Digitale Kommunikation

»Virtuelle Sprache« im E-Learning

Tastentippen

In der Kommunikation zwischen Menschen mit Hilfe von Computern und Handys haben sich sprachliche Formen entwickelt bzw. etabliert, die sich von der normalen Schrift- und Umgangssprache teilweise stark abheben. Die "virtuelle Sprache" wird nicht von allen Benutzern verwendet, ist aber auch längst kein bloßer Jargon einer Subkultur mehr.[1] Zu finden ist sie in allen möglichen Zusammenhängen und Medien, von der Unterhaltung über das Meeting bis hin zum E-Learning[], vom Diskussionsforum und Chat über E-Mail und SMS bis hin zum Virtuellen Klassenzimmer und Teamroom. Auch traditionelle (sich transformierende) Bereiche werden schrittweise erobert: Die "Zuschauer" des "interaktiven Fernsehens" der Musikkanäle bedienen sich bei ihren Flirtnachrichten und Lebensreflexionen ganz selbstverständlich der neuartigen Ausdrucksmöglichkeiten.

Der vorliegende Beitrag behandelt schriftliche Formen virtueller Sprache und stellt sie in Beziehung zu E-Learning-Maßnahmen. Gefragt wird danach, ob und wie die virtuelle Sprache elektronisch unterstütztes Lehren und Lernen fördern oder hemmen kann. Es geht weniger darum, endgültige Antworten zu geben, sondern mehr um die Schaffung des Bewusstseins dafür, dass man im E-Learning-Bereich spezifischen sprachlichen Herausforderungen nicht entgeht.

Merkmale "virtueller Sprache"

Die eine virtuelle Sprache gibt es eigentlich gar nicht; es gibt nur verschiedene Sprachformen, die von den einen mehr, von den anderen weniger verwendet werden und die in den einen Medien mehr, in den anderen weniger vorkommen. Manche der Formen sind auch nicht eigentlich neu, haben im Virtuellen aber einen veränderten Gebrauch und Charakter erhalten.

Im Folgenden werden außerordentliche Phänomene der virtuellen Sprache herausgegriffen und beschrieben.[2] Es interessieren Emoticons[], Sound- und Aktionswörter, Abkürzungen bzw. Akronyme[], Nicknames, Groß- und Kleinschreibung, Fehlerhäufigkeit und -toleranz sowie Dialekte (vgl. Bendel/Hauske 2004, 83 f. und Runkehl/Schlobinski/Siever 1998, 27 ff.).[3]

Mit Hilfe von Sonderzeichen wurden "Sprachbilder" mit emotionalem Ausdruck, so genannte "Emoticons", geschaffen. Die Figur erscheint meist um 90° gekippt. Den größten Teil der Emoticons bilden die Smileys. :-) bedeutet etwa "lachend, fröhlich, glücklich", :-( "traurig", ;-) verbildlicht den Vorgang des Zwinkerns und begleitet ironische Bemerkungen. Weitere Emoticons sind Bilder, die Gesten und Aktionen ausdrücken, z.B. *** für das Küssen. Es wurden für virtuelle Anwendungen ganze Kataloge mit einer Vielzahl von Emoticons entwickelt, wobei immer nur einige wenige zum Repertoire eines Benutzers gehören dürften. Über die Emoticons im engeren Sinne hinaus gibt es Zeichenkombinationen, die für Menschen und Figuren sowie Tiere, Pflanzen und Dinge (Katze, Rose, Tasse) stehen. Für einen Teil dieses Bereichs verwendet man auch den Begriff "ASCII-Art"; es handelt sich also um "Kunst", die auf dem ASCII[]-Zeichensatz beruht.[4]

Gefühle
:-)lachend, fröhlich, glücklich
:-]grinsend
;-)augenzwinkernd, ironisch
:-Dlachend
:-\unentschlossen
:-(traurig
Aktionen
((((Name))))Umarmungen einer Person
***Küsse
Menschen
{:-)Träger eines Toupets
:-#Zahnspangenträger
:-{}Lippenstiftträgerin
:-!Raucher
[:-)Walkmanhörer
:-[Vampir
Tiere, Pflanzen, Dinge
>^..^<Katze
<+))><toter Fisch
@)}->-->--Rose
@[_]Tasse Schokolade oder Tee

