Medienanalyse

Zum Begriff Hypertext

Pokal

Der folgende Text gibt einen kurzen und damit unvollständigen Überblick über den Hypertext. Weitere Informationen finden sich zum Beispiel bei Storrer 2000, zur Bescheibungssprache HTML[] Münz 2001.

Vier wichtige Namen gibt es auf dem Weg zum Hypertext, wie wir ihn heute kennen:

  • Vannevar Bush, 1945, gilt als Vater des Hypertextgedankens. Er suchte nach einer technischen Möglichkeit, um das menschliche Gehirn und dessen Gedankengänge zu erweitern und zu unterstützen; dem so genannten MEMEX (MEMory EXpander). Eine Umsetzung in ein System ist nie gelungen.

  • Ted Nelson, 1972, übernimmt Vannevars Idee der Assoziation zwischen Textteilen via "hypertrails" und erweitert ihn auf den Schreibprozess, bei dem er eine durch das druckbare Medium erzwungene Sequenzierung der Gedanken erkennt. Eine nicht-lineare Textorganisation mit Computerunterstützung. Eine Umsetzung dessen in ein lauffähiges System ist ebenfalls nie gelungen.

  • Douglas C. Engelbart, 1978, bekannter Computerwissenschaftler, hat z.B. die Maus oder Fensterstruktur erfunden, entwickelte das erste lauffähige Hypertext-System, das so genannte "Augment". Er suchte eigentlich nach einer Methode, den Umgang mit Daten durch Technik zu verbessern und sie von mehreren räumlich getrennten Orten gleichzeitig bearbeiten zu können.

  • Tim Berners-Lee, 1989, durch die Einführung des WWWs und die Entwicklung von HTML (HyperText Markup Language) und einfach zu bedienenden Webbrowsern wurde dem Hypertext-Prinzip eine zuvor nicht gebotene Chance eröffnet. Die Stärken des WWWs liegen in der Verbindung von Information und Kommunikation und der sich bietenden Vielfalt, dieses zu nutzen.

Die drei Bestimmungsmerkmale des Hypertexts

  • Nicht-lineare Organisationsform
    Die Daten werden auf Module verteilt, die untereinander durch Hyperlinks verknüpft sind; dies ermöglicht ein selektives Lesen und die einfachere Vermittlung an verschiedene Adressatengruppen durch individuelle Schwerpunktlegung des Nutzers.

  • Mehrfachkodiertheit und Synästhetisierung
    Es kann auf dem visuellen und dem auditiven Kanal kommuniziert werden und dies unter Verwendung verschiedener Symbolsysteme. Die beim druckbaren Medium isolierte Schrift kann im Hypertext durch unterschiedliche mediale Objekte (Bild-, Audio- und Videodateien) angereichert werden oder durch Hyperlinks verknüpft werden (hier spricht man auch von Hypermedia). Durch diese Ergänzungen zur Schrift spricht man von einer Synästhetisierung dieser, da sie auch andere Sinne reizen kann, als nur den ihr zugewiesenen.

  • Computerverwaltete Texte
    Die beiden ersten Eigenschaften erfordern es, dass sowohl zur Produktion als auch zur Rezeption eines Hypertextes spezielle Geräte und Software benötigt werden. Lässt sich ein computerverwalteter Text nicht werteverlustfrei auf Papier drucken, so spricht man von einem Hypertext, ansonsten von einem E-Text (elektronischer Text – zumeist Vorversionen für eine Printpublikation) oder Textdesign (nicht-lineare Gestaltungsform von z.B. Zeitschriften).

Die vielgestaltige Bedeutung des Wortes "hyper-"

  • 'Mehr-als-Text'
    Text, der immer über sich hinausgreifen möchte und Verbindungen zu anderen Texten herstellen will.

  • 'Noch-nicht-Text'
    Hypertexte werden häufig als sog. digitale Zettelkästen benutzt, in denen von verschiedenen Orten aus Informationen zusammengetragen werden.

  • 'Text-in-Bewegung'
    Hypertexte gelten als flüchtiges Medium, da sie zum einen die Eigenschaft der Spur oder Gravur nicht besitzen (Beispiel: nicht abgespeicherte Texte gehen komplett verloren, wenn Computer abstürzt) und zum anderen dem ständig wechselnden Angebot des WWWs, in dem Daten schnell geändert werden (bei angestrebter Aktualität auch müssen) und häufig keine Informationen über die Änderungen gemacht werden, unterliegen.

  • 'Interaktiver Text'
    Der entscheidende Mehrwert gegenüber dem Buch oder audiovisuellen Medien liegt in der Interaktivität von Hypertexten, die hier als Wahlmöglichkeit des Nutzers zwischen vorprogrammierten Alternativen verstanden wird. Dies unterstützt eine partielle und selektive Rezeption.

Problematiken des Hypertexts

Es gibt eine gewisse Unüberschaubarkeit des Hypertexts, da sein Umfang nicht sofort einsehbar ist und man auch durch ungeschicktes Navigieren Informationen "umlesen" kann.

Ein Weiteres betrifft die Begriffsschöpfung: Text liest man, Hypertext navigiert man. Dies verführt zur Vermutung, dass der Hypertext eine wenig zielgerichtete und unkontrollierte Informationsaufnahme unterstützt, was jedoch nur dort häufig auftritt, wo sich jemand mit einem zuvor unbekannten Themenbereich befasst.

Im Ergebnis aussichtsreich

Eine naive Überhöhung des Mediums Hypertext ist sicher unbegründet. Zu allen Argumenten für das neue Medium lassen sich Gegenargumente finden. Empirische Studien ergeben ein uneinheitliches Bild, zum Teil zugunsten von Hypertext, zum Teil zugunsten linearer Informationsvermittlung.

Es lässt sich festhalten, dass die Möglichkeiten, den Hypertext effektiv zu nutzen, noch lange nicht ausgereift, geschweige denn erschöpft sind. Sinnvoll erscheint er momentan dort, wo selektives Lesen bereits vorher gefordert war, z.B.: Lexika, Anleitungen etc. Aber er könnte auch dazu beitragen, den Prozess des Schreibens zu revolutionieren, sollten sich Autoren dazu entscheiden, sich von pre-selektiven Textstrukturen abzuwenden, die bisher durch die Printmedien bedingt waren. Allerdings besteht heutzutage immer noch das Problem der Unhandlichkeit dieser Textform: Niemand liest gern Romane am PC.

Zitierte Literatur

Münz, StefanWolfgang Nefzger (2002). HTML & Web-Publishing Handbuch. Poing. online lesbar

Storrer, Angelika (2000). »Was ist 'hyper' am Hypertext?«. Aufsatz im Sammelband Sprache und neue Medien. Jahrbuch 1999 des 'Instituts für deutsche Sprache'. mehr

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