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Mitteilungen von Prof. Dr. Peter Schlobinski

Im Folgenden können Sie die zuletzt erstellten Mitteilungen des Mitglieds einsehen. Bitte beachten Sie, dass für die Inhalte, die nicht die Meinung der Betreiber darstellen müssen, das Mitglied verantwortlich ist.


Schmähkritik von Jan Böhmermann (Textkritische Edition)

Schmähkritik von Jan Böhmermann im ZDF-Neo Magazin Royale vom 1.4.2016. Textkritische Edition zum textkritischen Gebrauch. Hg. von Ahmak Zorba

mehr: /­members/­files/­pschlobi/­Erdogan_Schmägedicht_kommentiert.pdf

erstellt: 24.05.2016 10:54 von Peter Schlobinski | geändert: 24.05.2016 10:56 | Verstoß melden

Der silbergraue Fremdling

Er hatte sie in vielen größeren Städten gesehen, ihnen jedoch keine größere Beachtung gezollt. Der Silbergraue jedoch, der sich täglich in seiner Heimatstadt mal hier mal dort, aber zumeist am Nicolaiort zur Schau stellte, erregte Pes Aufmerksamkeit. Eigentlich unterschied er sich kaum von anderen Silbergrauen: Er stand auf einem kleinen Kubus, einer silbern grau patinierten Skulptur gleich, der allein durch sein Äußeres die Blicke der Flaneure auf sich zu lenken suchte. Seine Bekleidung wirkte mittelalterlich, seine Haltung stoisch, und nur wenn eine Münze in den silbernen Klingelbeutel von einem stehen gebliebenen Passanten als Lohn versenkt wurde, bewegte sich der Silbergraue, ruckartig, wie Frankenstein in dem berühmten Film aus den 30er Jahren, sich kurz verbeugend, gelegentlich einen Knicks karikierend, Kindern zulächelnd, deren erstauntes oder auch verängstigtes Gesicht einen Hauch von Entspannung zeigte. Keine überflüssige Gestik, keine Stimme. Mechanischer Minimalismus, der die Illusion erzeugte, ein androides Wesen oder ein MekTek predige wortlos die Gelassenheit des Zen-Buddhismus. All dies unterschied den Silbergrauen nicht von seinen Genossen, die auf Plätzen, in altstädtischen Gassen, vor Kauftempeln oder zu Anlässen wie Flohmarkt, Straßenfest und Kulturmeile ihrer Kunst und ihrem Gewerbe nachgingen. Es war etwas Anderes, was Pe in seinen Bann zog. Es gab offensichtlich keine Regel, wie lange der Silbergraue seine Tätigkeit ausübte, schien die Sonne und waren viele Besucher unterwegs, konnte er bis in den späten Abend als Standbild über den Strom der Flaneure blicken, ohne seinen Platz verlassen zu müssen, wenn es jedoch regnete, war von ihm nichts zu sehen, und Pe konnte sich nicht erinnern, ihn jemals kommen oder gehen gesehen zu haben. Eines Tages sah er jedoch den Silbergrauen in Richtung Altstadt gehen. Sein Gang war langsam, ruhig und ließ eine gewisse Flüssigkeit vermissen, vielmehr wirkten seine Bewegungen unrund, abgehackt wäre zu viel gesagt, leicht roboterhaft, ein Schatten des Butlers Lurch, zudem der Silbergraue an die zwei Meter maß. Seine Erscheinung, seine ungewöhnlichen Bewegungsvorgänge versetzten Pe in Erstaunen und voller Neugier folgte er dem Silbergrauen in gebührendem Abstand. Pe hatte noch nie jemanden verfolgt, und obwohl ihn ein wenig das schlechte Gewissen plagte und er sich wie ein Stalker fühlte, ließ der den Verfolgten nicht aus den Augen. Zu seinem Erstaunen bog der Silbergraue in eine kleine, nicht unbekannte Gasse ein und bewegte sich zielstrebig auf ein altes Haus aus dem 18. Jahrhundert zu, ein nachgebautes Fachwerkhaus, dessen doppelseitige, mit Eisenbeschlägen versehene Holztür wehrhaft Eindringlinge warnte. Der Silbergraue öffnete die Tür und verschwand im Dunkel des Hauses. Pe war überrascht, schienen doch fachwerkliche Gediegenheit und der Beruf oder die Berufung seines Bewohners wenig zusammen zu passen, und seine Neugier und Wissbegierde waren angestachelt, und so beschloss Pe, weitere Nachforschungen anzustellen. In den nächsten Tagen führte er einige Recherchen durch, konnte aber nicht viel ermitteln: In der Ratsgasse 42 wohnte ein gewisser Andy Dick, auch Eigentümer des Hauses, keine Telefonnummer, keine Information im Netz, kein Eintrag im Gelben Buch. Nichts. Fast eine Unperson, so konnte man glauben. Am folgenden Samstag sah er den Silbergrauen wieder am Nicolaiort. Er setzte sich ins Café Mokkador, sodass er den Silbergrauen beobachten konnte. Wie die Statue des Helios, so schien es Pe, blickte er strahlend in seine Richtung, ein wenig abschätzend, ob die Bresche geschlossen werden könne, und er, Pe, die Belagerung aufgeben werde. Immer wieder blickte Pe verschämt nach unten, ohne jedoch das in silbergrau gehauene Standbild aus den Augen zu verlieren, als ob es für seinen Blick zu spät werden könnte. Bis in den späten Abend belauerte Pe so den Silbergrauen, und als dieser sich auf den Weg machte, folge er ihm wiederum, vorsichtig und auf leisen Sohlen. Und wieder steuerte der Silbergraue langsam und schleppend, dennoch zielstrebig auf sein Haus zu. Er öffnete mit Bedacht die Tür, trat indes nicht in das Haus ein, sondern lies die Tür offen, dreht sich um in Richtung Pe und starrte ihn an, und die silbergrauen Augen nahmen eine bleigraue Färbung an. Er nickte kurz und mechanisch, und Pe überlegte den Bruchteil einer Sekunde, ob er der Einladung folgen solle, und obwohl eine innere Stimme ihm sagte, halte dich fern, zog ihn das Unbekannte, das Ungewisse magisch an. Mit leichtem, aber bleischwerem Schritt folgte er dem Silbergrauen und trat ein.

Kaum war er in das Dunkel des Hauses eingetreten, hörte Pe ein leises Klick und Licht durchflutete den Raum. Hätte er eine warme Tapete, einen Tisch aus Eichenholz, Lüster und Leuchter erwartet, so wäre er enttäuscht worden. Pe hatte aber nichts erwartet und doch war er schockiert. Er befand sich in einer Art Labor: weiße, sterile Wände, Aluminium-schränke, ein Stahltisch mit Stahlbondage, Gerätschaften eines Chemielabors und andere, ihm unbekannte Messapparate, medizinisches Besteck, Kachelboden, ein Waschbecken, metallen. Kaltes Licht, kein Fenster, keine Holztür. Stattdessen Stahltüren, hermetisch verriegelt. Der Silbergraue war nicht da, allein und sich nackt fühlend musterte Pe den Raum, und mit jeder Sekunde fühlte er Angst und Schrecken intensiver, kleine Skarabäen kletterten unter der Haut die Wirbelsäule hoch. Ein Geräusch, also ob ein Radioapparat eingeschaltet würde, ließ ihn zusammenfahren. „Können Sie mich hören, Herr Pe?“, war eine Stimme zu vernehmen, die wie computergeneriert klang. „Wer ist da?“, fragte Pe, „was geht hier vor sich?“ Pe versuchte, ruhig und bestimmt zu sprechen, es gelang ihm nur mäßig. „Werter Herr Pe, Sie sind Teil eines Experiments, und ich freue mich, dass Sie so bereitwillig daran teilnehmen“, fuhr die Computerstimme fort. „Experiment? Was für ein Experiment? Ich will definitiv an keinem Experiment teilnehmen, öffnen Sie die Tür und lassen Sie mich gehen“, entgegnete Pe verärgert. „Das ist leider nicht mehr möglich, das hätten Sie sich früher überlegen müssen, nun ist es dafür zu spät.“ „Was wollen Sie von mir?“, presste Pe verärgert und ängstlich heraus. „Sehen Sie“, antwortete die Stimme, „Sie glauben, sich freiwillig in Gefangenschaft begeben zu haben, und Sie seien nun einer unbekannten Macht ausgeliefert. Dem ist nicht so. Alles was Sie hier sehen, fühlen, hören, ist nicht real.“ „Sie wollen behaupten“, unterbrach Pe, „dass ich das hier alles träume, der Raum ist nicht real, ich bin nicht real, und der Silbergraue, dem ich hierher gefolgt war, auch nicht.“ „Keineswegs“, fuhr die Stimme fort, „Sie hatten zugestimmt, dass wir Ihr Gehirn entfernen und an einen Computer anschließen können, und dies haben wir getan. Sämtliche Nerven und Schaltstellen sind mit einem Quantencomputer verbunden, ihre Körpervorstellungen, alles, was Sie sehen, ist eine Stimulation bestimmter neuronaler Netzwerkstrukturen und Resultat von Selbstorganisationsprozessen ihres Gehirns. Gleichzeitig erhält Ihr Gehirn einen Dateninput aus virtuellen Welten. All das, was Sie also erleben, ist nicht real, sondern eine Illusion.“ „Das kann nicht sein, dann wüsste ich davon, dem Experiment zugestimmt zu haben“, warf Pe ein. „Nein“, widersprach die Stimme, „sich daran und an bestimmte andere Fakten nicht zu erinnern, ist Teil des Experiments.“ Ein einziger Albtraum, dachte Pe, ich muss aufwachen. Das kann einfach alles nicht wahr sein. „Wir wollen heute mit Ihnen ein Teilexperiment durchführen“, unterbrach die Stimme Pes Gedanken, „es geht um eine Dekapitation in vivo, und wir wollen testen, wie Ihr Gehirn auf diese Stresssituation reagiert.“ „Sie sind doch völlig ver-“ – mit einem leichten Geräusch fuhren die Stahltüren auseinander, der Silbergraue trat langsam und schleppend ein und die Tür schloss sich wieder. „Herr Pe“, sagte der Silbergraue, und es war die gleiche Stimme wie zuvor, „wenn Sie so freundlich wären, sich auf den OP-Tisch zu legen.“ „Ich denke gar nicht daran“, erklärte Pe, „was soll dieser ganze Spuk? Hören Sie endlich auf!“ „Wir wollen doch nicht Gewalt anwenden. Sie haben dem Experiment zugestimmt. Und Experiment ist Experiment.“ Der Silbergraue fasste ihn an den Arm und übte einen Druck aus, der Pe geradezu übernatürlich erschien und jede Widerstandsgeste schmelzen ließ. „Schauen Sie, wir haben extra Hand- und Fußfesseln aus Stahl, damit nicht, wie bei älteren Apparaten, es die Riemen zerreißen kann.“ Der Silbergraue drückte Pe auf die Stahlplatte und legte die Stahlfesseln an. „Wenn Sie einen Filzstumpf für Ihren Mund wünschen, dann geben Sie Bescheid, aber Sie wissen ja: Nichts ist real, es ist alles eine Illusion.“ Als der Silbergraue mit der Fixierung fertig geworden war, blickte er ruhig und mechanisch auf Pe, ging an den Stahlschrank und entnahm ein japanisches Kurzschwert. Pe perlte der Schweiß aus allen Poren, aber er sagte kein Wort, denn auch Worte sind nur Illusionen.

Vorsichtig nahm der Silbergraue den Kopf von Pe und legte ihn in einen metallenen, silbergrauen Kubus. Anschließend säuberte er sorgfältig seine Patina. Vorsichtig hob er den Kubus, nahm ihn unter den Arm und verließ das Haus. Am Nicolaiort, gegenüber dem Café Mokkador, stellte er den Kubus auf den Boden. Ein Kind sah ihm interessiert dabei zu.

erstellt: 18.09.2013 08:58 von Peter Schlobinski | geändert: 18.09.2013 09:10 | Verstoß melden

Googleo ergo sum

Google™ all over the world. 1998 als Start-up-Unternehmen gegründet beträgt der Börsenwert heute über 100 Millarden Euro. Der Firmenname ist exotisch und geht auf die Zahl ,Googol’ zurück, eine Bezeichnung für die Zahl zehn hoch hundert. Heute ist Google nahezu ein Synonym für Websuche schlechthin. Die Internet-Suchmaschine ist weltweit eine derart starke Marke, dass sie auch sprachlich ihren Siegeszug rund um den Globus vollzogen hat: Im Deutschen vom Substantiv über das Verb "googeln" – man kann jemanden und etwas "googeln" – bis hin zur Verbindung "ergoogeln". Und das nicht nur im Deutschen. Im Japanischen heißt es zum Beispiel "guguru" oder "guugurusuru", im Koreanischen "googlehada". Die Chinesen bringen Anglizismen häufig durch phonetische Ableitungen in ihre Sprache. Im Hinblick auf "googlen" ist in der Volksrepublik noch kein ausgereiftes Übersetzungsstadium eingetreten, obwohl mit "gege" (Lied zur Ernte) und "guge" (Skelett) zwei Homonyme durchaus unter Internet-Nutzern verbreitet sind, die allerdings nicht verbal gebraucht werden. Der erste Begriff ist auch im chinesischen Google-Logo mit den entsprechend Schriftzeichen 谷歌 verwendet. Taiwanesen jedoch gebrauchen ein Verb für "googeln" in mündlicher Rede, nämlich "gu", z.B. "Wo jiu qu gu yixia" ,Ich google das mal eben'.

