Mediensprache

Wahrheit, Lüge, Internet

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Internetnutzer werden ebenso belogen, wie sich Internetnutzer gegenseitig und sogar selbst belügen. Der Beitrag wirft einen holzschnittartigen Blick auf einige Formen von Unwahrheiten in Bezug auf das Netz. Doch wie lässt sich bei derart verschiedenen Facetten eine Arbeitsdefinition finden? Wahrheit und Lüge lassen sich mit Grice (1993: 97) wie folgt bestimmen: Beachtet der Sprachhandelnde die Maxime der Qualität – eine der vier Konversationsmaximen, die lautet: »Versuche deinen Beitrag so zu machen, daß er wahr ist« (ibid.) –, spricht er die Wahrheit; verstößt er gegen die Maxime, so handelt es sich bei der Aussage um eine Lüge. Da Menschen sich bekanntermaßen auch dann zu einem Thema äußern (und auch äußern dürfen sollten), wenn sie nicht über ein entsprechendes umfangreiches Wissen verfügen, hat Grice aus gutem Grund nicht gefordert, den Beitrag ›wahr zu gestalten‹, sondern zu ›versuchen, ihn wahr zu gestalten‹. Natürlich gilt die Maxime für medial vermittelte Kommunikation genauso wie für die direkte Interaktion. Allerdings unterscheidet sich das Netz erheblich von der realen Welt und zwar unter anderem darin, dass Menschen nicht gegenwärtig sind sowie mehr oder minder anonym und leichter als Teil einer Masse auftreten können (was sich in sog. Shitstorms manifestiert). Dabei hält die Tatsache, dass die meisten Aussagen – im Gegensatz etwa zu einem mündlichen Gespräch – dauerhaft gespeichert werden, Sprachhandelnde nicht davon ab, unpassende bis rechtswidrige Inhalte zu kommunizieren, wovon die derzeitige Diskussion um den Umgang mit Flüchtlingen zeugt. Offensichtlich führen die empfundene Distanz und Anonymität dazu, dass man sich zu entsprechenden Äußerungen hinreißen lässt und/oder gegen die Maxime der Qualität verstößt.

Das Einhalten der Qualitätsmaxime bei einer Aussage ist schwierig zu überprüfen, denn es ist abhängig u.a. vom Weltwissen und der Kompetenz des Sprachhandelnden. Bei Aussagen über die Welt erscheint das Einhalten noch möglich, wenn von der Problematik der Existenz einer allgemeingültigen Wahrheit abgesehen wird. Man denke etwa an die ebenso berühmte wie absurde Negierung der verlorenen Wahl von Gerhard Schröder (2005), das vehemente Abstreiten von Plagiaten von Karl-Theodor zu Guttenberg (2011) oder die unzähligen Falschaussagen von Politikern zum NSA-Skandal (seit 2013), etwa die Aussage von US-Geheimdienstdirektor James Clapper am 12. März 2013 auf die Frage von Senator Ron Wyden, ob die NSA »irgendwelche Daten über Millionen oder Hunderte von Millionen von Amerikanern sammelt«: »Nicht absichtlich. Es gibt Fälle, in denen sie vielleicht versehentlich sammeln, aber nicht mit Absicht.«

Schwieriger ist es, wenn der Verstoß gegen die Maxime zwar eindeutig ist, es jedoch unklar ist, ob die äußernde Person bewusst etwas behauptet, was nicht der Wahrheit entspricht, wie beim VW-Abgas-Skandal die Vorsitzenden (Stellvertreter wie Lobbyisten sind da natürlich ausgenommen), oder wenn es nicht um Aussagen über die Welt, sondern um Meinungsäußerungen geht. Hierbei zählt vor allem, ob der Sprachhandelnde vom Geäußerten überzeugt ist, wie vermutlich im Fall von »Bayern will einen Aufnahmestopp bewirken, und das ist auch bitter nötig.« (Quelle: SZ). Grice gemäß würde die Aussage korrekt lauten: »Ich bin davon überzeugt, dass es bitter nötig ist, ...«. Solche Unsicherheiten ergeben sich nicht aus dem Sprachsystem, sondern aus den konkreten Handlungen, denn sprachlich lässt sich zwischen Wissen und Meinung eindeutig unterscheiden (Es gibt 8 Mrd. Menschen auf der Erde vs. Ich glaube, es gibt 8 Mrd. Menschen auf der Erde).