Tab.: Emoticons und ASCII-Art

Eine weitere Technik der virtuellen Verständigung stellen die Soundwörter dar, die auch als "Lautwörter" oder "Onomatopöien" bezeichnet werden. Diese sind dem Comic entliehen und dienen dazu, die in der Wirklichkeit auditiv wahrnehmbaren Ereignisse nachzuahmen oder gedankliche Vorgänge anzudeuten. Beispiele sind "ratter", "blablabla", "grummel" oder "pfffft". Eine dem Soundwort verwandte Methode ist der Einsatz von Aktionswörtern. Diese helfen hauptsächlich bei der Beschreibung von Vorgängen und inneren Zuständen. Aktionswörter werden meist über die Rückbildung von Infinitiven erzeugt, wie in den Beispielen "denk" oder "kicher". Daneben treten komplexere Sprachgebilde auf, etwa "aus der Haut fahr" oder "lieb kuck". Sound- und Aktionswörter kommen seit vielen Jahren ebenso im "Realen" vor, werden aber in virtuellen Umgebungen besonders vielfältig und intensiv eingesetzt.

Im Virtuellen werden auch Abkürzungen und Akronyme verwendet, die Satzteile und Redewendungen ersetzen, wie "lol" ("laughing out loud") oder "imo" ("in my opinion"), oder längere bzw. "kritische" Wörter eindampfen, wie "cs" ("cybersex"). Die Abkürzung kann ebenso durch die Ersetzung von Wörtern durch Buchstaben und Zeichen mit gleicher Lautung erfolgen, z.B. im Falle von "cu" ("see you") oder "2shy" ("too shy"). Im Bereich der Akronyme und Abkürzungen scheint im Übrigen die englische Sprache zu dominieren, während Sound- und Aktionswörter durchaus auch aus der jeweiligen Muttersprache der Benutzer hervorgehen. Natürlich sind Abkürzungen und Akronyme keine Erfindung der virtuellen Sphäre; sie sind aber dort sehr häufig zu finden, und sie stehen oft für Wörter und Sätze, die in diesem Kontext überhaupt erst entstanden sind.

Sprachlich und anderweitig bemerkenswert sind die Nicknames (oder "Nicks"), die Pseudonyme der Benutzer.[5] Kaum jemand heißt einfach Sarah oder Florian im Cyberspace, außer man gehört zu den Ersten der Stunde. Es gibt für manche Räume so viele Interessenten, dass man zusätzlich Zahlen und Sonderzeichen verwenden muss. Aus Sarah wird sarah20!, womit sie gleichzeitig ihr reales oder fiktives Alter angibt, aus Florian flo_m_freiburg, ein männlicher Benutzer aus Freiburg.[6] Man kann mit seinem Nickname sogar ausdrücken, welches Ziel man verfolgt oder welche Wünsche man hat, wie bei den Liebe- und Nähesuchenden sarah20!>m und flo_m_sucht_date. Die Vorstellungskraft des Benutzers wird dahingehend angeregt, so viel wie möglich in nur einem Wort bzw. einer Zeichenkette auszudrücken respektive zu erkennen.

Auffällig ist weiterhin die Fehlerhäufigkeit und -toleranz im virtuellen Medium, etwa in Chats und bei SMS. Da Chatten und Simsen von den meisten Usern als flüchtige Kommunikationsformen aufgefasst werden, bei denen es – wie beim Sprechen – nicht unbedingt darum geht, korrekte Sätze zu bilden, sondern vielmehr einfach darum, ohne größeren Aufwand irgendwie verstanden zu werden, ist meist wenig Akribie beim Verfassen der Texte vorzufinden. Auch das Gegenüber sieht in der Regel über Fehler hinweg, sowohl um die Fahrlässigkeiten oder Schwierigkeiten beim Produktionsvorgang wissend als auch selbst den Chat bzw. das Simsen als eine Art von Gespräch auffassend. Es handelt sich hierbei zwar um keine regelrechte Sonderform, aber immerhin um eine hervorstechende Eigenart des Virtuellen, die freilich ebenso im Realen immer mehr um sich greift.