Die Ausbreitung des Wortes "Google" im Wortschatz der Sprachen der Welt ist ein Indikator für die Ausbreitung der Marke im World Wide Web. Ohne Google geht fast nichts mehr: Googleo ergo sum ;-(

erstellt: 16.09.2011 13:45 von Peter Schlobinski | geändert: 16.09.2011 13:47 | Verstoß melden

Signum & Textum (Hg. von Peter Schlobinski)

Ein Essay über „Zeichen und Zeichen­kon­figurationen, über Schach und Nota­tionen, über die Wechselwirkung des Wirklichen mit dem Möglichen, über Liebe und Hass, Affekt und Kalkül, Opfer und Täter.“

mehr: /­de/­members/­schlobi/­signum_et_textum.pdf

erstellt: 07.07.2011 23:29 von Peter Schlobinski | Verstoß melden

12 Axiome des Blablaismus

Nur in der Sprache geht die Welt auf.

Die Wirklichkeit welkt vor dem Wort.

Jede Lüge ist eine Wahrheit.

Eine Wahrheit ist selten wahrhaftig.

Alles, was nicht klar gedacht ist, kann (nicht) klar gesagt werden.

Worüber man nicht schreiben kann1/kann2, darüber muss man schreiben.

Dieser Satz ist kein Satz.

Dieser Text ist ein Text: ist ein Text.

Was dem einen sein X, ist dem Anderen sein U.

Nicht-Wissen: Institutionalisiertes Ich-weiß-nichts öffentlich geäußert.

Konsens: Kollege Werwohl stimmt dafür und dagegen.

Blablamus ergo sumus.

(Fragmente nach einer Abteilungssitzung, 2011)

erstellt: 02.05.2011 20:10 von Peter Schlobinski | Verstoß melden

Simsen, bis der Daumen schwillt

Als im Dezember 1992 die erste Test-SMS verschickt wurde, hat niemand die Erfolgsgeschichte dieser neuen Kommunikationsform auch nur erahnt. Zwei Jahre später brachte Nokia das erste SMS-Handy auf den Markt und das Verschicken von Kurzmitteilungen war zunächst eine kostenfreie Zusatzfunktion. In Japan, dem Land des Handys, wurde die erste Kurznachricht im Juni 1997 verschickt, seitdem hat sich das Versenden von Textbotschaften über das Handy dort rasant entwickelt wie kaum in einem anderen Land. In einem Zeitungsbericht der Tageszeitung Mainichi shinbun war zu lesen, dass es sich bei der "Handysprache" besonders bei der jüngeren Generation um eine Art "Tippsprache" handelt, nach dem Motto "Bis der Daumen schwillt!". Das Verschicken einer SMS, kurz: ,Simsen' oder ,SMSen' genannt, ist heutzutage für viele Menschen weltweit tägliche Routine. In Deutschland werden durchschnittlich pro Monat weit über 2 Milliarden Kurznachrichten versendet, Tendenz steigend. Man braucht keine Statistiken bemühen, um zu sehen, dass die SMS-Generation nicht die Großeltern-Generation ist. Während bei den Kids der Daumen (oder beide Daumen) über die Handytasten fliegt, stochern die Älteren in der Regel nach dem Einfingersuchsystem auf der Tastatur herum, wenn sie überhaupt in der Lage sind, eine SMS zu schreiben. Die ,Daumen-Generation' ist jung und ,hype' und entsprechend sind es die SMS-Texte. "My smmr hols wr CWOT. B4, we usd 2 go 2 NY 2C my bro" - so beginnt eine 13-jährige schottische Schülerin einen Schulaufsatz in ,SMS-Sprache', der nach einem Bericht des ,Spiegel' Sprachalarm auslöst (Übertragung: My summer holidays were a complete waste of time. Before, we used to go to New York to see my brother). Lehrer sehen hierin die Zeichen eines Bildungsverfalls, der dazu führe, dass Schüler die Schriftsprache und Grammatik nicht mehr beherrschten. SMS-Schreibweisen würden die sprachlichen Sitten verderben.

Die Meinung, dass Jugendliche den Sprach- und Sittenverfall befördern, hat Tradition. Jugendsprache sei ein "Jargon einer bestimmten Sondergruppe", der den "größeren und wertvolleren Teil der Jugend erniedrigt und beleidigt", schreibt der bekannte Lexikograph Heinz Küpper Anfang der 60er Jahre. Ein besonders negativer Einfluss wurde der Comic-Lektüre und der ,Ächz-Sprache' zugeschrieben. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts nun scheint es eine neue Ursache des durch Jugendliche bedingten Sprachverfalls zu geben: die neuen Kommunikationstechnologien in den Händen der Kids.
Auf den bildungspolitischen Punkt gebracht ergibt sich demnach folgender ,PISA-Effekt': Weil Jugendliche in Deutschland immer mehr und stärker neue Medien nutzen und weniger lesen, hat ihre Lesekompetenz abgenommmen und zum schlechten Abschneiden bei der PISA-Studie geführt. Erklärungsbedürftig ist vor einem solchen Argumentationshintergrund allerdings, warum Finnland, das europäische Spitzenland im Hinblick auf Internet- und Handynutzung, so positiv im PISA-Test abgeschnitten hat. Das Versenden von SMS-Kurzmitteilungen ist ein Massenphänomen, das vor allem bei Jugendlichen zu beobachten ist. Doch sind die Texte wirklich so kryptisch, wie der oben zitierte Text nahe legt? Gebrauchen Jugendliche eine SMS-Sondersprache, wenn sie simsen? Benötigt man einen der zahlreichen SMS-Ratgeber, um eine SMS entschlüsseln zu können? Es lohnt sich, einmal genauer hinzusehen - doch was ist überhaupt eine SMS?

Eine SMS (Short Message Service) ist eine Kommunikationsform, ursprünglich eine Textbotschaft in maximal 160 Zeichen, die per Handy verschickt und auf dem Handy empfangen wird. Allerdings kann man heutzutage eine SMS auch über das Internet an einen Festnetzanschluss verschicken und vieles mehr. Eine SMS ist zudem nicht mehr auf 160 Zeichen beschränkt: Es können Ketten-SMS verschickt und je nach Anbieter und Handy-Standard auch längere Texte versendet werden. Dennoch: Alle Untersuchungen zeigen, dass eine SMS im Durchschnitt zwischen 70 und 100 Zeichen lang ist, dies gilt für japanische SMS ebenso wie für deutsche oder ungarische.

Aufgrund der technischen Voraussetzungen und kommunikativen Funktionalitäten folgen die ,Simser' in der Regel dem Prinzip der Sprachökonomie: Kommuniziere so viel Information wie möglich in wenigen Zeichen so, dass der Tippaufwand möglichst gering ist. In jüngster Zeit zunehmend mit Hilfe der Worterkennungssoftware T9. Und: SMS-Mitteilungen sind einerseits schriftbasiert, andererseits aber in starkem Maße von mündlicher Kommunikation beeinflusst. Merkmale wie Akzent und Intonation sowie Mimik und Gestik, die in der Kommunikation von Angesicht zu Angesicht relevant sind, werden kompensiert und besonders dargestellt. Diese Faktoren, technische Voraussetzungen einerseits und konzeptionelle Mündlichkeit andererseits, sind die Gründe dafür, dass in SMS-Texten Abweichungen von der Standardsprache und spezifische Zeichen auftreten. Diese Spezifika sind also motiviert, sie sind darüber hinaus regelhaft und weniger spektakulär als gemeinhin dargestellt.

Es gibt Abweichungen von der Standardorthographie wie die konsequente Klein- oder Großschreibungen oder der Verzicht auf Satzzeichen, es gibt Abkürzungen wie hdl ,hab dich lieb', GUK ,Gruß und Kuss' oder i für ,ich' und a für ,auf'. Die Texte sind kurz und einfach und sie enthalten Elemente aus der gesprochenen Sprache (ham, is) und besondere grafische Stilmittel auf wie den Smiley [-:)]:

SUPI:-)!IM INTERNET GIBTS NOCH KARTEN!WENNDU WIRKLICH DEFINITIV MITKOM WILLST KANN I MARA GLEI BESCHEID SAGEN; DANN BESTELT SE KARTEN.IS OPENAIR BEI DER EXPO.SZ

Die Phänomene sind keineswegs auf das Deutsche beschränkt. Dem deutschen hdl entspricht in italienischen ,messagini' das tvb (ti voglio bene) oder ta (ti amo). Das Homophonieprinzip wie in engl. 4u (for you) oder B4 (before) findet sich im Deutschen: n8 (Nacht) ebenso wie im Italienischen: Dove 6 (Dove sei?) oder Japanischen: 39 (san kyu ,thank you'). In japanischen ,keetai meeru' (Handy-Mail) tritt der Smiley häufig auf, wird aber nicht um 90 Grad gedreht, dem :-) entsprechen u.a. folgende Varianten: (^o^)?(^_^)?(^.^)?(^^)?>^_^<. Neben den Smileys nutzen japanische Jugendliche, besonders Mädchen, gern Bildzeichen (Emoji).

Die Schreibvarianten sind einerseits universell, so wie es die Mobilfunk-Kommunikation ist, andererseits sprach- und kulturspezifisch und sie sind somit auf der Folie eines gemeinsam geteilten Kommunikationswissens zu sehen. Wer eine SMS schreibt nutzt die technischen Ressourcen und unterliegt ihren Restriktionen, und er schneidet sie auf die kommunikativen Bedürfnisse zu. Alle bisherigen Studien zeigen, dass SMS-Kommunikation in hohem Maße phatische Kommunikation ist und sozial-kommunikative Funktionen erfüllt wie sich verabreden, gemeinsame Unternehmungen planen, grüßen, Kontakte aufnehmen und pflegen, flirten usw. Im Hinblick auf andere Funktionen (z.B. Bewerbung, Schulaufsatz) und andere Medien (z.B. Brief, Klausurbogen) wird im Rahmen der kommunikativen Anforderungen ein anderer Schreibstil und Sprachduktus gewählt. Wir sind in der Lage, sowohl mündlich als auch schriftlich unterschiedliche Sprachregister zu ziehen. Insofern ist nicht zu befürchten, dass SMS-Texte eine Geheimsprache forcieren, deren ,Entschlüsselung' Schwierigkeiten bereitet und die zum rasanten Verfall der Standardsprache führen könnte. Vielmehr finden sich in SMS-Texten Schriftvarianten, die sich in Konkurrenz und als Substandard zu Standardisierungs- und Normierungsprozessen ausbilden: medial und kommunikativ funktional.

(s. Rheinischer Merkur 29.7.2004, S. 8)

mehr: /­de/­websprache/­chat/­emoticons/­kawaicons.aspx

erstellt: 29.07.2004 00:00 von Peter Schlobinski | Verstoß melden

Rudi Rambo

Nach dem 0:0 im EM-Qualifikationsspiel gegen Island „rastet“ Teamchef Völler aus. In einem ARD-Interview macht sich der Trainer Luft über eine Berichterstattung, die seiner Meinung nach „alles durch den Dreck zieht“ und die den Spitzenpunkt „einer Steilkurve der Häme nach oben“ noch nicht erreicht hat. Anlass sind die Bemerkungen der ARD-Kommentatoren Günther Netzer (,Standfußballer’) und Gerhard Delling. „Es [ist] eine Sauerei, was Günter Netzer und vor allem Gerhard Delling da so von sich geben.“ Und weiter: „Das dauernde Gerede vom erreichten Tiefpunkt, dann noch mal einem. Und dann noch einem niedrigeren Tiefpunkt. Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören. Ich weiß nicht, woher die beiden das Recht nehmen, so etwas zu sagen.“

Die emotionsgeladene Eruption im Land der Geysire hat Folgen. Nach der „Wutrede“ Völlers bleiben die Zuschauer gebannt am Bildschirm *ARDüberdieQuotefreu*, Delling cool, Netzer bei seinem Oberlehrerstil. Journalisten kletten sich an „Ruuudis“ Fersen, um am nächsten Tag über seinen „Absturz in die Gossensprache“ zu berichten. Es sind drei „derbe“ Wörter, die einen ,Medienskandal’ auslösen: Scheiße, Scheißdreck und Sauerei. Kräftige Umgangssprache oder Fäkalsprache? Gossensprache oder deutliche Worte? „Rudi Rambo spaltet Deutschland.“

Es ist eine Tatsache, dass Sprache nicht an sich positiv oder negativ bewertet wird, sondern immer in Abhängigkeit vom Sprecher und von der Situation. Während die einen der Meinung sind, dass „in einer solchen Position so etwas nicht passieren darf, egal wie erregt man ist“, sehen andere in den Äußerungen von Völler den „Mut, den so genannten ,Experten’ Netzer und Delling über den Mund zu fahren.“ Interessant sind die Reaktionen der politischen Schwergewichte. Gerhard Schröder wollte sich dazu nicht zwar weiter äußern, „aber wenn ich gelegentlich dürfte, wie ich wollte, dann würden wir uns alle freuen.“ Aber bitte: Ein Leben ohne Freude ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus. Edmund Stoiber erklärt Völler bajuwarisch seine Solidarität und ernstgewandelter Guido Westerwelle würde sich so in der Öffentlichkeit natürlich nicht äußern, aber wenn man könnte wie man wollte… Warum eigentlich nicht? Sollen Politiker immer weiter in Worthülsen und nichts sagenden Phrasen den Bürger zumüllen? Ist die Verschwendung von Milliarden von öffentlichen Geldern nicht eine Sauerei? Türmen sich gebrochene Wahlversprechen und Täuschungen nicht zu einem Riesenmisthaufen auf?

