Neue Rechtschreibung – neue Probleme?
Ein Interview mit Dr. Olaf Krause.
Olaf Krause ist promovierter Sprachwissenschaftler
und arbeitet als Lektor unter anderem für eine norddeutsche
Tageszeitung. Neben
Arbeiten zu grammatischen Themen hat er sich als Experte für
Rechtschreibfragen sowohl
theoretisch als auch praktisch mit
Problemen der neuen Orthographie beschäftigt. Peter Schlobinski (ps) führte mit
ihm ein Interview im Hinblick auf die Auswirkungen der seit 1998
geltenden Schul- und Behördenrechtschreibung (zum
Regelwerk).
P.S. Auf der
Website des DUDEN heißt es als Begründung für die
Rechtschreibreform, dass es darum ging, "durch behutsame Änderungen die
Systemhaftigkeit unserer Rechtschreibung und den Grad der
Allgemeingültigkeit ihrer Regeln zu erhöhen. Damit wird die
Rechtschreibung vom Schreibenden leichter zu handhaben sein, ohne dass
daraus Nachteile für den Lesenden erwachsen." Zunächst die allgemeine
Frage: Ist die Rechtschreibung nun leichter zu handhaben?
O.K. Nein, sicher nicht. Die neuen Regeln
sind oft sehr schematisch und in vielen konkreten Einzelfällen kaum
eindeutig umsetzbar. Sogar die Wörterbuchverlage wie der Duden-Verlag
und die Rechtschreibkommission selbst hatten größte Schwierigkeiten, die
Regeln in die Praxis umzusetzen, viele Einzelwortschreibungen sind nach
wie vor nicht ganz klar. Dazu kommt natürlich, dass die heutigen
Anwender mit der alten Rechtschreibung aufgewachsen und mit den neuen
Regeln nicht vertraut sind. Es gibt heute kaum jemanden, der die neue
Schreibung einigermaßen sicher beherrscht.
P.S. Es wurde auch immer wieder
argumentiert, dass der Schriftspracherwerb (in der Schule) nunmehr
leichter würde. Gibt es mittlerweile Befunde, die diese These stützen?
O.K. Solche Befunde sind mir nicht bekannt.
In der schulischen Praxis klaffen Anspruch und Wirklichkeit jedoch auch
noch weit auseinander. Gelehrt wird oft nicht viel mehr als die
Neuregelung der ss-/ß-Schreibung, meist nicht mal das vollständig. Die
wirklich problematischen Bereiche, wie vor allem die Getrennt- und
Zusammenschreibung, bleiben außen vor; in der Regel deshalb, weil sie
die Lehrenden selbst nicht beherrschen.
P.S. In Ihrer Arbeit bei der Zeitung sind
Sie täglich damit konfrontiert, Fehler auszumerzen. Aus Ihrer Erfahrung
heraus: Welche Fehlertypen treten denn besonders häufig auf und was ist
die Begründung hierfür?
O.K. Was den von der Reform betroffenen
Bereich betrifft, ist es, wie eben schon angesprochen, die Getrennt- und
Zusammenschreibung, wo mit Abstand die meisten systematischen Fehler
gemacht werden, d.h. falsche Schreibungen, die vom Schreibenden so
intendiert sind. Sehr häufig sind auch Fehler im Bereich der Groß- und
Kleinschreibung, z.T. bedingt durch falsche Getrennt- bzw.
Zusammenschreibung. Erstaunlich ist, dass auch bei der ss-/ß-Schreibung
immer noch zahlreiche Fehler auftreten, obwohl dieser Bereich
vergleichsweise klar geregelt ist. Das zeigt, wie wenig die Reform
bisher in den Köpfen der Schreibenden angekommen ist. Fast keine Rolle
spielen dagegen das Stammprinzip oder die Laut-Buchstaben-Zuordnung,
also interessanterweise die Fälle, die in der Diskussion um das
Reformwerk am häufigsten zitiert wurden (z.B. Schifffahrt, Känguru).
Daneben sind verschiedene Grammatik- (z.B. fehlende Deklination,
falscher Kasus) und auch immer noch Zeichensetzungsfehler häufig.
P.S. Eine immer größere Bedeutung haben
nicht nur in der verlegerischen Praxis Rechtschreibprogramme. Kann man
diesen vertrauen oder produzieren sie systematisch Fehler?
