Jens Runkehl/Peter Schlobinski/Torsten Siever
Sprache und Kommunikation im Internet
Abschnitt 4: Chatten
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4.1 Chatten
Chatten (engl. to chat ›plaudern, schwatzen‹) ist die »wohl populärste Form der Online-Kommunikation« (Filinski, 1997, S. 23), die gegenüber der E-Mail-Kommunikation synchron erfolgt, d.h. in Echtzeit wie beim Telefonieren. Während jedoch beim Telefonieren der Anrufer in den Telefonhörer spricht und das Gesprochene nahezu zeitgleich beim Hörer ankommt, schreibt beim Chatten der ›Gesprächspartner‹ über die Tastatur einen Text, der (ebenfalls nahezu zeitgleich) beim Adressaten auf dem Bildschirm erscheint. Wie beim Telefonieren erfolgt die Interaktion direkt und wechselseitig, allerdings nicht sprechsprachlich, sondern schriftsprachlich.
4.2 Um Online-Gespräche führen und entsprechende Kontakte knüpfen zu können, gibt es unterschiedliche Zugänge zu sog. Chat-Räumen, in denen die unterschiedlichsten Teilnehmer zu den unterschiedlichsten Themen miteinander kommunizieren. Neben privaten Anbietern wie AOL mit seinen Chat-Räumen ist das meist genutzte und öffentlich zugängliche Netz das IRC[3] (Internet Relay Chat), das über TELNET oder mit bestimmten Programmen wie mIRC (für Windows) oder IRCLE (für MacOS) benutzt werden kann.[4] Die Gespräche werden auf bestimmten Kanälen (Channels) geführt, die durch eine Raute gekennzeichnet sind, z.B. #london oder #stuttgart. Die Gesprächsrunden selbst können moderiert sein, d.h., man trifft sich zu Diskussionen oder Online-Interviews, sie können themenbezogen sein oder nur auf Einladung erfolgen, man chattet mit FreundInnen in einem kleinen Gesprächskreis oder nur mit einem Gesprächspartner.
4.3 In den USA gibt es tausende von Gesprächsrunden und -zirkeln, bei denen man aktiv mitchatten kann oder einfach lurkt (engl. to lurk ›lauern, verborgen liegen‹, vgl. Jasper, 1997, S. 56), d.h. als stiller Teilnehmer die Kommunikation verfolgt. Aus sprach- und kommunikationswissenschaftlicher Sicht sind besonders interessant die informellen Chats, die eine besondere Schnittstelle zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit auf dem Hintergrund einer neuen Kommunikationstechnologie markieren. Sehen wir uns einen Mitschnitt aus dem Kanal #berlin genauer an, der bis auf die Zeilennumerierung so am Bildschirm nach Texteingabe der Absender sukzessive erscheint:
4.4 1 ***___Babsi (babsi@[...].snafu.de) has joined #berlin
2 <THC> *huch* oma?
3 <Lemmi> kass <--- guck nich so bloed
4 *** Placebo sets mode: +o ___Babsi
5 <__Babsi> naaaaaabend :)
6 <THC> moin babs :)
7 <kass> lemmi *stoss*
8 <oma_de> hallo THC und hai auch babsi :)
9 <Gronf> *kassauffress..schling*
10 <__Babsi> ooooooomaaaaaaaa :))
11 <kass> lemmi 8btwzustoss*
12 <Lemmi> tach babsi, wie war die sonnenallee fete, biste mit mir
13 zusammengestossen?
14 <Gul_Maki> hoi babs
15 <Gronf> hi Babsilain :)
16 <__Babsi> oma: war nix mit gestern :((((
17 <kass> gronf *kotz*
18 *** Engelchen (˜laura@[...].aol.com) has left #berlin (Engelchen)
19 <__Babsi> Hi Gronfi..biss ja auch da .)
20 *** Hoogey has quit IRC (Connection reset by peer)
21 <tooth> ((
22 *** toth (+Jozo@[...].hr) has left #berlin (tooth)
23 <THC> oma ist mnemo schon wieder da oder noch? *grins*
24 <kass> oma *halloele*
25 <Gronf> kass: hey.. reiher nich, wenn ich dir fresse :)
26 <__Babsi> lemmi: war kalt *bibber*
27 <Lemmi> kass <--- na sag mal, wenn das wer liest, ich mein dein ruf
28 ist ja schnurz, aber meiner ,)))))))))))
29 <kass> oma wie war die feia ?
