Digitale Kommunikation

E-Mail: Netz-Korrespondenz auf Abwegen?

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Die E-Mail-Kommunikation gehört zu den ältesten Diensten vernetzter Computer. Im Gegensatz zur Chatkommunikation dient sie gleichermaßen privater wie geschäftlicher Korrespondenz, und schon von ihrer Anlage her ist sie asynchron (zeitversetzt) und wird auch im überwiegenden Fall demgemäß verwendet.

E-Mails haben andere Formen des Kommunizierens in mehr oder weniger großem Umfang substituiert. Zu nennen wären hier vor allem die mit deutlich höherem Aufwand und Kosten verbundenen Briefe (anfangs 'Snail-Mail[]' genannt) sowie Telefonate. Mittlerweile sind E-Mails im Kundenkontakt bindend, und beispielsweise die Schweizer Post offeriert unter dem Schlagwort INCA-Mail (Integrity, Non repudiable, Confidential and Authentic) rechtssicheren E-Mail-Verkehr (in Deutschland: DE-Mail).

Dabei gibt es neben der (bei 'normalen' E-Mails) fehlenden Unterschrift noch weitere Kriterien, die eine E-Mail vom Brief unterscheidet. Schreibfehler in der Adresse etwa führen unweigerlich zur Nichtzustellung – oder schlimmer: zu einer Zustellung an eine nicht vorgesehene Person. Auch Weiterleitungen sind ohne Aufwand möglich, was nicht immer im Interesse des Verfassers sein mag. Schwerwiegender erscheint allerdings die Tatsache, dass E-Mails virtuelle Dokumente sind, die ohne Ausdruck immateriell bleiben; als Wissens- und Belegdatenbank ist ein E-Mail-Archiv auf der Festplatte ebenso wenig geeignet wie als anschaulicher Belegschatz für intime Bekundungen (Wölfle 2003). Briefwechsel-Editionen prominenter Persönlichkeiten könnten eines Tages eine seltene Ausnahme darstellen. Hinzu kommt die Tatsache, dass E-Mails niemals mit Gewissheit in derjenigen Form beim Adressaten eintreffen, in der es der Absender vorgesehen hat. Trotz MIME[] und HTML[] können z.B. verwandte Schriften auf dem Zielrechner fehlen, ein Programm ohne entsprechende Unterstützung verwendet werden oder die Sicherheitseinstellungen die aufwändigst gestaltete E-Mail in simplen Nur-Text konvertieren. Geschwindigkeitsvorteil und Gestaltungsvielfalt dank Computernutzung auf beiden Seiten stehen folglich Unsicherheit und Unberechenbarkeit gegenüber – von Spam[] noch gar nicht gesprochen.

Der Sprachgebrauch (s. hierzu Ziegler/Dürscheid 2002) ist davon allerdings weniger betroffen. Dieser wird maßgeblich bestimmt von Kommunikationssituation und Adressatenkreis (festgehalten hat dies bereits Janich 1994) – also funktionalen Aspekten. Handelt es sich um eine Einladung, ein Kündigungsschreiben, einen Werbebrief, ein Glückwunschschreiben oder eine Produktbestellung, werden je spezifische Schreib'stile' verwendet. So zeigt sich dies bereits bei der Begrüßung, die je nach Bekanntheitsgrad, Anliegen und sozialem Gefüge mit Hallo, Sehr geehrte(r) Frau/Herr oder Liebe(r) beginnt. Letzteres scheint hierbei eine quantitative Aufwertung erlangt zu haben zu Lasten der förmlicher und distanzierter wirkenden Anrede Sehr geehrte(r) ... oder womöglich das archaisierte Verehrte(r) ... (das schon als markiert angreifend interpretiert werden kann). Allerdings liegen hierzu keine validen Daten vor. Ähnliches gilt für Verabschiedungen wie MfG resp. Mit freundlichen Grüßen (äquivalent hierzu das praktisch nicht mehr existente Hochachtungsvoll) und die diese zunehmend ersetzenden 'persönlicheren' Formen wie Liebe Grüße resp. LG.

Da einige Softwareprodukte manche Kurzformen automatisch in ihre Vollformen überführen ("Autokorrektur"), lassen sich über die Verwendung von Kurzwörtern und Abkürzungen nur sehr bedingt Aussagen treffen. Bezüglich der anderen aus Chats bekannten Merkmale ist festzustellen, dass eine Verwendung von z.B. Smileys deutlich seltener in Betracht gezogen wird, als dies beim Chat der Fall ist. Auch Inflektive wie *freu* oder *lach* treten selbst bei privater Kommunikation in geringerem Umfang in Erscheinung. Ein Erklärungsansatz wäre, dass Chats unmittelbarer und direkter sind sowie einen hohen Anteil an phatischer Kommunikation, also einen "Plauderanteil" aufweisen und dass "Zustands"ausdrücke wie *aufdenbodenwerf* in asynchronen Kommunikationsformen weniger Sinn machen als in (quasi-)synchronen. Insbesondere auch die vergleichsweise starke Wahrung der Schriftnormen (Orthografie und Zeichensetzung) ist gegenüber der Chatkommunikation auffällig, wenngleich auch hier teilweise die Software einzugreifen vermag (so 'korrigiert' Outlook etwa gibts in gibt's). Und auch hier sei wieder auf die Faktoren Adressat und Angemessenheit hingewiesen.

Besonderheiten ergeben sich vor allem durch die einfache Zitierung vorausgegangener Texte oder Textpassagen wie Fragen, auf die sequenziell reagiert werden kann und die Quasi-Dialoge (s. hierzu Runkehl/Schlobinski/Siever 1998) – oder im strengen Sinne Quasi-Paarsequenzen – darstellen.

Hallo [Vorname],
> bist du am Donnerstag da? Wenn ja, wann?
bin heute, morgen und am Freitag (vermutlich aber nur bis 13 h) in der Uni.

Beste Grüße
[Vorname]

Dennoch enthalten E-Mails wie ihre papierenen Pendants in der Regel alle Textstrukturierungselemente wie Absender und Adressat, Anrede, Textkörper und Grußformel und dürfen daher durchaus als Konkurrent (oder Nachfolger?) des Briefes bezeichnet werden.

Lesen Sie außerdem:

SMS: mobile Kurzmitteilungen

Chat: Status quo und Blick nach vorn


Torsten Siever

Zitierte Literatur

Janich, Ninam (1994). »Electronic Mail, eine betriebsinterne Kommunikationsform«. Aufsatz in der Zeitschrift Muttersprache. Vierteljahresschrift für deutsche Sprache. mehr

Runkehl, JensmPeter SchlobinskimTorsten Sieverm (1998). Sprache und Kommunikation im Internet. Überblick und Analysen. Opladen. online lesbar

Wölfle, Holger (2002). »Liebeskommunikation in E-Mails«. Aufsatz im Sammelband Kommunikationsform E-Mail. mehr

Ziegler, ArneChrista Dürscheidm (Hg., 2002). Kommunikationsform E-Mail. Tübingen. mehr

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Kommentare zu dieser Seite

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Samstag, 19. Mai 2012 Gast
gut
Sonntag, 23. Oktober 2011 Gast