O.K. Das grundsätzliche Problem bei
Rechtschreibprogrammen ist, dass ihnen oft blind vertraut wird, obwohl
sie die Kompetenz des Schreibenden niemals ersetzen, sondern ihm immer
nur eine Hilfe sein können. Bei den Programmen, die seit Einführung der
neuen Schreibung im Medien-, aber auch im privaten Bereich verwendet
werden, kommt jedoch verschärfend hinzu, dass sie tatsächlich
systematisch Fehler produzieren und auch oft korrekte Schreibungen durch
falsche ersetzen. Ein sehr großer Teil der falschen Getrenntschreibungen
ist auf die Praxis der Programme zurückzuführen, diese in weitaus mehr
Fällen vorzuschlagen, als es nach der reformierten Schreibung vorgesehen
ist. Geradezu absurde Beispiele sind fest genommen (für
verhaftet) oder genau so (Betonung auf genau), die
auch nicht das Geringste mit dem Reformwerk zu tun haben; korrekt sind
nach wie vor festgenommen und genauso. Ähnliches gilt für
den Bereich der Groß- und Kleinschreibung, z.B. bei am Besten,
Einiges statt weiterhin korrekt am besten, einiges. Bei der
ss-/ß-Schreibung erkennen die Programme dagegen nicht mehr
gültige Schreibungen wie bewußt (korrekt: bewusst) oder
Mißtrauen (Misstrauen) häufig nicht als Fehler.
P.S. Während die meisten Tageszeitungen die
neue Orthographie eingeführt haben, bleibt die Frankfurter Allgemeine
Zeitung zumindest in ihrer Printausgabe bei der alten Schreibung.
Führende Schriftsteller gaben zu Protokoll, sie würden so schreiben, wie
es ihnen passt. Führt dies nicht zur Verunsicherung der Leser, wenn
"jeder schreiben kann, wie er will"? Brauchen wir nicht eine
rechtsverbindliche Norm?
O.K. Hier gilt es, einen Mittelweg zu
finden. Der Duden ist in seinem Bestreben, wirklich alles und jedes zu
regeln, oft weit über das Ziel hinausgeschossen und hat damit dazu
beigetragen, dass vielen die alte Rechtschreibung sehr kompliziert
erschien. Gerade im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung laufen
regelmäßig Sprachwandelprozesse ab, wobei dann in der Regel zwei
verschiedene Schreibweisen eine Zeit lang nebeneinander verwendet
werden. Ähnliches gilt für die Fremdwortschreibung oder Prozesse, bei
denen einer Wortart zugehörige Wörter andere Bereiche erobern, z.B. bei
Substantivierungen. Das ist auch alles überhaupt kein Problem. Insofern
wäre eine Liberalisierung der deutschen Schreibregeln in vielen solcher
Fälle durchaus sinnvoll gewesen. Wenn allerdings die Grundkonventionen
der Schreibung einer Sprache, wie im Deutschen z.B. die
Substantiv-Großschreibung oder die Nicht-Getrenntschreibung von
Substantiv-Komposita, aufgeweicht werden, dann wird das mit Sicherheit
Kommunikationsprobleme zur Folge haben. Bei der Reform wurde u.a. der
Fehler gemacht, dass die Regeln z.T. der natürlichen Sprachentwicklung
entgegenlaufen, insbesondere bei dem Prinzip verstärkte
Getrenntschreibung statt häufigerer Zusammenschreibung.
P.S. "Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut."
– "Wer Gott vertraut, hat wohlgebaut." Wie muss man es denn nun
schreiben? Aber ernsthaft: Wie ist das mit historisch tradierten Werken
und wie ist es mit Zitaten: neue oder alte Rechtschreibung?
