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SL: Untersuchungsaspekt Raumdeixis
Wir leben in einer realen Welt. Wenn man sich in einer Stadt oder bestimmten Umgebung gut auskennt, kann man oft sogar im Kopf die einzelnen Straßen »abgehen« oder man hat zumindest eine sehr genaue Vorstellung davon, wie die Häuser, Geschäfte oder Parks aussehen, wie sie angelegt sind, wo man in einen anderen Weg abbiegen muss, damit man schnell von A nach B gelangt. Ist man aber fremd in der realen Welt – oder auch im real life (abgekürzt RL) – und muss nach dem Weg fragen, bekommt man eine typische Antwort wie: »An der nächsten Kreuzung müssen Sie rechts abbiegen und bis zum Rathaus immer geradeaus…«. Es werden gewisse Begriffe verwendet, um einen Raum darzustellen bzw. ihn einem anderen mittels beschreibender Sprache zu visualisieren. In Second Life befindet man sich so gesehen auch in einem Raum, der eben nur im Internet, also virtuell, besteht. Als Avatar kann man sich per Tastenbefehl durch diesen Raum bewegen. Je nachdem, welche Kameraperspektive eingestellt ist (es gibt z.B. eine Zoomfunktion, mit der man sich die vor einem liegende Landschaft vergrößern oder verkleinern kann), sieht man die Gebäude eher im überblick oder evtl. nur wenige Steine davon. Die virtuelle Welt wandelt sich sehr schnell, da neue Häuser binnen Minuten entstehen können. Kurz gesagt, eine mentale Repräsentation von Second Life ist durch diese Eigendynamik der Umgebung ein sehr flexibles Konstrukt, sodass die Antworten auf die Frage nach dem Weg oft anders aussehen als in der realen Welt. Doch bevor der eigentliche Erfahrungsbericht geschildert wird, soll eine kurze Einführung in raumdeiktische Begriffe erfolgen: Zunächst lässt sich sagen, dass jeder Mensch eine räumliche Vorstellung braucht, um überhaupt im Raum handeln und über ihn sprechen bzw. ihn beschreiben zu können (vgl. Schweizer 1985: 210). Jedoch reicht die Wahrnehmung eines Raumes allein nicht aus, um z.B. einen Weg, wie oben angegeben, zu beschreiben. Daher bedienen wir uns der Sprache, genauer gesagt, einem gewissen Vokabular. Es müssen also zwei Komponenten vorhanden sein, um tatsächlich einen Raum erklären bzw. ihn sprachlich darstellen zu können. Zum einen benötigen wir ein Raumkonzept, sprich, eine detaillierte dreidimensionale Vorstellung des Raumes bzw. Anhaltspunkte, die den Raum kennzeichnen. Um diesen Raum, der im Kopf existiert, einem Gegenüber zu beschreiben, muss man sich gewisser sprachlicher Mittel bedienen, auf die wir uns im Folgenden konzentrieren möchten. Zunächst wird ein Standpunkt festgelegt, von dem aus ein Weg beschrieben wird. Dieser Standpunkt ist meist das »Ego« (Schweizer 1985: 4), womit die Position des Sprechers gemeint sein soll. Nach Karl Bühler wird auch von der Hier-Jetzt-Ich-Origo gesprochen. Man muss sich beim Erklären fragen, wie man einen Raum so beschreibt, dass ein anderer weiß, wie er zu einem Ziel gelangen kann oder wo man sich befindet. Daher werden die Begriffe »oben und unten« (vertikale Dimension), »links und rechts« (horizontale Dimension) und »vorn und hinten« (Gerichtetheit) verwendet (vgl. Ehrich 1992: 2). Neben dem dimensionalen Referenzsystem steht das positionale Referenzsystem, bei dem die Begriffe »da, dort und hier« abhängig vom Standpunkt des Sprechers den Raum beschreiben. Genauso beziehen sich ein »Hier« und ein »Nicht-Hier« auf das Ego und dem damit verbundenen Ausgangspunkt. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das dreidimensionale System in Abhängigkeit der Position des Sprechers, aber auch des Hörers steht und gleichermaßen die Orientierung einbezogen werden muss. Beim positionalen System ist hingegen, wie der Name schon sagt, nur die Position wichtig (Ehrich 1992: 9-12). Zur weiteren Beschreibung im Raum benutzt man Bewegungsverben wie »kommen«, »sich nähern« bzw. »gehen« oder »sich entfernen« (Ehrich 1992: 10) oder Positionsdirektionale wie »her« und »hin«. Die Bedeutung der verwendeten Begriffe variiert also je nach Standpunkt des Sprechers und/oder Hörers (vgl. Schweizer 1985: 4). Ein weiterer Punkt, den es zu untersuchen gilt, ist die Entfernung bzw. Richtung (vgl. Schweizer 1985: 29), die angegeben werden können. Im realen Leben erfolgen Einschätzungen wie »Das Kaufhaus ist nur ein paar Meter weiter geradeaus.