Digitale Kommunikation

Websprache.net: Zu den Beiträgen

Nervenzellen

Im Folgenden geben wir einen Überblick über die Beiträge des Sammelbands Websprache.net.

Gundolf S. Freyermuth verfolgt in seinem grundlegenden Beitrag "Der Große Kommunikator" einen zentralen Aspekte internetbasierter Kommunikation, nämlich den der Verschmelzung verschiedener Medien (media merging) und die Konsequenzen von Transmedialisierung. Auf der Basis der technologischen Voraussetzungen digitaler Kommunikation und der sozialen Dynamik ihrer bisherigen Nutzung skizziert Freyermuth eine kurze Geschichte der gängigen Kommunikationspraxen und prolongiert diese Entwicklung in die nahe Zukunft. Dabei werden digitalisierte Kommunikationsformen nicht als simple Folge und Fortentwicklung vorgängiger Strukturen begriffen, sondern als "Exaptationen – zweckentfremdende Umfunktionierungen technischer Mittel durch avantgardistische Nutzergruppen", die zu verändertem Kommunikationsverhalten führen. Vor dem Hintergrund einer Theorie der Massenmedien stellt sich die Frage, wie das massenhaft genutzte Internet als neues Medium im Vergleich und in Relation zu den alten Medien zu begreifen ist. Stephan Habscheid setzt sich in seinem Beitrag "Das Internet – ein Massenmedium?" mit der Frage auseinander, ob das Internet – wie Niklas Luhmann gefragt und verneint hat – überhaupt als Massenmedium zu begreifen ist. Gegenüber Positionen, die den Aspekt der technischen Kommunikation und die Verbreitung von Information hervorheben, differenziert Habscheid zwischen Interaktion (sozial) und Interaktivität (technisch) und fokussiert auf semiotische und sozial-kommunikative Aspekte sowie Medienverbünde. Er vertritt die These, dass – wie früher in der Mediengeschichte auch – das neue Medium Internet neue Kommunikationsformen ermöglicht, Schwächen und Lücken alter Medien kompensiert und überbrückt und insofern neue Dimensionen der massenmedialen Kommunikation eröffnet.

Geben die ersten beiden Beiträge in kommunikationstheoretischer Perspektive eine Verortung internetbasierter Kommunikation, so werden durch die Beiträge von Uwe Wirth und Christa Dürscheid zwei zentrale und sprachwissenschaftlich gut untersuchte Kommunikationspraxen näher beleuchtet: die Chat- und die E-Mail-Kommunikation. Uwe Wirth analysiert die Chat-Kommunikation zwischen den Polen konzeptioneller Mündlichkeit und medialer Schriftlichkeit, da das Chatten einerseits den Charakter einer synchronen Kommunikationssituation (wie das Telefonieren) hat, andererseits schriftbasiert erfolgt. Die Wechselwirkungen zwischen fernschriftlicher und zeitsynchroner Kommunikation, Dialogizität und kommunikativer Dynamik bilden den Ausgangspunkt für Wirths Analyse des Chattens als Schreiben für den Moment. Dabei werden spezifische Formen der literaten Briefkommunikation als ergänzende Kontrastfolie herangezogen. Dass sich das Spektrum der schriftbasierten Kommunikationsformen nicht nur erweitert, sondern dass auch eine Umstrukturierung stattgefunden hat, zeigt sich nicht nur in der neu enstandenen Kommunikationsform des Chattens, sondern auch darin, dass der Brief nicht mehr das primäre schriftliche Kommunikationsmittel über räumliche Distanzen hinweg ist, sondern die E-Mail. In ihrem Beitrag zeigt Christa Dürscheid auf, welche Auswirkungen die E-Mail-Kommunikation auf das Briefschreiben hat, "was sich ändert, wenn Briefe am Computer geschrieben, mit dem Computer verschickt und am Computer gelesen werden, wenn also der gesamte Kommunikationsweg über ein Medium läuft". Die Änderungen betreffen nicht nur den Textaufbau, der durch das technische Medium teilweise vorgegeben ist, und die Möglichkeiten der Interaktion (Re-Mail), sondern auch die sprachliche Ausgestaltung vor dem Hintergrund formeller versus informeller Kommunikation.

Chat- und E-Mail-Kommunikation sind in erster Linie private Kommunikationsformen, wenn auch öffentliche Formen (Talkshow-Chat, Newsgroup-Mails) existieren. Genuin öffentliche Kommunikationsformen sind E-Zines und Onlinezeitschriften sowie andere Formen des Onlinepublishing (Verlagsportale etc.). Jannis Androutsopoulos gibt einen Forschungsüberblick über den professionellen Onlinejournalismus und den Internetablegern klassischer journalistischer Publikationsformen sowie über spezifische Formen der Netzpublikation, den E-Zines, Weblogs und Indymedia. Dabei werden einerseits textlinguistische und kommunikationswissenschaftliche Aspekte, andererseits linguistische Parameter in die Analyse einbezogen. Den Aufbau elektronischer Publikationssysteme in Konkurrenz zur klassischen Buchpublikation und zu Fachzeit­schriften und die Bedeutung dieser Systeme für die Wissensproduktion, -distribution und -rezeption ist Gegenstand des Beitrags von Michael Dürr. Dieser vertritt die These, dass "elektronische Publikationsformen durch die Möglichkeiten multipler Navigationsstrukturen und der Einbeziehung multimedialer Elemente bei allen Themen einen immensen Mehrwert [bieten], bei denen komplexe Zusammenhänge verdeutlicht werden sollen. Auch der bisherige Niedrigauflagenbereich für hochspezialisierte Forschungsarbeiten dürfte sich allein aus Kostengründen verlagern, besonders wenn die Titel über Fachportale bequem zugänglich und zusätzlich auch preisgünstig als Print on Demand-Ausgabe bestellbar sind", dies mit weitreichenden Folgen für den geisteswissenschaftlichen Bereich. Andererseits wird das traditionelle Buch in vielen Bereichen eine wichtige Rolle behalten und für Verlage weiterhin die erste Wahl sein.

