Digitale Kommunikation

Nicknamen in sozialen Medien

Der Fall von Twitter[] und PlanetRomeo

1 Einleitung

Die Benutzung des World Wide Web wird heutzutage von vielen als selbstverständlich wahrgenommen. Seine vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten sind ein integrativer Bestandteil unserer Alltagswelt. Trotz verschiedenster Nutzungsmöglichkeiten ist es wichtig zu betonen, dass »das Internet ein globales Netz« ist, das hauptsächlich »genutzt wird um Informationen abzurufen und um zu kommunizieren« (Runkehl et al. 1998: 27). Was den Teil der Kommunikation betrifft, unterscheiden Runkehl et al. drei große Kategorien: a. die E-Mail-Kommunikation, b. die Kommunikation in Newsgroup und c. das Chatten. Wobei die letzte auch die häufigste und »die populärste Form der Online-Kommunikation« sein soll. Ein wichtiger Unterschied zwischen dem Chatten und den anderen beiden Formen von Kommunikation ist, dass »[w]ährend in der Newsgroup- und E-Mail-Kommunikation die realen Namen der User gebraucht werden, wird in der Chat-Kommunikation die persönliche Identität camoufliert« (Runkehl et al. 1998: 85). Demnach müssen die Benutzer von Chatrooms bzw. sozialen Medien als allerersten Schritt ein Profil anlegen und einen bestimmten Namen wählen, der zur Selbstdarstellung dient. Einen solchen Namen nennen wir »Nickname«. Im Rahmen dieses Artikels werde ich anstatt des englischen Begriffes, die an das deutsche Deklinationssystem angepasste Variante »Nickname« verwenden. Ziel ist es, zu betrachten bzw. eher zu skizzieren, da ich mit einem relativ kleinen Corpus arbeite, auf welche Art und Weise Internetnutzer Nicknamen im Raum der sozialen Medien benutzen.

2 Theoretischer Hintergrund

Anhand des oben Genannten, könnte ich den Begriff »Nickname« als einen inoffiziellen, unrealen Namen betrachten, der im Kontext der Informationstechnologie benutzt wird, um als Namenmaske zu dienen. Die Nutzung eines solchen Namens hat mehrere Bedeutungen. Sie gewährt Anonymität, vermeidet die Mehrfachnutzung desselben Namens und erleichtert die Abkürzung zu langer Eigennamen. In diesem Sinne ist Nickname eine Art Pseudonym, »falscher Name«, wenn man den Begriff Pseudonym als Oberbegriff im Gegensatz zu Orthonym versteht. »Ein Pseudonym ist wie eine Maske, hinter der man sich versteckt, um eine neue Identität anzunehmen« (Debus 2012: 133). Trotzdem wird der Begriff Pseudonym [FN1] in der Literatur der Namenforschung sehr speziell benutzt; deswegen werde ich ihn auch hier als Synonym für Nickname vermeiden.

Bei der Literaturrecherche ist festzustellen, dass, zumindest was die englische Literatur betrifft, unter dem Begriff »nicknames« eine ganz andere Kategorie von Namen untersucht wird. De Pina-Cadral (1964: 149) z.B. fasst in seinem Artikel in der Zeitschrift Man die Erkenntnisse der Forschung von Gilmore und Breen über »nicknames« zusammen und beobachtet Folgendes:

(T)he problem is compounded by the fact that there are at least two rather distinct types of nicknames: personal nicknames and family or household nicknames. Gilmore’s approach is better suited to describe the former; Breen’s the latter.


Was de Pina-Cadral feststellt ist, dass es zwei verschiedene Typen von Nicknamen gibt, die entweder auf einer persönlichen Ebene oder innerhalb der Familie und des Hauses eine Funktion haben. Über Nicknamen im Internet ist nicht die Rede, denn im Erscheinungsjahr 1964 spielen sie noch keine Rolle. Ein paar Jahre später schreibt Jackson (1967) über die Wichtigkeit der Rolle von »Prison Nicknames« für die Gefängnisgesellschaft. Diese Studien und viele weitere werfen die Frage auf, ob der Begriff doch ein allgemeiner Begriff ist, der sich nicht nur auf die Informationstechnologie beschränkt oder ob es die letzten 40 Jahre doch eine semantische Veränderung des Wortes »Nickname« gegeben hat. Die zweite Möglichkeit erübrigt sich, wenn man in einem englischen Wörterbuch auf das Lemma »nickname« zurückgreift. Als »nickname« wird laut Oxford English Dictionary »a (usually familiar or humorous) name which is given to a person, place, etc. as a supposedly appropriate replacement for or addition to the proper name« definiert. Solch eine Definition aber, basierend auf der Tradition der deutschen Namenforschung, würde eher zum Begriff »Spitzname« passen, denn laut Nübling et al. (2012: 171) »sind Spitznamen inoffizielle, nicht erbliche Personennamen, die Menschen irgendwann im Laufe ihres Lebens bekommen können« und die »von außen vergeben« werden. Diese Feststellung zeigt uns, dass es einen Unterschied im Gebrauch des Wortes »Nickname« zwischen dem Englischen und dem Deutschen gibt. Da es sich im Deutschen um ein Lehnwort handelt, bleibt es uns nur übrig, den Begriff durch einen diachronischen Ansatz zu betrachten. Eine etymologische Analyse würde zurück auf das altenglische Wort ekename »Zusatzname« führen, das von der Phrase eaca »eine Verstärkung« und name abgeleitet wird. Später soll die falsche Segmentierung der Phrase »an ekename« zur einer neuen Analyse als »a nekename« geführt haben. Diese breite semantische Dimension des Begriffes auf das Englische als Zusatzname gäbe die Möglichkeit, den Begriff auf alle diese Bereiche, in denen eine Person einen Zusatznamen braucht, auszudehnen und im gegenwärtigen allgemeinen Lexikon die entsprechende Bedeutung des deutsches Spitznamens zu bekommen. Ich bin der Meinung, dass der englische Begriff »nickname« erst im Rahmen der Informationstechnologie eine zweite Bedeutung entwickelt hat. Dementsprechend wurde dieser Begriff zusammen mit anderen aus dem Bereich der Informationstechnologie vom Englischen auf anderen Sprachen übertragen, so auch ins Deutsche. Da aber die meisten dieser Sprachen schon ein eigenes Wort für die erste Bedeutung des Begriffes »nickname« hatten, wie z.B. das Wort »Spitzname« im Deutschen, hätte diese Bedeutung dieses eigene Wort blockiert, was zur Entlehnung nur der speziellen Bedeutung des Begriffes als Benutzername geführt hat. Nachdem ich skizziert habe, welche semantischen Dimensionen der Begriff Nickname im Alltag bzw. in der Linguistik bekommen kann, werde ich kurz die Ergebnisse von drei unterschiedlichen Studien beschreiben, die den Begriff in der bereits definierten Bedeutung (in Internet Chat-Räume) untersuchen bzw. behandeln.

Als Erste untersucht Haya Bechar-Israeli (1996) in ihrem ursprünglich auf Hebräisch geschriebenen Artikel »From >Bonehead< to >cLoNehEAd<: nicknames, play, and Identity on Internet Relay Chat«, Nicknamen von IRC-Chat-rooms. Bechar-Israeli betonnt darin die große Bedeutung dieser Namen für die Nutzer der IRC-Räume, nicht nur für ihre Netz-Identität, sondern auch für ihre reale Lebensidentität. Die Datenanalyse von - einem relativ kleinen - Corpus zeigen, dass nur selten die realen Namen als Nicknamen benutzt werden. Die meisten zeigen eine Tendenz zur Selbstpräsentation durch Darstellung verschiedener Seiten des Selbsts. Dabei fällt besonders auf, dass viele Nicknamen von der gegenwärtigen Kultur der Technologie beeinflusst werden.