Die Popularität von Rudi Völler hat nach dem „Amoklauf“ keineswegs gelitten, wie Umfragen zeigen, im Gegenteil. Dies sollte Politkern Hoffnung machen. Phrasendreschmaschine abschalten und stattdessen eine klare und deutliche Sprache sprechen - dies könnte das Motto unserer politischen Klasse sein, wenn nicht eine klare und deutliche Sprache klares Denken und eine deutliche Realitätseinschätzung voraussetzte …

erstellt: 12.09.2003 00:00 von Peter Schlobinski | Verstoß melden

Simsen

Das folgende Interview ist im Oktober 2002 in der Onlinezeitung "dieUniversitaet.at" der Universität Wien erschienen.

Sprachliche und kommunikative Aspekte der SMS-Kommunikation

Billionen von SMS werden jährlich weltweit verschickt. Und der Gipfel ist noch nicht erreicht. Doch welche Auswirkungen haben SMS auf die Kommunikation in der Gesellschaft? Die Universitätszeitung sprach mit dem Sprachwissenschaftler und Vorstand des Instituts für Sprachwissenschaft an der Universität Hannover, Univ.-Prof. Dr. Peter Schlobinski über die aktuellen Ergebnisse seiner Forschungen zur SMS-Kommunikation. An der Universität Wien beschäftigt sich eine Vorlesung am Institut für Erziehungswissenschaft mit dem Thema.

Redaktion am 14.10.2002

Die Kommunikation via Handy hat einen zentralen Stellenwert in der Gesellschaft erlangt. Mit einer Handydichte von über 80 Prozent ist Österreich eines der "mobilsten" Länder Europas. Neben der mündlichen Kommunikation hat sich seit der ersten SMS, versandt im Dezember 1992 in Großbritannien, eine wichtige andere mobile Kommunikationsform entwickelt: die schriftliche. An der Universität Wien beschäftigt sich in diesem Semester eine Block-Vorlesung von Mag. Dr. Tamara Katschnig am Institut für Erziehungswissenschaft mit "Theorien zur Interaktion bzw. Kommunikation" im Zeitalter von SMS, E-Mail und Chat-Room.

Bislang steckt die Erforschung der SMS-Kommunikation noch in den Kinderschuhen. Die Pilotstudie "Simsen. Eine Pilotstudie zu sprachliche und kommunikativen Aspekten in der SMS-Kommunikation", in der 300 HandynutzerInnen befragt und deren SMS ausgewertet wurden, kann aber erste Antworten zu sprachlichen und kommunikativen Auswirkungen auf die Gesellschaft geben. Im ersten Teil des Interviews mit Univ.-Prof. Dr. Peter Schlobinski wurden zunächst die Auswirkungen der Kommunikation via SMS auf die Gesellschaft beleuchtet.

dieUniversitaet.at: Es bestehen Ängste, dass durch SMS persönliche Kontakte verloren gehen. Zu welchem Ergebnis kommen Sie in ihrer Studie?

Univ.-Prof. Peter Schlobinski: Solche Ängste sind unbegründet. SMS dienen der Kontaktpflege und -herstellung. Sie dienen zu 80 Prozent dazu, Verabredungen zu treffen. Rund zwei Drittel der von uns befragten Handynutzer verwenden SMS, "um sich mal wieder bei ihren Angehörigen und Freunden zu melden". SMS ersetzt nicht den persönlichen Kontakt. Allein das Netz unserer Kommunikation wird dichter. Erstaunliche viele Männer, rund 45 Prozent, bekämpfen mit SMS ihre Langeweile. Bei den Frauen sind es rund 40 Prozent. Dies wirft sozialpsychologisch interessante Fragen auf: Können wir nicht mehr alleine sein?

dieUniversitaet.at: Welche Auswirkungen hat die Kommunikation via SMS auf andere Kommunikationsmedien?

Schlobinski: Die Studie hat ergeben, dass andere Kommunikationsformen vom SMS-Gebrauch kaum betroffen sind. Der Blick in die Zukunft ist jedoch schwierig. Mit einer weiter gefassten historischen Perspektive ist der Vergleich mit den Folgen des Buchdrucks sicherlich angemessen. Die Erforschung dieser Veränderung steht jedoch erst am Beginn und wird sich erst in den nächsten Jahren massiv weiter entwickeln.

dieUniversitaet.at: Welche Relevanz haben Ihre Studien für die Zukunft der Telekommunikationsbranche?

Schlobinski: Ein ähnliches Forschungsprojekt in Japan hat uns gezeigt, dass nichts alles, was technisch möglich ist, auch genutzt wird. Dort haben Handyuser die Möglichkeit, SMS von 3500 Zeichen zu versenden. Ihre SMS-Kommunikation unterscheidet sich jedoch nicht wesentlich von der der Europäer. Der Nutzer stellt immer die Frage nach dem kommunikativen Profit einer Technik, sei es auf der affektiven oder der kognitiven Ebene. Unsere Studie hat auch gezeigt, dass Voreinstellungen bezüglich Groß- und Kleinschreibung oder im Handy integrierte Wörterbücher kaum genutzt werden.

dieUniversitaet.at: Inwieweit tolerieren User bei der SMS-Kommunikation Fehler?

Univ.-Prof. Peter Schlobinski: Schon bei der E-Mail-Kommunikation wurde davon ausgegangen, dass eine hohe Fehlertoleranz herrscht. Daher haben wir das auch für SMS angenommen. Es hat sich aber herausgestellt, dass das Schreibverhalten nicht zwingend unkorrekt ist, sondern schlicht andere Formen verwendet werden. Dies zeigt sich bereits bei der Groß- und Kleinschreibung. 60 Prozent der Kurznachrichten weichen von der normierten Groß- und Kleinschreibung ab, 43 Prozent der User schreiben entweder nur in Groß- oder nur in Kleinbuchstaben. Der Grund liegt einerseits am Interface, das heißt der ökonomischen Tastaturnutzung, andererseits wird - wie bei E-Mail und Chat - die Großschreibung als Zeichen für "Schreien" benutzt.

dieUniversitaet.at: Schreiben ohne Punkt und Komma - verlernen wir den korrekten Einsatz von Sprachzeichen?

Schlobinski: Fast zwei Drittel der Nutzer legen großen Wert auf den richtigen Einsatz von Satzzeichen. Nur zehn Prozent verzichten völlig auf Interpunktion. Bedenkt man, wie viele Tasten bei den meisten Handytypen gedrückt werden müssen, um ein Satzzeichen zu schreiben, ist dieser Wert überraschend hoch. Wie in der Internetkommunikation werden die Interpunktionszeichen auch beim SMSen für erweiterte Kommunikation verwendet, wie zum Beispiel beim Einsatz von Smileys :-), zur Beschreibung emotionaler Zustände. Als grafisches Mittel werden auch sogenannte Inflektive wie (*freu*) verwendet.

dieUniversitaet.at: Durch die Verwendung von Abkürzungen entstehen oft kryptische Nachrichten. Bedenkt man zusätzlich noch die vielen Abweichungen von der normierten Schriftsprache, ist zu fragen: Handelt es sich bei der SMS-Sprache um eine eigene Sprache?

Schlobinski: Nein. SMS-Kommunikation ist eine eigene Textsorte, aber keine eigene Sprache. Grundsätzlich sind Abkürzungen auf die Sprachökonomie zurückzuführen, auf die Beschränkung auf 160 Zeichen. Ein Teil der Abkürzungen ist aus der Alltagssprache entlehnt, wie "AB" für Anrufbeantworter. Daneben gibt es allgemein bekannte SMS-spezifische Abkürzungen wie "cu" für "see you" und eine große Anzahl vom Verfasser selbst erfundener Kürzel. Neu und überraschend ist die Abkürzung von Funktionswörtern.

dieUniversitaet.at: Nimmt man all diese Besonderheiten, "verlernen" dann nicht gerade Kinder und Jugendliche korrektes Deutsch?

Schlobinski: Ich sehe das nicht so. Schwierigkeiten mit korrektem Deutsch sind kein Problem des Mediums. Es handelt sich bei der SMS-Kommunikation um eine funktionale Schriftlichkeit, angepasst an das Medium, den Kommunikationspartner, den Inhalt der Nachricht … Ich sehe hier eine Bereicherung. Vielleicht sogar eine "Schriftrenaissance". Da Kinder nach wie vor in der Schule auch Aufsätze schreiben müssen, erkenne ich keine Gefahr. Beziehungsweise nur dort, wo das schulische Angebot nicht angenommen wird. Aufgabe der Erzieher ist auch, Kompetenzen zu vermitteln, den kritischen und kreativen Umgang mit dem Medium zum Beispiel. Jugendliche von der SMS-Kommunikation abzuhalten, ist nicht sinnvoll. Wer keine Kompetenz im Umgang mit diesem Medium erwirbt, wird früher oder später zu den Verlierern der Mediengesellschaft gehören.

erstellt: 31.10.2002 00:00 von Peter Schlobinski | Verstoß melden

Kleines Wörterbuch überflüssiger Fremdwörter

Überflüssige Fremdwörter / Germanisierte Form

aktuell / zeitnah

Anglizismus / angestliches Feindwort

Bouillon / Fleischbrühe

Dialekt / Mundart

Dusche / Brause

E-Mail / Bernsteinbrief

Harem / Weiberhof

Känguruh / Springbeutler

Krämer / KleinlichMensch

Laberkopp / Schwätzer

Mumie / Dörrleiche

netto / rein

Pankow / Pankau

Finale / Ende

(Zusammengestellt nach einem Hörbeleg, demnach die engl. Aussprache der Initiale C in der deutschen Währungseinheit Cent „eine Anbiederung an eine uns fremde Sprachkultur sei“.)

erstellt: 15.12.2010 09:17 von Peter Schlobinski | geändert: 15.12.2010 09:30 | Verstoß melden

C4-Professor gesucht.

Glosse über eine Stellenanzeige in der ZEIT

Bei der donnerstäglichen Lektüre der Stellenangebote in der ZEIT sprang mir folgende Anzeige sofort ins Auge:



C4-Stellenausschreibung ZEIT



Eine erste Irritation stellt sich bei flüchtigem Daraufschauen wohl deshalb unmittelbar ein, da gegenüber dem Reflexivmuster der Textsorte ,Stellenanzeige in der ZEIT‘ eine Differenz zu beobachten ist: weder die Denomination der Stelle ist sofort erkennbar, noch ist das Fach- oder Aufgabengebiet typographisch markiert, und der so neugierig gewordene Leser forscht nach weiteren Informationen, stolpert indes darüber, wer zu jenen zählen könnte, die unter welchen (?!) Umständen auch (!) in Betracht gezogen werden können, in jedem Falle wohl eine Frau, ausdrücklich erwünscht - *floskelfloskel* -, allerdings nur dann, sofern nicht in der Person eines Mitbewerbers, nicht einer Mitbewerberin, liegende Gründe überwiegen, Gründe, die nicht in Lageparameter und Koeffizienten oder horizontalen Tangenten zu suchen sind, sondern in der Person, möglicherweise in der genetischen Ausstattung, ein Mausgen wäre zweifelsohne nicht unerwünscht, oder in den charakterlichen Grundlagen, die adaptiv-adäquat korrelieren müssen mit der Tatsache, dass vorwiegend Biologiestudenten ausgebildet werden, außerhalb der Person liegende Gründe können jedenfalls ausgeschlossen werden, denn wo stünde die Genetik schließlich, wenn Blondine mit Idealmaßen gegenüber Stoppelbart mit Henkelohren bevorzugt würde, gleiche Eignung, Befähigung und fachliche Leistung vorausgesetzt. Bewerbungen mit unüblichen Unterlagen sind zu richten an...

erstellt: 31.05.2001 00:00 von Peter Schlobinski | Verstoß melden

"Chatten macht Spaß"

Verkommt die deutsche Sprache durch den Cyberslang?
Der Linguist Peter Schlobinski gibt Entwarnung
(Die Fragen stellte Dirk Asendorpf)

ZEIT: Wann haben Sie Ihren letzten handgeschriebenen Brief verfasst?

SCHLOBINSKI: Das ist so lange her, dass ich mich nicht mehr dran erinnern kann.

ZEIT: Ist mit dem Ersatz des Briefes durch die E-Mail nicht eine ganze Kommunikations-kultur verloren gegangen?

