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SL: Untersuchungsaspekt Gesten
Eine Besonderheit von Second Life gegenüber dem Chat sind die so genannten Gesten. In Second Life bezeichnet man als Geste eine beliebige vorprogrammierte Abfolge von Animation, Ton und Text, die vom Nutzer lokal unabhängig ausgelöst werden kann. Gesten in Second LifeDas Repertoire an Gesten, mit denen jeder Avatar von Anfang an ausgestattet ist, kann man als Grundgesten bezeichnen. Dieses Repertoire kann man beliebig durch Erstellen oder Einkaufen von Gesten erweitern. Gesten in Second Life setzen sich aus drei Komponenten zusammen: Animation, Ton und Text, welchen wir im Folgenden als Gestentext bezeichnen werden. Für die Grundgesten, die jedem Avatar zur Verfügung stehen, lassen sich keine Zeugnisse im Korpus finden, da sie nur aus Animation und/oder Ton bestehen und keinen Gestentext beinhalten. Diese Gesten können Zustimmung oder Ablehnung ausdrücken. So lösen zum Beispiel die Befehle „/no“, „/no!“, „/yes“, „/yes!“ Animationen von Kopfnicken oder Kopfschütteln aus. Es gibt Gesten, die Tanzanimationen auslösen oder den Avatar dazu bringen seine virtuellen Muskeln zu zeigen. Aus dem Chat bekannt ist das Kurzwort „afk“ (= away from keyboard), mit dem mitgeteilt werden kann, dass man vorübergehend abwesend ist. Wenn man in Second Life innerhalb eines Textes das Kurzwort „afk“ verwendet, lässt der Avatar seinen Kopf sinken und unterhalb des Namens wird „(Away)“ angezeigt. Diese Geste ist im Unterschied zu den anderen für längere Zeit sichtbar; erst wenn der Nutzer wieder eine Tastatureingabe macht oder seine Maus bewegt, hebt der Avatar den Kopf und die Anzeige „(Away)“ verschwindet. Hier kann man auch ein Problem bei den Gesten feststellen: Die entsprechende Animation nehmen nur diejenigen Nutzer war, deren Bildschirmausschnitt den animierten Avatar beinhaltet. Eine Geste mit Ton und Animation lässt sich keinem Avatar zuordnen, wenn er sich nicht im Bildschirmausschnitt befindet. Eine Zuordnung ist erst wieder möglich, sobald die Geste mit Text kombiniert ist. Es ergibt sich dabei auch ein methodisches Problem bei der Beobachtung und Beschreibung von Gesten: Selbst wenn man zusätzlich zum Textprotokoll eine Bildschirmaufzeichnung macht, ist nicht gewährleistet, dass man alle Gesten komplett erfasst und auch als solche erkennt. Merkmale von GestentextGestentext wird im Chatverlauf nicht – wie zum Beispiel bei „IMs“ – besonders markiert, sodass man ihn nicht direkt von getipptem Text unterscheiden kann, wenn man die zugehörige Animation oder den Ton nicht wahrgenommen hat. Es gibt aber strukturelle Merkmale, anhand derer sich Gestentext von eingegebenem Text unterscheiden lässt. Da Gesten, bevor man sie verwenden kann, programmiert werden müssen, ist auch die graphematische Gestalt des Textes festgelegt und damit reproduzierbar. Trifft man nun auf verschiedene Beiträge einer Person, die graphematisch komplett identisch sind, so kann man davon ausgehen, dass es sich hierbei um einen Gestentext handelt. Bei den folgenden Beispielen handelt es sich um Gesten, die beim Protokollieren beobachtet wurden. (1) [6:16] m.A.: Meep Meep! :P [...] [6:16] G.S.: Ist wohl linden schuld? xD [6:16] G.S.: wb mnova [6:16] G.S.: Meep Meep! :P [6:16] m.A.: ty^^ [6:16] m.A.: Meep Meep! :P (Second-Life-Protokoll 16.09.2007 Strandclub) Bei den kursivierten Beiträgen handelt es sich um Gestentext, der insgesamt neunmal identisch in diesem Protokoll auftritt. Es fällt dabei auf, dass sich diese Geste im Besitz von zwei verschiedenen Nutzern befindet. Das Merkmal der Reproduktion von Gestentext ist allerdings insofern problematisch, als getippter Text von Beiträgen auch identisch sein kann. Wenn Äußerungen wie zum Beispiel »Meep Meep!:P« nur zwei- oder dreimal auftreten würden, könnte man daraus noch nicht schließen, dass es sich um Gestentext handelt. Etwas anders sieht es in folgendem Beispiel aus: (2) [8:39] h.B.: ..