Mediensprache

Wider die Rechtsradikalisierung im Sprachgebrauch

Es deutschtümelt in unserer Gesellschaft und rechtsradikaler Sprachgebrauch ist nicht mehr tabuisiert, sondern im Gegenteil: Es scheint zum Überbietungs- und Aufmerksamkeitsdiskurs zu gehören, sich des Wortschatzes aus den unteren Schubladen des Rechtsradikalismus zu bedienen. Nach den Schlagwörtern der Pegida-Bewegung wie Volksverräter [1] und Lügenpresse [2], wird der Begriff Volk (und nicht nur dieser) weiter und in schärferer Form ideologisch besetzt.

Der Begriff Volk bezeichnet eine durch gemeinsame Kultur, Sprache und Geschichte verbundene große Gemeinschaft von Menschen. Das kann sich auf die Masse der Angehörigen einer Gesellschaft, die Bevölkerung eines Landes oder eines Staatsgebiets beziehen, was sich z.B. im Begriff des Staatsvolkes (die Menge aller staatsrechtlich gleichgestellten Personen) widerspiegelt. Im Nationalsozialismus wurde der Volksbegriff emotional und ideologisch aufgeladen. »Jedes Volk [erhält] seine ihm eigene Prägung erst durch seine Naturgemeinsamkeit und [...] erst in zweiter Linie [tritt] das gemeinsame geschichtliche und kulturelle Erleben gestaltend [hinzu]. Deshalb erkennt der Nationalsozialismus ›Blut und Boden‹ wieder als die entscheidenden völkischen Grundwerte an und knüpft in seinem Volks- und Staatsaufbau an sie an.« (Koellreuter 1936: 9)

Für die AfD-Vorsitzende Frauke Petry scheint es ganz einfach mit dem Völkischen zu sein: Man müsse daran arbeiten, dass »dieser Begriff (völkisch, P.S.) wieder positiv besetzt ist«, und es sei eine »unzulässige Verkürzung«, wenn gesagt werde, »›völkisch‹ ist rassistisch« und eigentlich nichts weiter als »ein zugehöriges Attribut« zum Wort ›Volk‹ [3]. Geschenkt, dass völkisch nicht ein Attribut zu Volk ist (= völkisches Volk), sondern ein von Volk abgeleitetes Adjektiv. Aber bedenklich ist die Leugnung der Semantik von völkisch und die Idee, mittels Umdeutung das Völkische rehabilitieren und auf die politische Agenda setzen zu können.

Der Begriff völkisch ist als Lehnübersetzung von lat. popularis im 15. Jahrhundert belegt, aber erst seit der Reichsgründung 1870 kam das Wort in Konkurrenz zu national auf und setzte sich mit dem Aufkommen der Völkischen Bewegung, deren Ziel eine ethnisch und kulturell homogene Nation war, immer mehr durch. Wesentlicher Bestandteil der völkischen Ideologie war das Rassendogma, das sich dann auch im Nationalsozialismus in der Doktrin einer »völkischen Weltanschauung« niederschlug, wenn Hitler selbst auch »die Sammelbezeichnung völkisch« ablehnte. Der Begriff völkisch ist eine »in chauvinistischer, rassistischer und demagogischer Absicht verwendete Kennzeichnung der Zugehörigkeit zur sogenannten deutschen Volksgemeinschaft, der Bindung an die nationalsozialistische Ideologie« (DWDS) und nach DUDEN bezeichnet völkisch »(in der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus) ein Volk als vermeintliche Rasse betreffend; zum Volk als vermeintliche Rasse gehörend«. Die Konjunktur des Völkischen begegnet einem jenseits von Pegida, Teilen der AfD und rechtsextremistischen Milieus in Jugendmusikkulturen, Fantasiewelten und sozialen Medien, und der Begriff völkisch ist in Teilen der Gesellschaft nicht mehr verpönt, sondern en vogue.

Die Semantik von völkisch ist nicht nur negativ konnotiert, sondern geht weit über eine rein deskriptive Bedeutung eines von Volk abgeleiteten Adjektivs hinaus (vgl. Frucht – fruchtig, Ärger – ärgerlich, Heim – heimisch). Und »dass es bei der Ächtung des Begriffes ›völkisch‹ nicht bleibt, sondern der negative Beigeschmack auf das Wort ›Volk‹ ausgedehnt wird« (Frauke Petry)[4] ist nur dann zutreffend, wenn unter Volk nicht Staatsvolk, sondern eine durch Rasse und Boden naturhaft geprägte Gemeinschaft verstanden wird.

