| 3.1 | |
| Die E-Mail-Kommunikation bietet vor allem dort ihre Vorteile, wo es gilt, Zeit aber auch Kosten zu sparen. Denn im Gegensatz zum Brieftransfer mittels ›Gelber‹ Post kann eine E-Mail wenige Sekunden nach ihrer Absendung beim Empfänger eintreffen – für die ›Snail-Mail‹ (Schneckenpost) ein unerreichbares Ziel. Benötigt ein Brief unter Umständen mehrere Wochen von Deutschland nach Argentinien, schafft das elektronische Pendant diesen Weg in wenigen Minuten, mitunter gar Sekunden. Eine Ersatzfunktion für bestimmte Arten von Briefen ließe sich unter Umständen durchaus begründen, wird doch durch diese Möglichkeit der Kontakt erleichtert, wodurch ein intensiverer Austausch von Briefen und Nachrichten möglich ist, veranschaulicht durch folgende Mails: | |
| 3.2 |
»[...] Ich fing an, darauf [einen Brief] zu antworten, merkte aber, dass Sie eine e-mail-Adresse haben, und dachte, es waere vielleicht einfacher und schneller Ihnen so zu schreiben« »Lieber [Name], ich hoffe Sie bekommen meine Nachrichten, denn schon seit Dezember hoere ich nichts mehr von Ihnen. Auf alle Faelle, wollte ich mich nur melden und Ihnen schoene Gruesse aus Brasilien senden. [Name]« |
| 3.3 | Die Vermutung liegt nahe, daß der Kontakt zu ausländischen Freunden und Bekannten, insbesondere über einen Kontinent hinweg, via E-Mail nachhaltiger gepflegt wird, im Gegensatz zum Brief jedoch in jeweils geringerem Umfang. |
| 3.4 | Zu organisatorischen Anlässen wird die E-Mail vielfach der Kurzmitteilung vorgezogen; sie ist effizienter, verursacht weniger Kosten und kann abgefragt werden, wenn es der Zeitpunkt erlaubt. In Abwesenheit kann ein ›Mail-Robot‹ automatisch auf E-Mails reagieren, indem er z. B. darauf hinweist, daß der Mailbox-Besitzer seine Briefe augenblicklich nicht persönlich abfragen kann. |
| 3.5 |
»Liebe/r Absender/in, [...] dies ist eine automatische Antwort meines freundlichen Mail-Robot :-) [...] Ich bin offline bis zum 12.01.98.« |
| 3.6 | Einen weiteren Vorteil der E-Mail-Kommunikation bietet die Funktion der Re-Mail. Die häufig als ›Dialog-Simulation‹ bezeichnete Gestalt ergibt sich aus der Wiederholung der Ursprungs-Mail, gekennzeichnet durch voranstehende Zeichen (meist ›>‹), wobei die Antworten in diese eingebettet werden können – teils direkt hinter den Fragen, teils am Anfang oder Ende. |
| 3.7 |
»>Dear [Name], >unfortunately may wife cannot join the conference in Gent. Coulod you please >change my order (see invitation formular) from doubleroom to single room!? No problem! >Should I held the talk in English or German?? In English Kindest regards, [Name]« |
| 3.8 | Auch das gesellschaftliche Reglement hinsichtlich hierarchischer Strukturen wird durch die Möglichkeit der Mail-Ansprache aufgelockert. |
| 3.9 | Neue Kommunikationsarten gehen, wie bereits angedeutet wurde, immer auch mit neuen oder zumindest veränderten Kommunikationspraktiken einher. Vielfach wird jedoch von der »Konstituierung einer eigenen Textsorte „E-mail” in jedem Fall« (Pansegrau, 1997, S. 89) gesprochen oder die »Sprache des Internets [...] als gruppenspezifische Sondersprache der Internet-Nutzer« (Haase et al., 1997, S. 52) bezeichnet. Doch gestaltet sich die ›Sprache des Internets‹ zu vielseitig, als daß solche Definitionsangebote das reiche Spektrum abdecken könnten. Dringen Homepages oftmals in die Werbesprache ein – die mit Sicherheit eine Sondersprache darstellt – so verfolgen ›Chattende‹ oder ›E-Mailende‹ mit Sicherheit andere Ziele als Präsentation oder Marketingmittel. |