Die häufig anzutreffende Kleinschreibung, ein weiteres Phänomen im elektronischen Bereich (zudem in bestimmten Kreisen seit jeher verbreitet), ist weniger im Kontext der Fehlerhäufigkeit und -toleranz zu sehen, sondern mehr als Anpassung an die Schnelligkeit des Kommunikationswerkzeugs zu verstehen. Insbesondere in synchronen Medien verschafft eine durchgehende Kleinschreibung einen gewissen Vorsprung.[7] Natürlich hilft sie auch, unter konsequenter Verwendung eines "Fehlers", richtige Fehler in der Groß- und Kleinschreibung überhaupt zu vermeiden. Die Großschreibung ist auf einer anderen Ebene angesiedelt: Sie meint meist eine besondere Betonung des Gesagten, ein – i.d.R. negativ wahrgenommenes – Hinausschreien der Wörter und Sätze.

Eine weitere Besonderheit der schriftlichen virtuellen Kommunikation ist die Wiedererstarkung der Dialekte. Wer in einen Schweizer Chat geht, stellt fest, dass dort der Dialekt eine große Rolle spielt, ja die dialektale Kompetenz geradezu die Eintrittskarte für den Schwatz im virtuellen regionalen Raum ist (vgl. Aschwanden 2001). Auch von Deutschen und Österreichern wird zuweilen der jeweilige Dialekt verwendet.[8] Die Benutzer schaffen dadurch – wie im realen Leben – eine Gemeinschaft, in der man sich nahe steht und zuhause fühlt. Andere, welche die Mundart nicht beherrschen, werden vielleicht nicht gänzlich ausgeschlossen, aber auf die Besonderheit der Gruppe aufmerksam gemacht und als andersartig erkannt. Hier muss man erneut über den virtuellen Tellerrand hinausschauen und feststellen, dass man in bestimmten Regionen und Ländern insgesamt vermehrt Mundart gebraucht, allerdings eher im Mündlichen als im Schriftlichen.

"Virtuelle Sprache" im E-Learning

Im E-Learning spielen Kommunikation und Kooperation oft eine wichtige Rolle. Lernende kommunizieren untereinander – in Learning-Communities oder einfach bei spontanen Nachfragen und bei Diskussionen – oder mit Tutoren und Moderatoren, Trainern und Dozenten, in virtuellen Kursen, Vorlesungen, Übungen und Sprechstunden. Sie kooperieren, in Lern- und Arbeitsgruppen, in Schulen, Hochschulen und Unternehmen. Dabei werden Kommunikations- und Kooperationswerkzeuge wie Diskussionsforum, Chat und Instant Messenger, E-Mail und SMS und integrierte Lösungen wie Virtuelle Klassenzimmer und Teamrooms eingesetzt. Damit trifft die virtuelle Sprache auf E-Learning-Maßnahmen, und die Frage lautet, wie sie in diesem spezifischen Zusammenhang zu beurteilen ist.

Sprache im Lernkontext sollte angemessen sein, sich mit den Erwartungen der Beteiligten, den Zielsetzungen der Maßnahmen, dem Gegenstand der Beschäftigung vertragen. Nicht jede E-Mail-Adresse und jeder Nickname ist für den Gebrauch im virtuellen Seminar geeignet. Anstößige und sarkastische, zweideutige und polarisierende Adressen und Bezeichnungen mögen ihre Berechtigung in bestimmten Kontexten haben, beim Lernen aber können sie andere ablenken, verunsichern und blockieren. Wie tritt man – um noch harmlose Beispiele zu nehmen – einem Lernenden mit der Adresse lady@killer.de gegenüber, wie Tutoren mit dem Namen Studentenschreck35 oder Null-Bock? Auch bestimmte (vor allem verdeckende) Abkürzungen sind in diesem Sinne kritisch zu betrachten. Es können insgesamt nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks, sondern sogar des Gesetzlichen überschritten werden. Sexuelle Diskriminierung und rassistische Anwürfe dürfen auch im Bereich des E-Learning nicht sein.[9]

