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Hannover, 07.01.2009

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SL: Integrationserfolg und Avatarwirkung

»Je auffälliger ein Avatar gestaltet ist, desto schneller wird er in das Gespräch integriert.« lautet unsere 3. Hypothese. Wie lassen sich »Auffälligkeit eines Avatars« und »Integrationsschnelligkeit« messen? Für Ersteres lässt sich schwerlich eine Ordinalskala ansetzen, da der einzige Anhaltspunkt der Ursprungscharakter ist, den man vor Beginn des ersten Aufenthalts in Second Life auswählen muss. Die Modifiziertheit der unterschiedlichen Avatare lässt sich kaum messen. Deshalb werden wir im Folgenden auf Einzelfälle eingehen, die zwar keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben, aber ein Bild vom Umgang mit dem Äußeren eines Avatars zum Gesprächsbeginn vermitteln. Integration ist im Gegensatz dazu leichter messbar. Zumindest bestehen die Möglichkeiten völligen Ignorierens und sofortigen Eingehens auf Begrüßungen jeglicher Art.

Man wählt in Second Life mehr als nur einen Nicknamen. Man kann durch die Auswahl seines »Äußeren« seinen Second Life-internen finanziellen Status und seine Gruppenzugehörigkeit zeigen. Geübte Nutzer unterscheiden sofort, ob jemand Zeit oder Geld investiert hat um seinen Avatar zu gestalten.

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Abb. 6-1: unmodifiziert

Bei vierzehn verschiedenen Protokollen wurde ein Integrationsversuch mit dem vom Programm vorgegebenen Avatar unternommen. In zwei Fällen wurde der Avatar angesprochen, noch bevor er überhaupt eine Begrüßung äußerte (dafür wurde der Wert -1 in der Tabelle (1) gesetzt). Zwei Mal war eine direkte Reaktion auf »Hallo« vorhanden. Bei vier Protokollen waren (eine, drei und elf) Zwischenäußerungen zu lesen, bevor ein Rückgruß stattfand. Des Weiteren erfolgte in 2 Fällen erst auf einen wiederholten Gruß eine Antwort, sodass sieben bis zehn Zwischenäußerungen zu lesen waren (im Diagramm gelb unterlegt). Die vier restlichen Protokolle zeigen die Möglichkeit, dass Integrationsversuche gänzlich unbemerkt bleiben, also scheitern (schraffiert dargestellt). Eine graphische Anordnung (Abb. 6-1) fasst diese Ergebnisse zusammen.

Stellen wir dem die Integrationsversuche unseres Avatars mit drachenhaftem Äußeren (siehe Abbildung 6-4) gegenüber, wird grafisch deutlich, dass es sowohl zu schneller als auch zu verzögerter Integration kommt, unabhängig davon, ob ein »neutrales« oder ein dem humanoiden Avatar sehr unähnliches Äußeres (Drache) gewählt wurde (vgl. Abb. 6-2).

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Abb. 6-2: drachenhaft

Natürlich gibt es neben unmodifiziertem und drachenhaftem Avatar noch weit spektakulärere Möglichkeiten der Gestaltung des Äußeren. Zieht man aber zu unseren Auswertungen hinzu, dass es für die Begrüßung eine Rolle spielen kann, wie gut man sich in einer Gesprächsrunde kennt (vgl. Abschnitt Versuche, Probleme und Störvariablen in Forschungsdesign), dann liegt der Schluss nahe Hypothese 3 als widerlegt zu sehen.

Hypothese 4 betrachtet den nächsten Schritt: die Thematisierung des Avatars. Die beobachteten Themen lassen sich zunmächst untergliedern in Second Life-interne und -externe Themen. Als interne Themen wurden »Avataräußerlichkeiten und -verhalten«, »Sozial-kommunikatives« und »Technik« beobachtet. Second Life-extern findet man ebenfalls »Sozial- kommunikatives« als Thema, hinzu kommen hier allerdings noch »Interessen, Berufliches und Hobbies«. Eine Auflistung der Themen (3) zeigt, dass von insgesamt 25 verschiedenen 18 Referenz zu Second Life aufweisen. Zur Verdeutlichung sei die Liste hier hinzugefügt, die sich aus Zusammenführung der Protokolle ergibt:

Second-Life-interne Themen (18)

Avataräußerlichkeiten und -verhalten

  • Geschlecht
  • Positur/Sitzplatz
  • Äußeres generell (z.B. Haare, Schuhe, usw.)
  • Veränderungen
  • Tierähnlichkeit in Verhalten und Aussehen
  • Avatarname
  • (störende und auffällige) Bewegungen
  • Integrationsversuche
  • Sprache
  • Stille
  • Voice-Chat
  • Spiele
  • Langeweile


Sozial-kommunikatives

  • Singles
  • Hochzeiten


Technik

  • Bau und Dekoration in Second Life
  • Server als Problemursache für
    • Geräusche
    • Verzögerungen
  • Einstellungen
    • Gesten
    • »Wie funktioniert...«


Second-Life-externe Themen (7)

Sozial-kommunikatives

  • Weihnachten
  • Herkunft


Interessen, Berufliches und Hobbies

  • Länder
  • Bräuche
  • Kultur
  • Arbeit
  • Produkte

 

Sieben der 18 Second-Life-internen Themen betreffen also den Avatar und sein Äußeres bzw. sein Verhalten direkt. Obwohl das nicht die Mehrheit der Themen darstellt, ist es dennoch ein wichtiger Bestandteil. »Avataräußerlichkeiten und -verhalten« zusammen mit »Soziales und Kommunikatives« stellt die Grundlage für die phatische Kommunikation in Second Life dar, die der gewöhnlichen Chatkommunikation ähnelt, aber hier durch das produktive Erstgenannte erweitert ist. So gesehen, wäre die angesetzte Hypothese 4 zunächst mit »nicht zutreffend« zu beschreiben. Formulierte man diese allerdings um in »Avataräußeres und -verhalten sind wesentlicher Bestandteil der phatischen Kommunikation in Second Life«, so dürfte sie entsprechend unseren Ergebnissen als zutreffend bezeichnet werden.

