Mediensprache

Der Staub des Schmetterlings

Twittern als zufällig gelingende Kommunikation

Twittern scheint der Kommunikationsdurchfall unserer Tage zu sein. Zwanzigmal am Tag muss ich, muss ich mitteilen, wer ich bin, nein, was ich will, nein, was ich tue. In diesem jeweils heiligen Moment. Die Zwitterfunktion fängt die Gegenwart ein wie einen Schmetterling. Und sticht sie tot. Ich habe sie vor zwei Jahren bei einem Social Network kennengelernt und, altes Spielkind, das ich bin, sofort benutzt: „Oliver ist gerade auf dem Klo." Keinen meiner „Freunde" schien das zu stören, auch nicht, als das System „seit 4 Stunden" meldete. Ich finde das ziemlich merkwürdig. Wäre ein Freund oder eine Freundin von mir vier Stunden auf dem Klo, würde ich nach dem Rechten sehen. Ich meine, auf den Toiletten passieren die wahren Dramen der Welt. Man findet die Freunde neben der Schüssel nach ihrem Todesschuss durch Spritze oder Pistole, über der Schüssel nach einer durchgezechten Nacht oder auf der Schüssel nach dem Verzehr von Gammelfleisch. Je nachdem, welche Freunde man hat. Ich habe immer das Glück ganz unterschiedlicher Freunde gehabt, mit dem Preis, dass nicht mehr alle leben. Aber auch Erinnerungen an die Toten können eine Party bereichern. Neulich habe ich das Wort „Gammelfleischparty" gelernt, aber das ist eine andere Geschichte, die ich wahrscheinlich nie erzählen werde.

Diese Geschichte erzählt vom Twittern. Nach kurzer Zeit habe ich das Twittern für die Eigenwerbung entdeckt. Man darf in den meisten Social Networks eigentlich keine Werbung machen, weil die Geräusche der Werbung der Benutzer den Lärm der Werbung für die Benutzten übertönen könnte. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder das anpreisen würde, was ihm wichtig ist! Besser, es gibt eine Werbung für alle, und noch besser, eine Werbung für Einzelne. Man twittert, dass man twittert, und schon wird eine Werbung für Twitter eingeblendet, laut und hell wie ein Gewitter. Ich dachte aber, ein bisschen Werbung müsste doch erlaubt sein, im Twitterstrom schwimmend, unbemerkt wie mein erster Hilferuf: „Oliver ist gerade beim Schreiben seines neuen Bestsellers." Das Social Network, von dem ich spreche, ohne es zu nennen, weil ich es schon zu oft genannt habe, leitet die Twittersätze mit „Vorname ist gerade ..." ein. Das ist scheinbar eine Hilfestellung, eine Denkstütze, aber alsbald wird deutlich, dass es Gehirnakrobatik und Grammatiksalti braucht, um die Anfänge sinnvoll zu beenden. Darum geht es tatsächlich, einen kaum gemachten Anfang flugs zum Ende zu bringen. Ein Sturz vom Seil, um in der Zirkussprache zu bleiben. Obwohl Oliver beim Schreiben seines neuen Bestsellers war, schien das kein Schwein zu interessieren. Immer wieder aktualisierte ich die Seite, um die Meldung „Du hast neue Nachrichten" auf den Bildschirm zu locken. Nichts, keine neuen Nachrichten, und über die alten legte sich schon der blaurote Staub der asozialen Software. Was ich erwartet habe? Fragen wie „Wie lautet der Titel", „Worum geht es dieses Mal?" oder „Wann kann man das Buch kaufen?". Oder wenigstens: „Oliver, ich liebe deine Romane und will ein Kind von dir." Nichts.