•••°•••..☺ LOL! ☺ ..•••°•••.. [8:40] h.B.: ..•••°•••..☺ LOL! ☺ ..•••°•••.. [8:40] h.B.: ..•••°•••..☺ LOL! ☺ ..•••°•••.. [8:40] J.N.: Couchmanager [8:40] h.B.: ..•••°•••..☺ LOL! ☺ ..•••°•••.. (Second-Life-Protokoll 25.09.2007 Strandclub) Diese Äußerungen bestehen aus einer Reihe von Sonderzeichen. Bei einem solchen Text kann man nicht mehr davon ausgehen, dass er per Hand eingegeben wurde, sondern dass es sich um vorgefertigte Gesten handelt. Es ist zwar vorstellbar, dass solche Textreproduktionen durch Copy-and-Paste o.Ä. entstehen, aber dazu müsste der erste Beitrag trotzdem eingetippt oder aus einem externen Programm kopiert werden. Letzteres wäre für den Nutzer recht umständlich, weil er dazu Second Life kurzzeitig verlassen müsste und für diese Zeit nicht am Kommunikationsverlauf partizipieren könnte. Die Eingabe von einer größeren Menge von Sonderzeichen ist zudem relativ umständlich, denn sie (vgl. Beispiel (2) befinden sich nicht auf der Tastatur, sondern wären über eine Tabelle rauszusuchen. Selbst wenn keine Reproduktion vorliegt, kann man also aus einer hohen Dichte von Sonderzeichen darauf schließen, dass es sich um Gestentext handelt. Es gibt zudem Gestentext, der aus mehreren Turns besteht, die sehr schnell hintereinander gesendet werden. (3) [9:08] X.B.: <3 <3 <3 Ich bin Dein Gummibaer... [9:08] X.B.: ...ich bin Dein Gummibaer... [9:08] X.B.: ...ich bin Dein kleiner, suesser, bunter, dicker Gummibaer ! <3 <3 <3 (Second-Life-Protokoll 05.09.2007 Strandclub) Man kann also Gesten an ihrer Reproduktion, an einer hohen Dichte von Sonderzeichen und an Text, der sich auf mehrere Turns verteilt, erkennen. Zudem kommt es oft vor, dass Gesten kontextunabhängig auftreten. Dies liegt, ebenso wie die Reproduzierbarkeit, an ihrer technischen Gestalt. Gesten sind im Voraus programmierte und damit festgelegte Kommunikationseinheiten und können deshalb im Verlauf eines Gesprächs nicht an den Kontext angepasst werden, sondern müssen in der festgelegten Gestalt aufgerufen werden. Gesten und ihre FunktionGesten können sehr unterschiedliche Gestalt und Funktion haben. Es gibt Gesten, die der phatischen Kommunikation dienen, Gesten als Emoticons, es gibt „rituelle Beleidigungen“ (Siehe Kapitel Flaming), Lieder oder „Gesten“, die man einfach nur als „Geräusch“ bezeichnen könnte. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Im Folgenden sollen nun einige Gesten unterschiedlichen Typs, die während des Protokollierens beobachtet wurden, beschrieben werden. (4) [11:39] L.J.: Halllooooo (Second-Life-Protokoll 12.08.2007 Strandclub) (5) [13:37] F.S.: .+*^*+. *** SERVUS *** .+*^*+. (Second-Life-Protokoll 22.10.2007 Strandclub) Bei diesen beiden Gesten handelt es sich um Begrüßungen. Beide Gesten sind von einer entsprechenden Tonwiedergabe begleitet, wobei Geste (4) als solche nur aufgrund der Tonwiedergabe erkennbar ist. Ob Geste (4) oder (5) von einer Animation begleitet wurde, ist nicht bekannt. Außer „afk“ wurden keine Gesten im Korpus verwendet, die zur Verabschiedung dienen. Beispiel (2) ist eine Geste, die wie ein Emoticon verwendet wird. Zu dieser Geste gehört eine Tonausgabe mit einer weiblichen Stimme, die zuerst lacht und dann das Kurzwort „lol“ (= laughing out loud) ausspricht. Es finden sich noch zwei weitere Gesten, die als Emoticon verwendet werden und beide Lachen ausdrücken. Diese Gesten haben eine kontextuelle Funktion. Es gibt aber wesentlich mehr Gesten, die keine direkte kontextuelle Funktion übernehmen. Oft bestehen ganze Passagen eines Protokolls nur aus Gesten. Dies können zum Beispiel Geräusche sein, deren Gestentext eine entsprechende Onomatopoesie ist. Ein extremes Beispiel ist das Protokolle, dass am 08.10.2007 aufgenommen wurde. Hier bestehen 259 der insgesamt 386 Turns aus Gestentext. (6) [8:44] m.A.: Meep Meep! :P [8:44] G.A.: ^_^ *Nahm Nahm Nahm!