Die Sprachhandelnden im Netz sind einerseits die Inhaltsanbieter, die beispielsweise Nachrichtenseiten, politische Informationen oder (leere) Plattformen bereitstellen (also Körperschaften), und andererseits unabhängige Nutzer, die diese Inhalte konsumieren, meist auch kommentieren oder bewerten können, oder Inhalte auf Plattformen bereitstellen, etwa in Foren, sozialen Medien etc. miteinander interagieren können. Dass sich die Grenze zwischen Nutzer und Inhaltsanbieter immer schwerer ziehen lässt, ist als Folge des sozialen Netzes an vielen Orten beschrieben worden (sog. Prosument).

Der lügende Nutzer

Um einem Verstoß gegen die Qualitätsmaxime vorzubeugen, gibt es zahlreiche sprachliche Möglichkeiten, mit eindeutigen und vagen Begriffen graduelle Einschätzungen kenntlich zu machen: mit Verben etwa, die propositionale Einstellungen des Äußernden zu einem Thema ausdrücken (wie sich vorstellen können, annehmen, vermuten, überzeugt sein, wissen) oder Adverbien wie möglicherweise, vielleicht, wahrscheinlich, bestimmt, sicher(lich). Dennoch zeichnen sich Netzdiskussionen häufig dadurch aus, dass solche Marker nicht gesetzt werden. Wegen der dem Internet zugeschriebenen sprachlichen Ökonomie? Wohl kaum. Zwar wäre dies für bestimmte Konstituenten nachvollziehbar (Ich weiß, dass X ist => X ist), doch finden sich auch Konstituenten wie natürlich, Denkt mal nach oder komplexe Aussagen wie Ihr Kommentar ist an Überheblichkeit und profundem Nichtwissen kaum zu überbieten. (Quelle aller Fukushima-Zitate: ARD). Mit solchen argumentativen Mitteln wird versucht das Gegenüber zu überzeugen, es vom Nachdenken abzulenken, herabzusetzen, unglaubwürdig erscheinen zu lassen etc. Um die eigene Glaubwürdigkeit zu erhöhen, wird beispielsweise ein qualifizierendes Verb getilgt (Ich denke/weiß, so etwas gibt es), Fachlexik verwendet (Bor-Lösungen, mS/h, 10hoch6, Schalung, Verzögerer), auf externe Quellen mit derselben Darstellung verwiesen (Die Haftung pro Schadensfall ist doch bei unseren Kernkraftwerken auf 2,5 Milliarden beschränkt (Quelle Wikipedia)). Um den Wahrheitsgehalt eigener Aussagen zu erhöhen, können andere Gesprächsteilnehmer korrigiert (Muss es nicht heißen...) oder disqualifiziert (Das ist doch Humbug!) und selbst ausgewiesene Experten entwertet werden (wer sind diese »Experten«? oder es gibt keine Experten [...] Alles was es gibt sind hochbezahlte Dampfplauderer). Auch durch die Pseudonymwahl lässt sich Kompetenz inszenieren, etwa durch die Einbindung von Titeln (Fachkenntnis) oder Ausweisung von Intelligenz (LordLocke, Dr. Kawasaki, Dr. Vigilanto K..., StimmeDerVernunft, No Fool). Letzteres lässt sich wiederum als rhetorisches Mittel in Aussagen einsetzen, etwa durch die Verwendung von Satzadverbien, die ein Hinterfragen verhindern sollen (natürlich, selbstverständlich, logischerweise).

