Digitale Kommunikation

Tendenzen in der Kommunikation (und Sprache)

Tastentippen

Mit Ausnahme von Katastrophen hat kaum etwas unsere Zivilisation und Kultur in einem solchen Ausmaß und einer so kurzen Zeit verändert wie die technische Revolution. Und obwohl der Rundfunk – zuerst das Radio und später das Fernsehen – bereits erahnen ließ, dass Technik bislang ungeahnte Möglichkeiten eröffnen könnte, vermuteten um 1995 herum allenfalls Pioniere und Phantasten, dass es einmal »Kommunikationswerkzeuge« wie facebook oder twitter geben würde. An eine Textzeile, die – von Laien verfasst – in Echtzeit um die Welt geht, ebenso schnell und ohne Indexierung auf Suchseiten gefunden sowie in wenigen Augenblicken kommentiert, getaggt, gebookmarkt, empfohlen und bewertet werden kann – und das mehr oder weniger adressiert –, dachte zu dieser Zeit wohl kaum jemand.

Dass solche Werkzeuge Spuren im Sprachgebrauch hinterlassen, dürfte außer Frage stehen. Mündlichkeitsmerkmale sind offenkundig und viel zitiert. Zweifelsohne spielen soziale und andere Faktoren dabei ebenfalls eine Rolle (vgl. etwa Androutsopoulos), doch ist die auf diese Weise beeinflusste Sprache vor allem Ausdruck dessen, was unabhängig vom gewählten Kommunikationsmittel, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, feststellbar ist (Face-to-Face-Gespräch, Brief, Fußballspielkommentierung, Augenarztbesuch). Die Rahmenbedingungen und damit auch die kommunikativen Möglichkeiten, die den Sprachteilnehmer(inne)n aufoktroyiert werden, spielen eine mindestens ebenso wichtige Rolle – meiner Meinung nach eine wichtigere. Realisieren lässt sich nur das, was sich (toolbezogen) realisieren lässt.

Zu diesen Rahmenbedingungen gehören der situative Kontext, die Adressaten, die zur Verfügung stehenden Modalitäten (visuell: Text, Bild, Bewegtbild etc.; akustisch: gesprochene Sprache, Musik etc., ...), die technischen Werkzeuge (Tastatur, Kamera etc.). Diese und weitere Aspekte wie Synchronizitätsgrad und Öffentlichkeitsgrad wirken auf den Sprachgebrauch mittelbar oder unmittelbar ein. Dabei gibt es überraschende Entwicklungen: Wäre es zum Beispiel zu erwarten gewesen, dass sich Internetnutzer in einer progressiven Entwicklungsphase des Webs wie im Jahr 2011 mit einer einzigen Textzeile zufrieden geben? War zu erwarten, dass selbst die »early adopters« sich mit 420 oder gar 140 Zeichen begnügen würden?

Aktuelle Entwicklungen

... gehen zumindest in diese Richtung. In einem Interview mit Klaus Eck im Schweizer Tagesanzeiger prognostiziert der Kommunikationsspezialist, dass die »E-Mail [...] stirbt«. Der Interviewende, Reto Knobel, unterstreicht in dieser Folge, dass E-Mails »alles andere als 'ökonomisch'" seien. – E-Mails unökonomisch? Dies verwundert doch sehr, denn noch vor wenigen Jahren wurde die E-Mail als ökonomischer Erfolg gefeiert: kein Porto, kein Umschlag, Auswahl des Adressaten aus Listen oder bei Antworten von selbst, die des Absenders ohnehin automatisch, kein Weg zum Postkasten, der Versand binnen Sekunden, der Empfang an jedem Ort der Welt etc. Niemand hätte gedacht, dass sich diese Reduktion auf das Wesentliche, die Mitteilung also, weiter reduzieren ließe! Im Gegenteil: Der Füller-Hersteller Pelikan wirbt mit dem Slogan »Schreib mal wieder« wie in den 80er-Jahren bereits die Deutsche Post (und meint damit keine E-Mails), und selbst die Deutsche Post bewirbt inzwischen nicht mehr nur die Snail-Mail[] mit speziellen Zielgruppenaktionen (»Barbie-Plusbrief«), sondern ihren größten Konkurrenten: die E-Mail (»E-POSTBRIEF«). Das Neue am E-POSTBRIEF ist die verschlüsselte Übertragung und digitale ID, womit ein Nutzer die Unterschrift mit dem Pelikan-Füller (zum archaischen Gerät »Füller« s. wikipedia.org) durch Bits ersetzt und damit alle Vorteile der E-Mail nutzen kann.