30 <oma_de> babsi: hab ich gemerkt :)
31 <Gronf> __Babsi: aba latuernich :)
32 <Lemmi> __Babsi <-- gabs noch keinen gluehwein?
33 <Lemmi> rbw <-- noch am leben?
34 <oma_de> kass: nett und ausgiebig :)
4.5 Der Text ist für diejenigen, die noch nie gechattet haben, sicherlich undurchsichtig, wenn nicht gar konfus. Wir wollen den Text im folgenden einer exemplarischen Analyse unterziehen und auf linguistische Besonderheiten aufmerksam machen, eine systematische Untersuchung von Chat-Kommunikation findet sich in Runkehl/Schlobinski/Siever (1998). In Zeile 1 findet sich eine durch drei Sternchen markierte Befehlszeile (vgl. auch Z. 4, 18, 20, 22). Es wird angegeben, daß sich die Teilnehmerin/der Teilnehmer mit dem Namen ›__Babsi‹ und der Adresse ›babsi@[...].snafu.de‹[5] zugeschaltet hat, was allen anderen Teilnehmern mitgeteilt wird. Es gibt eine Reihe von Befehlen der IRC-Client-Software wie ›/join‹, die immer in englischer Sprache erfolgen, wobei zusätzliche Informationen in runden Klammern stehen können, die häufig in Deutsch stehen. Der Name ›__Babsi‹ ist ein Spitzname ebenso wie ›THC, Lemmi, oma_de‹ usw. Der Spitzname kann in der Kommunikation weiter modifiziert werden, so wird ›__Babsi‹ als ›babs‹ (Z. 6, 14) und ›Babsilain‹ (Z. 15) bezeichnet. Der Absender eines Gesprächsbeitrages ist im vorliegenden Chat durch spitze Klammern markiert und steht in der Regel am Anfang des Beitrages, so daß der Sprecher identifiziert werden kann. Die explizite Adressatenspezifizierung folgt der Sprecheridentifizierung, es liegt also die Grundstruktur ›<Sprecher> Adressat‹ vor, wodurch eine personaldeiktische Orientierung vorgenommen wird. Wie Lenke/Schmitz (1995, S. 134) festgestellt haben, »wird überwiegend das ,Sprecher-wählt-den-nächsten‘-System angewandt, da praktisch alle Beiträge explizit adressiert werden«. Im Anschluß an die deiktische Verortung steht das, was mitgeteilt werden soll. Einen besonderen Status haben Begrüßungssequenzen wie in Zeile 6, 12, 14, 15, 19, die prototypischerweise aus einer Begrüßungspartikel und Namen des Adressaten bestehen; auffällig häufig ist der Gebrauch der englischen Begrüßungspartikel »hi«, in Zeile 8 zu auf Homophonie basierendem »hai« variiert. Daß Anglizismen in einem computerbasierten Medium eine größere Rolle spielen, ist nicht weiter verwunderlich; interessant und bemerkenswert sind indes die sprechsprachlichen und graphostilistischen Markierungen (vgl. hierzu auch Haase/Huber/Krumeich/Rehm, 1997). Die Gesprächsbeiträge sind relativ kurz wie auch die syntaktischen Syntagmen. Da die Chatpartner wechselseitig aufeinander Bezug nehmen und die Eingabe per Tastatur zeitaufwendig ist, wird kontextuelle Information in hohem Maße vorausgesetzt, was zum häufigen Gebrauch von Ellipsen und Anakoluthen führt, ein typisches Kennzeichen der gesprochenen Sprache (vgl. Rath, 1979). Umgangssprachliche Merkmale wie ›tach‹ (Z. 12), ›nix‹ (Z. 16), ›gabs‹ (Z. 32) werden ebenso realisiert wie dialektale, so ›feia‹ (Z. 29) und ›aba‹ (Z. 31) als berlintypische r-Vokalisierungen (vgl. hierzu Schlobinski, 1996). Unter den graphostilistischen Mitteln ist am auffälligsten der Gebrauch von Ideogrammen, insbesondere von den sog. Smilies, den ›lächelnden Gesichtern‹, die in der Regel am Ende eines Chatbeitrages stehen und um 90° gedreht zu lesen sind. »Diese sind aber keineswegs immer freundlich, sondern können zum Ausdruck verschiedenster Emotionen eingesetzt werden.« (Rosenbaum, 1996, S. 227). Hier eine kleine Auswahl von Smilies[6]:
4.6 :-) der lachende Standard-Smiley (Z. 6, 8, 15, 25, 30, 31, 34)
:)) glücklicher Smiley(Z. 10)
:(((( äußerst trauriger Smiley (Z. 16)
(( sehr traurige Grinsekatze (Z. 21)
;-) augenzwinkender Smiley
:/) nicht witzig
:-O erstaunt
:-o schockierend
:-< traurig
<:-) dumme Frage (Eselskappe)
:-i User raucht Zigarette
:-# zensiert
:@ Was?