Bis ich eines Tages auf dem Profil einer Freundin war. Nicht, dass das Social Network von „Freundin" sprechen würde – sprachliche und geschlechtliche Feinheiten sind nicht seine Stärke, so dass einzig und allein Freunde existieren -, aber das ist eine andere und bereits erzählte Geschichte (s. Bendel 2007; übrigens kann man die Freunde inzwischen in Rubriken wie „Bekannte" und „Gute Freunde" einordnen, und ich glaube, ich muss Beratungshonorar verlangen, spätestens dann, wenn die Rubrik „Freundinnen" erfunden wird). Ich hatte ein paar Minuten zuvor, inzwischen ein halber Twitterprofi, herumgetwittert: „Oliver ist gerade beim angestrengten Nachdenken über die Vergangenheit als Raupe, die Gegenwart als Schmetterling und die Zukunft als ..." Mehr ließ die Funktion nicht zu, das heißt, noch zwei Zeichen, aber was will man mit zwei Zeichen ausdrücken? Dass man mit zwei Zeichen viel ausdrücken kann, erzähle ich irgendwann einmal, und dass es trotzdem Wörterbücher im Internet gibt, die sich weigern, zwei Buchstaben anzunehmen: „Suchwörter müssen mindestens 3 Zeichen lang sein ... Als Suchbegriff wurde ein Stoppwort verwendet". Das wird eine Geschichte, die Aufmerksamkeit erregen wird, nicht nur bei Linguisten und anderen Exoten. Angebote mit Honorarvorstellungen bitte an oliver.bendel(at)gmx.net. Warum lasse ich mich eigentlich ständig ablenken? Ich fürchte, das liegt am Twittern. Außerdem noch an E-Mail, Instant Messaging und all den anderen Internetfunktionen, die unsere Gegenwart einfangen, totstechen, aufspießen, zur Schau stellen. Also: „Bis ich eines Tages auf dem Profil einer Freundin war." Wiederholung als Zeitmaschine. Die Freundin hatte frisch getwittert. Ich las: „Sara ist gerade beim lockeren Nachdenken über die Zukunft als Staub." Asche zu Asche, Staub zu Staub. Ich begann zu zittern. Jemand hatte mich erhört. Jemand hatte mir geantwortet. Und zwar auf eine Weise, die ich nicht für möglich gehalten hatte. Ich hatte gedacht, dass man mir eine Nachricht schicken oder etwas auf meine Pinnwand heften würde. Aber nicht, dass man mir eine Antwort twittern könnte. Eine Kommunikation mit dem höchstmöglichen Risiko war am Entstehen. Bloßer Zufall, dass ich auf dem Profil gelandet war. Ich hatte schließlich hunderte Freundinnen, äh Freunde. Vielleicht hatte ich mich davon beeinflussen lassen, dass Sara online war. Niemand kennt mein Unterbewusstsein so schlecht wie ich. Ich hätte nicht gedacht, dass man intelligent sein konnte beim Twittern. Denn wenn Sara reagiert hatte, auf mich, meinen geistigen Durchfall in der weißen Schüssel der Poesie, so hatte sie aus der Raupe und dem Schmetterling das gemacht, was unser aller Schicksal ist, den Staub. Und das war intelligent, das war durchdacht, zu Ende gedacht. Aber war es klug, eine Kommunikation zu führen, deren Gelingen so unwahrscheinlich war wie die Möglichkeit, dass der Staub des Schmetterlings zur Raupe wird? Ich fing wieder an zu zittern und zu twittern: „Oliver ist gerade beim angestrengten Nachdenken darüber, ob der Staub des Schmetterlings zur Raupe werden kann." Ich lud die Webseite der Freundin neu, lud sie, lud sie. Womit wir unsere Gegenwart verbrennen! Mit dem Reload von Webseiten! Dann fiel mir ein, dass ich vielleicht gar nicht reloaden musste. Das Twittern war vielleicht Reload genug. In diesem hochheiligen Moment erschien mir die frohe Botschaft: „Sara ist gerade beim Schimpfen mit Oliver. Warum sollte der Staub so dumm sein? Er kann, aber warum sollte er wollen?"

Ich hätte die schimpfende Sara küssen können. Ich konnte sie aber allenfalls gruscheln. Das tat ich. Sie gruschelte zurück. Ich gruschelte erneut. Wenn Twittern Kommunikationsdurchfall ist, dann ist Gruscheln Erotikverstopfung. Auf der Website des Original-Twitters heißt es: „Twitter is a service for friends, family, and co-workers to communicate and stay connected through the exchange of quick, frequent answers to one simple question: What are you doing?" Was tust du? Das schien mir eine einfache Frage zu sein, auf die es nur eine einfache Antwort gibt. Doch wir hatten gezeigt, dass es auch heißen konnte: „Was denkst du?" Oder (nicht unbedingt im Sinne des Erfinders): „Wie kommunizierst du?" Und das war kein Durchfall, sondern ein Einfall, den ich zu lieben begann. Ich zitterte, twitterte, liebte. Ich begann Menschen zu antworten, die nichts davon wussten, Menschen, die nicht wussten, dass sie früher Schmetterlinge waren.

P.S.: Sara hatte aus der 1:n-Kommunikation eine 1:1-Kommunikation gemacht, die man 2:n verfolgen konnte. Das Gelingen der Kommunikation war dem Zufall überlassen; niemand konnte davon ausgehen, dass ich auf ihr Profil gerate oder meine Freundesliste systematisch nach Hinweisen und Nachrichten durchsuche. Ja, niemand konnte ahnen, dass ich ihr Twittern wahrnehme wie sie meines. Ich war in einen Kosmos der Kommunikation geraten, den ich von meiner Welt aus noch nie erblickt hatte, noch nicht einmal als dunkles Leuchten. Wenn man weit weg war, kommt einem die Heimat ganz unbedeutend und fremd vor. Bei einer unbeantworteten Frage, einer reaktionslosen E-Mail werde ich nicht mehr eingeschnappt sein. Ich werde weise lächeln und meine Augen zu den Sternen heben.

Literatur

Bendel, Oliver (2007). Aus Grüßen und Kuscheln wird Gruscheln: Eine sprachliche Entdeckungsreise im Studiverzeichnis. In: mediensprache.net <http://www.mediensprache.net/de/essays/4/>.


Oliver Bendel

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