDs auch Freude bereitet (hat), bin ich mir nicht sicher, ob ich meine Autor/ität zB bei einem Roman in diesen neuen Formen nicht auch vermissen würde. Denn dass diese Machtverschiebungen auch Änderungen in der AutorInnenrolle mit sich bringen, ist selbstverständlich. Vom Buch über das Textadventure bis zum MUD bleibt dem Autorsubjekt immer weniger Einfluß, kann die Geschichte auf das Wesentliche reduziert oder um andere, neue Elemente erweitert, verbessert, lebendiger werden, aber auch "out of hand" geraten.

In meinem Beitrag in Romainmotier wollte ich deshalb nicht nur das kahunaMUD vorstellen, sondern auch zeigen, inwiefern meine eigene Rolle als AutorIn sich durch diese offeneren Formen verändert. Vielleicht stärker hin zu der einer Regisseurin im Hintergrund, die korrigierend eingreift, falls erforderlich, aber immer mit Liebe - von der Art, wie Eltern ihre Kinder lieben. Oder auch traditionelle AutorInnen ihre Figuren.

Da sich die Präsentation hier nur schwer reproduzieren läßt, bin ich zur Dokumentation und besseren Veranschaulichung einiger auf dem Symposium angesprochener Theorien und Thesen noch einmal selbst in die Höhle des MUDs hinabgestiegen und meinem eigenen Geschöpf gegenüber getreten. Hier ist das Ergebnis.




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