Kaum geboren und schon tot?

Ökonomischer sind tatsächlich Social Communitys[] wie facebook und Google+, bei denen selbst der Adressat in »Circles« aufgeht. Auch das Anklicken des »Antworten«-Icons entfällt: Mauszeiger in das Textfeld, tippen, ENTER, fertig. Das Gute daran: Der Sprachstil ist ökonomisch, die Mitteilung kurz und niemand kann es dem Absender übel nehmen. Die Rechtfertigung liegt im Technischen – mehr als 420 Zeichen sind nicht möglich.

Im Bereich der geschäftlichen Kommunikation sind facebook & Co. ebenfalls ein Segen. Die in Zeit und Geld konvertierbaren Worte

»Sehr geehrte Frau Schnippelmeyer,

vielen Dank für Ihre Anfrage und Interesse an unseren Produkten. Gern beantworten wir Ihre Mitteilung, in der Sie nach der Verfügbarkeit eines laktosefreien Produkts fragen. Wir möchten gern auf die zunehmende Nachfrage an laktosefreien Produkten reagieren und entwickeln derzeit ein Verfahren, mit dem es uns erlaubt, solche anzubieten. Mit der Fertigstellung rechnen wir im Quartal 4/2011 und würden uns freuen, wenn wir Sie dann von unserer Qualität überzeugen können. Seien Sie gespannt und schauen Sie im Oktober in das Kühlregal Ihres Händlers. Bezugsquellen nennt Ihnen gern auch unsere Marketingabteilung: 0800-6324k32.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre Molkerei Schnappinger«

[710 Zeichen zzgl. PC, Porto, Papier, Toner etc.]

können durch die günstige Zeile

»Wir arbeiten daran! Freuen Sie sich auf viele neue laktosefreie Produkte ab Oktober!«

[75 Zeichen zzgl. PC]

ersetzt werden. Verlustfrei?

Das fiktive Beispiel hat – zumindest auf Seiten von twitter und facebook – reale Dubletten, die zeigen, dass selbst die Anrede häufig entfällt bzw. auf eine »notwendige« @-Adressierung (@schnippelmeyer) reduziert wird (vgl. etwa Migipedia).

Eine Folge dieser Reduktion wiederum ist die der Beschleunigung der Kommunikation, da nicht nur – wie oben beschrieben – einfacher, sondern auch noch (teil)automatisiert kommuniziert wird. Ein Klick auf »Gefällt mir« oder das Einstellen (Posten) eines Bildes, eines Videos oder einer Webseite wird in facebook mit automatischer Kommunikation untermauert (»Frau Schnippelmeyer gefällt [...]«). Auf die durchschnittliche Anzahl an »Freunden« umgelegt sind mit einem einzigen Klick 130 kommunikative Teilprozesse verbunden, für die der/die Klickende nichts veranlassen muss. »Information overload« steht damit unter neuem Vorzeichen.

(Zwischen?-)Fazit

Aufwand und Ergebnis stehen mit den neuen Kommunikationswerkzeugen wie twitter, facebook oder Google+ in einem gänzlich neuen Verhältnis, wobei der Aufwand kaum mehr zu reduzieren ist. Aber davon gingen die meisten auch schon im Jahr 1995 aus – und klagen heute, dass die E-Mail zu unökonomisch ist.


Torsten Siever

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