Digitale Kommunikation

Chatten: Plaudern im virtuellen Raum

Tastentippen

Im Rahmen von computer-mediated Communication (Computer-vermittelte Kommunikation) zählen die Beschreibungen und Analysen innerhalb des Bereichs 'Chatkommunikation' zu den differenziertesten. Neben dem E-Mail-Dienst stellen sie zudem die am häufigsten genutzte Kommunikationsform dar. Sie ist streng genommen asynchron (Storrer 2001), da Sprachproduktion und Äußerung zeitlich getrennt erfolgen, d.h. eingegebene Buchstaben nicht sofort auf den Bildschirmen der anderen Teilnehmer erscheinen, sondern erst nach abschließender Betätigung der Enter-Taste. Da es sich jedoch nur um Verzögerungen im Sekundenbereich handelt, hat sich hierfür der Begriff ›quasi-synchron‹ etabliert (vgl. unten).

Vor dem Einstieg in den Chat schlüpft der Nutzer allerdings – unabhängig vom Ort des Chattens ('Plauderns') – mittels selbstgewählten Pseudonyms wie Lisamaus, Mazuiruu oder Mr.Right in eine virtuelle Identität, über deren Übereinstimmung mit dem 'Original' in Bezug auf Alter, Geschlecht oder Wesenszuschreibungen etc. der Chattende selbst entscheidet. Nach dem Betreten eines 'Raumes', der ein Gesprächsthema (Flirt) oder örtliche Verbundenheit (Muenchen) vorgibt, folgen in der Regel nach mehr oder minder langer Orientierungsphase Begrüßungssequenzen, wie im folgenden Beispiel die Zeilen 1, 3-5, 7-8 illustrieren.

(1)A: [zu B] hallöle ^^
(2)B: 7me und wünscht nen schönen rest Sonntag ^^
(3)C: Einen wunderschönen guten
(4)D: Hallo
(5)A: [zu B] ^^
(6)E: [zu G] wir mitn auto in nen gurkenlaster fährt is schon nen bissel kmiscvh
(7)F: [zu Q] na du ;)
(8)C: Tag an alle
(9)G: [zu E] ich lass mich aber nicht einsperren
(10)B: [zu A] hallöchen A
(11)H: [zu O] gehen wir in den raum daily/x?
(12)<I mal etwas länger weg ist.. mail schreiben ...lool>
(13)J: [zu G] kotz kotz kübel ohhhhhhhh doch
(14)A: [zu B] wie geht es dir?
(15)K: [zu D] hi
(16)<L geniesst die ruhe ...gg>
(17)M: [zu A] da gibts nur ärger wie man sieht .......lach
(18)<N trägt LaLaRu zurück in die Krabbelecke und gibt LaLaRu ein paar Legos zum Spielen.>
(19)A: [zu J] ähm..ja
[...] 
(20)O: [zu H] Bin schon drin

Quelle: Mainfranken-Chat, 03.07.2005; Mitschnitt hier

Der exemplarische (anonymisierte) Chatdiskurs ist bereits bereinigt von Computer-generierten Informationen wie 'volkan' kommt in den Raum Lobby gestürmt oder 'soistes' verläßt diesen Raum – und gleichwohl noch recht unübersichtlich. Geschuldet ist dies den parallelen "Gesprächssträngen" (Lenke/Schmitz 1995): In einem Chatraum ("Channel") sprechen – ähnlich dem 'Gesprächswirrwarr' in einem Partykeller – nicht sämtliche Personen miteinander, sondern unterschiedlich große Gruppen vorwiegend untereinander, und die Bildschirmzeilen stellen quasi das niedergeschriebene Protokoll des mit einem Raummikrofon aufgenommenen Ganzen dar. Hierfür wäre es notwendig, die parallelen Gesprächbeiträge zu arrangieren, was der den Chat anbietende Server erledigt, indem er die eingegangenen Äußerungen (chronologisch) an alle oder beim 'Flüstern' an ausgewählte Nutzer weiterreicht. Aus dieser Abfolge ergibt sich, dass der Text nicht Zeile für Zeile gelesen werden kann, sondern zuerst die zusammengehörenden Gesprächspartner ermittelt werden müssen; nur deren Zeilen ergeben einen kohärenten Sinnzusammenhang, ein Gespräch.