SCHLOBINSKI: Das ist eine oft behauptete, unbewiesene Hypothese, die ich für falsch halte. Bei den Jugendlichen, die ich selber untersucht habe, hat sich gezeigt, dass insbesondere die Mädchen auch sehr viel geschrieben haben - Postkarten und Briefe. Wobei bestimmte Merkmale wie der Smiley dann auch auf Postkarten wieder auftauchen.

ZEIT: Da bleibt nicht die sprachliche Ausdruckskraft auf der Strecke?

SCHLOBINSKI: Private E-Mails haben teilweise den gleichen Duktus, den gleichen Stil wie ein persönlicher Brief. Nur weil man ein formelles Medium hat und einen Computer benutzt, wird die Kommunikation nicht schlechter.

ZEIT: Gilt das auch für die Chats im Internet?

SCHLOBINSKI: Da haben wir eine Hybridisierung zwischen geschriebener und gesprochener Sprache. Schrift hat hier zum ersten Mal nicht mehr die Funktion zu archivieren, sondern synchron zu kommunizieren. Das schlägt sich auch sprachlich nieder. Die Kleinschreibung beschleunigt das Tippen. Wir haben Abkürzungen wie *g* für Grinsen oder *LOL* für loughing out loud, informationskomprimierende Strukturen wie *dichbeneid* oder *dumiraufdengeistgeh*. Diese haben sich historisch aus der Comicsprache entwickelt. Das heißt aber nicht, dass wir in den Chats nur Comicsprache finden. Wir haben auch dialektale Merkmale, Merkmale aus der Umgangssprache, teilweise eine etwas reduzierte Syntax. Ein ziemlich komplexes Register.

ZEIT: Führen E-Mail und Chatten womöglich sogar zu einer Renaissance des schriftlichen Ausdrucks?

SCHLOBINSKI: Das ist eine interessante Hypothese, die man untersuchen sollte. In der Tat entsteht hier eine neue Form der Schriftlichkeit. Mich erinnert das an die Dialektdiskussion: Es gibt verschiedene Register, und diejenigen, die diese verschiedenen Register ziehen können, sich kommunikativ im Vorteil. Chatten im Internet führt nicht zur Depravation.

ZEIT: Kritisiert wird auch die Anglisierung der Sprache im Internet.

SCHLOBINSKI: Wir haben das systematisch untersucht. Es wimmelt im Internet keineswegs von Anglizismen. Da gibt es zwar Ausdrücke wie zum Beispiel Downloaden, Internet oder E-Mail. Aber das sind inzwischen etablierte Begriffe, die jeder kennt. Außerdem werden sie oft in deutsche Begriffe umgewandelt. Ich sage meinen Studenten ja nicht: “Ladet mal die Datei down”, sondern ich sage: “ Ladet mal die Datei runter.” Die englischen Begriffe werden integriert, Wir können das Partizip und den Infinitiv bilden, die Aussprache wird angepasst, es heißt dann gemailt oder layoutet. Dass hier die deutsche Sprache zerstört würde, ist blanker Unsinn.

ZEIT: Also kein Bedarf für ein Sprachenschutzgesetz?

SCHLOBINSKI: Nein, wir hatten schon die Rechtschreibreform, das reicht jetzt erst mal an Regelungsmaßnahmen?

ZEIT: Die Angst vor einer Internet-Sondersprache ist unbegründet?

SCHLOBINSKI: In Büchern mit Einführungen zu Internet und E-Mail findet man oft auch einige Seiten zur Sprache im Internet. Da gibt es Listen von Smileys und 150 Abkürzungen, und es wird behauptet, es gebe eine Sondersprache des Internet. Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive finden wir dort aber nur eine normale sprachliche Variation, wie es sie in der wirklichen Welt überall gibt. Mit meiner Tochter rede ich ja auch anders als im Seminar. Wer Comics liest, fängt ja deshalb nicht an, nur noch in Comicsprache zu reden. So einfach ist das nicht. Wir verfügen alle über eine komplexe Sprache. Das war immer so, und das wird auch immer so sein.

ZEIT: Macht Ihnen das Chatten eigentlich Spaß?

SCHLOBINSKI: Erst mal war das wissenschaftlich interessant. Aber es hat mir auch Spaß gemacht. Man chattet ja unter Pseudonym. Da hat meine Tochter erst eine Stunde gechattet, und dann hab ich mich rangesetzt und unter ihrem Pseudonym weitergechattet. Ich war also plötzlich in der Rolle einer 15-Jährigen. Das war hoch interessant. Ich habe dann verschiedene Rollen durchprobiert - mal als chinesischer Student, mal als Yasmina, da reagieren sofort die männlichen Pseudonyme. Da gibt es Doppelagenten: Frauen, die vorgeben, Männer zu sein, die vorgeben, Frauen zu sein; man hat beliebige Spielmöglichketen. Und einmal habe ich mich auch als Professor aus Hannover vorgestellt, aber das hat mir keiner geglaubt. Da hieß es dann :”Haha, Schweine können fliegen.”

(DIE ZEIT 13 vom 22.3.2001, S. 40)

erstellt: 22.03.2001 00:00 von Peter Schlobinski | Verstoß melden

Großer Bedarf und geringe Aussichten: Internet und Schule

Interview mit
Peter Schlobinski
(für dichtung-digital.de: Roberto Simanowski)

dd: Herr Schlobinski, Sie geben nach dem Themenheft Das Internet - Sprache, Literatur und Kommunikation im Rahmen der Zeitschrift "Der Deutschunterricht" nun das Themenheft Hypertext - Hyperfiction heraus. Lässt dies auf ein zunehmendes Interesse der Schulen an digitaler Literatur schließen?

PS: Das Interesse ist leider noch begrenzt. Es gibt zwar einzelne Projekte, doch obwohl die Vermittlung von Medienkompetenz eine zentrale Aufgabe des Deutschunterrichts ist, geschieht im Hinblick auf Internet und digitale Literatur viel zu wenig. Das von Ihnen genannte Themenheft hat die Funktion, die Lehrer zu informieren und Anregungen für die Beschäftigung mit Hyperfiction zu geben. Ein Problem vieler Deutschlehrer ist die Tatsache, dass sie selbst nicht über eine entsprechende Medienkompetenz verfügen. Man kann nur hoffen, dass, wenn endlich jüngere Lehrer eingestellt werden, sich dies schrittweise ändern wird.

dd: Da muss man freilich zugleich hoffen, dass diese im Internet mehr getan haben, als Tickets bestellt oder mp3-Dateien runtergeladen. Ihr Universitätsstudium wird sie jedenfalls kaum auf das Verständnis und die Vermittlung neuer künstlerischer Ausdrucksformen in den digitalen Medien vorbereitet haben.

PS: Das ist richtig. Und auch die jetzige Ausbildung der Deutschlehrer hinkt der Entwicklung hinterher: Viel zu wenig wird an den Universitäten in die Vermittlung von Medienkompetenz investiert. Es ist zu befürchten, dass wir weiterhin Lehrer produzieren, die zwar klassische Literaturwissenschaft beherrschen, aber den neuen medialen Ausdrucksformen relativ hilflos gegenüber stehen. An dieser Stelle muss eine Bildungsoffensive erfolgen.

dd: Da Hyperfiction mitlerweile oft eine Mischung aus Wort, Bild und Ton darstellen, entsteht die Frage, inwieweit man überhaupt noch von Literatur sprechen kann. Welche Folgen hat dies für den Unterricht? Werden die Literaturlehrer künftig mit den Kunst- und Musiklehrern interdisziplinäre Kurse anbieten?

PS: Ich bin nicht Literaturwissenschaftler, denke aber, dass Literatur immer offen definiert wurde, man denke an konkrete Poesie, Arno Schmidt usw., und ich halte das für vernünftig. Was den Deutschunterricht betriftt - Theater- und Filmanalyse spielen hier ebenso eine Rolle wie die Analyse von Zeitungen und Zeitschriften. Von daher ist Hyperfiction originärer Gegenstand des Deutschunterrichts. Hinsichtlich der Folgen für den Unterricht sind zwei Ebenen zu betrachten. Das eine ist die bereits oben erwähnte Vermittlung von Medienkomeptenz, und hier bietet sich fächerübergreifender Projektunterricht geradezu an. Nebenbei auch mit dem Mathematik-/Informatikunterricht. Auf der anderen Seite kommt meiner Meinung nach dem Deutschunterricht die wichtige Aufgabe zu, die neuen Medien kritisch zu begleiten. Welche Auswirkungen hat das Internet auf die Kommunikation, verändert sich die Funktion von Schrift, entsteht eine oberflächliche Scheinperfektion hinter der die Inhalte zurücktreten, führt die Flüchtigkeit und die Beschleunigung der Information zu Nachlässigkeiten in der Textformulierung, zum Umgang mit Sprache? All dies sind Fragen, die im Deutschunterricht thematisiert werden können / sollten.

dd: Vielleicht kann man sogar sagen, dass der Deutschunterricht vor allen anderen Fächern gefordert ist. Denn in diesem Falle bietet das neue Medium ja nicht nur einen neuen Ort, sondern auch einen neuen Gegenstand der Wahrnehmung. Die Gleichungen und Gesetze der Chemie und Physik zum Beispiel können in den neuen Medien anschaulicher gemacht werden, ändern sich aber nicht. Literatur dagegen wird im Netz nicht nur in neuer Weise präsentiert wie beim Gutenberg-Projekt, sie entsteht auch als ästhetisches Ereignis in völlig neuer Weise: als multineares, interaktives, animiertes Wort-Bild-Ton-Geflecht. Und ähnliches gilt für die Malerei. Wer, wenn nicht der Literatur- und Kunstunterricht soll die neuen Schreib- und Lesekompetenzen vermitteln!

PS: Ich gebe Ihnen völlig Recht. Zudem ist ist die Vermittlung von Schreib- und Lesekompetenz auf der Folie von (neuen) Medien curricular als Aufgabe des Deutschunterrichts verankert. Der Deutschunterricht also ist der Ort, wo auf Grund inhaltlicher und medienpädagogischer Aspekte neue mediale Formen behandelt werden müssten.

dd: Wie schätzen Sie die Situation neue Medien und Hochschule generell ein?

PS: Die Hochschulen haben wesentlich zur Demotisierung des Internet beigetragen, wenn nunmehr auch die Ökonomisierung alles zu überlagern scheint. Allerdings haben die geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen hierbei nur einen geringen Anteil gehabt und dies ist heute auch noch so. Die Infrastruktur an den Hochschulen ist in der Regel hervorragend, die Nutzung dieser Struktur geschieht indes sehr unterschiedlich. Eine wichtige Frage an den Hochschulen ist die der virtuellen Lehre. Hier tut sich einiges. Die Meinungen pendeln zwischen den Polen Hoffen auf Kostenersparnis durch Personalabbau und neuen effektiven Lernformen hin und her.

dd: Telelearning und Virtual Campus stellen zwar neue effektive Lernformen dar, bedeuten didaktisch aber oft auch einen Rückfall in den Frontalunterricht. Die Errungenschaften der kommunikativen und gar der konstruktivistischen Pädagogik scheinen mir eher aufgehoben in komplexen, interakrtiven Hypertext-Modellen wie sie z.B. George P. Landow von Brown University mit dem Victoria Web entwickelt und propagiert oder wie sie am German Department in Seattle mit dem Vienna Web als "elektronische Dialektik im Sokratischen Sinne auf der Basis von Hypertext" angedacht werden. Und auch im Hinblick auf die Nutzung von Hypertext im Unterricht haben Untersuchungen gezeigt, dass noch nicht das Klicken, sondern erst die Beteiligung an Modellierung und Strukturierung des Hypertext-Dokuments den kognitiven Stil eines pluralistischen, kritischen Denkens fördert. Mir ist kein ähnliches Projekt im deutschen Kontext bekannt und angesichts der aufwendigen, inhaltlich oft recht vagen Schulen-ans-Netz-Aktionen frage ich mich manchmal, ob man nur noch technisch den "Anschluss an die Wissensgesellschaft der Zukunft" sucht (so AOL-Europe-Chef Andreas Schmidt auf der Cebit 2000 in diesem Zusammenhang) und die deutsche Tradition einer kritischen Reflexion der eingesetzten Bildungsmethoden aufgegeben wurde. Werden ökonomische und didaktische Ambitionen im Feld der digitalen Medien in Deutschland überhaupt zusammengedacht?

PS: Dass das Internet gerade konstruktivistisches Lernen fördere, wird immer wieder betont. Chancen werden gesehen im Entwickeln gemeinsamer Arbeiten, im kooperativen Produzieren neuer Ideen usw. Demgegenüber findet in der Praxis in der Tat nicht selten eine neue Art von "Frontalunterricht" statt, wobei die Rückkopplung mit dem Dozenten effektiver ist. Ich glaube, dass sich Hybridstrukturen entwickeln werden, dass Teleteaching komplementär zu klassischen Lern- und Lehrformen genutzt wird. Natürlich hängt dies auch vom jeweiligen Fach ab, von der kommunikativen Reichweite - man denke an kooperative Lehrformen über Ländergrenzen hinaus, von didaktischen Intentionen usw. Es macht einfach keinen Sinn, ein Musikinstrument abgelöst von der konkreten Schüler-Lehrer-Interaktion zu lernen.

dd: Welche Rolle kommt in diesem Zusammenhang den staatlichen Institutionen bzw. sonstigen Geldgebern zu?

