Anmerkungen zu den Wahlplakaten
(si)
Geschroibert wurde viel! 1210 Plakatmotive wurden insgesamt mit Texten
versehen und eingesandt,
sodass die Vielfalt an sprachlicher Kreativität groß war. Ein kleiner
Überblick soll Gemeinsamkeiten und Besonderheiten aufzeigen - von der
'Politik der ruhigen Hand' Schröders bis zu den 'Ähhs' von Stoiber.
Themenwahl
Im Gegensatz zu vielen Wahlplakaten in den Straßen
wurden viele Plakate beim Wettbewerb mit Inhalten gefüllt (s.
hierzu das Interview mit Dr. Nina Janich). Ausgangspunkt der Themen
waren vielfach - wie erwartet - (vermutlich persönliche) Schicksale wie
etwa Arbeitslosigkeit, Rentenunsicherheit, der (T)euro oder eine
empfundene soziale Ungerechtigkeit. Sehr häufig wurde auch die
Hochwasser-Katastrophe zum Plakatthema gewählt (Auferstanden aus den
Fluten..., Mit der CDU auf dem Trockenen stehen, wer
mit Halbschuhen an die Elbe fährt, ist des Kanzlers Posten auch nicht
wert ... gell Herr Stoiber oder aber Wasserwahlkrampf). Allerdings wurde das Thema Hochwasser nicht nur als
negativ Erlebtes dargestellt, sondern auch verwendet, um sich zur
positiv empfundenen Umweltpolitik zu äußern (Rot fürs Boot! ...damit wir über
Wasser bleiben!).
Ein anderer Schwerpunkt bei der Themenwahl waren
zentrale politische Begebenheiten oder Aktivitäten. So wurde etwa
Schröders 'Politik der ruhigen Hand' signifikant oft thematisiert. Interessant ist, dass sich dieses Bild sprachlich so verfestigt hat. Zu
berücksichtigen ist hier allerdings, dass für jeden Kandidaten vier
Plakatmotive vorgegeben worden sind und eines hierbei Gerhard Schröder
mit Hand zeigte.
Motivwahl
Das am häufigsten gewählte Plakatmotiv war
"Schröder mit Hand" (links im Bild). Dies führte sicherlich
auch dazu, dass seine so genannte 'Politik der ruhigen Hand' so
zahlreich thematisiert worden ist (Mit bekannter ruhiger Hand regier'
ich weiterhin das Land., ... mit ruhiger Hand, Die Hand bleibt ruhig
!). Wenn nicht auf diese Weise, so wurde die Hand in andere
Zusammenhänge eingereiht, wie etwa in ...Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf
!, Der Herr der Ringe oder in WeiterHANDeln! (s. auch
unter Grafische Raffinessen).
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Unter den vier Motiven mit Stoiber wurde dasjenige
gewählt, das ihn ausgeleuchtet im Portrait zeigt (s. linkes Bild).
Insgesamt jedoch wurde öfter ein Plakat mit Schröder gewählt als eines
mit Stoiber. Prozentual ausgedrückt: 56% wählten ein Motiv mit Schröder, 44%
eines mit Stoiber.
Dass der dritte Kanzlerkandidat - Guide Westerwelle - bei uns nicht zur
Wahl stand, lag nicht etwa an einer Geringschätzung seiner Kandidatur.
Vielmehr starteten wir den Wettbewerb vor der Bekanntgabe seiner
Aufstellung. Da wir zu diesem Zeitpunkt schon einige Zusendungen hatten,
war uns die Erweiterung um Westerwelle leider nicht mehr möglich
(Chancengleichheit).
Wortwahl
Natürlich ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht
die Wahl der Worte das Wichtigste. Nicht zuletzt aus diesem Grund war
die gestellte Aufgabe, eine Schlagzeile und einen Copytext zu entwerfen. Einige
zentrale Dinge seien in Bezug auf die Ergebnisse genannt.
Herr Stoiber und das 'Äh'
Zuvorderst sind freilich die Sprecheigenschaften
Stoibers aufgegriffen worden. Obgleich der bayerische Kanzlerkandidat
seine anfangs zahlreichen Pausenfüller seit dem ersten TV-Duell auf ein
beachtliches Maß reduzieren konnte, vermochte er diese Eigenschaft nicht
mehr aus den Köpfen der Plakat-Entwerfenden zu verbannen. Im extremsten
Fall sah dies so aus: ähmm...ähh...kündigungsschutz...ähhmm..ähh... ähmm...ähhh...CDU...ähh...ähhhmm...ähhh... ähhmmm...überflüssig ...ähmm...ähh...ähhh... oder
äääääh, hmmmm, ööh (i),
ja natürlich; äääääääääh, dazu stehe ich. Dies führt sogar soweit,
dass ihm eindeutig mangelnde Sprachkompetenz bescheinigt wird: Wenn man
Deutschland äähh, regieren will äähh, sollte man sich äähh auch richtig
arti-äähh arti-ääh, ausdrücken können!
Die berühmten Interjektionen werden auch an die Stelle anderer, lautlich
ähnlicher Buchstaben gesetzt, z.B. statt besser bähsser oder bei
W-äh-len, Ähminenz, ÄHxpÄHrten (für Experten) und
Cäh-Ess Uh (für CSU).
