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Der passende Moment beim Onlinezitat

Zeit

Es besteht kein Zweifel darüber, dass beim Zitieren bzw. Bibliografieren von Internetressourcen Angaben wie Autor(en), Titel und URL[] – sofern angegeben oder ermittelbar – anzugeben sind. In einer weiteren Angabe herrscht hingegen Uneinigkeit. Dokumente im Internet sind anders als gedruckte Publikationen jederzeit veränderbar sind, sodass der Bezug auf eine bestimmte Version schwierig ist. Aus diesem Grund wird zumeist das Datum der Sichtung (Downloaddatum) angegeben. Im Folgenden soll auf den Nutzen dieser Angabe eingegangen sowie eine Empfehlung formuliert werden.

Vielfalt temporaler Angaben

Bei einer Online-Publikation existieren drei relevante Zeitpunkte: Der erste ergibt sich aus der ersten Veröffentlichung der Publikation im Internet, welches der ersten Auflage einer Druckausgabe entspricht. Der Download des Dokuments durch den Rezipienten stellt einen zweiten Zeitpunkt dar. Der dritte entscheidende Zeitpunkt ist der der (letzten) Änderung, sofern es eine gibt (Revisionsdatum).

Im Printbereich sind nur maximal zwei Daten für eine bibliografische Aufnahme von Interesse: bei nicht-periodisch erscheinenden Publikationen das Jahr der ersten Veröffentlichung sowie zusätzlich das der letzten Änderung, das einhergeht mit der Angabe der Auflage. Bei Periodika ist dagegen das Erscheinungsjahr relevant.

Für das Internet soll nun all dies nicht mehr gelten: Einigkeit herrscht unter sämtlichen Style-Guide[]-Autoren darüber, stets den Zeitpunkt des Downloads zu verzeichnen. Begründet wird dies – wenn überhaupt – mit eben den einfachen und schnellen Änderungsmöglichkeiten bei elektronischen Dokumenten, wobei Diskussionsbeiträge und E-Mails aus diesem Argumentationsraster bereits herausfallen. Zwar lassen sich viele andere Dokumente in der Tat abändern; dennoch wäre durch diese grundsätzliche Möglichkeit noch nicht belegt, dass wissenschaftliche Online-Publikationen – und um diese geht es an dieser Stelle – tatsächlich auch schnell hohe 'Versionszahlen' erreichen. Ferner ist festzuhalten, dass bei Print-on-Demand erst immer dann ein Druck angefertigt wird, wenn sich ein Käufer gefunden hat. Prinzipiell ist auch hier eine oftmalige Änderung mit einem geringen Zeit- und Kostenaufwand möglich; bibliografisch erfasst werden Prints-on-Demand nur aus dieser Tatsache heraus jedoch auch nicht mit dem Zusatz »gelesen am ...«.

Über den Nutzen des Downloaddatums

Was macht das Dokument im Internet also zu einer Publikationsform, die ein 'Datum des Lesens' bzw. Sichtens in der bibliografischen Angabe erforderlich macht – mit einer Präzision, die außerordentliche Ausmaße erreichen kann? So gibt die internationale Norm ISO 690-2 als Beispiel für elektronische Nachrichten an: »24 November 1989; 13:29:35 CST [cited 1 January 1995; 16:15 EST]« (ISO 690-2 1997: 8). Zwar dokumentiert eine solche (sekundengenaue) Angabe den exakten Zeitpunkt des Zugriffs, doch verifizierbarer bzw. vergleichbarer, und das ist das zentrale Anliegen für eine Datumsangabe, wird die Fassung damit nicht. Dies wäre nur unter der Voraussetzung der Fall, dass entsprechende Personen in demselben Augenblick auf das Dokument zugegriffen haben, was bei einer derartigen Detailliertheit quasi ausgeschlossen werden kann.

