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Hannover, 04.02.2012

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Zur Sprache der SMS-Kommunikation

Als Comeback des "Telegramm[s], ein Text nicht auf Papier, sondern auf dem Handy" (Schwitalla 2002: 33) wurde der SMS (Short Message Service) bereits beschrieben. Lässt man den Technologiesprung außer Acht, sind SMS-Mitteilungen gegenüber Telegrammen vor allem preiswert, weniger aufwändig zu versenden und dies gänzlich ohne menschliche Vermittler (Telegrafisten zu Zeiten der Telegrafie). Letzteres hatte insofern einen Einfluss auf die Sprache, als intime Telegramme sehr gemäßigt verfasst worden sind (Schwitalla 2002: 35, 45).

Nun ist es aber gerade die Technologie, die das Telegramm nahezu verdrängt hat; und zwar (vorwiegend) durch das bereits genannte Telefon, dessen erfolgreichen Einzug in die Haushalte zusehends durch sein mobiles Pendant ergänzt oder gar ersetzt wird. Insbesondere der Funk hat zum Erfolg des SMS beigetragen, da er die örtliche Gebundenheit aufgehoben hat: Der Schulhof, die Busfahrt, der Unterricht können als Produktionsort für Mitteilungen genutzt werden, und diese erreichen den Empfänger nicht nur schnell resp. sofort, sondern ebenfalls an jedem Ort. Dennoch verläuft SMS-Kommunikation je nach Adressat zeitunabhängig und asynchron (SMS-Chats können nur unter Umständen als quasi-synchron bezeichnet werden), was sie auch zu einer gewissen Konkurrenz für die Mailbox (und den heimischen Anrufbeantworter) werden lässt. Insbesondere für junge Menschen, die - anders als bei Telegrammen - die Hauptnutzer darstellen, ist die Kommunikation via SMS ein Segen.
So wird die immer kleiner werdende (Zehner-)Tastatur (mit Ausnahme von Smartphones und Blackberrys) bereitwillig in Kauf genommen. Trotz einer Aufwandsminderung nutzen nur rund die Hälfte aller Nutzer T9, womit die Eingabe - insbesondere im Vergleich zum Telegramm - unkomfortabel bleibt. Den Ausgleich bilden die Kosten, die bei der SMS nicht mit jedem Wort steigen (im heutigen Telegramm gibt es auch Freiwörter), sondern pauschal für den Umfang einer Mitteilung (160 Zeichen) erhoben werden, sodass eine sparsame Textmitteilung weniger auf Kostenreduktion zurückgeführt werden kann, sondern auf ›Tippökonomie‹.

Doch so zahlreich, wie man vermuten möchte, fällt diese gar nicht aus. Insbesondere Abkürzungen, die sich auf die gezielt ökonomische Verwendung der Tastatur zurückführen ließen, werden relativ verhalten eingesetzt (Döring 2002). Interessant sind hierbei wiederum nicht konventionalisierte Kurzformen wie d für bestimmte Artikel (der, die, das) bzw. Possessivpronomen (dein) oder wü. für wünscht. In SMS-Ratgebern (s. hierzu Ortner 2002) werden zahlreiche mehr oder minder konventionalisierte Kurzwörter wie hdl für hab dich lieb bzw. als Steigerungsform hdgdl für hab dich ganz doll lieb genannt, die mäßig häufig - besonders bei der Verabschiedung - verwendet werden. Praktisch keine Rolle spielen hingegen Silbenkurzwörter der Art HADULUAUEIBI (Hast du Lust auf ein Bier?), mit denen im Jahr 2000 die Bild-Zeitung eine PR-Aktion bestritten hat. Daneben existieren konventionalisierte Abkürzungen wie Mo (für Montag), u. (und) oder Std. (für Stunde). Dass es sich hierbei weniger um eine Reduktion der Zeichenanzahl aus Platzgründen handelt, zeigen deutlich Untersuchungen aus anderen Kulturkreisen. Im Japanischen etwa stehen pro Mitteilung umgerechnet mehr Zeichen zur Verfügung, und dennoch unterscheidet sich die Anzahl der Zeichen pro Mitteilung nicht nennenswert: im Durchschnitt werden in Japan rund 50 Zeichen versandt, in Deutschland unter 100 (im Detail und mit Umrechnung von japanischen Schriftzeichen in Alphabetschrift s. Schlobinski/Watanabe 2003).