Publizieren im Netz ist in der Regel mehr als einen klassischen Text 1 : 1 für das Internet umzusetzen: Die Hypertexttechnologie bietet Möglichkeiten, Texte in neuer Form zu generieren, was wiederum Auswirkungen auf die Textrezeption hat. Eva-Maria Jakobs und Katrin Lehnen thematisieren das Konzept des Hypertextes aus pragmalinguistischer Sicht und im Hinblick auf Spezifika hypertextuell fundierter Medienformen, aus textsortenspezifischer Perspektive in Bezug auf die Frage, welche neuen Formen der Konventionalisierung von Textmustern eingetreten sind, und im Hinblick auf die Evaluierung von Hypertexten, die bisher sprachliche und textsortenspezifische Aspekte weitgehend außer Acht gelassen hat. Welche Konsequenzen das Hypertext-Konzept und das Onlinepublizieren für neue Formen der Literatur haben, dies zeigt Roberto Simanowski in seinem Beitrag "Digitale Literatur" auf. Digitale Literatur ist nach Simanowski mehr als jene Literatur, die die digitalen Medien allein aus Präsentations- und Distributionsgründen (wie die Gutenberg-Bibliothek) nutzt, sie ist vielmehr durch die Eigenschaften Interaktivität, Intermedialität und Inszenierung charakterisiert mit entsprechenden produktionsästhetischen und rezeptionsästhetischen Auswirkungen. In seiner weiterführenden Analyse werden folgende Faktoren beleuchtet: "[D]er missverstandene Tod des Autors, der Leser als Koautor, der semantische Mehrwert der Linkstruktur, die Utopie der Interaktivität, die Ästhetik des Spektakels und die Wiederkehr der formalen Ästhetik sowie Aspekte der digitalen Ästhetik als Technikästhetik".

Ein spezifischer Aspekt von Hypertexten, die Text-Bild-Konstellation, steht im Vordergrund der Beiträge von Jens Runkehl und Torsten Siever. Während Jens Runkehl sich grundsätzlich mit dem iconic turn und dessen Bedeutung für netzspezifische Kommunikationsformen auseinandersetzt, analysiert Torsten Siever u.a. neue bild- und textbasierte Werbeformen, die Bannerwerbung und Interstitials[]. Entscheidend ist hier, dass vom statischen Bild bis hin zu Videoclips eine Verschränkung textueller, bildlicher und auch auditiver Information erfolgt. Multimedialität, Multimodalität und Interaktivität sind zentrale Faktoren, die das Internet für Werbetreibende so interessant macht.

In den letzten beiden Beiträgen wird verstärkt aus der technischen Seite heraus argumentiert, wird die Perspektive Mensch-Maschine-Kommunikation umfokussiert zur Maschine-Mensch-Kommunikation. Lingubots bzw. Chatbots[], computergenerierte Systeme, die in der Lage sind, über eine Ein- und Ausgabezeile oder durch ein Spracherkennungssystem mit einem menschlichen Nutzer in natürlicher Sprache in bestimmter Weise zu interagieren, spielen eine immer stärkere Rolle in internetbasierter Kommunikation und sind aus linguistischer und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive von besonderem Interesse. Michael Tewes zeigt in seinem Beitrag die sprachphilosophischen Hintergründe solcher Systeme auf und was dies für virtuelle/reale Kommunikation bedeutet, aber auch, wie leistungsfähig diese Systeme sind (bzw. nicht sind). Einen anderen Schwerpunkt verfolgt Rita Kupetz in ihrem Beitrag. Ihr geht es um die Frage, welches mediendidaktische Potenzial webbasierte Lernplattformen haben, inwieweit sie kollaboratives Arbeiten ermöglichen, ob sie klassische Lehr- und Lernformen ersetzen oder ergänzen. Kupetz vertritt die These, dass offene, nutzer-bestimmte E-Learning[]-Plattformen die Entwicklung vom isolierten Lernen zum stärker kooperativen Lernen unterstützen. "Dies setzt aber wiederum professionelle Nutzer, die ihre Bedürfnisse an die Softwareentwickler kommunizieren können, voraus. Des Weiteren steigt in der Wissens- und Informationsgesellschaft der Bedarf an Kooperation und damit Kommunikation, möglicher- bzw. notwendigerweise über das Internet. E-Learning wird zu Lernen mit, für und über Medien führen und damit zur Entwicklung der New Literacies beitragen".


Peter Schlobinski

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