Tatsache ist, dass das Lesen des Dokuments – aus den Augen des Verfassers betrachtet – stets eine zukünftige Handlung darstellt, für deren grundsätzliche Möglichkeit im Internetbereich keine Garantie gegeben werden kann: Wird der Server abgeschaltet oder das Dokument gelöscht, verschoben oder umbenannt, ist die Lektüre – zumindest unter der angegebenen Adresse – nicht mehr möglich. Vor diesem Hintergrund spielt es dann keine Rolle, zu welchem Zeitpunkt das Dokument in der zitierten Form noch erreichbar gewesen ist; und eine Art von 'rechtfertigender Beweisführung' ist in der Wissenschaft weder angemessen, noch wäre sie mit der Kenntnis des Downloaddatums erbracht. Es scheint vielmehr, als versuche man mit Hilfe einer übertriebenen Exaktheit bei der bibliografischen Erfassung von Dokumenten, die fehlende Präzision auf Seiten des Publizierens zu kompensieren. Folglich bietet eine Forderung nach Mindestangaben bei Onlinepublikationen den Vorteil, das wiederzufinden, was bei der Titelei einer gedruckten Fassung eine Selbstverständlichkeit ist. Damit kann dann auf ausufernde Datumsangaben verzichtet werden.

Empfehlung für temporale Angaben

Eines Datums freilich bedarf es schon: Ein Äquivalent zum Auflagendatum eines Druckwerks (Jahr) stellt das Aktualisierungsdatum dar (Revisionsdatum) oder, falls eine Änderung noch nicht stattgefunden hat, das Datum der Veröffentlichung. Damit ergibt sich eine vergleichbare Basis, die bei Druckwerken durch Auflagenzahl und Jahr gegeben ist. Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass der Autor ein entsprechendes Datum angegeben hat, wie es von allen Seiten gefordert wird. Andernfalls – aber auch nur dann – kann die Angabe des Downloaddatums erfolgen. Die Nennung beider Daten widerspricht dem Prinzip der Ökonomie, bietet keinen Vorteil und verwirrt überdies durch die gleichzeitige Nennung mehrerer Daten.

Im Gegensatz zum Revisionsdatum kann die zeitliche Angabe der (Erst-)Veröffentlichung von einem besonderen Nutzen sein: Das Retrieval, das im Internet niemals 'zu gut' sein kann, wird durch dieses Datum verbessert, da es in vielen Metadatensätzen – so auch im Dublin Core Element Set[] – vorgesehen ist. Es spricht folglich einiges dafür, neben dem sich ändernden Revisionsdatum auch noch das konstante Datum der Erstveröffentlichung aufzunehmen. Zugleich bietet sich dadurch auch die Möglichkeit einer Einschätzung der Aktualität des vorliegenden Textes (vgl. historische Texte als Reprints).

In der Summe ist festzuhalten, dass zwar erstens das Internet relativ dynamisch ist und somit ein Datum den aktuellen Stand dokumentieren muss, sofern es sich nicht um die erste und damit vorläufig einzige Fassung handelt. Zweitens ist es aber auch wenig sinnvoll, das Lesedatum anzugeben, wenn ein Revisionsdatum eine bestimmte Version exakt dokumentiert.

Auf die Angabe dreier Daten, wie dies etwa die ISO 690-2 (1997) vorsieht, kann mit Bestimmtheit verzichtet werden. Den Ausführungen entsprechend wird das im Dokument verzeichnete Datum der Erstellung oder – falls bereits modifiziert – das der letzten Änderung angegeben. Falls dies nicht ersichtlich oder ermittelbar ist, wird das Datum der Sichtung genannt. Sofern eine Versionsnummer angegeben ist, kann diese als Ergänzung angeführt werden, vor allem dann, wenn es sich um (ver)alte(te) Dokumente handelt.


Torsten Siever

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Kommentare zu dieser Seite

Nachdem ich über verschlungene Wege zu Ihnen gefunden habe: "Herzlichen Glückwunsch für Ihre Website!" Endlich ein Lichtblick im Dschungel des Online-Publizierens. Noch mehr freut es mich als ehemaligem Doktoranden, dass sich meine eigene Alma Mater auf diesem Gebiet engagiert.
Dienstag, 14. August 2007 Gast