Kommunikation im Lernkontext muss gelingen, damit das Lernen gelingt, damit Lernziele erreicht werden. So verbreitet bestimmte virtuelle Sprachformen sein mögen – im E-Learning-Bereich sind sie eher sparsam einzusetzen, da Dozenten, Tutoren und Lerner nicht zwangsläufig in ihrem Gebrauch versiert sind, auch wenn man sich "vorsätzlich" im Virtuellen trifft, und weil Kommunikation und Kooperation – anders als bei gewissen Formen der Unterhaltung – eben unbedingt gelingen müssen. Angesprochen sind hier insbesondere Abkürzungen und Akronyme, die beispielsweise in Chats in einer solchen Menge und Vielfalt auftauchen, dass auch geübte Benutzer nicht immer die Bedeutung erkennen.[10] Was "imho" heißt ("in my humble opinion") oder gar "pmfji" ("pardon me for jumping in"), wissen fast nur Veteranen oder Fans des Virtuellen. Auch Dialekt, der häufig zum Ausgrenzen und Vereinnahmen gebraucht wird, sollte sparsam verwendet werden, außer wenn die Gruppe in dieser Hinsicht außerordentlich homogen ist. Zu bedenken sind auch Alter und Geübtheit der Benutzer; in Weiterbildungsmaßnahmen, in denen sich ältere Manager befinden, kann keine größere Bandbreite an "sondersprachlichen" Formen vorausgesetzt werden.[11]

Lernen hat auch mit sozialen Faktoren zu tun, etwa wenn Lernende aufeinander treffen oder sich mit Tutoren und Dozenten verständigen müssen; das Soziale muss entsprechend Raum erhalten. E-Learning-Maßnahmen unterstellt man zuweilen eine soziale Unverträglichkeit. Sicherlich geschieht dies – zumindest jenseits des reinen Selbstlernens – zu Unrecht, bieten moderne Tools doch alle Möglichkeiten von Kommunikation und Kooperation. Allerdings werden mit dem schnell geschriebenen Wort Emotionen häufig entweder nicht genügend transportiert oder aber in einem gar nicht intendierten Sinne erzeugt, weil beispielsweise die Ironie undeutlich bleibt. Über gewisse sprachliche Formen kann im Virtuellen ein Ausgleich geschaffen werden, z.B. über das Arrangieren von Zeichen zu Emoticons, die Mimik ersetzen und Gefühle ausdrücken. Manche Kommunikationswerkzeuge bieten eine vorgefertigte Palette an solchen an, und die Beschränkung darauf kann eine sinnvolle Vereinbarung zwischen Lernenden und Betreuern sein. Auch Sound- und Aktionswörter können in diesem Zusammenhang Verwendung finden, wenngleich darauf zu achten ist, dass schnell eine comicartige und dadurch vielleicht weniger vertrauenswürdige Sprache entsteht. Die Großschreibung sollte man generell eher meiden; es mögen bei ihr zwar große Emotionen im Spiel sein, aber das Herumschreien wird selten positiv gesehen.

Beim virtuellen Lernen und Arbeiten möchte man als Lernender manchmal erkannt werden, manchmal unerkannt bleiben. Erkannt werden will man, wenn man Leistungen vorweisen oder sich – gegenüber Tutoren und Lernenden – profilieren will. Unerkannt will man bleiben, wenn man der Lernmaßnahme nur passiv folgt, uninteressiert ist oder Kritik äußern muss. Tutoren oder Moderatoren möchten die Lernenden entweder anonym behandeln oder um ihre Identität wissen. Die Anonymität kann das Richtige sein, wenn es nicht um die Leistungen Einzelner geht, Regeln und Prinzipien auf alle – ungeachtet ihrer Person und ihres Verhaltens – angewendet werden sollenund man sich besonders offene und kritische Äußerungen erhofft. Das Wissen um die Identität ist wichtig, wenn Tutoren und Moderatoren Einzelne im Blick haben, beurteilen und fördern wollen.[12] Nicknames stellen als Pseudonyme der Benutzer ein bevorzugtes Mittel dar, Anonymität zu erzeugen. Man kann sich hinter Phantasienamen verstecken, Geschlecht und Alter tauschen. Natürlich können Nicks auch dazu dienen, etwas sichtbar zu machen, etwa Wünsche oder Ziele. Die E-Mail-Adressen der Lernenden sind ebenfalls mehr oder weniger geeignete Möglichkeiten der Vertuschung und des Verschiebens. Allerdings ist häufig der Name zur Adresse bekannt, oder man unterschreibt selbst die E-Mail mit dem richtigen Namen. Zusätzlich zu Nicknames und Adressen kann man im virtuellen Raum mit seiner Identität noch spielen durch die Verwendung von Fehlern und Dialekten.