Die Verwendung des Wortes "Gespräch" statt "Diskurs" ist beabsichtigt, denn ein Chat lehnt sich stark an Gespräche an. Auch wenn zu Recht bemängelt wird, dass es sich nicht um direkte, wechselseitige Kommunikation handelt (Bittner 2003), hat sich dennoch gezeigt, dass sich die Instrumente der Gesprächsanalyse gut zur Untersuchung und Interpretation von Chats eignen (Schönfeldt 2001) und diese entsprechende Parallelen aufweisen.

Betrachten wir hierzu den Chatmitschnitt eingehender, so lassen sich zahlreiche Begrüßungs- und Verabschiedungssequenzen sowie gesprächseröffnende Äußerungen erkennen (Z. 3, 4, 8 etc.). Sie können allgemein an alle Anwesenden gerichtet sein oder direkt an eine bestimmte Person, was durch das vorangestellte Pseudonym signalisiert wird. Im obigen Beispiel muss A zwei Versuche unternehmen (Z. 1, 5), bis er (oder sie) eine Rückmeldung von B bekommt (Z. 10). Isoliert man die Gesprächszüge von A und B, ergibt sich ein typischer Gesprächseinstieg:

(1)A: [zu B] hallöle ^^
(5)A: [zu B] ^^
(10)B: [zu A] hallöchen A
(14)A: [zu B] wie geht es dir?
(17)M: [zu A] da gibts nur ärger wie man sieht .......lach
(19)A: [zu J] ähm..ja

Dieser wird jedoch unterbrochen durch 'Zwischenreden' von M in Zeile 17, der offenbar die unflätige Aussage von J (Z. 13) kommentiert. Die Ergänzung lach deutet allerdings schon darauf hin, dass J kein unbekannter Querulant ist, was sich spätestens im weiteren Gesprächsverlauf herausstellt (hier aus Platzgründen ausgespart; s. Mitschnitt). Deutlich wird an diesem kurzen Ausschnitt bereits, dass Personen im Chat zeitgleich an verschiedenen Diskursen beteiligt sein können. Dies zeigt sich auch an der Antwort von O, die auf die an sie gerichtete Frage gehen wir in den raum daily/x? antwortet: Bin schon drin (Z. 11; 20). Nicht nur die Kommunikation mit mehreren Personen wird folglich praktiziert, sondern dies auch noch in unterschiedlichen Räumen. Ein solches Verhalten ist nicht nur hoch kommunikativ, sondern ermöglicht den Chattenden auch, dort zu agieren, wo sich virtuelle wie persönlich bekannte Personen befinden oder der Dialog am interessantesten erscheint.

Erkauft wird diese 'Chatkompetenz' bisweilen mit fehlenden oder flüchtigen Rückmeldungen auf allgemeine Ansprache oder Fragen, wobei der z.T. als hastig erscheinende Sprachstil hierfür weniger verantwortlich ist. Vielmehr zeigen sich gesprächstypische, also für die mündliche Umgangssprache charakteristische Merkmale, die an einem weiteren (wiederum bereinigten) Beispiel verdeutlicht werden sollen:

(30)P: [zu A] na? auch wieda da?
(31)A: mom..... telefon
[40 sec]
(32)A: [zu P] also.. jetzte bin ich da..
(33)A: [zu P] ja, was hast gefragt?