In die gleiche Richtung gehen die Ergebnisse von Runkehl et al. (1998) in ihrem Buch »Sprache und Kommunikation im Internet«. Darin wird generell die Chat-Kommunikation in IRC-Räumen untersucht, einschließlich der Präsenz der Nicknamen als Teil dieser Kommunikation. Wie bei der Studie von Bechar-Israeli steht die Selbstpräsentation durch die Wahl von Namen, die spezifische Neigungen, Interessen, Hobbies und beliebte Idole zeigen, im Mittelpunkt. Im Gegensatz zu Bechar-Israeli ist die Nutzung von realen Namen, am meisten Vornamen, hier häufig präsent. Viele davon werden mit einem Zahlsuffix versehen, das auf das Alter der jeweiligen Person verweist. Den Anteil an Nicknamen mit englischer Herkunft finden die Autoren mit 18,8% relativ hoch. Was sehr wichtig ist, und von beiden Studien beachtet wurde, ist, dass im IRC die Nutzer sehr unkompliziert ihren Nickname modifizieren können. Das kann mit nur einem Befehl »jederzeit« passieren, »was für die Chatter auf dem Bildschirm als A is now known as B erscheint« (Runkehl et al. 1998: 74). Obwohl es nicht unmöglich ist, kann diese Modifikation in den modernen sozialen Medien, wie sie sowohl in meiner als auch Kaziabas Studie untersucht werden, nicht so einfach stattfinden. Dies spielt eine große Bedeutung bei der Wahl eines Nicknamens. Denn je schwieriger es ist, den Nicknamen zu ändern, desto fester und verbindlicher wirkt er für den Nutzer und desto größer wird der Einfluss auf seine Identität sein.

Viktoria Kaziaba (2013) untersucht in ihrer Studie über Namensmasken im Internet eine große Zahl von Nicknamen in der deutschsprachigen ICQ-Kommunikation. Sie stellt fest, dass diese so einzigartig in der Namensforschung sind, dass sie »eine absolut neue Art von Anthroponym« bilden. Dabei unterscheidet sie drei verschiedene Typen von Nicknamen: Autonym-Nicknamen, Pseudonym-Nicknamen und Nicknamen des Übergangstyps. Am Ende stellt sie fest, dass diese bestimmte Identitäts- und Sozialinformationen sprachlich reflektieren.

Da die Studie von Kaziaba meiner am nächsten ist, werde ich im Folgenden ihr theoretisches Modell übernehmen und meine Analyse daran ausrichten.

3 Material und Methodik

Als Forschungsmaterial dienen 716 Nicknamen, die in zwei unterschiedlichen Corpora unterteilt wurden. Die Daten dieser Studien stammen aus zwei weit verbreiten sozialen Medien: Twitter [FN2] und PlanetRomeo [FN3]. Beide Medien dienen einer unterschiedlichen Nutzung und zielen dementsprechend auf ein anderes Publikum. Durch den Einfluss des Internets auf unseren Alltag kann man behaupten, dass es sich um zwei gänzlich unterschiedliche communities of practice handelt (siehe Abschnitt 8). Bei beiden Medien habe ich mich auf Nutzer aus dem deutschsprachigen Raum beschränkt, eine Information, die dem selbsterstellten Profil der Nutzer zu entnehmen ist.

Twitter ist laut Wikipedia eine digitale Echtzeit-Anwendung zur Verbreitung von telegrammartigen Kurznachrichten, in denen persönliche Meinungen, Gedanken und aktuelle Tätigkeiten mit Followern geteilt werden. Da bei Twitter jede einzelne Person verpflichtet ist, sich mit doppeltem Nicknamen in Form von x@y (x= erster Nickname, y = zweiter Nickname, z.B. Arthur Schopenhauer@LeSchopenhauer) zu registrieren, ergeben sich bei 300 erhobenen Nicknameninsgesamt 600 verschiedene - was aber nicht der Fall ist, da man den gleichen Nicknamen für x und y benutzen kann. In der Corpusanalyse gibt es 216 Beispiele in denen sich x und y unterscheiden und 84 Beispiele in denen x und y identisch sind, wodurch bei 300 Profilen 516 verschiedene Nicknamen ermittelt werden konnten. Dabei muss auf jeden Fall beachtet werden, dass diese Dopplungen von Nicknamen sich auf die gleiche Person beziehen und nicht als etwas Neues betrachtet werden dürfen. Anhand dieser Feststellung bietet uns Twitter die Möglichkeit, entweder mehr Informationen über den ersten Nicknamen zu erhalten oder, bestenfalls, eine eindeutige Zuordnung zu einem semantischen Feld zu schaffen. Die 300 Nicknamen wurden in der vorgefundenen Reihenfolge von einer zufälligen Seite genommen. Als einziges Auswahlkriterium galt dabei die Bedingung, dass das Profil eindeutig einer männlichen oder weiblichen Person zuzuordnen war. Erstaunlicherweise sind von den 300 Nicknamen 138 Männern und 139 Frauen zuzuordnen. Das heißt 46% der Nicknamen führen zu männlichen Profilen und 46,3% zu weiblichen Profilen. Für den Rest (7,6%) war es nicht möglich herauszufinden, ob sie zu einem Mann oder zu einer Frau gehören.

Bei der Nicknamen-Bildung zur Erstellung eines Twitter-Accounts sind zwei wichtige Punkte zu beachten. Der Nutzer wird aufgefordert seinen Namen, seine E-Mail-Adresse und einen Nutzernamen anzugeben. Dabei steht es dem Nutzer offen, ob er seinen wahren Namen eingibt oder einen erfundenen. Während der Nutzername die y-Position bildet, schlägt das Programm einen Nickname für die x-Position vor. Dieser kombiniert Teile aus dem Namen und der Mailbox, er muss allerdings nicht genommen werden. Diese Feststellung zusammen mit der ersten Aussage über die Doppelform der Selbstpräsentation, haben öfters Konsequenzen für die Wahl der Nicknamen.

Das zweite soziale Medium ist PlanetRomeo. Laut Wikipedia ist PlanetRomeo das größte deutschsprachige Chat- und Kontaktportal für schwule, bi- und transsexuelle Männer im Internet, in dem man freundschaftliche und Sexkontakte knüpfen und pflegen, mögliche Partner für längerfristige Beziehungen finden oder auch nur einen Smalltalk mit einem Unbekannten führen kann. Hier spielt das Personenprofil eine sehr bedeutende Rolle. Es ist in der Analyse unsere Hauptquelle für Informationen wie Alter, Ort, sexuelle Positionierung und allgemeine Interessen. Diese Informationen sind wichtig für die Bestimmung der grammatischen, semantischen und soziopragmatischen Inhalte der Nicknamen.

Die Wahl dieser bestimmten sozialen Medien zielt auf die Hypothese ab, dass aufgrund der zwei unterschiedlichen Anwendungen, die unterschiedliche Funktionen und Thematiken haben, auch die Nutzer sich ganz unterschiedlich präsentieren. Da diese Präsentation in einem Medium stattfindet, in dem man nur schriftlich kommuniziert muss die Graphematik eine große Rolle spielen, was auch Kaziaba bewiesen hat. Anhand dieser Feststellung stelle ich die Hypothese auf, dass es Unterschiede zwischen den verschiedenen Ebenen der Grammatik gibt. Hinzu kommt, was schon Kaziaba an ihrer Studie andeutet, dass die Nicknamen verschiedene extralinguistische Informationen reflektieren. Soziolinguisten haben bewiesen, dass bestimmte soziale Charakteristika, wie z.B. das Geschlecht, in der Sprache nachgespiegelt werden. Anhand dieser Tatsache erwarten wir in Twitter, in dem wir Beispiele von beiden Geschlechtern haben, eine unterschiedliche Selbstpräsentation von Männern und Frauen, was Kaziaba auch angemerkt hat.

Im Folgenden werde ich meine Daten präsentieren mithilfe einer allgemeinen Klassifizierung, die uns einen ersten Überblick der Daten verschaffen wird. Danach werde ich mich an Kaziabas Studie orientieren und versuchen, anhand ihrer Kategorisierung Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden, um anschließend zu prüfen, ob meine Daten Kaziabas Daten bestätigen. Im dritten Teil werde ich versuchen, die Nicknamen auf ihre grammatikalischen Eigenschaften hin zu untersuchen, um meine Annahme über Unterschiede auf den verschiedenen Sprachebenen aufgrund des Einflusses der Graphematik in der Nicknameproduktion zu überprüfen. Letztendlich werde ich versuchen, die extralinguistischen Parameter zu berücksichtigen, und überprüfen, ob solche Informationen tatsächlich sprachlich in den Nicknamen reflektiert werden.