4.7 Intensivierung wird durch Iteration von Zeichen markiert wie in ›:((((‹ und auch ›ooooooomaaaaaaaa‹ (Z. 10). Die Kleinschreibung wird bevorzugt, Interpunktionszeichen können weggelassen werden (Z. 3). Neben diesen Merkmalen weisen dieser und andere Chats ein sprachliches Phänomen auf, das völlig neu zu sein scheint. Es handelt sich um Ausdrücke wie *kassauffress..schling* (Z. 9); hier noch einige weitere Belege aus anderen Chats: *locker mit einer hand auf abstand halt*, *nachbutzes-eisen-stange greif*, *sackhalt*, *saugen geh*. In der Regel sind diese Konstruktionen durch *Sternchen* markiert. Syntaktisch gesehen handelt es sich um eine spezielle Infinitkonstruktion, die bis auf wenige Ausnahmen durch Verbendstellung des Verbstammes gekennzeichnet ist, wobei eine Vollprädikation vorliegt gegenüber den bekannten Infinitkonstruktionen (Infinitiv- und Partizipialkonstruktion), die eine Nebenprädikation aufweisen. Wir wollen diese Konstruktion mangels eines vorliegenden Terminus als infinite Verb-Letzt-Konstruktion bezeichnen. Sie tritt in Zusammenhang mit dem häufigen Gebrauch von prädikativ gebrauchten Verbstämmen auf wie in *kotz* (Z. 17), *grins* (Z. 22) und *bibber* (Z. 26), was die Annahme stützen würde, daß die infinite Verb-Letzt-Konstruktion sich als Erweiterung aus den prädikativ verwandten Verbstämmen herleitet. Diese »Wurzelwörter« (Schlobinski/Blank, 1990, S. 12) wiederum, die allein durch den Verbstamm gebildet werden, sind Erfindungen von Redakteuren der Comics »Micky Maus« und »MAD«. In den 50er Jahren bestand das Problem, die englischen ›sound words‹ ins Deutsche zu übersetzen. So wurde ein spezifischer Donald-Duck-Stil entwickelt (vgl. Dolle-Weinkauff, 1990, S. 70), und der Satiriker Herbert Feuerstein, ehemals Chefredakteur der satirischen Zeitschrift »MAD«, berichtete in der Talkshow »Drei nach neun«, daß er die deutsche Sprache um eben die Wurzelwörter erheblich bereichert habe. Die so neu gebildeten ›Lautwörter‹ haben aus den Comics den Weg auch in die Umgangssprache gefunden:
4.8 »Ähnlich wie im Falle der Redensarten und metaphorischen Wendungen handelt es sich dabei oft um Sprachgags von ursprünglich singulärem Charakter, die allmählich zum selbstverständlichen Bestandteil konventionalisierter Comic-Sprache wurden und teilweise über den Jargon Jugendlicher in die Umgangssprache Eingang fanden.« (Dolle-Weinkauf, 1990, S. 70f.)
4.9 Der Gebrauch von Wurzelwörtern und infiniten Verb-Letzt-Konstruktionen im Chat finden sich nun vorwiegend bei denen, deren Comic-Lektüre noch nicht verblaßt ist: jungen Studenten und Schülern. Inwieweit hier ein sprachliches Phänomen vorliegt, das sich weiter ausbreitet, insbesondere ausweitet in den Bereich der gesprochenen Sprache, ist eine offene Frage.
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Ver. 1.1 vom 07.01.2000