Man spricht bairisch
Ohne Zweifel: Edmund Stoiber ist Bayer, und das war
relevant für zahlreiche Wahlberechtigte. Für die Bayern selbst bedeutete
dies einen nie erreichten Beistand (rund 60% gaben Stoiber in der
Bundestagswahl ihre Stimme), der
auch verbalisiert wurde: Jödeldidö... wir bayerischen Buam könns halt
doch besser und Als Bayer lerne ich* (fast) alles, außer ein
Schlusslicht als Highlight zu verkaufen ... Für nördlicher gelegene
Länderbewohner war die Herkunft Stoibers mitunter ein Problem, welches in den
Wahlplakaten auch zum Ausdruck kam (Liegt Bayern eigentlich in
Deutschland?, Zieht den Bayern die Lederhosen aus !!!, ...wir brauchen keinen Bayern in Berlin oder
Der Bayer hat da
ein Problem: in Norddeutschland gehts ohne dem!).
Neben diesen geografischen Anspielungen wurden auch sprachliche
vorgenommen; Dialekte wurden häufig verschriftet: Da Aloisius war a
Bayer im Himmel und da Edi is boid im Berliner Getümmel!!! und SCHAU MER MA. Auch dialektale Merkmale aus Baden-Württemberg wurden
verschriftet: halt's da ned mer aus..., und die regionale
Veränderung bei einer gewonnenen Wahl wird im folgenden Beitrag deutlich
durch eine Anpassung des Dialekts: Berlin, i hob di fei scho liab!
mit dem Copytext Det jeht doch schon janz juut, wa? Nu müssense mia
noa noch wähln!
Wat isse ne Dampfmaschien?
Wie in den Werbetexten der 'Profis' finden sich in
den Einsendungen zahlreiche Sprüche oder Zitate aus den Medien, die ein
wenig verändert bzw. angepasst worden sind. So schreibt Jemand statt
Ohne Wenn und Aber ohne äähs und aber! und greift damit noch mal die
Interjektionen Stoibers auf. Aus dem berühmten Film "Die
Feuerzangenbowle" stammt der ebenfalls veränderte Satz Wat isse ne
Steuerreform? Da stelle mer uns janz dumm ... Oder es wurden
unverändert Zitate übernommen; bei Hol mir mal ne Flasche Bier...Mir
reicht es hier! wurde das in der ersten Regierungsperiode Schröders
entstandene Lied zitiert, bei In München steht ein Hofbräuhaus... ...
oans zwoa gsuffa ein bekanntes älteres aus Bayern.
Grafische Raffinessen
Obgleich kaum Möglichkeiten zur grafischen
Variation zur Verfügung standen, wurde vielfach versucht, Worte exakt zu
platzieren oder zu akzentuieren. Während bei der Überschrift die
Buchstaben automatisch in Initialen verwandelt wurden, blieben die
Buchstaben der Copytexte unverändert. So konnten Sprachspiele
hervorgehoben werden (ÄHnlich; s.o.), einzelne Worte
hervorgehoben (wählen SIE mit ihrem menschenverstand) oder die
Kandidaten in Worten hervorgehoben (Erst verKOHLt und jetzt
zerSTOIBERt?). Hervorhebung bzw. Nachdrücklichkeit konnte auch mit
Buchstaben- oder Zeicheniteration realisiert werden, z.B. in Gerhard
for President!!!. Auch Sperrung wurde angewandt, um zu betonen: ... dass es nur so s t o i b t !!!.
Technisch Versierte versuchten Zeilenumbrüche, Kursive o.Ä. zu
erzwingen, welches folgende Beispiele zeigen: Man muss auch mal NEIN
sagen. <br> ...ähm, nein, steichen Sie das bitte und Mehr <U>Toleranz</U>
für Deutschland.
In einem Beitrag wurde sogar ein Morsecode visualisiert: kurz-kurz-kurz lang-lang-lang kurz-kurz-kurz kurz-kurz-kurz
lang-lang-lang kurz-kurz-kurz Ihr Bayer braucht Hilfe -
offensichtlich für die Zeichenfolge "SOS".
Internet-Spezifika
Natürlich spiegelte sich auch das Medium in den
Einsendungen wider. So findet sich in dem Plakat, das den 2. Platz
belegt hat, Smileys im Header: :-) oder :-( ?. oder in einem
anderen Beitrag der zwinkernde: denn da gibt es ja noch die FDP ;-).
Auch das @-Zeichen wurde verwandt - als Ersatz für Ed in Edmund (@mund)
oder in einer fiktiven E-Mail-Adresse (e.stoiber@gummistiefel.de).
Fremdsprachiges
Wie in der 'echten' Werbung wurden auch
fremdsprachige Ausdrücke eingebettet bis hin zu vollständigen Aussagen:
Vote out the clowns oder GIVE ME FIVE ... Allerdings ist
der Anteil sehr gering.
Wahlbetrug?
Und dann gab es da noch Texte, die einem doch sehr
bekannt vorkamen. Diese sind nicht gewertet worden, da es ja darum ging,
kreativ zu sein. Insgesamt hat die Jury damit drei Einsendungen nicht
gewertet, so etwa Endlich: Der neue Kandidat der CDU/CSU ist da.
[Leider nicht im Bild, da zu weit Rechts] sowie Ich arbeite
dafür,das alle Menschen Arbeit haben!!! Wählerisch
Insgesamt waren die Einsendungen sehr kreativ und
bemerkenswert gut - vielfach so gut, dass man geneigt war anzunehmen,
dass Werbetexter unter den Einsendern gewesen sind. Wenn dem nicht so
ist: Bewerben Sie sich, Sie hätten gute Chancen ;-) Ausgewählte
Natürlich können Sie einen Einblick in die
zahlreichen Einsendungen nehmen - für die Kategorien Jugendliche und
Erwachsene stehen Ihnen eine Auswahl an Plakaten zur Verfügung:
zur Plakat-Show
Vielen Dank für Ihr Interesse an (unserer) Sprache. |