Das allgemeine Ziel meiner Analyse war es, deutlich zu machen, dass Nicknamen eine sehr wichtige sprachliche Funktion in der Medienkommunikation spielen und dass es Unterschiede nicht nur zwischen unterschiedlichen sozialen Medien gibt, sondern auch innerhalb desselben Mediums zwischen verschiedenen Sozialgruppen. Aufgrund des geringen Datenumfangs lassen sich damit aber nur Tendenzen skizzieren, für Generalisierungen müssten weitere Daten erhoben werden.

4 Allgemeine Klassifizierung

Da Kategorisierung es uns einfacher macht, Wissen zu verstehen, wäre es sinnvoll, die Nicknamen zuerst in bestimmten Kategorien zu untersuchen. Es ist offensichtlich, dass es möglich wäre, anhand der Kriterien mit denen wir arbeiten, verschiedene Kategorisierungen anzubieten, dennoch finde ich an dieser Stelle eine grobe Kategorisierung ratsamer. Unter diesen Umständen kann man folgende Nickname-Typen unterscheiden:

  • Realnamen[] (auch abgekürzt)
  • Spitznamen (außerhalb des Internets entstanden)
  • Namen bekannter Persönlichkeiten, Orte oder Gegenstände etc.
  • Pseudonyme
  • Ironische Namen
  • Leetspeaknamen
  • Neologismen

Da Twitter während der Registration nicht deutlich macht, dass die Anfrage für den reale Namen auch gleichzeitig in einen Vorschlag eines Nicknamens mündet (s.o.), sind die Realnamen [FN4] zumindest in diesem Medium die häufigste Kategorie. Man findet sie entweder als Ganzes (Gesamtname), d.h. der Eigenname als Kompositum, wie z.B. Daniel Mayer, oder nur als Rufname, wie z.B. Laura; ausschließlich den Familiennamen findet man nicht. Grund dafür ist einerseits die o.g. Tatsache des vorgeschlagenen Nicknamen (mit Eigenname), anderseits ist es für viele auch sehr wichtig, anhand ihres Nicknamens identifiziert zu werden. Eigennamen beziehen sich auf eine bestimmte Person. Rufnamen allein zeigen uns mehr. Rufnamen sind die »persönlichsten aller Personennamen« oder anders gesagt »die individuellsten Namen« (Nübling et al. 2012: 108-109). Das bedeutet, diese Kategorie wird absichtlich gewählt, mit der Intention der Personen sich hervorzuheben.

Während die Nutzung der vollen Eigennamen und Rufnamen bei Twitter wichtig und ein positiver Faktor ist, ist es bei PlanetRomeo ein negativer. Hier ist es wichtig die persönliche Identität zu camouflieren, anstatt identifiziert zu werden. Deswegen ist es nicht erstaunlich, dass kein einziger voller Eigenname als Nickname zu finden ist. Auch Rufnamen werden mit 9% weniger höufig verwendet als bei Twitter (14,3%), denn bei der Camouflage geht es weniger darum sich zu individualisieren. Obwohl andere reale Daten wie Alter oder Wohnort zugänglich sind, scheint der Name hier eine zu persönliche Information zu sein. Genau deswegen ist es auch zu erwarten, dass viele dieser Rufnamen keine Klarnamen sind, sondern nur als solche dienen.

Die Übertragung des Spitznamens eines Nutzers, der außerhalb des Internets entstanden ist, auf die Ebene des Nicknamens, scheint sinnvoller. Spitznamen sind als Personennamen individuell. Sie beziehen sich meistens stark auf eine bestimmte Person, denn sie zeigen ein bestimmtes Charakteristikum, das nur diejenige Person hat. Gleichzeitig aber dienen sie erfolgreich als Camouflage, denn Bedeutung haben sie nur dann, wenn sie in einer bestimmten Sozialgruppe benutzt werden, die diesen Namen semantisch nachvollziehen kann. Spitznamen sind aus diesem Grund nicht so verbreitet wie die offiziellen Rufnamen. Weil aber Spitznamen meistens nur in einem bestimmten Kontext, unter bestimmten Personen zu verstehen sind, ist es auch für einen Sprachwissenschaftler schwieriger, verschiedene Nicknamen der Kategorie Spitzname zuzuweisen. Nicknamen wie bienchen bei Twitter oder DasDickerchen bei PlanetRomeo kann man nur als Spitznamen identifizieren, weil sie häufig als solche im realen Leben fungieren. Ein wichtiges Merkmal von Spitznamen ist, dass die meisten einen positiven (Kosenamen) oder negativen (Spottnamen) Aspekt einer Person aufzeigen.

Auch Pseudonyme als Nicknamen sind mitunter schwierig zu erkennen. Bezüglich der Namen bekannter Persönlichkeiten, ist es grundsätzlich in Fällen vorstorbener Berühmtheiten wie z.B. Arthur Schopenhauer bei Twitter oder Schiller123 bei PlanetRomeo offensichtlich, dass der Nickname nicht der bekannten Persönlichkeit zugewiesen werden kann. Beispiele wie Helene Fischer aber können sich grundsätzlich tatsächlich auf diese Persönlichkeit beziehen, denn es handelt sich um ein soziales Medium, das auch bei berühmten Persönlichkeiten sehr populär und stark verbreitet ist.

Ironische Namen sind nur dann einfach zu erkennen, wenn der Nickname deutlich von der Norm abweicht oder scharfe Kritik aufweist wie z.B. der Nickname behoerdenstress.

Interessanter sind Kategorien die eine größere Produktivitätsleistung zeigen, wie Leetspeaknamen, Neologismen und kleine Sätze. Leetspeaknamen sind Namen die aus Wörtern bestehen, in den die Buchstaben durch ähnlich aussehende Ziffern bzw. Sonderzeichen ersetzt werden. Solche Beispiele sind in meinen beiden Corpora nicht zu finden. Bei Neologismen dagegen ist es sehr wichtig darauf zu achten, welche der Wortneubildungen wahre Neologismen sind und wie konsolidiert sie in diesem Fall sind, und welche nicht. Beispiele wie hormonlotto bei Twitter oder Tennislegende bei PlanetRomeo zeigen das Problem auf.

Auffällig ist, dass bei PlanetRomeo eine größere Zahl von Anglizismen auftaucht (25% der Nicknamen) als bei Twitter (12,5% der Nicknamen). Die Erwartung ist, dass je offener das Medium für sein Publikum ist, desto angepasster wird es sein an die Kultur des jeweiligen Publikums. Twitter gilt dafür als ein Beispiel.

5 Spezielle Klassifizierung

Wie schon erwähnt, unterscheidet Kaziba drei verschiedene Kategorien von Nicknamen, mithilfe derer sie ihre Analyse durchführt: Autonym-Nicknamen, Pseudonym-Nicknamen und Übergangsnicknamen. Entscheidend für die Zuordnung eines Nicknamens zu einer Gruppe ist mit den Worten von Kaziaba (2013: 329), »welche sprachliche Einheit ihm zu Grunde liegt«: Autonym-Nicknamen sind diejenigen, die den realen oder einen Teils des Eigennamens des Benutzers nennen, Pseudonym-Nicknamen diejenigen, die von einem Lexem gebildet werden, das entweder von einem Appellativum oder von einem fremden Eigennamen abgeleitet wird, und Übergangsnamen schließlich diejenigen, die den Eigennamen des Benutzers mit einem Appellativum bzw. einem fremden Eigennamen kombinieren.