PS: Ein echtes Problem bei der Finanzierung sind neben den Anschaffungskosten die Folgekosten. Zum einen jene Kosten, die aus der aktuellen Anschaffung resultieren, zum anderen die Kosten aufgrund der schnellen Alterung der Technik. Hinzu kommen Personalkosten für Wartung, Bedienung etc. Für Hochschulen ist dies (noch) finanzierbar, Schulen stoßen schnell an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Entweder sichert der Staat die Finanzierung oder private Sponsoren müssen die Finanzierungslücke decken. Letzteres mit allen Folgen...

dd: Lassen Sie uns in diesem Zusammenhang noch einmal auf das Missverhältnis von Curricula in den Universitäten und Bedarf an Medienkompetenz in den Schulen zurückkommen. Wäre es eine vorläufige Lösung, wenn die Schulen von privaten Kursanbietern das Know How einkauften, das den Lehramtsstudenten auf den Universitäten bisher nicht vermittelt wird? Hätte ein solches Dienstleistungsmodell eine Chance auf Finanzierung und auf eine Lobby, so lange Schulen der gleichen administrativen Regelung unterstehen wie die Universitäten?

PS: Das kann ich mir gut vorstellen. Ich hatte selbst die Idee, mit Studenten zusammen ein solches Serviceangebot aufzubauen. Wir haben das mal durchkalkuliert und es rechnet sich, wobei die Klientel nicht nur aus (zukünftigen) Lehrern bestehen sollte. Allein meine anderen Verpflichtungen und die bürokratischen Hürden haben mich zurückschrecken lassen...

dd: Was bedeutet heute medienkompetent zu sein? Wie könnte die unterrichtsspezifische Umsetzung aussehen, welche Modelle gibt es bereits?

PS: Medienkompetent zu sein heisst, Kenntnisse und Fähigkeiten der Mediennutzung (Computer, Internet etc.) ausgebildet zu haben und den Umgang mit Medien kritisch reflektieren zu können. Für den Bereich Neue Medien finden sich Hinweise in dem Buch von Wilfried Hendricks (Hg., 2000) "Neue Medien in der Sekundarstufe I und II", speziell zum Deutschunterricht gibt es Vorschläge in dem Buch von Matthis Kepser (1999) "Massenmedium Computer. Ein Handbuch für Theorie und Praxis des Deutschunterrichts". Von einer angewandten Medienpädagogik sind wir jedoch noch weit entfernt.

dd: Künftig also nur geringe Chancen für Bewerber, die keine Homepage besitzen oder nicht wenigstens ihre Bewerbung per Email schicken?

PS: Sicher. Wer nicht grundlegende Anforderungen unserer Mediengesellschaft erfüllt, läuft Gefahr, zu den Verlierern dieser Gesellschaft zu gehören. Von daher ist eine zentrale Frage, wie wir sicherstellen, dass alle die Möglichkeiten erhalten, Medienkompetenz zu erwerben und Zugang zu den neuen Medien zu erhalten.

dd: Hoffen wir, dass entsprechende Publikationen online und in einschlägigen Print-Periodika - wie z.B. Der Deutschunterricht - ihren Teil in dieser Hinsicht beitragen. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

(http://www.dichtung-digital.de/ 22.3.2001)

erstellt: 22.03.2001 00:00 von Peter Schlobinski | Verstoß melden

Teppich-Liebe

Die BILD-Zeitung ist ein Quell, ohne den die deutsche Sprache dahinwelken würde. In ihrer Ausgabe vom 8. November 2000 titelt die BILD Hannover auf der ersten Seite: ,Bohlens Teppich-Liebe‘. Damit ist jedoch keineswegs gemeint, dass Herr Bohlen eine besondere Affinität zu Teppichen entwickelt habe, sondern vielmehr liegt hier eine Personenbenennung vor, wie die zweite Zeile verdeutlicht: ,Jetzt erzählt sie alles‘. Mit ,sie‘ ist die “schöne Verkäuferin Janina (21)” gemeint, die von ihrem “heißen Sex” mit Dieter Bohlen (46) berichtet: “‘Das geht schon zwei Jahre mit Dieter und mir.‘ Immer wieder auf dem Zuschneidetisch überm Teppichlager.” Ob sich nur Sprachwissenschaftlern neben der referentiellen Bedeutung von ,Teppich-Liebe‘ eine lokale erschließt - von der Büroarbeit zur Teppich-Liebe ;-)

erstellt: 12.11.2000 00:00 von Peter Schlobinski | Verstoß melden

sprache@web.de Der Mythos von der CyberSprache

Die Entwicklung des Internet war und ist rasant: Waren 1987 weltweit rund 28000 Computer ange­schlossen, gibt es zu Beginn des neuen Jahrtausends über 300 Millionen In­ternetan­schlüsse. Das Internet aber ist mehr als ein Netz von Computern, in dem Da­tenpakete rund um den Globus flitzen: Es ist ein neues Informati­ons- und Kommunikationsmedium, das in den letzten Jahren die modernen Industrie­gesellschaften verändert hat und weiterhin ra­dikal verändern wird. Mediale Revolutionen bedeuten auch immer Veränderungen in Kommunikationsgemeinschaften, sei es auf lokaler oder globaler Ebene. Wen wundert es da, daß auch über die Auswirkungen der digitalen Revolution auf Sprachgemeinschaften viel spekuliert wird: Die Haltungen gegenüber den neuen Entwick­lungen im Hinblick auf Sprachvariation und Sprachwandel sind sehr unterschiedlich und zwischen blinder Fort­schritts­gläubigkeit und Kulturpessimismus zu lokalisieren. Allerdings: In Deutschland sind Positionen en vogue, die einen Sprachverfall beklagen.

Internetsprache, Netzsprache, Online-Sprache, CyberSlang - dies sind die Chiffren für eine Sprache, die für Neueinsteiger “oftmals nicht mehr als ein unverständliches Kauderwelsch [ist], bestehend aus vermeintlich unzusammenhängenden Zeichenketten oder Buchstabenkürzeln.” (Peter Filinski, Chatten in der Cyberworld, 1998). Und in seinem Bericht an den Club of Rome ,Im Netz - die hypnotisierte Gesellschaft‘ schreibt Juan Luis Cebrián 1999: Die Netzsprache ist ein “Pidginenglish, improvisiert und regellos, dem Einfluß hunderttausender Jugendlicher ausgesetzt, die im Sprachunterricht schlechte Noten erhalten haben, überrannt von prosodischen, syntaktischen und grammatischen Horden.” Brauchen wir also Experten, die Jugendliche auf Vordermann bringen, damit ihre Eltern sie verstehen, oder gar Dolmetscher, die das Kauderwelsch in ,Normaldeutsch‘ übersetzen? Keineswegs. Notwendig ist vielmehr eine rational geführte Diskussion auf der Folie sprachwissenschaftlicher Untersuchungen und eine Entmythologisierung bestehender Vorurteile.

Der Mythos von der Netzsprache. Im Internet gibt es keine einheitliche, homogene Sprache, sondern verschiedene Kommunikationsformen und sprachliche Varianten. Die Kommunikationsformen sind primär interaktiv und multidirektional. Die E-Mail-Kommunikation ist der elektronisch beschleunigte Briefverkehr, in der Verabredungen getroffen, Informationen subskribiert und Geschäfte getätigt werden, mittels derer Werbung verschickt wird als Text wie auch in Bildern und Tönen. In Diskussionsgruppen, sog . Newsgroups, wird wissenschaftlich konferiert, über Gott und die Welt diskutiert, zu jedem denkbaren Thema gibt es Diskussionsforen, an denen man partizipieren kann. Die Chatkommunikation ist ein komplexer Kommunikationsraum, der aus zahlreichen Channels besteht, in denen sich Menschen treffen, um zu plaudern, neue Leute kennenzulernen, Informationen auszutauschen, zu spielen oder zu flirten. Neben diesen direkten Kommunikationsformen findet eine indirekte Kommunikation zwischen Internet-Usern statt, die als direkte Mensch-Maschine-Kommunikation erscheint. Hierunter sind jene Kommunikationen zu verstehen, in denen ein Teilnehmer eine Datenbank abruft, wenn er beispielweise Bücher kauft, Online-Zeitungen liest, eine Homepage besucht, in Bibliotheken recherchiert.

In all diesen Kommunikationsformen finden sich unzählige sprachliche Varianten, vom klassischen Brieftext bis zum Telegrammstil, von der moderierten Diskussion bis hin zum elliptischen Smalltalk, von der Tageszeitung im Netz mit ihrem Sprachstil (siehe www.faz.de) bis zum E-Zine im Fanzine-Stil, in Kombination mit Bildern, Buttons und Bannern, Tondateien und Videosequenzen. Im Cyberspace finden wir eine ebensolche sprachliche Variation wie in der ,realen‘ Welt, und dies ist nicht verwunderlich, denn es sind immer Menschen, die Kommunikationsangebote machen und wahrnehmen. Von daher macht es wenig Sinn, von einer oder der Internetsprache zu reden, vielmehr sind die sprachlichen Verhältnisse im Medium Internet vielschichtig und abhängig von den technischen Voraus- und Umsetzungen einerseits und den Sprechern/Schreibern und ihren Intentionen und sprachlichen Herkünften andererseits. Der Mythos vom unverständlichen Kauderwelsch. Wer eine Web-Site besucht, hat meist keine Schwierigkeiten, diese zu lesen. Kein Wunder, denn eine Grundregel im Web-Design lautet: Schreibe verständlich und klar. Wer eine E-Mail schickt, will in der Regel seinem Kommunikationspartner eine verständliche Nachricht zukommen lassen, und Untersuchungen zeigen, daß die Sprache in E-Mails konventionell ist, wenn auch die Toleranz gegenüber Rechtschreibfehlern größer zu sein scheint und der Schreibstil lockerer ist als im klassischen Briefverkehr. Woher kommt also die Vorstellung eines unverständlichen Kauderwelsch im Internet? Die Antwort lautet: durch die Chatkommunikation, speziell im Internet Relay Chat (siehe Beispiel). Was auf den ersten Blick chaotisch erscheint, folgt

/H007/ oops ... nich ma schreiben geht bei der hitze
/Uroberus/ is die tastatur geschmolzn LOL
/H007/ noe .. bin nur unkonzentriert
/Smuline/ H007, huhu?
/H007/ Smuline: was is schatzi ? :)
/MistaJack/ hats schööööööööööööööööön kühl hier :)
/Angel/ hi
/SirFoeli/ MistaJack : wahhhhhhhh *dichbeneid*
/Smuline/ angel rehi

jedoch klaren Regeln. Es wird klein geschrieben, um Zeit bei der Texteingabe zu sparen. Da es sich um eine schriftsprachliche Konversation handelt, finden sich Elemente der gesprochenen Sprache wie die Begrüßungspartikel hi, elliptische Konstruktionen und is anstelle von ist sowie Assimilationen (hats). Um das Gespräch zu koordinieren, wird der Adressat zu Beginn des Gesprächsbeitrages genannt, der Sprecher bzw. dessen Pseudonym erscheint automatisch auf dem Bildschirm in spitzen Klammern (). Es finden sich graphostilistische Mittel wie der Smiley [Prototyp :-)], um Expressionen auszudrücken, ferner Abkürzungen wie LOL (laughing out loud), das neben g (grin) bei weitem meist genutzte Akronym. Bei Ausdrücken wie dichbeneid, die in Sternchen eingeschlossen sind, handelt es sich um chatspezifische Erweiterungen von ,sound words‘ aus der Comicsprache (schnief), wie sie bereits in den ersten deutschen Mickey-Maus-Heften 1951 zu beobachten sind. Das re (engl. ,zur Sache‘) in rehi ist eine echte internetspezifische Innovation, und leitet sich von der Reply(Antwort)-Funktion in der E-Mail-Kommunikation ab. Fazit: Die Analyse von Kommunikationsformen im Internet zeigt, daß es eine Viel­zahl von sprachlichen Variationen zwischen und innerhalb der ein­zelnen Kommunikationspraxen gibt. Das Internet konstituiert einen kom­plexen sprachli­chen Raum, der durch zahlreiche Parameter wie Medium, Herkunft der User, Software, Schriftsprache versus gesprochene Sprache usw. gekennzeichnet ist. In Abhängigkeit von der Konstellation der einzelnen Parameter bilden sich einzelne funktionale Mediengattungen und Stile aus. Dabei zeigt sich, daß sprachliche Elemente und Versatz­stücke aus diversen Diskurswelten zu einem spezifi­schen Stilmix zusammen­gebastelt werden, so daß weder von ,der Internetsprache‘ noch von einer ,Sondersprache im Internet‘ oder gar einem Sprachverfall aus­gegangen werden kann. Im Gegenteil: Man sollte gelassen die sprachlichen Variationen betrachten, denn repräsentative Untersuchungen zeigen, daß es gerade die gut Ausgebildeten und sprachlich Kompetenten sind, die sich intensiv im Netz tummeln.