| 3.10 | Dessen ungeachtet fallen bei dem uns vorliegenden Mail-Korpus eine Vielzahl von Besonderheiten auf, die im klassischen Brief selten oder gar nicht anzufinden sind bzw. eher den Chat charakterisieren (siehe Chatten). Bemerkenswert ist, daß trotz des häufig an eiliges Schreiben erinnernden Stils nicht nur Telegramm-Nachrichten oder Kurzbriefe (konzeptionell mündlich) ausgetauscht werden, sondern auch Briefe (konzeptionell schriftlich) (siehe untenstehende Abb.). |
| 3.11 | ![]() |
| Abb. 1: Brief oder E-Mail? | |
| 3.12 | Sowohl die Orts- und Zeitangabe, als auch die Art der Adressierung mit der Angabe von »Herrn«, der genauen Adressenangabe mit Hausnummer und »BRD« als Länderkennung verwundert, da die tatsächliche Adresse des Adressaten im Kopf steht ([Name]@mbox.sdls.uni-hannover.de).[2] Das Gegenteil, weder Anrede noch Verabschiedung, ist zwar etwas gebräuchlicher, doch auch eher selten anzufinden. Hingegen wird hier und da eines von beiden weggelassen oder kürzer ausgeführt als beim Papierbrief (»cu« oder Initialien). In diesem Zusammenhang sind auch weitere Akronyme wie »mfg« (mit freundlichen Grüßen) oder »BTW« (By The Way), aber auch Abbrüche wie »verd...« (verdammt) zu erwähnen. |
| 3.13 | ›Ausführlicher‹ hingegen gestalten sich Umlaute oder die Ligatur ›ß‹, die dem internationalen ASCII-Zeichensatz nicht zugehören und daher durch Ausschreiben ersetzt werden müssen (ae, oe, ue, ss). Eine besondere Schreibweise zeichnet sich neben vielen orthographischen Fehlern teils auch durch eine (konsequente) Kleinschreibung aus. Wäre dies eine »Annäherung an das Englische« (Pansegrau, 1997, S. 97), so wären doch mindestens die Namen groß, sogar die Satzanfänge jedoch sind klein geschrieben. Folglich spart die nicht gedrückte Umschalt-Taste einzig und allein Zeit – ein Anliegen des Autors, das zur Auswahl des Mediums paßt und zugleich ein Indiz für die häufigen Fehler ist. Selbst in Asterisken eingeschlossene Gefühls- oder Zustandsäußerungen »*seufz theatralisch*« tauchen auf, die vermutlich dem Chat entlehnt sind und hierüber Eingang in private Mails gefunden haben. Partikeln aus der Umgangssprache (»halt«) zeigen wiederum das mündliche Konzept der Mails. |
| 3.14 | Innerhalb dieser Kategorie sollen noch die Satzkonstruktion der einfachen Reihung von Hauptsätzen Erwähnung finden, denen oftmals ein Verb fehlt (»wie bereits telefonisch erwaehnt, Adresse + Preise des CD-Produzenten..«, »also wirklich.. wie kannst Du nur.. fassungslos sitze ich hier....«). Bei letzterem Beispiel fällt besonders eine starke Nähe zur gesprochenen Sprache auf. Als vorweggenommene Antwort auf eine vorausgegangene Anfrage findet sich in einer anderen Mail als ‘Betreff’ »Noe ;-)«, welches auch jugendsprachliche Züge zeigt. Der Verneinung angeschlossen ist ein augenzwinkernder Smiley, welcher einen nichthörbaren Unterton ersetzen soll. Wie beim Chat finden sich auch in (privaten) Mails Lautwörter aus den Comics (»oops«), Flexionen von fremdsprachlichen Lexemen (»gechattet«), häufiger jedoch Anglizismen (»als attached file«, »ihren Account „disabeld” hat«), Komposita (»Internetserver«, »Rechnerprobleme«) und Hybridbildungen (»Mailadresse«). |
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Ver. 1.1 vom 07.01.2000