Wie wir schon gesehen haben, gibt es im Twitter-Corpus eine große Zahl von Autonym-Nicknamen (38,5% der untersuchten Einheiten), die entweder die eines Kompositums mit Rufname und Familienname haben (26,7% der untersuchten Einheiten) oder nur aus den Rufnamen bestehen (11,8% der untersuchten Einheiten). Anders finden wir bei PlanetRomeo nur Rufnamen als Belege dieser Kategorie - bei nur 1,5% der untersuchten Einheiten. Der Anteil dieser Kategorie von Nicknamen stimmt mit dem Anteil von Kaziaba (35% sind da Autonym-Nicknamen) bei Twitter überein. Die Variante der aus Familiennamen bestehenden Nicknamen tritt, im Gegensatz zu Kaziabas Studie, bei beiden Medien nicht auf. Kaziaba nennt folgende Motive für die Nutzung solcher Namen: »Verzicht auf die virtuelle Maske, Streben nach maximal realistischer Selbstpräsentation, Zufriedenheit mit realen Namen«. Das trifft auch auf meine Studie zu, denn die unterschiedlichen Zwecke von Twitter und PlanetRomeo spiegeln sich in der Nutzung dieser Namenkategorie wider. Bei Twitter, bei dem auf die virtuelle Maske verzichten kann und mehr nach realistischer Repräsentation gestrebt wird, ist der Anteil von Belegen dieser Kategorie deutlich höher als bei PlanetRomeo, bei dem man eher um maximale Anonymität bemüht ist. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass viele Nutzer bei Twitter ihren realen Name als Nicknamen eingeben, ohne zu wissen dass dieser als Nickname angezeigt wird - ein bereits erwähntes Problem.

Die zweite Kategorie, die der Pseudonym-Nicknamen, scheint wie bei Kaziaba die produktivste zu sein. Bei Twitter ist die Abweichung von der autonymischen Art der Selbstnomination nicht groß: nur 39,3% des Gesamtcorpus entfallen auf diese Kategorie. Bei PlanetRomeo aber ist der Anteil mit 75% deutlich größer. Hier streben die Nutzer nach »maximale[r] Anonymität, Maskierung der Persönlichkeit, Bedürfnis nach Demonstration der Originalität und/oder der Kreativität, Humor und (Selbst-)Ironie und dem Wunsch, sich von anderen Benutzern abzugrenzen«. Basierend auf Kaziabas Unterteilung habe ich meine Daten dieser Kategorie ebenfalls auf ihre drei Untertypen aufgeteilt: monokomponentige Pseudonym-Nicknamen, die aus einem Lexem (Brokkoli) oder aus mehreren Lexemen kombiniert sind (Katzentanzlied) bestehen, polykomponentige Pseudonym-Nicknamen, die aus zwei oder mehreren (getrennten) Lexemen (Deine Mutter) bestehen, und Pseudonym-Nicknamen, die aus fremden oder Präzendenznamen produziert werden (La Zoro). Die erste Kategorie ist im Gegensatz zu den anderen am Häufigsten vertreten. 27,5% des Gesamtcorpus bei Twitter (70% der Pseudonym-Nicknamen) und 55% bei PlanetRomeo (73,3% der Pesudonym-Nicknamen) entfallen hierauf. Die monokomponentigen Einheiten, die aus nur einem einfachen Lexem, einem Simplex, bestehen, sind allerdings sehr viel weniger vertreten. Stattdessen dominieren Paralexeme, die genau wie bei Kaziaba, entweder ein eigentliches Kompositum (Puppenspieler), ein uneigentliches Kompositum (krokodilgemuese) oder eine Zusammenrückung (herzausholz) sein können. Bei Twitter kann man beobachten, dass die Zusammensetzung (Komposition) im Kontrast zur Zusammenrückung dominiert (61,8% sind Komposita), was mit den Ergebnissen von Kaziaba übereinstimmt. Bei PlanetRomeo beobachten wir aber das Gegenteil. 58,3% der Nicknamen, die einen von beiden Phänomenen zeigen, sind hier als Zusammenrückung geformt. Grund dafür kann sein, dass es bei PlanetRomeo eher die Tendenz gibt, Tätigkeiten oder Wünsche in die Nicknamenbildung einzubringen. Die Selbstpräsentation spielt bestimmt eine große Rolle, aber was am Ende wichtig ist, ist so schnell wie möglich, wenn man sich einloggt hat, mit Personen mit denselben Zielen und Wünschen zu kommunizieren. Das schafft man am besten mit Verben oder Sätzen. Da es bei Twitter mehr um persönliche Statusmeldungen (Tweets) geht, sind die Charakteristika der Persönlichkeit eher wichtiger, was mit Appellativa oder Adjektiven besser ausgedrückt werden kann.

Der Untertyp der polykomponentigen Nicknamen kommt an zweiter Stelle mit 6% bei Twitter und 10% bei PlanetRomeo. Die Gründe für den Unterschied zwischen den beiden Medien könnten dieselben sein, die für die Differenzen zwischen Zusammensetzung und Zusammenrückung verantwortlich sind. Zur Erfüllung der Ziele helfen unterschiedliche Wortarten. Auffällig ist, dass anders als in der ›normalen‹ Schriftsprache, Phrasen oder Sätze öfters als monokomponentige Einheiten geformt statt getrennt geschrieben werden. Das könnte daran liegen, dass Menschen die Namen als eine Kategorie von monokomponentige Zeichen im Kopf haben. Man erwartet deswegen, dass die Nicknamen genauso wie die Namen »monokomponentisch« gebildet werden.

Die dritte Unterkategorie besteht aus Nicknamen, die einen fremden Namen adaptieren. Das kann der Eigenname eines unbekanntes Individuums (was ich nicht nachvollziehen konnte, da dies einen Kontakt mit den Nutzern erfordert hätte) oder einer berühmten Persönlichkeit (Ricky-Martin) sein. Beide Möglichkeiten nennt Kaziaba (2013: 333) Fälle von Transanthroponymisierung. Auch zählen Namen von fiktiven Film- oder Buchcharakteren wie La Zoro in diese Unterkategorie. Es bestehen jedoch Unsicherheiten, auch wenn es genügend Gründe gab, z.B. die Twitter-Nicknamen Dieter Nuhr oder Helene Fischer als Autonym-Nicknamen und nicht als Transanthroponymisierungsfälle zu kategorisieren, da bei Twitter die Wahrscheinlichkeit, dass berühmte Persönlichkeiten ein Profil haben, relativ hoch ist.

Die dritte Kategorie, die der Übergangsnicknamen, besetzt einen knapp gleichen Anteil in beiden Corpora meiner Arbeit: 16,8% im Twitter, 15% im PlanetRomeo. Hierzu gehören Beispiele, die Elemente aus den beiden anderen Kategorien kombinieren, d.h. ein reales Anthroponym mit einem Appellativum bzw. mit einem fremden Namen. Der sehr häufige Fall der Kombination eines Namens mit einer Ziffer (Alessandro52) wurde auch dieser Kategorie zugeordnet. Grundsätzlich kann man diese Kategorie so verstehen, dass die autonymische Selbstpräsentation im Vordergrund steht, aber noch mit mehreren Informationen über den Benutzer versorgt wird.

Zur vierten Kategorie gehören Nicknamen die absolut unmotiviert sind, »die als chaotische Reihenfolge von Buchstaben, Symbolen oder Zahlen dargestellt sind« (Kaziaba 2013: 335): !, i_i_d, c6896b8ee4204a6. Kaziaba erkennt hier die Unlust oder die fehlende Zeit, sich einen Nicknamen auszudenken. Eventuell können diese Beispiele jedoch ein bestimmtes Motiv verbergen, zu dem wir keinen Zugang haben. ! kann z.B. die Bewunderung für irgendwas ausdrücken, ein Gefühl, das anstatt mit Wörtern einfach mit einem Symbol ausgedrückt wird. Deswegen sind auch beide Belege, 21 und 0152 52[xxxx]24, in denen man ein Motiv erkennen kann, trotz ihres mononumerischen Charakters, abgeschlossen und nachvollziehbar, denn das erste dürfte das Alter anzeigen und das zweite die Handynummer der Benutzerin (4 Ziffern sind anonymisiert). Zu beachten ist, dass ein recht großer Anteil von Nicknamen (11% bei Twitter, 6% bei PlanetRomeo) nicht nachvollzierbar ist. Diese Namen können unmotiviert sein, scheinen aber nicht so. Auf jeden Fall fehlen Daten, mithilfe derer die Nicknamen semantisch spezifiziert werden könnten. Ein Beispiel wäre elBorto666, das Elemente aus einer anderen Sprache zeigt, aber trotzdem problematisch erscheint. Im Spanischen gibt es das Wort el aborto ›die Abtreibung‹, das zusammen mit der Ziffernfolge 666 semantisch in Richtung Dämonen und Schwarze Magie oder in musikalische Bereiche wie Black Heavy Metal führen. Eine Erklärung muss aber offen bleiben, da es im Spanischen kein Wort Borto gibt. Soll es ein Fehler sein oder dient die Abwesenheit des a dem Ausdruck des Gegenteils von aborto?