In Zeile 30 etwa schreibt P wieda statt wieder, verschriftet also das, was sie in einem Face-to-Face-Gespräch lautlich geäußert hätte. Vergleichbares findet sich bei jetzte (Z. 30) oder gibts (Z. 17). Auffallend ist dies insofern, als es sich um geschriebene Sprache handelt, diese jedoch durchsetzt ist von Kennzeichen mündlicher Kommunikation. Wie oben angedeutet, handelt es sich bildlich gefasst um eine Art Gesprächsprotokoll, in denen jeder Kommunikant seine eigenen Äußerungen verschriftet. Um diese vermeintliche Diskrepanz aufzulösen, hat sich das Konzept der Trennung von konzeptioneller Realisation und medialer Realisierung durchgesetzt (Koch/Oesterreicher 1994). Während also das Medium textbasiert ist und neben der Übertragung von grafischen keine phonischen Zeichen (Laute) zulässt, verwenden die Sprachbenutzer keine an orthografische Regeln angelehnte typische Schrift- oder Hochsprache, sondern verschriften ihre gesprochene Sprache. Dies ist allerdings nicht grundlegend ungewöhnlich, denn auch die Rede eines Bundeskanzlers wird schriftlich fixiert, obgleich sie sprechsprachlich realisiert ist. Der Unterschied besteht jedoch neben der Lexik (hi, hallöchen; Z. 15, 10) in z.B. Apokopen (is statt ist, Z. 6) auf der Wortebene oder Ellipsen ([bist du] auch wieda da, Z. 30) auf der syntaktischen. Auch Assimilationen wie mitn (statt mit dem, Z. 6) werden realisiert. Darüber hinaus fallen Chatdiskurse durch den Gebrauch von Regionalismen und Dialektverschriftung (bissel, Z. 6) sowie durch die Verwendung von Interjektionen wie Gesprächspartikeln (ähm, Z. 19; ohhhhhhhh, Z. 13) auf.

Vor diesem Hintergrund erscheint der Terminus Gespräch nicht wirklich abwegig. Sichtbar wird dies im letzten Beispiel durch die nach einem Telefonanruf erfolgte Wiederaufnahme des Gesprächs seitens A: Die Frage was hast gefragt? (Z. 33) ist im Grunde überflüssig, da er im Chatfenster wenige Zeilen weiter oben die Frage von P hätte nachlesen können, was in einem Face-to-Face-Gespräch freilich nicht möglich ist. Dass A dennoch rückfragt, belegt m.E. ebenfalls die Gesprächswertigkeit des Diskurses.

In diesem Zusammenhang muss betont werden, dass die Chattenden um die Gesprächssituation wissen. Da Mimik, Gestik und andere außersprachliche Handlungen für die Gesprächspartner nicht sichtbar sind, bedarf es einer entsprechenden Kompensation. Als Mimikersatz dienen Smileys wie ;) in Zeile 7 als zwinkerndes 'Gesicht' (die Vollform mit Nase ist ;-).) oder Inflektive (lach, Z. 17; vgl. Schlobinski 2001), die häufig in Sternchen eingefasst werden. Letztere werden auch für komplexere Handlungen verwendet wie in *vordirindenstaubwerf*. Ferner finden auch Kurzwörter und Abkürzungen Anwendung (häufig als Akronyme[] bezeichnet) wie g für grins (hier gg, Z. 16) oder lol (hier lool, Z. 12) für engl. laughing out loud. Um Emphase auszudrücken, können Zeichen auch großgeschrieben oder iteriert (wiederholt) werden, wie dies bei gg in Zeile 16 realisiert worden ist. Die Zeicheniteration in Zeile 13 (ohhhhhhhh) stellt hingegen keine Emphase dar, sondern ist wiederum das schriftliche Pendant zum gedehnten Laut.

Ein weiterer Wesenszug von Chats ist Effizienz. Normgerechte Schreibung ist in der Regel einer gewandten, schlagfertigen Kommunikation untergeordnet, sodass sich in den seltensten Fällen Groß- und Kleinschreibung findet, sondern vorwiegend konsequente Kleinschreibung. Auch seitens der Orthografie wird wenig Wert auf normkonforme Schreibung gelegt, wie insbesondere Zeile 6 illustriert: wir mitn auto in nen gurkenlaster fährt is schon nen bissel kmiscvh. Die Vermutung, dass es sich um Schreibschwächen handelt, ist nicht nur vielfach bezweifelt worden, sondern zeigt sich auch innerhalb eines Chats. Als Ursache für die ›fehlerhafte‹ Schreibung wird in der Regel die Verwendung einer Tastatur in Verbindung mit der Dauer für das Tippen angesehen, das für den oder die Gesprächspartner unsichtbar abläuft. In der Umkehrung bedeutet dies, dass die Chattenden keine Kenntnis haben von einer Reaktion oder Inaktivität ihres Chatpartners. Folgerichtig bemühen sie sich um eine möglichst zügige Reaktion, schon um zu verhindern, dass andere früher oder zeitgleich reagieren – was zu Überlagerungen führt. Auch hier lässt sich wiederum Gesprächswertiges insofern erkennen, als man das Gegenüber nicht lange auf eine Antwort warten lassen möchte und kann. Parallelen lassen sich gar zu solchen Telefonaten ziehen, die unter einer 'schlechten Verbindung' leiden, d.h. wo zwischen Äußerung und Rezeption zeitliche Differenzen liegen. In solchen Fällen kommt es ebenfalls immer wieder zu parallelen Turns. Um dies beim Chat zu vermeiden, müssen Äußerungen schnellstmöglich produziert oder aber fragmentiert werden, wie dies in Zeile 32 und 33 realisiert worden ist. (Möglich wäre auch eine Deutung als Nachtrag.)