Die ideologische Kontamination des Begriffs Volk hatte Victor Klemperer in seinen ›Notizen‹ zur ›Sprache des Dritten Reiches‹ beobachtet. In seiner Kritik an den nazistischen »Schleierworten« führt Klemperer aus, wie durch den Gebrauch spezifischer Wörter sich über die Realität ›Schleier um Schleier ausbreiten‹: »›Volk‹ wird jetzt beim Reden und Schreiben verwandt wie Salz beim Essen, an alles gibt man eine Prise Volk: Volksfest, Volksgenosse, Volksgemeinschaft, volksnahe, volksfremd, volksentstammt ...« (Klemperer 1987: 36) Das Besetzen von Begriffen, das Umdeuten und semantische Verschiebungen, die Veränderung der konnotativen Matrix eines Begriffes, seine emotionale Aufladung – all dies waren Techniken der nationalsozialistischen Propaganda, die im Gleichschritt mit der physischen Gewalt aufmarschierte. Und dies beobachten wir heute: Die Propaganda der rechten Milieus breitet sich über (aber nicht nur über) einen historisch im Nationalsozialismus verwurzelten Sprachgebrauch aus, physische Gewalt stimulierend und selbst über Diskriminierung und Diskreditierung verbale Gewalt ausübend.

Der Philosoph Donald Davidson hat in einem Beitrag mit dem Titel Durch die Sprache sehen die Frage gestellt, ob die Sprache als eine Art Brille, ein Medium zu begreifen ist, die den Blick auf die außersprachliche Wirklichkeit verzerrt, sodass wir niemals wahrnehmen können, wie die Welt ›wirklich‹ ist. Für Davidson ist die »Sprache kein Medium, durch das wir hindurchschauen; sie vermittelt nicht zwischen uns und der Welt.« Vielmehr sehen wir »die Welt genauso wenig durch die Sprache, wie wir die Welt durch unsere Augen sehen. Wir gucken nicht durch unsere Augen, sondern mit ihnen.« (Davidson 2008: 11) Sprache bildet keine Zwischeninstanz, sondern sie ermöglicht uns, wie unsere Sinnesorgane, mit unserer Umwelt in Kontakt zu kommen. Wenn wir die Welt mit der Sprache sehen, welche Ansicht von der Welt gewinnen wir dann, welche Rolle spielen die in Kultur und Gesellschaft geprägten Kategorien und Konzepte für unsere Sicht auf die Welt und wie können diese durch propagandistische Diskurse gelenkt werden?

Unter Sprachlenkung versteht man das Ziel, Definitionen, Bedeutungen und Wertungen in der öffentlichen und letztlich in der Allgemeinsprache so durchzusetzen, dass sie den eigenen Interessen, der eigenen Ideologie dienen. Sprachlenkung als Instrument der Unterdrückung und Manipulation wird insbesondere mit totalitären Systemen in Verbindung gebracht, findet sich aber ansatzweise in allen Gesellschaftssystemen. Die Versuche der Sprachlenkung im Nationalsozialismus sind paradigmenbildend. Am 15. März 1933 formulierte Goebbels die Zielsetzung: »Das Volk soll anfangen, einheitlich zu denken, einheitlich zu reagieren [...].« Welche Bedeutung er der Sprachlenkung durch ›Terminologie‹bildung beimaß, zeigt sich in einem Tagebucheintrag vom 12. Februar 1942: »Ich veranlasse, daß von unserem Ministerium Wörterbücher für die besetzten Gebiete vorbereitet werden, in denen die deutsche Sprache gelehrt werden soll, die aber vor allem eine Terminologie pflegen, die unserem modernen Staatsdenken entspricht. Es werden dort vor allem Ausdrücke übersetzt, die aus unserer politischen Dogmatik stammen. Das ist eine indirekte Propaganda, von der ich mir auf die Dauer einiges verspreche« (Fröhlich 1994: 292). Ein Beispiel aus der ›politischen Dogmatik‹ ist der Begriff Ausmerze aus dem NS-Wörterbuch des SS-Hauptamtes: »Sie besteht in der biologischen Vernichtung des erblich Minderwertigen durch Unfruchtbarmachung und in der zahlenmäßigen Verdrängung des Ungesunden und Unerwünschten« (zitiert nach Simon 2000: 23). Propaganda und damit verbundene Sprachlenkung einerseits und Gewalt andererseits sind die beiden zentralen Mechanismen, mit denen der Nationalsozialismus sein Herrschaftssystem und seinen Unterdrückungsapparat aufbauen konnte.