(18.9.2000 / leicht modifiziert in der FAZ vom 12.10.2000)

erstellt: 18.09.2000 00:00 von Peter Schlobinski | Verstoß melden

Ja Gut

WORLD WAR THREE war in großen Lettern und doppelseitig in Englands Boulevardblatt ,The Sun‘ in der Ausgabe vom 20. Juni 1994 zu lesen. Gemeint war damit keineswegs eine politische Krisensituation, sondern es ging um den Auftakt eines Spielberichts über die Weltmeister­schafts­begegnung zwischen den Fußballmannschaften aus Italien und Irland. Aber auch aus der deutschen Presse sind wir markige Sprüche gewohnt, wenn es um Fußball geht: das Massaker von Madrid, Abwehrschlacht des FC usw. Wir haben uns offenbar an die Mediensprache der Fußballberichterstattung gewöhnt.

Völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich eine kleine turninitiale Gesprächspartikel ins mediale Rampenlicht katapultiert, seitdem Kaiser Franz zur Ikone des Fußballs, ja des Sports schlechthin, stilisiert wurde. Seit dieser Zeit jagutet es in der deutschen Sprache. Wann und wie das “Ja gut” das Licht der Welt erblickte, ist offen, das ZDF-Sportstudio ist die mediale Plattform, von der aus die Karriere des ,Ja gut‘ startete, vielleicht vor zehn Jahre etwa so: “Franz, man munkelt, Sie werden als Teamchef der deutschen Fußballnational­mannschaft nicht ewig zur Verfügung stehen. Ist da was dran?”

“Ja gut, ich bin noch nicht lange Teamchef...”

Seitdem hat das ,Ja gut‘ das Sportstudio erobert und startet bereits seinen Feldzug in den öffentlichen Medien. Zunächst beschränkt auf die Domäne des Fußballs erkämpfte sich das .Ja gut‘ auch andere Sportarten:

“Sie hatten einen schweren Unfall und lagen ein halbes Jahr im Krankenhaus. Wann sehen wir Sie wieder im Hockenheimring?”

“Ja gut...”

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich das ,Ja gut‘ auch in der Sprache der Politik festgesetzt haben wird. “Herr Meyer, Ihre Partei hat gegenüber der letzten Wahl einen Verlust von 15 Prozent hinnehmen müssen, muß dies nicht Konsequenzen für Sie als Parteivorsitzenden haben?”

“Ja gut, wir haben unser Wahlziel nicht voll erreicht, aber...”

(August 1994)

erstellt: 14.08.1994 00:00 von Peter Schlobinski | Verstoß melden

Berliner Schnauze

Ungeschriebene Sprache des Alltags! Schriebe sie doch mal einer!
Genau so, wie sie gesprochen wird: ohne Verkürzung, ohne Beschönigung, ohne Schminke und Puder, nicht zurechtgemacht! Man sollte mitstenographieren!

Kurt Tucholsky

Die “Berliner Schnauze” wird nicht nur von Berlinern, sondern ebenso von “Auswärtigen”, von “Wessis” als “berühmt, berüch­tigt und gefürchtet” charakterisiert wird. Berühmt, weil die Berliner Schnauze berüchtigt ist und dies wie­derum, weil sie gefürchtet. “Gefürchtet vom wem?”, fragte mich einmal ein Eng­länder, dessen Schwarzer Humor den trocken plazier­ten Pointen eines schlagfertigen Berliners in nichts nachstand. Zum Glück sprach Mr. Brown ein gepfleg­tes Deutsch, so daß er mein Pidgin-Englisch nicht er­tragen mußte, als ich ihm eine Anekdote von Hugo Hillmann erzählte, einem Berliner Taxifahrer, der zu den interessantesten Menschen zählt, denen ich in meinem Leben bisher begegnet bin. Hugo Hillmann erzählte mir also folgende Story, die ich meinerseits Mr. Brown zum Besten gab.

“Stell dir mal vor”, sprach Hugo Hillmann mich mit gedämpfter Stimme an, “ick muß ja ooch ’ne Strafe bezahl’n beim Finanzamt.” “Ja? wieso’n das?”, fragte ich etwas erstaunt zurück, “’ne Ordnungsstrafe”, entgegnete er kurz und trocken. Er wollte mich wohl auf die Folter spannen! Je­denfalls hakte ich ungeduldig nach: “Warum denn?”

“Na ja”, fuhr er fort, “bin hinjefahr’n und hab jefragt, warum die den Lohnsteuerjahresausgleich noch nicht fertig ham nach ’m halben Jahr. Ick will mit meine Enkelkinder in Urlaub fahr’n. ‚Na ja’, sagt der, ‚wird doch überwiesen.’ Ick sage: ‚Dit spielt doch keene Rolle, ob dit überwiesen wird oder nich. Denn Ende September’, sag ick, ‚kann ich ja keenen Ein­spruch mehr erheben.’ Weil ick ja vorjet Jahr Ein­spruch erhoben hatte, wa, da hab ick nachher beinah nochmal ditselbe jekriegt wie vorher!”

“Tatsächlich?”, fragte ich mit Skepsis in der Stimme. “Mhm”, bestätigte er und machte eine kurze Pause. “Nu hab ick jesacht, na ja, werd ick mal dieset Jahr frühzeitig machen, damit de wieder Einspruch erhe­ben kannst und wenn ick denn wieder wat krieje, dann laß ick dit inne Zeitung setzen, denn seh ick nämlich daran, daß die bewußt die Bevölkerung über’t Ohr hau’n. - Na ja, nu hab ick dem da’n Glas Schnecken jeschickt.”
“Was geschickt?”, platzte ich dazwischen, um im selben Augenblick zu begreifen.
“Schnecken. Hab ick noch’n Zettel ranjeschrie’m, die möchten vorsichtig sein, daß se von de Schnecken nich während der Arbeitszeit überholt werden.”

Wie sachkundige Kreise der Oberfinanzdirektion ver­lauten lassen, sollen seitdem in den Kantinen der Ber­liner Finanzämter regelmäßig Weinbergschnecken angeboten werden. Dies erinnert mich an eine andere Geschichte, in der zwar nicht Weinbergschnecken, aber ebenfalls kulinarische Spezialitäten, bzw. das, “wat Feinschmecker is oder so wat”, eine nicht uner­hebliche Rolle spielen. Wie jeder Berliner ziehe auch ich den Einkauf in einem Tante-Emma-Laden dem Wareneinsammeln im Supermarkt vor. Während in jenem das Gespräch sich auf “37,50. - Bitte. - Danke.” und vielleicht noch ein “Auf Wiederseh’n!” reduziert, bildet der Tante-Emma-Laden eine ökologische Nische im Kommunikationssystem, ein Biotop der Kommu­nikation sozusagen. Als ich neulich wieder einmal in meinem kleinen Laden einkaufen ging, wurde ich Zeuge eines Gesprächs zwischen der zierlichen, mir wohlbekannten Verkäuferin, Frau Meyer, und einem Kunden, der sie um zwei Haupteslängen überragte.

“Sind Se schon mal in KaDeWe drin jewesen? Ham Se da schon mal wirklich Kostproben jenommen’?”, tönte es lautstark von oben. “Da könn’ Se wirklich allet pro­bieren, ja, aber der größte Teil, allet wat Fein­schmecker is oder so wat, ja, also ick muß Ihn’ janz ehrlich sagen, entweder ham die dit schlecht zurecht­jemacht oder ick hab ’n janz jemeinen Jeschmack, daß ick ’ne Erbsensuppe mir vorziehe, bevor ick da so’n Quark esse. Weeß ooch nich.”
“Na ja”, hörte man eine zarte Stimme einwenden, “also ich hab vor kurzem Wachteln gemacht ...”
“Wachteln?”, platzte der Kunde dazwischen, “so ’ne kleenen niedlichen, wa? Da is mir’n Jänsebraten lie­ber.”
“Quatsch, nee, ehrlich, das is ’ne Leckerei. Da is mehr dran als Sie denken.”
“Na ja, aber trotzdem. Wieviel essen Se davon? ’n Dut­zend oder wat?”
“Aber nich doch, wenn dann machen Se doch ...”
“Als Vorspeise mein ick jetz. Wie groß is dit Vieh? Un­jefähr so groß?” Er ballte die Faust und deutete damit die Größe einer Wachtel an.
“Ach, so groß is se nich mal”, widersprach Frau Meyer.
“Na seh’n Se! So, wat ham Se dran? Zehn Gramm, fuffzehn Gramm, zwanzig Gramm? - Dreißig Gramm? Na ja, ick meine ohne Knochen, die ißt man ja nich mit.”
“Nein!”, protestierte Frau Meyer, “ach Mensch, mach ick doch so Wachteln und ’n bißchen davon und ’n bißchen davon und so.”
“Na ja, ick meine, wenn ick Gulasch krieje, dann muß ick ma ooch nich anne Kartoffeln satt essen. Dit weeß ick!” Frau Meyer seufzte resignierend in sich hinein.
“Nee wirklich”, berlinerte es weiter, “dann jeh ick lie­ber hier zu dem Chinesen jejenüber, der is nämlich sehr jut. War’n Se schon mal drin?”
“Na ja, aber dit is ...”, ‚recht teuer’ wollte Frau Meyer fortfahren, aber schon sprudelte es weiter:
“Da hab ick det Menü jenomm’, fünf Gänge, fuffzehn Mark bezahlt, ich denke, ich spinne, ja!”
“Fünfzehn Mark?”, fragte Frau Meyer dazwischen und wuchs in ihrer Ungläubigkeit um sieben Zenti­meter.
“Fünfzehn Mark pro Neese, is ja klar. So. Da kommt der an, stellt der zwee Schüsseln Reis hin, für fünf Mann. Ick denke, wat is’n dit für ’ne lappische Bedie­nung hier, wer soll’n davon satt werden? Der Reis is übrigjeblieb’n! Ja, denn ham se so süßsauren Schweinemagen und so wat allet. Fünf Sorten Fleisch krieg’n Se da uff so’n Teller. Ick dachte, dit darf ja nich wahr sein. Vorher so’ne Sauerscharfsuppe.”
“Die is mir zu scharf”, war der letzte Versuch eines Einwandes.
“Nee, dit is dit Leckerste von allen. Und dit allet für fünfzehn Mark, da springt keen Hund mit Sportabzei­chen drüber.” Die abschließend zitierte Äußerung beendete das Gespräch wie der Punkt einen Satz und hat das Format einer bleibenden Berliner Redewen­dung. Man stelle sich vor:
“Mensch Kalle, haste die jeseh’n?”
“Da springt keen Hund mit Sportabzeichen drüber.”
Oder: Eine Parteispende wird übergeben. Schnitt/Nahaufnahme eines Berliners/Kommentar: “Dit is dit Leckerste von’t Janze. Da springt keen Hund mit Sportabzeichen drüber.” U.s.w.
Redewendungen werden in Alltagssituationen gebo­ren, werden umgedeutet, in neue Zusammenhänge gebracht, einige Elemente werden durch andere er­setzt, nach dem Motto: variatio delectat:
- Der sieht aus wie der Graf von Monte Christo. (Graf Koks)
- Wie du Schmalz jeraspelt hast! (Süßholz)
- Rejelrecht war ick uff de Birke. (Palme)
- Denn freß ick ’n Nuckel uff. (Besen)
- Geld looft nich. (stinkt)
- Gleiche Länge, gleiche Welle. (Stelle)
- Paß uff, sonst brichst de dir die Ohren. (den Hals)

Soweit einige Beispiele von Redewendungen, die zum festen Repertoire des Berliners gehören. Und was meine Großmutter mütterlicherseits betrifft, die seit über 80 Jahren das Wasser die Spree hinunter­fließen sieht, so ist ihr Repertoire an Berliner Rede­wendun­gen noch um einiges umfangreicher. Nicht etwa, daß sie eine besonders sprachpflegerische Ein­stellung hätte, nein, sondern einfach, weil es so ist, wie es ist, wenn man “anner Plumpe” aufgewachsen ist. “So is det eben”, und sie spricht wirklich noch das “det” mit offenem e, daß man am liebsten ein ä schreiben wollte.