Im Lernkontext sollten Rechtschreib- und Grammatikfehler nur dann gemacht werden, wenn man sie korrigiert haben möchte, also etwa in Diktaten (wobei sie natürlich auch dort, im Interesse des Prüflings, möglichst selten zu sein haben). Die Fehlerhäufigkeit und -toleranz ist in E-Learning-Umgebungen eine echte Herausforderung. Einerseits fördern Schnelligkeit der Medien und sprechsprachliche Konzeption Fehlerhäufigkeit und -toleranz, andererseits ist dies im Lernbereich, wie angedeutet, als besonders heikel anzusehen. Die Akzeptierung von sprachlichen Fehlern unterläuft in Lernkontexten die Vermittlung von Inhalten, denn einem Lehrer oder Dozenten, dem zahlreiche formale Fehler unterlaufen, traut man ohne weiteres auch viele inhaltliche Fehler zu. Dazu kommt, dass Fehler der Form Fehler des Inhalts nach sich ziehen: Inhalte werden nicht verstanden oder fehlerhaft kommuniziert. Sowohl Lehrende bzw. Anleitende als auch Lernende sollten also alles tun, um sprachliche Fehler in virtuellen Lernumgebungen zu vermeiden oder wenigstens sichtbar zu machen.[13]

Sprache kann auch Gegenstand des Lernens sein, nicht nur Mittel. Wenn in einer E-Learning-Maßnahme virtuelle Sprache selbst thematisiert wird – etwa wenn es um Medienkompetenz geht -, werden andere Prinzipien für die Kommunikation gelten. Es darf aber selbst hier nicht auf die Beschränkungen verzichtet werden; Fehler sind zurückzudrängen, auch wenn man über Fehler spricht, Abkürzungen ebenso, außer wenn man sie thematisiert, genauso die Kleinschreibung, es sei denn, man hat guten Grund dazu. Als ausgesprochen interessant erscheint die Behandlung von Dialekten: Die ständige Verschriftlichung des Mündlichen und die Entzifferung des Verschriftlichten ist eine Methode für sich.

Resümee

Im virtuellen Raum ist eine Sprache entstanden oder aufgekommen, die ständig vielfältiger und -schichtiger wird und inzwischen auch auf unsere Umgangssprache abfärbt. Manche mögen sich angesichts des anarchischen Wesens der virtuellen Sprache unwohl fühlen. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass diese faszinierende Möglichkeiten des Ausdrucks und eine gewisse Schönheit in sich birgt. Allerdings muss sie sich nicht zwangsläufig überall mit all ihren Spielarten ausbreiten. Je nach dem Zweck des virtuellen Raums scheint die eine oder andere Verwendung und Betonung notwendig. E-Learning verlangt nach der Reduktion von manchen sprachlichen Formen, erlaubt aber auch die mehr oder weniger intensive Verwendung von anderen. Letzten Endes bestehen Ähnlichkeiten etwa mit betrieblicher Kommunikation oder mit der Kooperation zwischen Benutzern jenseits der Unterhaltung. Nicht die Fremdheit zwischen Personen ist es, die die sprachliche Diversität eindämmt, sondern die Fokussierung auf ein "ernsthaftes" Anliegen.[14] Dies bedeutet nicht, dass E-Learning keinen Spaß machen kann und soll; aber reine Unterhaltung wie in einem Chat ist es eben auch nicht.

Anmerkungen

[1] Obwohl der Begriff der virtuellen Sprache weder besonders präzise noch unmissverständlich ist, wird er im Folgenden – ohne Anführungszeichen – beibehalten. Mindestens ebenso problematisch wäre es etwa, von einer "Internetsprache" zu sprechen, da etliche der Sprachformen auch außerhalb des Internets – z.B. in mobilen Netzen – verwendet werden; "Netzsprache" wäre in diesem Sinne schon stimmiger. Der Begriff der virtuellen Sprache muss übrigens als ein Dach gesehen werden, unter dem ganz verschiedene Erscheinungsformen zuhause sind.

[2] Auffällig ist, dass die virtuelle Sprache in manchen Punkten der gesprochenen Sprache ähnelt (vgl. Bader 2002). Die Schnelligkeit der Medien und die oft vorhandenen dialogischen Strukturen sind zwei der Ursachen für den mündlichen Charakter.

[3] Neu verwendete Zeichen wie der Klammeraffe werden an dieser Stelle nicht thematisiert, genauso wenig wie "elektronische" Adressen (E-Mail- und Webadressen) oder Namen von Protokollen. E-Mail-Adressen werden aber im weiteren Verlauf des Beitrags noch eine Rolle spielen.