O.K. Ja, da muss ich gestehen, dass ich in
diesem Fall keine eindeutige Antwort geben kann. Gerade bei Verbindungen
mit wohl scheinen die im aktuellen Rechtschreib-Duden angegebenen
Getrennt- und Zusammenschreibungen so willkürlich, dass sie praktisch
nicht mehr nachvollziehbar sind. Ich denke aber, dass hier beide
Varianten möglich sind. Bei historisch tradierten Werken war es im
Übrigen auch bisher häufig schon so, dass die Originalschreibung
beibehalten wurde. Auch Zitate aus der Zeit vor der Reform sollten nicht
nach der neuen Regelung geschrieben werden. Und damit sind wir auch
schon bei einem weiteren Problem. Denn die alte Schreibung bleibt in
unserem Alltag natürlich selbst dann präsent, wenn die reformierte
Schreibung in den Printmedien und darüber hinaus weitgehend konsequent
und fehlerfrei umgesetzt wird. Bücher und andere Texte in alter
Rechtschreibung werden weiterhin rezipiert und tragen somit dazu bei,
dass die neuen Regeln sich nicht so schnell in den Köpfen verankern
werden.
P.S. Herr Krause, der 'Bund für
vereinfachte rechtschreibung' (http://www.sprache.org/)
fordert seit Jahrzehnten die Kleinschreibung und steht damit in guter
Tradition mit den Gebrüdern Grimm. Warum ist eine Kleinschreibung in
Deutschland nicht möglich wie in den anderen Ländern Europas? Liegt es
an der Sprache, an den Spracheinstellungen der Bürger oder der
Reformunwilligkeit von Politikern und Kulturschaffenden?
O.K. Die radikale Kleinschreibung ist für
den Schreibenden natürlich einfacher, weil er beim Schreiben weniger
Prinzipien berücksichtigen muss. Dennoch ist sie keine ernsthafte
Alternative, weil sie dem Lesenden das Lesen erschwert. So bietet die
Substantiv-Großschreibung im Deutschen dem Lesenden ein
Strukturierungselement, das den Rezeptionsprozess erleichtert. Meines
Erachtens ist sie für eine flektierende Sprache mit der Struktur des
Deutschen die weitaus beste Alternative. Die gemäßigte Kleinschreibung,
wie sie in den meisten europäischen Sprachen praktiziert wird, bietet
dagegen weniger Strukturierungselemente, schafft aber gleichzeitig neue
Probleme. So ist das Prinzip der Eigennamen-Großschreibung weitaus
schwerer umzusetzen als das der Substantiv-Großschreibung, weil die
Klasse der Eigennamen sehr viel schwerer zu fassen ist als die der
Substantive. Das funktioniert dort offenbar nur deshalb einigermaßen,
weil der Orthographie, aber auch dem Leseverständnis ein geringerer
Stellenwert beigemessen wird. So konnte in empirischen Untersuchungen
bspw. festgestellt werden, dass niederländische Muttersprachler nach den
Regeln der Substantiv-Großschreibung schneller lesen als nach den
eigenen Regeln.
P.S. Zum Abschluss eine persönliche Frage:
Wenn Sie das Rad der Geschichte zurückdrehen könnten, hätten Sie die
Rechtschreibreform durchgeführt, und wenn ja, was hätten Sie anders
gemacht?
O.K. Das ist eine Frage, die für mich
schwer zu beantworten ist. Denn persönlich habe ich als Lektor und
Korrektor sehr von der Einführung der neuen Schreibung profitiert.
Dadurch, dass selbst Schreibende, die vorher sicher im Umgang mit der
Rechtschreibung waren, jetzt ebenfalls verunsichert sind, konnte sich
meine Berufsgruppe völlig neue Märkte erschließen. Aber wenn man diese
persönliche Komponente unberücksichtigt lässt, ist die Antwort klar: Die
Reform hat nur wenig Positives gebracht – eigentlich nur im Bereich der
verstärkten Stammschreibung und Großschreibung von Substantivierungen,
z.T. auch bei der Silbentrennung –, die alte Schreibung ist
grundsätzlich der Struktur des Deutschen angemessener. Einige
Liberalisierungen hätten aber, wie ich ja schon erklärt habe, durchaus
Sinn gemacht. Den größten Fehler haben die Reformer aber damit begangen,
dass sie den Widerstand gegen das Reformwerk völlig unterschätzt haben.
Schreibung ist ein Teil der Sprache, und Sprache bedeutet Identität.
Nicht umsonst werden ihretwegen sogar Kriege geführt. Wenn man den
Menschen einen Teil ihrer Identität nimmt, muss man damit rechnen, dass
einem massiver Widerstand entgegenschlägt.
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