Meine Großmutter ist überhaupt ein Wunder an sprachlicher Kreativität und die Repräsentantin des Berliner Wortschatzes schlechthin. Noch lebhaft ist mir die Äußerung in Erinnerung, mit der sie in mei­ner Kindheit die quängelnden Fragen beschrieb:
“Oma, wann jibt’s wat zu essen?”
“Jips jibt’s inne Jipsfabrik.”
Wer wollte dem widersprechen?
Dieser existentielle Satz konfrontiert uns mit einem Prinzip, das Sprachwissenschaftler als homophones (homophon = gleichlautend) bezeichnen. Ein Sprach­wissenschaftler würde uns vielleicht erklären: Der Gleichklang zwischen “Jips” und Jibt’s” rührt daher, daß in beiden Fällen das g spirantisiert wird. Das b wird im Deutschen generell vor stimmlosen Segmen­ten stimmlos, also “jibt” als “jipt” gesprochen. Das Pro­nomen “es” wird enklitisch an das Verb gebunden und schließlich wird das Konsonantencluster simpli­fiziert durch Tilgung des t. Kurzum:
(gibt es) -> gipt es -> jipt es -> jipts -> jips und Gips -> Jips.
Meine Großmutter würde schlicht und ergreifend kommentieren: “Null uff’s Ferd”, was zwar homo­phon zu “Null ouvert” ist, aber nicht die Bedeutung von “Null Bock uff ja nischt” hat. Und Adolf Glaß­brenner würde vielleicht antworten: “Det is ja janz coltiviert, aber meine Viehlosophie is et nich.”
Meine Großmutter liebt den Berliner Humor à la Glaßbrenner und hält sich gerne an die berühmte Oper von Verdi: “Der Riegelotto, der is zu schöne!” Was wohl der “Schreifritz” dazu sagen würde?
Allmählich dringen wir in die Geheimnisse des Ber­liner Wortschatzes ein und es läßt sich nicht leugnen, daß wir dabei immer tiefer in das sprachwissen­schaftliche Dickicht verstrickt werden. Der “Rie­gel­otto” ist nämlich der sprachliche Zwillings­bruder vom Rigoletto, aber ein zweieiiger, denn völlig identisch sind sie nicht. Was dem einen sein e, ist dem andern sein o:.
Wortbildungen, die auf Vertauschung von Buchsta­ben bzw. Lauten oder Wortteilen beruhen, nennt man Anagramme. (Ich grüße mein “Lästerschwein”.) Auf’s anschaulichste erlebte eine Kollegin von mir die Entstehung eines Anagramms. Als sie eines heißen Sommertages an einer - nunmehr in der Berliner Ge­schichte zur Legende werdenden - Würstchenbude stand, um nicht eine Bulette, vielmehr eine erfri­schende Selter zu kaufen, trank neben ihr ein offen­sichtlich recht durstiger Mann ein kühles Bier in ei­nem Schluck aus, ließ einen kleinen Rülpser ver­nehmen und forderte prompt “noch ’ne Mollekühle.” Was ein Molekül ist, findet man in jedem Wörterbuch, aber man muß schon Berliner sein und/oder wissen, daß Molle nicht unbedingt eine dickliche Frau be­zeichnet, sondern schlichtweg ein Glas Bier. So wird aus der “kühlen Molle” die “Mollekü(h)le”. Dem Er­finder dieses Neologismus sei ein gewisses Recht auf Unsterblichkeit unbestritten, auch wenn wir seinen Namen nicht kennen. Mein Freund A. indes gibt sich mit den irdischen Dingen des Lebens zufrieden und erhebt Anspruch auf das Urheberrecht für das Wort “raffitückisch”. Dieses Recht sei ihm hiermit ver­brieft

“raffitückisch”, zusammengeschmolzen aus “raf­fi­niert” und “tückisch” gehört zu jener Klasse von Wörtern, die heute allgemein als Portmanteau-Wörter bezeichnet werden und in denen, wie in einem Koffer, mehr als zwei Bedeutungen zusammengepackt sind. In James Joyce’ “Finnegans Wake” gibt es derer Hunderte und Lewis Carroll erklärt uns in seinem Buch ‚Through the Looking Glass’ (Alice im Spiegel­land) die Bedeutung des Wortes “slithy”: “Well, slithy means ‚lithe’ and ‚slimy’. Lith is the same as ‚active’. You see it’s like a portmanteau - there are two mea­nings packed up into one word.”

Im Berlinischen tritt das Wort “krimitiv” auf, in Ost-Berlin wurde die Junge Pionierin spöttisch “Pionöse” benannt, ein Wort, das wohl aus “Pionierin” und “Balletteuse” entstanden ist. Und so wie im Deut­schen grammatisches und natürliches Geschlecht oft dann auseinanderfallen, wenn in der Wortbedeutung das natürliche Geschlecht besonders, meist negativ mar­kiert werden soll (man denke an Memme, Tunte), so hat der Zusammenfall von zwei Wortbedeutungen zu einem Wort im Berlinischen oft einen satirischen Charakter. Warum satirisch, wird der Leser fragen, der bis hierher den verschlungenen Pfaden durch das Berliner Dialektlabyrinth gefolgt ist, und es sei noch einmal an meinen bereits erwähnten Freund A. erin­nert, der nämlich Zeuge eines Vorfalls wurde, auf­grund dessen er sich eines Kommentars nicht enthal­ten konnte. Der eben erwähnte A. mußte während seines Architekturstudiums ein Praktikum auf einer größeren Baustelle absolvieren. Wie jedermann weiß, zählt dort die intellektuell verschraubte Ausdrucks­weise wenig, der markige, treffende Spruch viel. Am ersten Arbeitstag, pünktlich um neun Uhr, saß mein Freund mit seinen Kollegen in der Baubude, um das Frühstück einzunehmen. Während er sich genüßlich einen Tee aus der Thermosflasche eingoß, knallte sein Gegenüber eine Bierflasche auf den Tisch.

“Sag mal, kannste überhaupt ’ne Bierflasche uffma­chen? Paß mal uff!” Der Bier-Flaschen-auf-den-Tisch-Knaller holte einen Nagel aus der Hemdtasche (er hatte immer einen solchen bei sich) und setzte ihn mit Schwung am äußeren Rand des Kronkorkens an. Schwupp. Der Krondeckel allerdings beschloß, nicht in hohem Bogen durch die Luft zu fliegen, sondern dem Nagelfetischisten und der Kraft der rohen Ge­walt die Sympathie mit dem Flaschenkopf und mit A. entgegenzusetzen, worauf dieser in Solidarität mit dem Kronkorken verlauten ließ: “Dit is ja wirklich raf­fitückisch!” Sprach’s und wickelte seine Stulle aus dem Butterbrotpapier aus. In der Veränderung von Wörtern ist der Berliner ein­same Spitze: Akademie wird zu Ake(de)mie, Singaka­demie zu Singepedemie, die DDR lautmalerisch zu Däderädä, in der die Funktionäre, versammelt im Ballast der Republik, Kaderwelsch reden. (Man achte bei “Ballast” auf die subtile Anspielung auf die Sach­sen, die ja bekanntlich alle Verschlußlaute am Wort­anfang stimmhaft sprechen.) Lautvariation als Sprachwitz hat in Berlin Tradition. Bei Glaßbrenner zum Beispiel, einem Meister des Klangwitzes, wird Aktionär zum Aktionärsch, die Guillotine zu Julejottdiene und der Boulevard zum Bullewarze.

Klangvariation ist eine Witztechnik par excellence, was bereits Sigmund Freud erfreut festgestellt hat: “Man kann zunächst dasselbe Material von Wörtern nehmen und nur etwas an der Anordnung derselben ändern. Je geringer die Abänderung ist, je eher man den Eindruck empfängt, verschiedener Sinn sei doch mit demselben Wort gesagt, desto besser ist in techni­scher Hinsicht der Witz.” Umgekehrt läßt sich sagen: Der Berliner ist witzig und schlagfertig, deshalb be­herrscht er die Technik des Wortwitzes perfekt.

Neben den bereits erwähnten Techniken gehört die Akzentverschiebung wie z.B. mehrére anstelle von mehrere ebenso zur sprachlichen Kompetenz des Ber­liners, wie jenes im Deutschen vorwiegend in der Kinder- und Werbesprache angewandte Prinzip, das man als Reduplikation bezeichnet. Es funktioniert nach dem Schema “aus eins mach zwei” und äußerte sich bei meiner Tochter Simone in “töff töff” und “wau wau”. Vielleicht weil sich der Berliner ein Stück kind­licher Unschuld bewahrt hat, ist ihm das Doppelge­moppelt-Prinzip bestens bekannt: plemplem, aber auch Tingeltangel sind Belege dafür. Durch Wortre­duplikation wird in allen Sprachen der Welt entweder eine Bedeutungsabschwächung oder -steigerung er­reicht. Wird z.B. im Chinesischen das Schriftzeichen für Baum verdoppelt, so entsteht das Schriftzeichen für Wald, und sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, so befindet man sich im Dickicht, was dann durch Verdreifachung des Schriftzeichens für Baum ausgedrückt wird. Im Berlinischen ist mit der Ver­doppelung immer eine Intensivierung verbunden: Wer plemplem ist, gilt als völlig verrückt. Und auch piepegal folgt diesem Muster: “Dit is ma piepe” meint “Das ist mir egal”, während “Dit is ma piepegal” den Grad der Gleichgültigkeit noch um einiges erhöht. Wollen wir hoffen, daß dem Leser die kleinen sprachwissenschaftlichen Exkurse nicht “schnurz und piepe” sind.

Wohlwissend und im Bewußtsein der Tatsache, daß Ab- und Ausschweifungen zu einem glücklichen Ende kommen sollten, und auch auf die Gefahr hin, daß uns der Vorwurf der Akribie nicht erspart bleibt, seien noch der Hang zu Abkürzungen wie Idi, j.w.d. oder d.b.d.d.h.k.p. erwähnt sowie die äußerst produk­tive Vorsilbe ab- (abbumsen, abklavier’n, abtanzen), die zur ständigen Bereicherung des Berliner Wort­schatzes beiträgt.

C’est ça, könnte man nun meinen und mit einem ab­schließenden Satz die Vorspeise beenden. Dagegen spricht allerdings nicht nur die Verwendung des Französischen am Anfang dieses Absatzes und die noch offene Frage, warum das Berlinische mit fran­zösischen Wörtern gespickt ist. Vielleicht interessiert den Leser auch, daß 1873 die erste Sammlung Berli­ner “Ausdrücke und Redensarten” von Trachsel vor­genommen wurde, welche - wie er schreibt - ihm “theils selbst zu Ohren kamen, theils von zahlreichen Freunden aus allen Klassen der Gesellschaft als Hofräthe, Finanzräthe, Gerichtsräthe, Doctoren, Pro­fessoren, Ärzte, Officire, Beamte, Lehrer, Studenten, Rentiers, Künstler, Kaufleute, Gewerbetreibenden usw. gütigst mitgetheilt wurden.” Und bereits fünf Jahre später erschien der x-fach aufgelegte “Richtige Berliner in Wörtern und Redensarten” von Hans Meyer, einem Lehrer des traditionsreichen “Grauen Klosters”. Möglicherweise fragt sich auch der eine oder andere, ob dieses oder jenes Wort “wirklich” ber­linisch ist, wenn man bedenkt, welchen zahlreichen Einflüssen das Berlinische als Stadtdialekt unterliegt und wie weit es in die Mark Brandenburg und noch weiter hinaus ausstrahlt. Oder aber der Leser hat eventuell heute jene Perle der Berliner Speisekarte verspeist, die an Currywurstbu­den unter dem Namen Bulette verkauft wird und für die die Berliner noch einige andere Bezeichnungen parat haben:

Bäckerbraten, Gummimuffe, Semmeltörtchen, Hackding, gebratene Schrippe, Hundepuffer, heiße Schrippe, Schappipuffer, Kampfbrötchen, gehackter Molli, Schrippenpuffer, Panzerplatte, Vollkornschnitzel, Prachtschinken, Bremsklotz, Satansbraten, Bulli, Tellermiene,Chansonettenbrüstchen, Todesknolle, Eternitplätzchen, Traberpastete, Gummihacken, Wanderbulette, Gummipuck, Zuchthauspastete

Wie unter den bevorzugten Fast-Food-Fleischproduk­ten der Bayern der Leberkäs, steht bei den Berlinern die Bulette hoch im Kurs. Während erstere jedoch sich des Fleischgehalts ihres “Kas” recht sicher sind, sehen die Berliner offensichtlich einen starken Ein­fluß des Bäckereihandwerks bei der Herstellung des “Fleischkügelchens”, als welches die Hugenotten die “boulette” mitbrachten.
“Mitbrachten” ist vielleicht ein unzutreffender Aus­druck, der eher an Touristen und Souveniers erin­nert, denn an Glaubensflüchtlinge (Réfugiés) wie die Hugenotten, die aufgrund des Potsdamers Edikts 1685 sich in Brandenburg ansiedeln durften, wobei ihnen Steuerprivilegien, freie Religionsausübung und eine eigene Schule zugesichert waren. Natürlich holte der Große Kurfürst die französischen Protestanten nicht aus Nächstenliebe oder weil er der französischen Kü­che und dem Pariser Chic besonders zugetan war ins Land: Der dreißigjährige Krieg hatte Brandenburg ausgeblutet und die Hugenotten waren als erstklas­sige Handwerker, Akademiker, Verwaltungsbeamte willkommene Arbeitskräfte im unterentwickelten Brandenburg. Ende des 17. Jahrhunderts war jeder fünfte Einwohner im Berliner Raum französischer Abstammung, so auch der Urahne meines Bekannten Detlef Deleuvant. Während dieser nicht einmal dann seinem Namen einen französischen Klang zu geben vermag, wenn er sich mit einer Wäscheklammer die Nase zuhält, war jener ein echter Franzose, stolz auf seine Sprache und Kultur, die er auch am kurfürstli­chen Hofe gepflegt sah. Mit Mißmut allerdings be­trachtete er seinen Freund und Kaufmann Henri Marchand, der seine Waren in einem seiner Meinung nach furchtbaren Kauderwelsch anpries: “Bonjour meschers Messieurs! Kauff sick kut Savonet! Etuits, un schön Pomat von Wacks und renlick fett. Kauff Kauff, sick in die Zeit, so hab, sick in das Noth O Mon­sieur!