«, aber wie stellt man einen solchen Sachverhalt in einer virtuellen Welt dar? Und wenn es eine Form der Wegbeschreibung in Second Life gibt, ist die Frage, ob die Richtungsangaben als »Karte« oder als »Rundgang« (vgl. Schweizer 1985: 49-50) formuliert werden. In den realen Beobachtungen kommt ersteres eher selten vor, zweites jedoch wird häufig verwandt: Man beschreibt Räume oder Wege selten mit geometrischen Formen oder den Himmelsrichtungen, sondern vielmehr oft so, als würde man zum Zeitpunkt der Beschreibung den Raum oder Weg vor sich sehen und aus seiner Perspektive erläutern. Im Zentrum des Interesses stand nun, wie ein »Avatar« reagiert, wenn man ihn nach dem Weg fragt. Welches Raumkonzept vorherrschte und welche sprachlichen Mittel zur Beschreibung des Raumes verwendet wurden, wird im Folgenden gezeigt. Da mit Second Life ein virtueller Raum und damit virtuelle Möglichkeiten der Fortbewegung in diesem Raum gegeben sind, kann man vermuten, dass verglichen mit der Fortbewegung im realen Raum weniger Wegerklärungen abgeben werden. Raumerklärungen in Second Life – ein ErfahrungsberichtIch [1] befinde mich jeden Tag wieder auf einer Insel. Sie heißt Apfelland, ist umgeben von Wasser und ein Treffpunkt deutscher Avatare. Jedes Mal versuchte ich mich an einer Straße, entfernt von der Küste, aufzuhalten und anderen Avataren die immer gleiche Frage zu stellen: »Wie komme ich ans Wasser?«  Abb. 7.1: Karte |
Auf dieser Übersichtskarte ist ein gelber Punkt zu sehen, der den Standort meines Avatars kennzeichnet. Die blauen Flächen signalisieren Wasser. Wie sich gut erkennen lässt, ist der Abstand zum Meer nie sehr groß. Je nachdem, wie hoch die Kommunikationsbereitschaft der einzelnen war, bekam ich ab und zu Antworten wie »hier kenn ich mich nicht aus« (Second-Life-Protokoll 13.08.2007 Apfelland) oder auch gar keine. Ich wusste, dass meine Frage nicht besonders herausfordernd gestellt war, da wahrscheinlich jeder wusste, dass man auf dieser Insel nur ein paar Schritte gehen musste, um Wasser zu sehen, sodass ich natürlich auch nicht darüber verwundert sein durfte, als ich die sehr unvermittelte Entgegnung »na ans wasser is ne straße weiter« (Second-Life-Protokoll 09.08.2007 Apfelland) bekam. Doch es blieben Einzelfälle, dass jemand mit den aus dem im realen Leben bekannten Formulierungen »rechts«, »links«, »geradeaus« o. ä. argumentierte. Nur die sehr direkt gestellte Frage, wie z. B. »wo muss ich hingucken […]?« wurde mit »nach links« (Second-Life-Protokoll 10.08.2007 T Online Beach) beantwortet. Wenn ein Avatar beschreiben sollte, an welchem Platz er sich befand, wurden die raumdeiktischen Begriffe schon öfter in Anspruch genommen: »der rechts neben dir« (Second-Life-Protokoll 13.08.2007 Apfelland) oder »auf der bank am anfang bei dem stormtrupper […] der stormtrupper is ganz weiß […] ah jetzt stehste vor mir« (s. Bild, Second-Life-Protokoll 16.08.2007 Apfelland) Nur sehr selten kann man die Beschreibungen des RL im Second Life wieder finden.  Abb. 7.2: Chat-Auszug |
Dennoch interessierten mich gerade die Wegbeschreibungen, sodass ich immer wieder nachfragte, wie ich zum Wasser gelangen könnte. Endlich wollte mir einer behilflich sein:»dass geht an vier orten […] hier habe ich leider keine landmarke […] und zum rumlaufen habe ich keine lust […] t onlin beach? […] ich hole dich« (Second-Life-Protokoll 10.0.2007 Apfelland) Hier stellte sich zunächst die Frage, was eine »Landmarke« ist. Eine Landmarke oder auch engl. landmark lässt sich ganz anschaulich mit einem Kreuz auf einem Stadtplan vergleichen. Im Second Life setzt man Landmarken um den Ort, an dem man sich gerade befindet, möglichst schnell und ohne Umwege wieder zu finden. Diese Landmarke kann man dann in seinem Inventar aufrufen und sich mit einem Mausklick dorthin teleportieren. Der Avatar, der sich meiner Frage annahm, hatte nämlich eine Landmarke am »T Online Beach« und konnte sich ─ und im Anschluss auch mich ─ an diesen Ort teleportieren. Wiederum mit einem Mausklick war man dann binnen Sekunden an einem anderen Platz. So funktioniert das nämlich im Second Life: »wenn du möchtest gehe ich vor und hole dich per teleport hier weg…« (Second-Life-Protokoll 09.08.2007 Apfelland) Dennoch war es mir etwas suspekt, über eine Suchfunktion Orte einzugeben und mich dort hinzuteleportieren, sodass ich mir vorbehielt, weiterhin zu fragen, wo sich etwas befinden könnte. Recht schnell wurde ich belehrt: »wenn du hier eine frage stellst wo: dann hast du unten eine Suchfunktion […] es gibt keine wegbeschreibungen wenndu zaubern kannst, dann brauchst du den weg nicht kennen.« zum Untersuchungsaspekt Gesten Anmerkungen [1] In diesem Kapitel werden die Erfahrungen der Autorin Eggers als Avatar Yazmin Bamaisin wiedergegeben. Der Erfahrungsbericht steht daher in der ersten Person Singular. Stefan Frohwein, Christof Goldhammer & Anna Eggers
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erstellt: 27.04.2008
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aktualisiert: 02.06.2008
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