6 Grammatikalische Beschreibung der Nicknamen

Im Gegensatz zu Nomen »befolgen Namen« nicht nur im Deutschen, sondern auch in anderen Sprachen »eigene grammatische Regeln« (Nübling et al. 2012: 64), was in der alltäglichen Rede einfach zu erkennen ist. Nübling et al. gehen von einem funktionalen Grund aus:

Die onymische Sondergrammatik dient der Abgrenzung der E[igen]N[amen] von den APP[ellativa], aber auch der Schonung ihres Namenkörpers. Dies ermöglicht es EN und APP, von gleichen Ausdrücken Gebrauch zu machen, d.h., man muss nicht zwei getrennte Inventare memorieren.

Die Frage ist, ob Nicknamen als Subkategorie der Namen die gleiche Eigenschaft aufweisen oder ob eine bestimmte ›Sondergrammatik‹ erfordern. Nicknamen sind eher Sprachzeichen, die wir meistens nur in der Parole finden können, da es klar ist, dass die Richtung der Produktion von der Gesellschaft zur Sprache ist und nicht umgekehrt. Trotzdem setzen sich die Nicknamen aus anderen Wortartkategorien, wie die der Namen oder der Appellativa zusammen. Da es mehr um soziale Sprachzeichen geht, die wegen ihres unsystematischen Charakters nicht in einer bestimmten Sprache grundsätzlich verankert sind, könnte man behaupten, dass es keinen Grund gibt, diese Form von Namen in eine strukturalistische Grammatikbeschreibung zu pressen. Die Soziolinguistik hat trotzdem bewiesen, dass viele soziale Faktoren in bestimmter Weise die Sprache beeinflussen und dass soziolinguistische Phänomene nicht so unsystematisch sind, wie sie am Anfang scheinen. Um solche und ähnliche Fragen zu beantworten, müssen wir erst die unterschiedlichen Bereiche der Grammatik (Phonologie, Flexion, Syntax und Orthografie) untersuchen.

Sprachwissenschaftler haben festgestellt, dass die Ableitung der Eigennamen aus Appellativa ökonomische Gründe aufweist, damit man nicht zwei absolut verschiedene Lexikoninventare benötigt, um beide Substantivkategorien auszudrücken. Deswegen spielen (um eine Trennung zwischen beiden Kategorien zu schaffen) phonologische Abweichungen oder Abweichungen in der Prosodie eine enorme Rolle (Nübling 2012:67). Die Erkenntnis lässt sich auch als Annahme auf die Nicknamen übertragen, denn wie wir schon gesehen haben, werden viele Nicknamen auch aus Appellativa oder andere Namen gebildet. Bei der Bildung der Nicknamen gehen die Nutzer jedoch einen Schritt weiter. Unser Material zeigt Beispiele wie herrrobert, herrreckert, wittttmuund, Xoph, Lücäs. Alle diese Beispiele sind mehr oder minder ungewöhnlich für das deutsche phonologische System. Und einige verstoßen sogar gegen allgemeine phonetische Regeln. Diese Abweichung ließe sich u.U. mit dem einzigartigen Charakter der Internetkommunikation erklären. Was hier im Vordergrund steht, ist die schriftliche Form der Sprache: Die Nicknamen dienen als Titel jedes Profils, man liest und schreibt sie, muss sie aber nicht aussprechen. Deswegen kann man generalisieren (soweit die Daten dies erlauben), dass aufgrund der Wichtigkeit der Schreibung, die phonologische bzw. phonetische Regeln missachtet werden.

Da wir keine syntaktische Verwendung der Nicknamen, also kein Flexionsparadigma von ihnen haben (da ich keine Chattexte analysiert habe), können wir morphologisch nichts über die Kasusflexion oder die Pluralflexion der Nicknamen aussagen. Wie wir schon gesehen haben, werden in beiden Corpora die Zusammensetzung und Zusammenrückung als Hauptmechanismen der Wortbildung von Nicknamen herangezogen. Als Zusammenrückung finden wir meistens die Kombination von einem Substantiv mit einem Adjektiv in attributiver Position (KleinerTod), aber auch Substantive mit definiten Artikeln (DasBisschen), Phrasen (missoneandonly), Phraseologismen (kurzvorhalb12) oder kurze Sätze (heutebinichgeil). Die Beispiele der Zusammensetzung trennen sich, wie schon erwähnt, in eigentliche Komposita und uneigentliche Komposita. Da das Phänomen der Komposition in der deutschen Sprache ein hochproduktiver Mechanismus der Wortbildung ist, ist auch erklärbar, warum die meisten belegten Komposita eigentliche Komposita sind. Die Analyse dieser Kategorie zeigt uns, dass die Wörter von der realen Sprache direkt übernommen werden. Obwohl die Nutzer theoretisch die Gelegenheit hätten, mit dieser Kategorie zu »spielen« und aus weinakademie »akademiewein« zu bilden, scheinen Eigenschaften wie das Rechts-Kopf-Prinzip (Wasserkunst) oder die Präsenz von Fugenelementen wie bei Hexenweib64♏< Kirsten (Hexenweib) beachtet zu werden. Hier spielen nicht nur morphologische, sondern auch semantische Faktoren eine große Rolle. Bei anderen morphologischen Phänomenen wie z.B. dem der Steigerung, z.B. dumm_duemmer (dumm_duemmer), das man relativ oft in der Nicknamenproduktion vorfindet, werden ebenfalls die Regeln beachtet. Aus einer morphosyntaktischen Perspektive werden Konzepte wie die Rektion oder die Kongruenz ebenfalls beachtet. Unter »Rektion« versteht man die Festlegung eines grammatischen Merkmals von einem bestimmten Element, wie bei herzausholz, in dem die Präposition »aus« den Kasus (Dativ) des Wortes »Holz« regiert. Unter »Kongruenz« versteht man die »regelhafte Übereinstimmung zwischen Elementen in bestimmten grammatischen Merkmalen« (Pittner/Berman 2013) wie bei Derneuemann, in dem das Adjektiv »neu« mit dem Substantiv »Mann« in Kasus, Numerus und Genus übereinstimmt (KNG-Kongruenz) und gleichzeitig auch mit dem definiten Artikel, so dass es die schwache Form nimmt. Genauso »strikt« wird auch die Subjekt-Prädikat-Kongruenz bei der Nicknamenbildung verfolgt, in der das Prädikat in Person und Numerus mit dem Subjekt übereinstimmt. Und das nicht nur in deutschen (felix32sucht), sondern auch in englischen Konstruktionen (flippiissocool). Im Allgemeinen stellen wir fest, dass die Regeln der Sprache auf beiden, der morphologischen und der syntaktischen Ebene beachtet werden. Was für die Nutzer wichtig zu sein scheint (außer für diejenigen, die einen unmotivierten Nicknamen bilden), ist - egal ob sie für Humor und Ironie, Wortspiele oder Abgrenzung von den anderen und Selbstpräsentation schwärmen -, dass sie ihrem Nicknamen auf jeden Fall eine bestimmte Bedeutung geben wollen, die von allen oder zumindest von den meisten in ihrem Sinne interpretiert werden kann. Deswegen fühlen sie sich unbewusst verpflichtet, sich so nah wie möglich an das Sprachsystem zu halten. Unser mentales Lexikon etwa behält nicht nur die einzelnen Zeichen einer Sprache, sondern auch die Regeln, die es uns erlauben, neue Sprachzeichen zu bilden. Wenn der Nutzer dies ignorieren und statt der Übernahmen des Wortes »Weinakademie« das Wort »Akademiewein« bilden würde, dann müsste er mit der Konsequenz rechnen, dass die anderen Nutzer etwas ganz anderes interpretieren als er ausdrücken möchte.