Three MonkeysIn der Rechts­radika­lisierung des gegenwärtigen Sprach­gebrauchs, der durch rechte politische Eliten und Milieus entfacht und funk­tio­nali­siert wurde und wird und der ein­ge­bettet ist in den Kontext der Aus­höhlung der liberalen, freiheitlichen Gesell­schafts­ordnung, besteht die Gefahr einer schrittweisen Erosion der Gesellschaft und eines ideologisch-propagandistischen Erfolgs, der darin besteht, die potenziellen Anhänger rechtsradikaler und -populärer Gruppierungen sehen und glauben zu lassen, was sie zu sehen und glauben wünschen. Den Radikalisierungstendenzen entgegenzuwirken ist ebenso schwierig, wie notwendig. In die Emotionalisierungs- und Diskriminierungsspirale einzusteigen – man denke an Sigmar Gabriels Bezeichnung von Pegida-Anhängern als ›Pack‹ – ist der in der Situation verständliche, aber hilflose, gar kontraproduktive Versuch, der radikalisierten Sprache, den Bildern und Gesten entgegenzuwirken. Wir alle sind gefordert, im argumentativen Diskurs uns mit den propagandistischen Diskursen, mit diskriminierenden und diffamierenden Sprachgebrauch (auch und vor allem in digitalen Medien) auseinanderzusetzen, wie die Staatsmacht gefordert ist, gegen (verbale) Gewalt und Volksverhetzung vorzugehen. Denn »wenn die schweigende Mehrheit weiter schweigt, dann wird in den sozialen Medien und auf der Straße immer mehr der Eindruck erweckt, dass es mehr Rechtspopulisten und Rechtsextreme gibt, als das in Wirklichkeit der Fall ist«, sagte Justizminister Heiko Maas, »deshalb müssen alle aus der schweigenden Mehrheit die Gardinen, hinter denen sie stehen, zurückziehen, das Fenster aufmachen und sich nicht nur anschauen, was auf der Straße geschieht, sondern sich einmischen und den Mund aufmachen.« [5] Das Nicht-Schweigen-Dürfen betrifft aber nicht nur rechts- und linksextreme oder islamistische Entwicklungen. Politiker, Entscheidungsträger, diejenigen, die gesellschaftliche Macht haben – sie alle sind gefordert, nicht hinter verschlossenen Türen das gesellschaftliche Zusammenleben betreffende Entscheidungen zu fällen, ohne die Öffentlichkeit einzubinden oder gar die Kommunikation mit ihr zu verweigern. Transparenz und Aufrichtigkeit, Dialog und Kommunikation, Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen sind das beste Antidot gegen Radikalisierungen in der Gesellschaft.

Quellen

Davidson, Donald (2008). »Durch die Sprache sehen.« In: Ders.: Wahrheit, Sprache und Geschichte. Frankfurt am Main, S. 206–228.

»Die völkische Bewegung.« Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn. <http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/230022/die-voelkische-bewegung>

DUDEN – Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. 4. Aufl. Mannheim 2012 [CD-ROM]

DWDS – Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache. <http://www.dwds.de/>

Fröhlich, Elke (1994, Hg.). Die Tagebücher v. Joseph Goebbels. Teil II. Bd. 3. München.

Klemperer, Victor (1987). LTI. Notizen eines Philologen. Leipzig.

Koellreutter, Otto (1936). Grundfragen unserer Volks- und Staatsgestaltung. Berlin.

Simon, Gerd (2000). »Art, Auslese, Ausmerze ...« etc. Ein bisher unbekanntes Wörterbuch-Unternehmen aus dem SS-Hauptamt im Kontext der Weltanschauungslexika des 3. Reichs. Tübingen: Ges. für interdisziplinäre Forschung.

Schmitz-Berning, Cornelia (2000). Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin.

Anmerkungen

[1] Der Volksverrat findet sich als Straftatbestand erstmals im Nationalsozialismus. Der heutige Gebrauch von Volksverräter zielt darauf ab, die gewählten Volksvertreter eben als Verräter an ›ihrem‹ (sprich: dem deutschen) Volk zu bezeichnen. Eine Abgrenzung zwischen Deutschen und Nichtdeutschen wird damit klar gezogen. Vor der Zeit des Nationalsozialismus gab es einen vergleichbaren Straftatbestand, den Landesverrat. Erst mit dem Wort Volksverrat ergibt sich aber der Bezug zum Völkisch-Nationalen.

[2] Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts geläufig, erlebte das Wort um 1940 eine Renaissance. Dahinter standen immer völkische und nationalistische Anliegen, die die ›Lügenpresse‹ angeblich zu verschleiern versuchte. Ähnlich verhält es sich mit Systempresse, wobei dieses Wort wohl eher in sozialistischen Ländern geläufig gewesen ist: Bei beiden Wörtern steht im Fokus, dass ein System an seinem Volk vorbeiregiert und dessen Interessen nicht angemessen vertritt. Zugleich sollen beide Wörter ausdrücken, dass es keine echte Mei-nungsfreiheit gibt, sondern bestimmte Meinungen von einem System oder nicht näher bezeichneten ›Lügnern‹ unterdrückt werden.

[3] Interview in der Welt am Sonntag vom 11.9.2016.

[4] S. FN 3

[5] ZEIT online vom 3.7. 2016


Peter Schlobinski

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