* ^_^ [8:44] m.A.: Meep Meep! :P [8:44] h.B.: ... mimimimimimimi ... [8:44] G.A.: ^_^ *Nahm Nahm Nahm!* ^_^ [8:44] m.A.: lulu~~:LULULULULOOOO:~~ [8:44] h.B.: ... mimimimimimimi ... [8:44] h.B.: ... mimimimimimimi ... [8:44] G.A.: lulu~~:LULULULULOOOO:~~ [8:44] h.B.: ... mimimimimimimi ... [8:44] h.B.: ... mimimimimimimi ... (Second-Life-Protokoll 25.09.2007 Strandclub) In diesem Protokoll folgen innerhalb der nächsten Minute noch 57 Turns mit diesen vier Gesten. Es wirkt wie stark ritualisiertes Spiel oder ein Wettbewerb, wer schneller Gesten senden kann. Die Geste hat keine kommentierende Funktion wie ein Emoticon, sondern wird zum Selbstzweck. Genauso verhält es sich mit Gesten, die als Songs bezeichnet werden können. Diese Gesten bestehen aus der Tonausgabe eines Liedes, dem entsprechenden Text und einer Tanzanimation. (7) [9:16] G.A.: *~* I'm Way Too Cool For Ya Boy *~* [9:16] G.A.: *~* That's Why It'll Never Work *~* [9:16] G.A.: *~* I Have You Suicidal, Suicidal *~* [9:16] G.A.: *~* When I Say It's Over *~* [9:16] G.A.: *~* Damn All These Beautiful Girls *~* [9:16] G.A.: *~* We're Only Gonna Do Ya Dirt *~* [9:16] G.A.: *~* We'll Have You Suicidal, Suicidal *~* [9:16] G.A.: *~* When I Say It's Over, Yeah Yeah *~* (Second-Life-Protokoll 09.10.2007 Strandclub) In diesem Protokoll kommen noch vier andere Songs vor. Dass diese Gesten selbst Kommunikationszweck sind, wird auch aus diesem Protokoll klar. „G.A.” thematisiert den Erwerb der Geste und führt sie dann mehrmals aus. Weitere Nutzer, die sich in ihrer Nähe befinden, lösen andere Songgesten aus, was dazu führt, dass ein Nutzer die vielen Songs als „Schlagerfest“ bezeichnet. Die Gesten sind hier also gleichermaßen Gespräch und Gesprächsthema. Mit Gesten wird auch sehr spielerisch umgegangen, was Beispiel (8) zeigt, in dem zwei Nutzer versuchen, ihre Gesten gleichzeitig zu starten. (08) [8:23] h.B.: beide […] [8:23] h.B.: auf drei [8:23] h.B.: 1 [8:23] h.B.: 2 [8:23] h.B.: 3 (Second-Life-Protokoll 08.10.2007 Strandclub) Mit Gesten können Nutzer die Aufmerksamkeit der anderen Nutzer auf sich ziehen, was dann manchmal auch thematisiert wird. Die Nutzerin/Der Nutzer „h.B.” löst in dem Protokoll, dem auch (8) entnommen ist, innerhalb von 2 Minuten 17 Songgesten aus und wird darauf von einem anderen Nutzer scherzhaft darauf angesprochen, ob sie Drogen nehme. In einem anderen Protokoll spekulieren mehrere Nutzer darüber, ob der Avatar, der so viele Gesten ausführt, zuviel Kaffee getrunken habe. Gesten schöpfen die multimedialen Möglichkeiten avatarbasierter Kommunikation voll aus, indem sie Bild-, Text- und Toninformationen miteinander verknüpfen. Eine genaue, auf multimediales Datenmaterial basierende Untersuchung von Gesten, ihrer Verwendungsweise und ihrer Funktion stünde noch aus, aber es wird klar, dass die Geste nur in wenigen Fällen eine Ergänzung zur Kommunikation darstellt oder ein Ersatz für Emoticons darstellen. Gesten werden vielmehr zum Selbstzweck in ritualisierten Gesprächssequenzen. weiter zum Fazit Stefan Frohwein, Christof Goldhammer & Anna Eggers
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erstellt: 27.04.2008
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aktualisiert: 23.09.2008
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