Dieser letzte Gedanke führt uns in Verbindung mit meiner Annahme, dass die Nutzer während ihrer Nicknamenwahl bzw. Nicknamenproduktion die phonologischen Regeln der Sprache missachten, während sie an morphosyntaktischen Regeln festhalten, zu die Frage, ob tatsächlich eine Missachtung vorliegt. Wenn die Nutzer sich verpflichtet fühlen, sich an die morphosyntaktische Ebene zu halten, dann gibt es keinen Grund, die phonologischen Regeln zu missachten - auch nicht aufgrund des Umstands, dass es in der Internetkommunikation eher um die schriftliche Form der Sprache geht. Auf der anderen Seite ist den Internetnutzern bewusst, dass es im Internet eher um die Schriftsprache geht und dass die gesprochene Sprache zurücktritt.

Im Gegensatz zur alltäglichen Kommunikation erwartet man in der Internetkommunikation eine starke Bedeutung des graphischen Mediums. Letztendlich erfolgt hier die Interaktion meist nicht sprechsprachlich, sondern schriftsprachlich. Die Schreibung muss hier alle Funktionen übernehmen, die normalerweise in der Direktkommunikation durch außersprachliche Mittel übermittelt werden, z.B. Mimik und Gestik. Deswegen spielt die Graphematik bei Nicknamen eine große Rolle. Erstens müssen die Nicknamen genau wie auch die Namen sichtbar sein. Eine bestimmte Schreibung hilft dabei, den Nickname als solchen zu markieren. So können Nicknamen genau wie Namen allgemein von der orthographischen Norm abweichen (vgl. Nübling et al. 2012: 85), auch im Gegensatz zu offiziellen Namen. Mitglieder bei Twitter nutzen beispielsweise Namen wie Wiktoria statt Victoria. Die Nutzer können sich durch die Möglichkeit, eine Vielzahl von Namensvarianten zu generieren, stark identifizieren (vgl. Nübling et al. 2012: 85).

In manchen Fällen kann man auch eine höhere Frequenz peripherer Grapheme beobachten. Es lässt sich nicht so einfach erklären, ob dieses Phänomen abhängig von der ursprünglichen Herkunft des Nicknamens ist (wie z.B. bei Cyra881) oder ob es ein neues Phänomen bei der Nicknamenproduktion ist. Wie Nübling et al. (2012: 88) schon bemerken, sind Grapheme wie <c, y> zu peripher, treten aber in Eigennamen häufiger auf als in anderen Wortartgruppen.

Was besonders im Fall der deutschen Sprache eine große Bedeutung hat, ist die regelmäßige Missachtung der Großschreibung wie bei tomate967 in Twitter. Im Gegenzug werden Wortarten, die normalerweise kleingeschrieben werden, öfters großgeschrieben - häufig beim definiten Artikel wie bei Derneuemann bei Twitter. Man könnte vermuten, dass die Kombination des Gebrauchs des definiten Artikels zusammen mit der Großschreibung die Person in den Vordergrund stellt und die Individualität stärker betont wird. Ferner ist noch der Gebrauch von Syngraphemen zu beachten. Das am häufigsten vorkommende Zeichen bei beiden Corpora ist der Unterstrich ( _ ). 3,91% der Twitter-Namen werden mit ihn gebildet. Bei PlanetRomeo liegt die Zahl mit 17% deutlich höher. Diesen Unterschied kann man erklären mit der unterschiedlichen Funktion der beiden sozialen Medien. Twitter funktioniert eher als ein offenes Medium, in dem man wie bei Facebook eine freiere Wahl eines Nicknamens erwartet, auch mit dem Gebrauch von Leerzeichen. Im Gegensatz hierzu kann man bei dem eher geschlossenen Medium PlanetRomeo erwarten, dass allgemeine Internet-Praktiken, wie den Gebrauch des Unterstriches als Ersatz von Leerstellen, übertragen werden. Ein weiteres Zeichen ist der Bindestrich (-), der bei PlanetRomeo auch einen großen Anteil einnimmt (14%). Selten ist (auch nur) bei Twitter der Punkt (.) belegt, der meistens zur Abkürzung des Beinamens oder des Familiennamens dient (Ben M. Reckert und Liza Z). Da wir diese Kategorie von Nicknamen nicht bei PlanetRomeo finden, ist es auch normal, dass wir kein Beleg mit diesem Sonderzeichen dort finden. Am wenigsten finden wir (nur bei Twitter) das Fragezeichen (?), Lustig? Jaa, und das Ausrufezeichen (!), !. Wie schon Nübling et al. (2012: 90) beachten, ist der Gebrauch der Syngrapheme ist sehr wichtig:

In jedem Fall dienen Apostrophe, Bindestriche und Spatien alle dem gleichen Ziel: der Schonung, Abgrenzung und Konstanthaltung des Namenkörpers.

Obwohl die Feststellung von Nübling et al. im Rahmen ihrer Eigennamen-Analyse entsteht, ist an meinem Corpus deutlich zu sehen, dass die gleichen Funktionen auch für die Nicknamen gelten. So haben wir bei Twitter Beispiele wie Frau_mitKatze und bei PlanetRomeo Beispiele wie da_heim. Beispiele wie Frau_mitKatze zeigen, dass gleichzeitig mehrere Möglichkeiten genutzt werden können, um das gleiche Ziel zu erreichen (hier Abgrenzung): einerseits wird ein Syngraphem (der Unterstich) benutzt, anderseits die Großschreibung bei Katze.

7 Der soziopragmatische Parameter

Trotz des Mangels an Informationen, die uns bei der Bestimmung des semantischen Inhalts eines Nicknamens helfen würden, können wir von den Daten der Corpora die extralinguistische Determiniertheit der Selbstnominationen berücksichtigen. In diesem Schritt spielen die Metadaten, die in den Personalkonten zu finden sind, eine große Rolle. Wie auch Kaziaba (2013: 336) bemerkt: »Am deutlichsten werden die sozialen Charakteristika der Persönlichkeit in Nicknamen widergespiegelt: Alter, Geschlecht und Beruf«.

Nicknamen, die auf einen Beruf verweisen, sind in meinem Corpus nicht so häufig präsent wie bei der Studie von Kaziaba und scheinen meistens ironisch zu wirken wie bei ornithologin oder dem Wortspiel Terra Peutin [jemand der das terra (lat. ›Land‹) therapiert (›heilt, bearbeitet‹)]. Auffälliger sind Nicknamen, die das Alter und/oder den Wohn- bzw. Heimatsort beinhalten. 18,9% der Nicknamen bei Twitter und 62,5% bei PlanetRomeo zeigen das Alter, entweder direkt mit einer Zahl (Neox19) oder mit einer Anzeige die auf das Geburtsjahr verweist (vollständig: lykos1980 oder gekürzt: Zimtzicke_95). Im Kontrast zu Twitter, bei dem diese Information nicht immer nachvollziehbar ist, ist bei PlanetRomeo eine Bestätigung dieser Interpretation durch die Daten des Personenkontos möglich. Darunter finden wir auch Belege wie erlanger18, bei dem die Zahl nicht mit dem Alter des Nutzers überstimmt (20 in diesem Fall), obwohl die Zahl als Altersangabe interpretiert (vermutlich korrekt) wird. Solche Beispiele geben uns wichtige Informationen - im vorliegenden Fall etwa, dass der Nutzer sein Profil mit 18 erstellt hat und er seitdem denselben Nicknamen trägt. In unterschiedlichen Ergebnissen stoßen wir während der Untersuchung auf Merkmale, die den Ort zeigen: 2,7% der Nicknamen bei Twitter (eneshannover) und 11,5% bei PlanetRomeo (Potsdam-Baerchen) sind mit einer Ortsangabe gebildet. Obwohl die Nutzung von Ortsangaben im Vergleich mit der Nutzung von Altersangaben in beiden sozialen Medien deutlich geringer ist, kann man beobachten, dass beide Angaben deutlich häufiger bei PlanetRomeo vorkommen. Auf den ersten Blick scheint es paradox, denn bei PlanetRomeo kann man Alters- und Ortsinformation der Profilseite jedes Nutzers entnehmen, was bei Twitter nicht der Fall ist. In dieser Hinsicht hätten wir erwartet, dass aufgrund der Absenz dieser Informationen bei Twitter sie häufiger in den Nicknamen integriert werden. Diese Informationen spielen in Twitter jedoch eine ganz unwichtige Rolle, da es nicht in erster Linie um Chatten geht. Anders sind sie bei PlanetRomeo die allerwichtigsten Informationen, für die sich andere Nutzer interessieren. Denn um sich mit jemandem zu verabreden, muss man am selben Ort wohnen und in der gleichen Altersgruppe wie der Interessent liegen. So spielt der Nickname als Etikett bei PlanetRomeo eine größere Rolle als bei Twitter. Der große Unterschied zwischen beiden Angabekategorien lässt sich dadurch erklären, dass in der Grundsuchmaske nur die Profile von Nutzern mit demselben Wohnort angezeigt werden, während man das Alter erst einsehen kann, wenn man ein Profil geöffnet hat.