Um aber den physischen Aufwand zu reduzieren, werden Rechtschreibfehler hingenommen und oftmals Spatien nicht gesetzt, sofern sie für ein Verständnis nicht erforderlich sind, wobei sich hierfür insbesondere das Spatium hinter Interpunktionszeichen anbietet (Hey!Haben wir was in franze auf?Sehen wir uns heute abend?Grüß schön). Auch Satzzeichen selbst werden in vorwiegend kurzen Sätzen getilgt (Basti hast du heute Zeit). Darüber hinaus finden sich wie bei Chatdiskursen Ellipsen, insbesondere durch Tilgung von Pronomen ([Ich] Komme um 14.30 Uhr zu dir!), was selbst bei Topikalisierung realisiert wird (Shit,jetzt kapiere[ich]!) und hier als ungrammatisch gelten kann.
Während letzteres Beispiel ausschließlich der Tippökonomie zuzurechnen ist, gehören Tilgungen bei unmarkierter Normalstellung (Hab dich lieb! statt Ich hab dich lieb!) eher oder zumindest auch wieder in den Bereich der gesprochenen Umgangssprache. Hierfür finden sich weitere eindeutige Merkmale wie Assimilationen (kommste), Apokopen (nich, jetz), umgangssprachliche Lexik (dolle) und Varietäten (Ey Alter, haste Bock heut abend. Bin voll krass quittig!) etc. Medial bedingte Merkmale wie Iterationen (mir!!!) sind auch bei SMS-Mitteilungen belegt (weitere Spezifika s. etwa Dürscheid 2002).

Interessant sind ferner Nachträge, die vermutlich aufgrund des hohen Aufwands und der längeren Produktionszeit seltener Verwendung finden als in der Chatkommunikation:

(1) Was heißt hdganz?
(2) Shit,jetzt kapiere!na klar hab ich dich noch gaaaaaaaaaaanz doll lieb!

Das Beispiel deutet bereits darauf hin, dass trotz der asynchronen Kommunikationsform Dialoge realisiert werden, die sich über bis zu 14 Züge (Androutsopoulos/Schmidt 2001) erstrecken können. Im Gegensatz zur E-Mail werden die wichtigsten Inhalte der vorausgegangenen Mitteilung (z.B. eine Frage) aus Platz- und Aufwandsgründen nicht zitiert, sondern direkt geantwortet: Ja,okay aber letzte chance!hdggggggggdl süße! - sofern die Reaktionszeit als noch angemessen betrachtet wird.

Der so genannte Telegrammstil als Merkmalspaket (Nominalisierungen wie trefffen am Stadionbad; umfangreiche Komposita zur Reduktion der Wortanzahl wie Schönwetterurlaubsgruß; Integration der Verbpartikel ins Finitum wie bei ankomme 14.30 Uhr) können nur bedingt bis gar nicht belegt werden. Um Zeichen zu sparen, werden hingegen in seltenen Fällen sämtliche Spatien ausgelassen in Verbindung mit der Großschreibung von Wortanfängen, um die Lesbarkeit zu gewährleisten:

GrüßGott!SindNochImSchönstenBayern!Schatz,inBayernFindest
DukeinenTraummann!AberMorgenFrühGehtsLos&GlaubunsWir
WerdenNichWiederKommenOhneUnsereMissionErfülltZuHaben!LD.

 

Anmerkung: Die Belege sind dem SMS-Korpus von mediensprache.net entnommen.

Dieser Artikel ist Teil einer Grundlage für einen Text, der im Sprachdienst, Heft 5-6, 2005 abgedruckt worden ist.

 

Torsten Siever

erstellt: 05.10.2009

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