Wenn auch bereits in der zweiten Generation der hu­genottischen Einwanderer der Prozeß der Assimila­tion sich deutlich durchsetzt und schließlich Ende des 18. Jahrhunderts das Französische in der hugenotti­schen Gemeinde zur ‚lingua sacra’, zur Gottesdienst­sprache absinkt, hat doch der starke kulturelle und sprachliche Einfluß der Hugenotten seinen breiten Niederschlag im Berliner Wortschatz gefunden:

Aweck, Bredullje, Deez, Kinkerlitzken, Blak, Feez, Kleedage, schauderös ,dusemang, botten, Lamäng, Eau de Mief, Stampe, Schmierage

Berlin war immer Schmelztiegel verschiedenster eth­nischer Gruppen und ist es heute noch. Neben den Franzosen haben insbesondere die Juden ihre Spuren im Berliner Wortschatz hinterlassen:

acheln, Moos, Dalles, ausbaldowern, Geseier, Reibach, Tacheles, koscher, Bammel, Mischpoke, Schlamassel, mies

Aber auch das Englische: abrocken, beaten, dancen, hotten und Lateinische: pesen, Pulle, Jokus finden sich im Wortschatz des Berliners. Nur wenige Worte wie Kiez, Luch, Lanke und die Ortsnamen auf -ow sind Zeugnisse der Slawen, die vom 7. - 12. Jahrhun­dert im Berliner Raum lebten. Deutlicher tritt das Niederdeutsche im Berlinischen zutage (Bolle, Deibel, Göre, grölen), das vom 13. bis ins 16. Jahrhundert in Berlin gesprochen und geschrieben wurde. Der Ein­fluß der obersächsischen Umgangssprache und ost­mitteldeutschen Schriftsprache im 16. Jahrhundert zeigt sich in Wörtern wie Brieze oder schwoofen. In­wieweit das Türkische im Berliner Wortschatz veran­kert wird, ist noch nicht abzusehen. Man sollte skep­tisch sein, aber das Kebap hat durchaus Chancen, der Bulette den Rang abzulaufen. Aber wie der Berliner sagt: Nischt Jenauet is nich raus.
Da wären wir nun am Ende der Vorspeise und erwar­ten gespannt das Menü. Wem beim Lesen oder ob des geistigen Appetits der Mund trocken geworden und deshalb nach einem erfrischenden Schlückchen zu­mute ist, der sollte nicht zögern, eine entsprechende Bestellung aufzugeben: “Herr Ober, ein Glas Schöne­berger Bahndamm Nordseite 1983 und eine Flasche Leitungsheimer trocken und dann ...” - “Sofort Mon­si­eur, ick bring Sie den Wein und die petites Chanso­net­tenbrüstchen aussi, s’il vous plaît.”

(1986, als Einleitung des Berliner Wörterbuches erschienen)

mehr: /­de/­basix/­berlinisch/­lexikon

erstellt: 01.01.1986 00:00 von Peter Schlobinski | geändert: 15.12.2010 09:04 | Verstoß melden

Durchs wilde Germanistan

In einem kleinen Artikel beschreibt Charles O. Frake, was man alles wissen muß, wenn man als Outsider ein Yakan-Haus betreten will: durch welchen Eingang man das Haus überhaupt betreten darf, in welcher Art und Weise man zu grüßen hat, welche Räume betreten werden dürfen und welche nicht, etc. Regeln wie diese, die Alltagshandlungen betreffen, sind kulturell verschieden. Was demjenigen, der ein bestimmtes kulturelles Wissen mit anderen teilt, als selbstverständlich erscheint und unhinterfragt bleibt, führt bei dem, der dieses gemeinsam geteilte Wissen nicht teilt, zu kognitiven Unsicherheiten. Vergleichbar einem Fremden, der sich in eine ihm unbekannte Kultur hineinbegibt, ergeht es dem Erstsemester der Germanistik.

Nun wird man zum Glück in Mitteleuropa beim Betreten eines Hauses gewöhnlich nicht mit einem Speer anstelle eines Sprechaktes begrüßt. Allerdings wird der Germanistikstudent anfangs Spießruten laufen, wenn er die Rostlaube betritt. Was einem New Yorker Stadtplaner keine Schwierigkeiten bereitet, stellt den Studienanfänger vor ernsthafte Probleme: nämlich die Topographie der Rostlaube zu erfassen. Der erste Versuch, den Raum JK 30 126 zu finden, endet irgendwo zwischen J 31 110 und JK 29 112. Selbst der verzweifelte Hilferuf an einen ,Ortskundigen‘ führt oftmals ins Chaos:

A: ((steht am Haupteingang)) Tschuldigung, wo find ich denn den Raum JK 29 212? B: Da mußte bis oben zur Ecke, da is' 'ne Telefonzelle und 'ne Nebenstraße, die kreuzt da. Dann rechts und dann immer geradeaus. Dann links - und da muß er irgendwo sein.
A: Okay. Danke.

So pendelt der erste Tag zwischen Jk 28 123 und KL 29 130, Neuerer Abteilung und Linguistik, Alternative B und C, GK und HS, Pragmatik und Phonologie, Matrikel und Immatrikel hin und her. Der erste Schritt in eine neue Welt ist getan, der Prozeß der akademischen Sozialisation hat begonnen. Die akademische Vita activa ist zyklisch strukturiert und organisiert. Seminar folgt auf Seminar, Seminararbeit auf Seminararbeit, Prüfung auf Prüfung, Schein auf Schein. Der zentrale Ort, der von Germanistikstudenten immer wieder aufgesucht werden muß, ist? ... die Bibliothek. In ihr wird Sanktionen ausgesetzt, wer zu laut seine Stimme erhebt. Das sakrale Schweigen ist der Tribut an das Verehrt-sein- Wollen der Bücher, das der kontemplative Leser ihnen zollt.

Wird in der Bibliothek der in Formen wie Lyrik, Roman, Essay gegossenen Sprache gerade durch das Schweigen begegnet, wird von dem Germanistik­studenten erwartet, daß er sich in Seminaren über diese Formen äußert, sei es in schriftlicher oder mündlicher Form. Das Entscheidende ist nun, daß diese Erwartungen standardisiert sind. Welcher Natur die den Erwartungen zugrunde liegenden Standards sind, möge der Leser aus den folgenden Handlungsmaximen erschließen, deren Befolgung ihm zumindest eines garantiert: einen erfolgreichen Studienabschluß.


Lerne die Sprache der Institution!

Der institutionelle Sprachgebrauch, wie man ihn in der Rostlaube allerorten hören kann, ist unabhängig von der Stellung der Sprecher in der sozialen Hierarchie, von politischen Fraktionen und Aufgabengebieten. Ob Student in der Fachschaftsini, Verwaltungsangestellter, Prof., Wissenschaftlicher Mitarbeiter oder Hiwi, Vertreter der rechten oder linken Fraktion, alle bedienen sich eines Sprachcodes, gilt es Aktivitäten in der Rostlaube durchzuführen. Diese der Standardsprache angenäherte Sprachform hat formellen Charakter und stellt eine Art ,group membership device‘ dar, das die Zugehörigkeit zur Institution und den Grad der Integration sprachlich markiert. Neben der formellen, teilweise hyperkorrekten Sprechweise existieren zahlreiche institutionell definierte Sprachspiele, dessen auffälligstes das Grußverhalten ist. Man stelle sich vor die Bibliothek und acht darauf, wer wen in welcher sprachlichen Form grüßt. Man wird sehr schnell ein differenziertes Strukturmuster des Grußverhaltens ausmachen, dessen interessanteste Form die Anrede mit Nennung des Nachnamens ist. Wer die Regeln dieses Sprachspiels begriffen hat, wird auch als Student - sofern er bereit ist, mitzuspielen - sich sehr schnell ein gewisses Maß an sozialer Anerkennung sichern können. Für das Fortkommen ist es ratsam, sich weitere Strategien anzueignen. Die wichtigste und in vielen Situationen geltende Handlungsmaxime lautet:


Zitiere Autoritäten!

Keine psychologische Musil-Interpretation ohne Freud. Gibt es eine strittige Frage zu diskutieren, das Zitat springt in die Bresche, wo die Ratio verzweifelt oder die Wissenslücke klafft. Zwischenprüfungen, Staatsexamina: das Zitieren einer Autorität bietet Schutz, sofern man des Schutzes bedarf. Man vergleiche folgende Passage aus einer Zwischenprüfung:

Prüfling: Der zweite Weg, wenn denn denn einen zum Beispiel beim zweiten gibt, äh, ist nicht bezogen auf den ersten, wie das beim Erec zum Beispiel der Fall ist.
Prüfer: In welchen Punkten ist es bezogen?
Prüfling: Beim Erec?
Prüfer: Nein, ist meine jetzt im Roman d'Enas oder bei der Äneasgestalt, wo könnte man beziehen?
Prüfling: Äh, Hans Fromm hat es, glaube ich, so formuliert, daß er gesagt hat, was die Minne angeht, geht es da um die rechte Minne, da wird halt die rechte
Prüfer: Ja.
Prüfling: Frau gesucht.

Das richtige Zitat signalisiert nicht nur Belesenheit, sondern macht Ansprüche geltend, die nicht ohne weiteres entwertet werden können, es sei denn, der Gesprächspartner halte sich für eine noch größere Autorität. Kurzum: Das Zitat einer Autorität ist ein autoritäres Zitat. Die eigentliche Kunst besteht darin, herauszufinden, wo, wann und bei wem welche Autorität en vogue ist. Hier einen sicheren Instinkt zu entwickeln, bedarf es eines gründlichen Grundstudiums. Trotzdem - oder wie auch immer - darf die Kritik nicht vor die Hunde gehen. Kritik ist gefragt, solange sie im Rahmen bleibt. Als Handlungsmaxime formuliert:


Kritisiere das Teil, aber niemals das Ganze!

Der Leser möge seine eigenen Erfahrungen sammeln.

Eine andere Verhaltensregel kann relativ leicht erworben werden:


Vermeide den Dialekt!

Goethe und Adorno zum Trotz ist es einfach so, daß Intellekt und Dialekt sich ausschließen. Mit dem Pfälzischen verbindet sich in dieser unserer Rostlaube ein kräftiger Hauch von Provinzialität, mit dem Kölschen (?!) für den Insider das Bürokratische, mit dem Berlinischen das Vulgäre und Proletarische. Der Kommentar eines Hochschullehrers zu einem Studenten, nachdem dieser ein Referat gehalten hatte, spricht Bände:

“Ich würde Ihnen raten, in Zukunft die Berlinismen zu unterlassen.” Da heißt es, gute Miene zum bösen Spiel machen, was meint, interessiert und klug dreinschau'n. Die richtig plazierten Bestätigungssignale wie "Hm" und "Ja" tun ein übriges. Germanistikstudent möge nicht nur mit seinen Augen Informationen zwischen Pappdeckeln und Zeilensprüngen herausfiltern, sondern auch das unbeweglichste aller Organe des Kopfes benutzen, denn das Ohr kann nicht, wie Walter Benjamin schreibt, “wie das Auge sich wegwenden oder sich schließen, sondern, da es einmal bloß nimmt”, ist es auch dazu verurteilt, “alles zu nehmen, was in seine Nähe kommt.” Zu guter Letzt: “Verzeihen Sie, daß ich so furchtbar gescheit daherrede, aber wenn man an der Universität ist, komme einem eine Menge vertrottelter Bücher unter die Hände: unwillkürlich verfällt man dann in eine deppenhafte Ausdrucksweise.” (Gustav Meyrink)

(Erschienen in wecker. Zeitschrift am FB Germanistik, Nr. 10, Oktober 1985, FU Berlin)

erstellt: 16.10.1985 00:00 von Peter Schlobinski | geändert: 15.12.2010 09:07 | Verstoß melden

TV

Peter Schlobinski

Beim Fernsehen sind die wichtigsten Leute der Welt,
wo jeder etwas auf sich hält:
Der Verwaltungsmensch verwaltet sich selbst.
Der Produktionsleiter schaut auf das Geld.
Der Aufnahmeleiter schreit: Alles klar!
Der hauseigene Rezensent schreibt, wie gut alles war.
Der Regisseur ist der allerwichtigste Mann,
weil er so gut regieren kann.

Nur die Unwichtigen sind wirklich dumm:
DAS TÄGLICH KONSUMIERENDE PUBLIKUM.
(Aus: Abbild(er), 1981)

erstellt: 01.01.1981 00:00 von Peter Schlobinski | Verstoß melden

ErKenntnisse 1+2

Zur Erkenntnistheorie der Ethnomethodologen[1]

Regeln:
X -> Y
Y -> X
X <-> Y

Liste der verwendeten Kategorien:
X: Phänomen beschrieben in Alltagssprache
Y: Phänomen beschrieben in Wissenschaftssprache

[1] Bloch gegen Husserl: Wer sich bloß Begriffe verdeutlicht, weiß freilich noch nichts über ihre wirklichen Gegenstände; sonst wäre auch der wortklauberische Eulenspiegel ein guter, wo nicht der beste Phänomenologe.



Humboldt und Wittgenstein

Was der Mensch denken kann
das vermag er auch zu sagen
Wovon man nicht sprechen kann
darüber muß man schweigen

(Aus: Abbild(er), 1981)

erstellt: 01.01.1981 00:00 von Peter Schlobinski | Verstoß melden

 

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