Bezüglich der Geschlechtsinformationen (was nur bei Twitter untersucht werden kann) nutzen die Benutzer eine große Auswahl von Möglichkeiten, denen uns das Sprachsystem bietet. Unter anderem findet man Nicknamen, die lexikalisch-semantisch die Bedeutung von Feminität oder Maskulinität enthalten, die anders gesagt den Sexus bezeichnen: Deine Mutter, Auffangjunge. Aus grammatikalischer Sicht wird dieser biologische Dimorphismus (Sexus) mit drei verschiedenen morphologischen Merkmalen (als Genus) dargestellt: das Movierungssuffix -in wie bei Vizekönigin, Flexionssuffixe, die als Kongruenzmarker dienen und so das Genus markieren, z.B. notgeiler bayer und Artikel wie bei derZeitreiser. Trotz all der Mittel, die die Sprache anbietet um das Gender zu markieren, unterscheiden sich Frauen und Männer auch durch andere Techniken, mithilfe derer sie selber Merkmale konstruieren, die sie als Teil ihrer Identität betrachten. So bezeichnen sich Frauen wie Männer als Tiere: 4,5% des Gesamtcorpus (bei Twitter) sind Nicknamen mit einer Tierangabe. Frauen nutzen aber eine ganz andere Kategorie von Tieren in ihren Maskennamen als Männer. Während Frauen Tiere wählen, die in der deutschen Sprache als Feminina oder Neutra zu finden sind (Kamikatze, maeuschen1105, bienchen) und meistens als »Katze« oder »Maus« sich vorstellen, also kleine und niedliche, listige, unberechenbare oder spielerische Tiere ›sind‹, nutzen Männer eine größeren Auswahl von denen, die in der Sprache als Maskulina markiert sind und unter anderem Charakteristika wie Treue oder Macht zeigen (dogfood, Fadenaffe). Daneben fällt auf, dass nur Frauen Diminutivformen benutzen. Da Diminutive entweder zur Kennzeichnung von etwas Kleinerem, einer (Ver)Minderung oder als Koseformen bzw. Verniedlichungsformen verwendet werden, kann man implizieren, dass Frauen öfter ihr Selbst als ein kleines bzw. niedliches oder gar wertloses Wesen sehen und sich so identifizieren oder darstellen wollen.

Auffallend ist noch, die unterschiedliche Nutzung der Anredeformen Herr und Frau bzw. Fräulein und ihrer Äquivalenten Mann und Frau. Männer benutzen die Anredeform »Herr« ganz normal mit einem ihrer Namen (Familiennamen oder Vornamen) oder einen selbstgebildeten Namen (herrreckert, herrrobert, Herr_Feiertag). Frauen hingegen benutzen für die Anrede nicht die entsprechende Form »Frau«, sondern verwenden die Alternative »Fräulein« (faeulein_tessa, FraeuleinKurvig). Die Gegebenheit, dass Frauen mit der Heirat Status wechseln, und von Fräuleins zu Frauen werden, wurde von Feministen stark kritisiert und ist in der alltäglichen Kommunikation in vielen Sprachen, die diese Trennung machten, kaum noch zu finden (dadurch, dass die Form als offizielle Anrede abgeschafft wurde). Trotzdem zeigt uns das Corpus das Gegenteil. Auch die einzige Ausnahme von Frau Miez wird schnell neutralisiert, sobald die Nutzerin sich mit ihrer zweiten Nicknamenwahl als fraeuleinmiez vorstellt. Bei allen anderen Beispielen, in denen das Wort »Frau« auftaucht, FraumitSerifen, Frau_mitKatze, gilt es als Äquivalent zu der männlichen Variante »Mann«. Wollen Frauen durch diese Technik ihren Familienstand als ledig bezeichnen und sich als offen für ein Date vorzustellen? Da heutzutage das Wort »Fräulein« mit bestimmten semantischen Konnotationen benutzt wird, wie »sehr jung«, »attraktiv«, »einsatzfreudig«, »unreif/unseriös« (Okamura 2006), können wir erwarten, dass auch die Frauen genau diese Bedeutungen mit ihren Nicknamen in den Vordergrund rücken wollen.

Zuletzt kann das Geschlecht im Nicknamen auch durch dem bestimmten Artikel markiert werden - kombiniert mit dem Rufnamen. In diesem Fall lässt sich die Wichtigkeit der Selbstpräsentation erkennen, die Einzigartigkeit des Selbst, die Präsenz des Ichs steht im Vordergrund. Belege kommen nur bei männlichen Nutzern vor: DerRoland, Der_Gregor. Einerseits kann man erwarten, dass die Anwendung des Definitartikels mit dem Rufnamen in der alltäglichen Sprache häufiger auf Männer angewendet wird, was mit einer Corpusanalyse bestätigt werden kann, und deswegen auch in unserem Corpus nur bei Männern zu finden ist, anderseits kann man, aufgrund der Abwesenheit in meinem Corpus des Femininäquivalentes »die+Rufname«, annehmen, dass die Männer eher nach Einzigartigkeit und Selbstpräsentation streben. Aber auch außerhalb dieser Techniken bringen Frauen und Männer ihre sozialen Alltagsbilder in Bezug auf die beiden Geschlechter mittels Sprache ein. Frauen bevorzugen Eigenschaften wie klein, süß, nett und lieb, aber auch unberechenbar und bösartig, um sich zu präsentieren, wie uns folgende Beispiele zeigen: teufelchin, mimimaus18, baby, Barbie, herzschwester, hormonlotto, liebenswuerdig, Hexe2910, Lollipop, hasselnuss1, veve_schoko, Schlaubine. Anders stehen für Männer Charakteristika wie Macht, Aggressivität, Sexualität, Klarheit, Einfachheit, Weltoffenheit mehr im Vordergrund: Provocateur, BlitzPost, Rex Plosion, Reisecockpit, exZENtriker, notgeiler bayer, Der Vereinfacher. Was den erotischen Parameter angeht, betonen Männer deutlich mehr ihre Sexualität als Frauen. 1,1% der Nicknamen bei Twitter haben erotische Eigenschaften, was für ein öffentlich zugängliches soziales Medium wie Twitter noch relativ hoch ist, wenn man es mit einem Datingportal wie PlanetRomeo vergleicht, in dem nur 16,5% aller Namen als erotische Belege gelten können. Männer präferieren den Ausdruck ihrer sexuellen Emotionen, Gefühle und Wünsche (notgeiler bayer, bayernschwanz, Gaykauft). Das männliche Geschlechtsorgan besetzt in dieser Art von Selbstpräsentation eine wichtige Position, was auch bei den Nicknamen dieses Feldes in PlanetRomeo zu erkennen ist, explizit bayernschwanz, Nathan Pancock (Twitter), cockyboyhorny (PlanetRomeo), indirekt Snoopy-xxl (PlanetRomeo). Frauen werden eher aus der Perspektive des Mannes gesehen, als erotisches Objekt, das eher in Richtung Prostitution führt: Escort-girl, Fesche Lola.

