6.1 Sprach- und Kommunikationswandel durch das Internet?
Daß das Internet unsere Schreibkultur beeinflußt und in Zukunft zunehmend beeinflussen wird, steht außer Frage. Ob dies allerdings zu einem größeren Sprachwandel führt, glauben wir nicht, wenn auch in einzelnen Bereichen Sprachwandelprozesse initiiert oder verbreitet werden können. Vielmehr zeigen unsere (und andere) Analysen, daß sprachliche Elemente und Versatzstücke aus diversen Diskurswelten zu einem spezifischen Stilmix zusammmengebastelt werden. Dies hat Werry (1996, S. 58) für die IRC-Kommunikation treffend beschrieben:
6.2 »Participants tend to play with language, to produce hybrid, heteroglossic forms that incoporate all manner of communicative styles. A salient property of IRC discourse involves what one might call the written equivalent of speaking in tongues. Participants produce a bricolage of discursive fragments drawn from songs, tv characters, and a variety of different social speech types.«
6.3 Durch das Prinzip der Bricolage wird die sprachliche Variation erhöht, die zwar notwendige Voraussetzung für einen Sprachwandel ist, aber nicht zu Sprachwandelprozessen führen muß. Durch das Zusammenbasteln aus verschiedensten Stilelementen entstehen neue Schreibstile insofern, als »es nicht zu einer Schaffung von Objekten aus dem Nichts [kommt], sondern vielmehr zu einer Transformation und Umgruppierung des Gegebenen in ein Muster, das neue Bedeutung vermittelt; einer Übersetzung des Gegebenen in einen neuen Kontext und seiner Adaption.« (Clarke 1979, S. 138). Durch den Prozeß der De- und Rekontextualisierung von sprechsprachlichen Elementen, Anglizismen, graphostilistischen Mitteln usw. entstehen Schreibstile, die das Netz als neues Medium und den Diskurs seiner Nutzer widerspiegeln.
6.4 Wandelt sich Sprache durch das Netz nicht schlechthin, so werden durch die Internet-Kommunikation die kommunikativen Praxen nicht nur erweitert, sondern auch rasant verändert. Zentral hierfür ist die Tatsache, daß im Cyberspace Raum und Zeit eine neue Qualität erfahren: Nahezu zeitgleich kann prinzipiell jeder rund um den Globus kommunizieren. »Das Internet operiert in der realen Zeit, doch Menschen in verschiedenen Zeitzonen können trotzdem leicht miteinander kommunizieren.« (Dyson, 1997, S. 15). Das viel zitierte ›globale Dorf‹ ist ein transnationales Kommunikationsnetz, das die Kommunikationsmöglichkeiten qualitativ verändert. Die E-Mail ist nicht nur ein elektronisch erweiterter Brief, sondern ermöglicht die (preiswerte) Verschickung von Texten, Bildern, Tönen und Videos online. Chats und Newsgroups können Tagungen ersetzen und der Austausch materieller Güter erfolgt zunehmend über den beginnenden Datenhighway. Das Internet als interaktives und multi-direktionales Medium virtualisiert die Kommunikation in zunehmendem Maße, kritisch zu fragen ist – bei aller Begeisterung für das Netz und seine Netizens –, ob nicht die Face-to-face-Kommunikation sich zunehmend im MUDnebel des Cyberspace verflüchtigt, in denen nicht mehr Personen, sondern »Chiffrenexistenzen« (Krämer, 1997, S. 96) miteinander kommunizieren.
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Ver. 1.1 vom 07.01.2000