Jens Runkehl/Peter Schlobinski/Torsten Siever
Sprache und Kommunikation im Internet
Abschnitt 5: Zeitschriften und Magazine im Netz
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5.1 Zeitschriften und Magazine im Netz
Kaum ein ernstzunehmender Verlag kann es sich noch leisten, nicht im Internet präsent zu sein. Trotz der hohen Kosten und der geringen Einnahmequellen durch Werbung oder Abonnements werden einige Angebote täglich aktualisiert. Hierbei sind zwar wöchentlich erscheinende Zeitungen und Magazine im Vorteil, doch auch diese, z. B. Focus-Online, versorgen ihre Leser mit ständig neuen Informationen. Grund hierfür ist ein zusätzliches Angebot, das neben dem des Printmediums zur Verfügung steht: Datenbanken, Netguides, Wetter u. a. Focus bietet in diesem Bereich die größte nationale Homepage mit über 1.000 Seiten an. Hingegen orientiert sich »DIE ZEIT« stark an der Printversion; dort allerdings bietet sie mehr als andere: Das Angebot im WWW stellt zwar nur einen Auszug dar, doch deckt es einen Großteil des Zeitungsinhalts mit ungekürzten Artikeln ab. Die Nähe wird durch eine ›bunte Seite‹ namens »ZEITVERTREIB ;-)« (der Smiley verrät den Inhalt schon) unterstützt, die u.a. ein Rätsel, den »wöchentlichen Cartoon«, Glossen sowie eine Web-Story anbietet. Besonders für die Literatur im Netz engagiert sich DIE ZEIT, sowohl mit der genannten Geschichte in mehreren anklickbaren Kapiteln, als auch mit einem Literaturwettbewerb seit 1996.
5.2 Die aktive Beteiligung an Online-Publikationen berührt eine der interessantesten Fragen für die Zukunft der Netzmagazine und -zeitschriften: Müssen die Verlage nicht viel stärker die Interaktivität des Mediums Internet in ihre Arbeit einbinden? Schließlich bestehen im Netz vielfältigste Möglichkeiten von Kommunikation. Sei es durch direkten Dialog mit der Redaktion oder durch Automatisierungen wie die schon in Ansätzen vorhandene (interessengeleitete) Informationsfilterung beim Abonnement einer bestimmten Zeitung. Warum, so ist langfristig zu fragen, sollten nicht auch Netizens an der Online-Ausgabe mitschreiben dürfen; etwa wenn sie direkt aus einem Krisengebiet heraus über die schnellere und aktuellere Information verfügen? Die wichtige Frage nach einer einzufordernden Objektivität solcher ›externen Nachrichtenpartikel‹ muß hierbei sicherlich neu überdacht werden.
5.3 Wie bei jedem größeren Anbieter soll eine Link-Sammlung (»SIDESTEP«) die Suche im weltweiten Netz erleichtern, doch entpuppt sich diese ›Zusammenstellung‹ als Einnahmequelle durch Werbung; wünscht jemand die Aufnahme in die Liste, die nach Kategorien geordnet ist, so muß er hierfür bezahlen. Kostenlos hingegen ist der »NEWSLETTER-KIOSK«, ein nach Sparten geordneter Ticker, der ausgewählte Nachrichten auf Wunsch in die eigene Mailbox sendet.
5.4 Bereits über 24 Stunden vor dem Erscheinen des Zeitschriftenmagazins, lassen sich einige Artikel auf dem Web-Server von Focus einsehen. Wie bei Spiegel-Online gibt es neben Angeboten, die ausschließlich im Web publiziert werden, einige mit der Zeitschrift übereinstimmende Artikel. Selbst die zahlreichen, im Printmedium in Rahmen gefaßten Tabellen, Zusatzinformationen, Zusammenfassungen und Interviews werden in HTML umgesetzt und präsentiert. Doch fällt auf, daß die Online-Version dem Printmedium nicht äquivalent gegenübersteht, obgleich sie eine ungleich bessere Zugänglichkeit zur Information bieten könnte, sondern im Augenblick nur Appetit darauf machen soll.
5.5 Umfangreich gestaltet sich die Datenbank des Focus – diese allerdings ist vielfach kostenpflichtig. Aber auch hier zeigt sich: Der Vorteil des elektronischen Mediums, Datenmassen besser präsentieren und vor allem verwalten zu können, wird noch viel zu wenig genutzt. »Es gibt in Digitalien keinen technischen Grund, warum ein Text eine andere Länge haben sollte, als diejenige, die sein Inhalt verlangt; ganz im Gegensatz zum papierenen Cousin, der sich quetscht oder streckt, bis die Seite gefüllt ist.« (Polatschek, 1996, S. 62)
5.6 Bis maximal drei Artikel aus fast jeder Rubrik stellt der Spiegel ins Netz; eigens für die Homepage schuf man eine Sparte namens »Netzwelt« und darunter, für Notizen, das »Forum«, vergleichbar mit dem »Panorama« unter »Deutschland« im Magazin. Verwirrend wirken Artikel, die im Heft unter einer anderen Rubrik eingeordnet werden als auf der Homepage (z.B. Thema “Nuklearruine Mühlheim-Kärlich” im Heft unter ‘Wissenschaft + Technik’, im Web in der Sparte ‘Ausland’: Heft 3/98, 12.1.98).
5.7 Augenblicklich weist das Internet-Angebot der Magazine und Zeitungen noch wenig Eigenständigkeit aufweist; eine Anpassung an das neue Publikationsforum WWW findet kaum statt. Zwar können der Beliebtheit wegen viele Werbeflächen vermietet werden, doch rechnet sich derzeit auch dann eine eigene Redaktion kaum. Die Marketing-Funktion allein stellt meist den Antrieb für das Angebot, zumindest bis ein adäquates Abrechnungsverfahren gefunden ist.
5.8 Polatschek fragt berechtigterweise, ob die Redaktionen es in der Zukunft vollbringen, »lebendige und hochaktuelle Enzyklopädien [zu] schaffen, anstatt anderswo zu Tode geformtes Material noch einmal zu verwursten?« (Polatschek, 1996, S. 63). Häufig werden nur Schwerpunkte verlagert; doch die wenigen Artikel sind identisch mit dem Printmedium. Die Hoffnung auf eine Hörprobe einer bedeutenden Rede etwa oder auf eine Animation anstelle einer trockenen Grafik wird enttäuscht. USA-Today, Amerikas größte Tageszeitung, bietet da schon Erstaunliches: stundenaktuelle Berichte in einem größeren Umfang, als es das Printmedium selbst anbietet. Denn hier zeigt sich die vielleicht größte Stärke des Internet, die auszubauen den Netz-Zeitschriften ein zentrales Anliegen sein muß: die Schnelligkeit und damit die Aktualität der Information.
5.9 Letztlich dürfen sich die Netz-Ausgaben von Print-Medien aller Art nicht im traditionellen Sinne als Einwegkommunikationsmedien verstehen, wenn sie eine sinnvolle Ergänzung zu ihren Verwandten Print, Fernsehen und Radio bieten wollen.
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Ver. 1.1 vom 07.01.2000