8 Schlussbemerkungen

Die Untersuchung der beiden Corpora hat gezeigt, dass für der Selbstpräsentation der Nutzer unterschiedliche Techniken herangezogen werden. Einerseits ist die Autonym-Präsentation bei Twitter sehr beliebt, was aber nicht der Fall bei PlanetRomeo ist. Das erste nutzt hauptsächlich volle Eigennamen oder nur Rufnamen für diesen Zweck, das zweite ohnehin nur die Kategorie der Rufnamen. Anglizismen kommen bei PlanetRomeo häufiger vor als bei Twitter. Da PlanetRomeo im Gegensatz zu Twitter thematisch festgelegt ist, sind Nicknamen mit erotischen Merkmalen hier auch deutlich öfter vertreten.

Grammatikalisch haben wir festgestellt, dass die Nutzer eher viele Nicknamen aus der Sprache direkt übernehmen, aus unterschiedlichen Wortklassen, entweder die der Appellativa oder die der Namen. Zusammen übernehmen sie auch die Strukturregeln der Sprache, so dass man festhalten kann, dass meine Hypothese über die Verletzung der Regeln in bestimmten Sprachebenen wie z.B. die phonologische im Kontrast zu den anderen nicht bestätigt werden kann. Unter der Bemerkung der Wichtigkeit der Graphematik in der Produktion solcher Namen, können wir annehmen, dass das, was auf den ersten Blick als Verletzung der phonologischen Regeln scheint, aufgrund der starken Präsenz der Graphematik als Konsequenz der Verletzung der Graphotaktik betrachtet werden. Das heißt, dass mit der Graphotaktik öfters auch die Phonotaktik verletzt wird, was für die Nutzer kein besonderes Problem darstellt, da ihre Nicknamen nicht für die mündliche Kommunikation gedacht sind.

Auf den anderen Ebenen der Grammatik haben wir beobachtet, dass es Unterschiede zwischen den beiden Medien gibt. So wurde etwa bei der Wortbildung deutlich, dass die Nutzer von Twitter der Sprache näher stehen und eigentliche Komposita als Maskennamen übernehmen, während die Nutzer von PlanetRomeo eher getrennte Wörter zusammenbringen und so für das Phänomen der Zusammenrückung stehen. In diesem Sinne werden Nicknamen bei PlanetRomeo von polykomponentigen Nicknamen häufiger vertreten als bei Twitter. Grundsätzlich scheinen pseudonymische Nicknamen beim Homosexuellen-Portal am prominentesten zu sein. Drei Viertel der Beispiele gehören in diese Kategorie, die bei Twitter nur über ein Drittel ausmacht. Übergangsnicknamen sind auch zweimal so oft bei Twitter zu finden wie im Vergleich mit PlanetRomeo.

Im Großen und Ganzen zeigt die kontrastive Untersuchung der Maskennamen in beiden Medien, dass unsere Hauptannahme über Differenzierungen zwischen den beiden bestätigt wird. Die Gegenüberstellung meiner Ergebnisse mit denen von Kaziaba zeigt, dass die Ergebnisse von Twitter mit denen von Kaziaba in allen Bereichen übereinstimmen. Anders gilt diese Feststellung nicht für PlanetRomeo. Da Kaziaba Nicknamen im deutschsprachigen ICQ-Raum untersucht, ein Raum der thematisch offen wie Twitter ist, lassen sich auch diese Ähnlichkeiten zwischen beiden Studien erklären. Eckert und McConnell-Ginet verweisen auf die Communities of Practice [FN5], Gemeinschaften, die aus Menschen mit gemeinsamen Interessen oder Aufgaben bestehen, die interagieren und Sprachhandlungsweisen, Wahrnehmungen, Werte, Wissen und Machtverhältnisse entwickeln und sich teilen (Παυλίδου 2006: 32). Da heutzutage das Internet eine enorme Rolle in unserem Alltag spielt und das Chatten zu einer erforderlichen Kommunikationsart geworden ist, bei der man Sprachhandlungsweisen, Wahrnehmungen, Werte, Wissen und Machtverhältnisse entwickelt und teilt, kann man behaupten, dass diese Räume eine sehr wichtige Gemeinschaft solcher Art in unserem Leben bilden. Laut Eckert & McConnell-Ginet (Παυλίδου 2006: 32) wird durch diese Interaktion auch die Identität verhandelt und immer wieder rekonstruiert. Anhand dieser Beachtung kann man feststellen, wie bedeutend die Namenswahl während der Registration in einem Chat-Raum sein kann, denn auf diesen Namen basiert die ganze Kommunikation. Kaum andere Sprachzeichen schaffen so viele Funktionen gleichzeitig wie ein Nickname im Chat-Raum. Sie können nicht nur referentielle, expressive oder appellative Funktion erfüllen, sie können auch gleichzeitig mit der Sprache spielen (poetische Funktion) oder die Sprache kommentieren (metasprachliche Funktion). Dabei erfüllen sie noch eine soziale Funktion. Was aber am wichtigsten scheint: Nicknamen dienen als ein wichtiger Teil der phatischen Funktion. Sie sind immer präsent und deswegen können ihre andere Funktionen auch zurücktreten.

Ziel dieser Studie war es, bestimmte Seiten der Nicknamenpräsentation in sozialen Medien zu skizzieren. Dabei kann die Analyse nicht als eine vollständige Untersuchung dieses Themas betrachtet werden. Perspektiven für weitere Forschung wurden angeboten. Besonders interessant wäre eine kontrastive Analyse von Nicknamen zwischen unterschiedlichen Sprachen. Ein Blick auf die griechischen Nicknamen bei Twitter lässt vermuten, dass Namen mit einer politischen Bedeutung im Vordergrund stehen, was im deutschen Raum nicht der Fall ist.

Anmerkungen

1 Laut Gläser ist ein Pseudonym »ein neben dem bürgerlichen Namen existierender, sekundärer, fakultativer Name, den eine Person aus sozialen, politischen, beruflichen oder privaten Gründen selbst wählt, um die eigene Identität für eine bestimmte Zeitspanne oder auf Dauer zu verbergen«. (Nübling 2012: 178).

2 Die Daten von Twitter wurden am 12.11, 14.11 und 26.11 herausgestellt.

3 Die Daten von PlanetRomeo wurden am 25.11 herausgestellt.

4 Als Eigennamen und Rufnamen werden hier Beispiele mitgeteilt, die später in die zwei Kategorien Autonym- Nicknamen und Übergangsnamen unterteilt werden.

5 Der englische Begriff Community of Practice scheint problematisch zu sein. Das hat zum Teil auch mit der fehlenden Übersetzung ins Deutsche zu tun. Für diese Problematik siehe: Zboralski, Katja (2006): Wissensmanagement durch Communities of Practice. Garleb Edition Wissenschaft.

Quellen

Oxford English Dictionary. http://www.oed.com/. (03.03.2015).

Wikipedia. Nickname. http://de.wikipedia.org/wiki/Nickname. (01.03.2015).


Georgios Gkoutzourelas

Zitierte Literatur

Bechar-Israeli, Haya (1996). »From <Bonehead> To <cLoNehEAd>: Nicknames, Play, and Identity on Internet Relay Chat«. Ein Online-Dokument. online lesbar

de Pina-Cadral, João (1984). »Nicknames and the Experience of the Community«. Aufsatz in der Zeitschrift Man. mehr

Debus, Friedhelm (2012). Namenkunde und Namengeschichte. Eine Einführung. Berlin. mehr

Jackson, Bruce (1967). »Prison Nicknames«. Aufsatz in der Zeitschrift Western Folklore. mehr

Kaziaba, Viktoria (2013). »Namensmasken im Internet«. Aufsatz in der Zeitschrift Muttersprache. mehr

Nübling, DamarisFabian FahlbuschRita Heuser (2012). Namen. Eine Einführung in die Onomastik. Tübingen. mehr

Okamura, Saburo (2006). »Das Fräulein ist tot! Es lebe das Fräulein! - Fräulein im Archiv der Süddeutschen Zeitung (1994-2005)«. Ein Online-Dokument. online lesbar

Pittner, KarinJudith Berman (2008). Deutsche Syntax. Ein Arbeitsbuch. Tübingen. mehr

Runkehl, JensmPeter SchlobinskimTorsten Sieverm (1998). Sprache und Kommunikation im Internet. Überblick und Analysen. Opladen. online lesbar

Παυλίδου, Θ. Σ. (Hg., 2006). Γλώσσα-Γένος-Φύλο. Thessaloniki. mehr

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