15:16 | Samstag, 26. März 2005

Internet
13.10.2003
E-Mail-Verbote am Arbeitsplatz

In den USA schränken Firmen ihren E-Mail-Verkehr ein, um Spam und Viren zu reduzieren. Nicht so in der Schweiz.

Von Simone Luchetta

Der Weymouthclub, eine US-Fitnessklubkette, hat mehrere Computer vom Internet getrennt. Merril Lynch verbietet in den USA ihren Angestellten die Nutzung von Webmails, um ihre Firmennetzwerke besser zu schützen. Sports-Section, eine Fotofirma in Atlanta, zwang ihre Angestellten, ihre E-Mail-Adressen zu ändern, und verbot ebenso webbasierte E-Mail-Dienste. Der britische Mobiltelefonanbieter Phones4You untersagte gar die firmeninterne E-Mail-Kommunikation. Kundenkontakte laufen weiter über E-Mail, die Mitarbeiter wurden aber aufgefordert, vermehrt zum Telefonhörer zu greifen. Eine Million Pfund im Monat wolle der Unternehmer mit dem Verbot sparen, wie die «Times Online» berichtete.

Das E-Mail ist heute das effizienteste und beliebteste Kommunikationsmittel im Geschäftsleben, wie das Marktforschungsinstitut Meta Group herausfand. Andererseits kosten Spam-Mails (Werbemails) und Viren – eingeschleust per E-Mail – die Unternehmen Milliarden von Franken. Und die Viren und Würmer vermehren sich. Im ersten Halbjahr 2003 wurden mit 994 mehr als doppelt so viele entdeckt wie im selben Zeitraum vor einem Jahr, heisst es im neuesten Internet Security Threat Report von Symantec. Zurzeit existieren etwa 4000 verschiedene Computerschädlinge. Auch die Flut der unerwünschten Werbemails hat in den letzten Monaten explosiv zugenommen. Mittlerweile ist die Hälfte aller verschickten elektronischen Briefe Spam, schätzen die Analysten von IDC.

Alternative: Instant Messaging

Immer mehr Firmen in den USA suchen deshalb nach Alternativen zur E-Mail-Kommunikation oder schränken den E-Mail-Verkehr ein. Sie verlagern ihre Korrespondenz auf Instant Messaging und Handys. So konnte die Softwarefirma Mobile Automation gemäss einem Bericht in «USA Today» den E-Mail Verkehr um ein Fünftel reduzieren. Und die Sicherheitsfirma Guardent rüstete kürzlich ihre Angestellten mit Handys aus. «E-Mail war nicht besonders produktiv. Die Leute verbrachten fünf Stunden am Tag mit dem Weiterleiten von Nachrichten und dem Löschen von Spam», sagt der Geschäftsführer. Andere wie der eingangs erwähnte Fitnessklub unterbrechen die Verbindung zum Internet und E-Mail. Die dritte Massnahme sind striktere Regeln bei der E-Mail-Nutzung, die oft das Herunterladen von verdächtigen Attachments verbieten.

Spamfilter und Firewall

In der hiesigen Geschäftswelt sind derlei Massnahmen kaum ein Thema. Keine der 20 in einer Umfrage angefragten Firmen beschneidet ihren E-Mail-Verkehr in irgendeiner Weise oder trägt sich mit dem Gedanken. Ob Bank, Versicherung, Telecomfirma, Internetprovider, Verwaltung, Softwarefirma, Bahn oder Post: Man setzt alle Hoffnungen auf die technischen Hilfsmittel Spamfilter und Firewall. Für mindestens so wichtig wird die Sensibilisierung und Aufklärung der Mitarbeiter gehalten. Einigkeit herrscht auch darüber, dass E-Mail und Internet für den Privatgebrauch genutzt werden dürfen, solange sich dies in einem vernünftigen Rahmen abspielt. Einzig den kantonalen Angestellten Zürichs ist seit dem 1. Oktober der privaten Gebrauch explizit «nicht untersagt, aber auf ein Minimum beschränkt», wie es in einer Pressemeldung heisst. Unerlaubtes Surfen und privater E-Mail-Verkehr verursachten dem Kanton finanzielle Verluste.

Der Trend zur Verlagerung der Kommunikation auf andere Kanäle zeichnet sich in der Schweiz nur leicht ab. Instant Messaging (IM) ist unter den angefragten Firmen nur bei den SBB ein Thema, IBM setzt es seit längerem ein. Für andere internationale Firmen wie etwa Swiss Re kommt IM nicht in Frage, «weil die meiste Kommunikation asynchron verlauft».

Der Nutzen und die Effizienz von elektronischer Post wird also trotz drastisch zunehmender Virenplage immer noch klar höher bewertet als der Schaden. Wenn Unternehmen und Verwaltungen hier zu Lande auch keine E-Mail-Verbote aussprechen, so zeigen sie sich doch sensibilisiert. Der Brief dürfte dennoch kein Comeback feiern. «In einem globalen Unternehmen ist die Rückkehr zum Briefverkehr illusorisch. Die Geschwindigkeit ist wichtig», meint Matthias Friedli, Sprecher der Credit Suisse.



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