Das Aussehen eines Avatars und die Folgerungen

»ups ne blondine«

Wie man im realen Leben ausschaut, ist für das Second Life de facto nebensächlich. Man kann sich seinen Avatar selbst gestalten, so wie man es mag oder was man für besonders markant hält. Denn auch im Second Life gilt: Auffallen um jeden Preis! Generell kann man, wie oben angedeutet, das Aussehen von Avataren nicht systematisch einordnen. Man kann jedoch beurteilen, ob die Gestalten eher dem realen Menschen, einem Tier oder einer Fantasiefigur ähneln. Auffällig sind dazu die Neulinge, Newbies, da diese in der zweiten Welt relativ normale Kleidung tragen. Ansonsten trifft man häufig auf sehr auffällige Figuren. Mit drei Beispielen soll ein kleiner Einblick ermöglicht werden, welche Gestalten einem begegnen können:

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Abb. 6-3: Avatar 1

Avatar (1) kommt einem Allgemeinbild der eher »coolen« Mitglieder schon sehr nah. Da im vorigen Abschnitt eine Kategorisierung ausgeschlossen wurde, sollte man davon ausgehen, dass die menschlichen Avatare auch oft »cool« sind. Einige Outfits lassen viel »Haut« zu. Die Körper sind wohl definiert und nur kleine Accessoires, wie bei diesem Mann eine Brille und etwas nicht genau zu definierendes am Oberarm, schmücken die Virtuellen.

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Abb. 6-4: 'Drache' (2)

Avatar (2) zählt man wohl zu den Fantasiefiguren oder zu den Tieren (?), die in Second Lifeauftauchen. Auffällig ist er definitiv, bildet jedoch nicht die Ausnahme. Man begegnet häufiger Gestalten, die real existierenden Figuren gar nicht ähneln.

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Abb. 6-5: Newbie (3)

Beim dritten Avatar handelt sich um einen sogenannten Newbie. Man erkennt ihn sofort an seiner unscheinbaren, einfachen Kleidung und der unauffälligen Frisur. Erfahrene Nutzer erkennen daran sofort, dass es sich um einen Neuling handelt.

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Abb. 6-6a: Yasmin B.

Ich [1] entschied mich bei meinem Anfang für ein schlichtes schwarzes, jedoch feminines Outfit: einen kurzen Rock, Schuhe mit Absatz, einen Pullover – dazu langes, blondes Haar. Es gibt eine Funktion in Second Life, mit der sich jedes Detail eines Avatars verändern lässt, gerade so, wie man es gern möchte. Dazu zählen nicht nur Farbe und Länge der Kleidungsstücke, sondern auch Gesichtsform, Figur oder eben Frisur.

Ich könnte nicht behaupten, dass ich zunächst durch mein Newbie-Aussehen weniger Gespräche geführt hätte, aber bestimmt war ich weniger auffällig als manch anderer.Ziemlich unverblümt wurde mir dies dann auch geschrieben: »ich möchte dich jetzt nicht ärgern… aber […] du hast das an was 1 milllonen neueinsteiger anhaben […] das sieht jeter […] von 10000m entfernung das du hilflos bist«. Das Outfit und damit die Haare, die ich mir mühselig »zurechtgebastelt« hatte, wurden nur so kommentiert: »deine haare sind standard plastic automatic haare« (Second-Life-Protokoll 09.08.2007 German Tutorial). So musste ich mir etwas einfallen lassen und bekam von meinem Kritiker Anweisungen, wie ich mein Äußeres verändern könnte.

Avatar Yasmin Bamaisin
Abb. 6-6b: Yasmin B.

Es ist merkwürdig, dass man von seinem Avatar in der ersten Person Singular redet und doch identifiziert man sich mit dieser nicht real existierenden Person im Internet - im Second Life.

Blond war ich nach meiner Veränderung immer noch, allerdings waren die Haare viel eleganter frisiert und noch länger als zuvor. Meine Kleidung war nun pink-violett und die Schuhe glitzerten einem rot entgegen. Auch Ohrringe und einen unübersehbaren Armreif prangten an meinem Körper, sogar die Nägel waren nun lackiert.

Es ist schon spannend, dass allein eine virtuelle Figur jemanden, der vor dem PC sitzt, dermaßen anspricht, sodass die Frage »und biste vergeben??« (Second-Life-Protokoll 13.08.2007 Apfelland) nicht selten hervorgebracht wurde. Auch von nicht jugendfreien Animationen war die Rede (vgl. Second-Life-Protokoll 10.08.2007 ExClusive Heaven and Hell), ja ein Avatar ging sogar so weit, dass er mir gestand: »würde mich freuen mit dir mal wieder etwas zeit zu verbingen […] bist eine ganz liebe«. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich allein durch ein Gespräch eine Sympathie ergeben kann, jedoch das Äußere, das allerdings auch nur Schein ist, eine Rolle für eben jene Aussage spielt.

 

zum Untersuchungsaspekt Raumdeixis

 

Anmerkungen

[1] In diesem Kapitel werden die Erfahrungen der Autorin Eggers als Avatar Yazmin Bamaisin wiedergegeben. Der Erfahrungsbericht steht daher in der ersten Person Singular.

 

Stefan Frohwein, Christof Goldhammer & Anna Eggers

 

erstellt: 27.04.2008

 aktualisiert: 02.06.2008 

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