Neben der nicht normkonformen Orthografie bleiben weitere Möglichkeiten zur effizienteren Kommunikation. Auffällig sind hierbei fehlende Zeichensetzung sowie Phänomene wie die bereits genannten Ellipsen oder Assimilationen (kannste statt kannst du). Natürlich gehören auch Abkürzungen in diesen Bereich, wobei nicht nur konventionalisierte wie g gebraucht werden, sondern auch ad hoc gebildete wie mom für Moment (Z. 31).
Wenngleich die beschriebenen sprachlichen Merkmale in zahlreichen Chatdiskursen auszumachen sind, können sie je nach Serverbetreiber, Inhalt, persönlichen Erfahrungen (vor allem mit Chats), dem Alter und weiteren Variablen erheblich variieren – so etwa bei einigen moderierten (z.B. politischen) Chats (vgl. hierzu Diekmannshenke 2001) oder bei multilingualen Chats (Code-Switching).

Dieser Artikel ist Teil einer Grundlage für einen Text, der im Sprachdienst, Heft 5-6, 2005 abgedruckt worden ist.


Torsten Siever

Zitierte Literatur

Bittner, Johannes (2003). Digitalität, Sprache, Kommunikation. Eine Untersuchung zur Medialität von digitalen Kommunikationsformen und Textsorten und deren varietätenlinguistischer Modellierung. Berlin. mehr

Diekmannshenke, Hajo (2001). »'Das ist aktive Politik, Danke und Tschüß Franz'«. Aufsatz im Sammelband Chat-Kommunikation. Sprache, Interaktion, Sozialität und Identität in synchroner computervermittelter Kommunikation. mehr

Koch, PeterWulf Oesterreicher (1994). »Schriftlichkeit und Sprache«. Aufsatz im Sammelband Schrift und Schriftlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung. mehr

Lenke, NilsPeter Schmitz (1995). »Geschwätz im 'Globalen Dorf' – Kommunikation im Internet«. Aufsatz in der Zeitschrift OBST. Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie. mehr

Schlobinski, Peterm (2001). »*knuddel – zurueckknuddel – dich ganzdollknuddel*. Inflektive und Inflektivkonstruktionen im Deutschen«. Aufsatz in der Zeitschrift für germanistische Linguistik. mehr

Schönfeldt, Juliane (2001). »Die Gesprächsorganisation in der Chat-Kommunikation«. Aufsatz im Sammelband Chat-Kommunikation. Sprache, Interaktion, Sozialität und Identität in synchroner computervermittelter Kommunikation. mehr

Storrer, Angelika (2001). »Sprachliche Besonderheiten getippter Gespräche: Sprecherwechsel und sprachliches Zeigen in der Chat-Kommunikation«. Aufsatz im Sammelband Chat-Kommunikation. Sprache, Interaktion, Sozialität und Identität in synchroner computervermittelter Kommunikation. mehr

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Kommentare zu dieser Seite

klar, verständlich und Fachgerecht
Dienstag, 17. Juli 2012 Gast

Mittwoch, 30. Mai 2012 Gast
Super !!! hat mir sehr geholfen! SEHR GUT!
Dienstag, 24. Januar 2012 Gast