[4] Freilich kann auch das Überreichen einer Rose einen emotionalen Akt darstellen, so dass diese Zeichenfolge durchaus zu den eigentlichen Emoticons gezählt werden könnte. Auch andere Zeichenkombinationen sind sowohl dem einen als auch dem anderen Bereich zuzuordnen. Bei der ASCII-Art gibt es auch nicht gedrehte Bilder, etwa die Katze oder den toten Fisch.

[5] In vielen virtuellen Räumen sind Nicknames seit vielen Jahren obligatorisch. Mancherorts – etwa in bestimmten neueren Anwendungen der Social Software – verwendet man aber auch den realen Namen, obwohl (oder gerade weil) man dadurch viel von sich preisgibt.

[6] In Bezug auf das Alter ist zu beachten, dass bei registrierten Benutzern zwischen der Registrierung und dem Heute einige Zeit vergangen sein kann; so könnte sarah20! inzwischen 30 sein, aber immer noch an ihrem Nick festhalten.

[7] Allerdings ist sie auch bei asynchronen Medien wie SMS beliebt; dort gibt es indes andere Zwänge, insbesondere den fehlenden Komfort beim Schreiben.

[8] Vielfach finden sich in deutschen Chats auch – statt einer durchgängigen Verwendung von Dialekt – dialektale Einsprengsel. Zuweilen wird der Dialekt nicht bewusst, sondern unbewusst gebraucht.

[9] Übrigens gelten diese Ausführungen auch für die Präsenzlehre und "reale" Seminare, etwa die Kontaktaufnahme mit Studierenden/Lernenden und Lehrenden/Trainern im Anschluss an eine Veranstaltung, mit Blick auf die Sprechstunde oder bei der Prüfungsanmeldung.

[10] Es gehört in manchen Kreisen oder Altersstufen sogar zum guten Ton, in der Findung von Abkürzungen und Akronymen besonders originell zu sein und die Abkürzung dann feixend oder stolz aufzulösen.

[11] Umgekehrt ist immer wieder zu beobachten, dass sich gerade Ältere mit Freude der neuen Sprachformen
annehmen und damit auch Insidertum und Jugendlichkeit demonstrieren.

[12] Dass Tutoren, Moderatoren und Dozierende unerkannt bleiben wollen, dürfte eher selten vorkommen und
auch oft mit den Realitäten kollidieren.

[13] Bis vor einigen Jahren gehörten denn auch gute Pädagogik und gute Sprache in gewisser Weise zusammen.
Es ist nicht gerade ein großes Verdienst von einigen E-Learning-Experten, diesen Zusammenhang nachhaltig
gestört zu haben.

[14] Natürlich handelt es sich hier auch um dynamische Entwicklungen. Der Einsatz von E-Learning und mithin die Zunahme virtueller Kommunikation verlangt nach Computer Literacy, Web Literacy und Critical Literacy (vgl. Kupetz 2005, 266 ff.) – und einfach auch nach Literacy, also Lese- und Schreibfähigkeit.


Oliver Bendel

Zitierte Literatur

Abel, Jürgen (1999). Cyberslang. Die Sprache des Internet von A bis Z. München. mehr

Aschwanden, Brigittem (2001). »'Wär wot chätä?' Zum Sprachverhalten deutschschweizerischer Chatter«. Nr. 24 in unserer Online-Reihe Networx. online lesbar

Bader, Jenniferm (2002). »Schriftlichkeit und Mündlichkeit in der Chat-Kommunikation«. Nr. 29 in unserer Online-Reihe Networx. online lesbar

Bendel, OlivermStefanie Hauske (2004). E-Learning. Das Wörterbuch. Sauerländer Aarau. mehr

Kupetz, Rita (2005). »E-Learning«. Aufsatz im Sammelband Websprache.net. Sprache und Kommunikation im Internet. online lesbar

Runkehl, JensmPeter SchlobinskimTorsten Sieverm (1998). Sprache und Kommunikation im Internet. Überblick und Analysen. Opladen. online lesbar

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Kommentare zu dieser Seite

Vielleicht könnte man auch mal diese ewigen Fremdwörter ins Deutsche übersetzen
Mittwoch, 7. Februar 2007 Gast
Sehr interessant und sehr nützlich!
Freitag, 15. September 2006 Gast