Grundsätzlich sollte auch in Diskussionen in Grice'scher Terminologie von einer kooperativen Interaktion ausgegangen werden (Kooperationsprinzip), womit »eine Art Einvernehmen [... , postuliert wird d.V.] darüber, daß – ceteris paribus – die Interaktion in angemessenem Stil fortgesetzt wird.« Doch finden sich im Netz viele Belege dafür, dass sowohl gegen das Kooperationsprinzip als auch – wie schon gezeigt – gegen die Qualitätsmaxime verstoßen wird, etwa bei Entrüstungsstürmen (›Shitstorms‹). So waren zahlreiche unangemessene Tweets[] an die Pressesprecherin Justine Sacco gerichtet, die wegen einer ironisch gemeinten, aber wörtlich genommenen Aussage Morddrohungen erhalten hat: Is someone going to Kill @JustineSacco or should I??? (vgl. Siever 2014: 197f.). Medienwirksame Entrüstungsstürme erhielten auch Til Schweiger wegen seiner äußerst bejahenden Haltung zur Flüchtlingspolitik und Dieter Nuhr, der die Reaktionswelle auf seine ironische Äußerung zur Griechenlandeinigung (Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!) als »Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts« bezeichnete: »Der Shitstorm ist der Versuch, eine sachliche Auseinandersetzung zu vermeiden, um stattdessen durch Überwältigung und Etikettierung des Andersmeinenden den Sieg im digitalen Vernichtungskampf davonzutragen. Der andere wird nicht mit Argumenten überzeugt, sondern abgestempelt.« (Nuhr 2015). Tatsächlich liegen auch Verstöße gegen die Qualitätsmaxime vor, denn das Herbeiwünschen oder gar die Androhung von Mord ist viel zu überzogen, um dem nahezukommen, was der Sprachhandelnde für wahr/richtig hält. Allerdings zeigt die Verurteilung eines Schülers in der Schweiz, wie tragfähig das Handlungsmodell von Sprache ist. Der 22-Jährige hatte auf Facebook[] in Schweizerdeutsch verfasst:

Freut sich heute niemand, dass ich geboren worden bin. Ich schwöre, ich zahle es euch allen zurück!!! Es ist nicht eine Frage der Höflichkeit, sondern von Respekt und Ehre. Ich vernichte euch alle, ihr werdet es bereuen, dass ihr mir nicht in den Hintern gekrochen seid, denn jetzt kann euch niemand mehr schützen ... Pow!!!! Pow!!!! Pow!!!! (zit. n. TagesAnzeiger).

Der belogene Nutzer

Wären digitale personenbezogene Informationen materialisiert, würde man einen Natozaun um sie herum errichten. Aus diesem Grund bemühen sich Datenschutzexperten um Mittel und Wege, Menschen vor dem Verlust oder der unerlaubten Nutzung dieser Daten zu schützen, und sie verpflichten Unternehmen zum Datenschutz und zu entsprechenden Datenschutzerklärungen. Dienste wie Facebook, Twitter oder WhatsApp[] versuchen daher die Daten der Nutzenden zu schützen – schon aus eigenem Interesse, denn diese Daten sind ihr ›Rohstoff‹ und begründen das Geschäftsmodell. Schon darin besteht eine Diskrepanz zwischen der Definition des Datenschutzes und dem in der Realität praktizierten Datenschutz mit Ausnahmen für die Unternehmen. Dass Personen solche Dienste dennoch kaum hinterfragt nutzen, liegt vermutlich an der Unkenntnis über den Wert ihrer Daten, der Unkenntnis über die mögliche oder tatsächliche Nutzungsweise der Daten, auch infolge leserunfreundlicher Nutzungsbedingungen [1] sowie dem sozialen Druck, ›dabei sein‹ zu müssen. Solche Daten sind nicht nur auf Inhalte beschränkt, die die Nutzer eingeben (dazu später mehr), sondern schließen etwa Nutzungspfade und Handlungen auf anderen Seiten ein. Besonders problematisch ist die Sammlung der Daten dann, wenn sie mit einem Namen oder einer Mailbox verknüpft werden, was die Grundlage aller Social-Web-Angebote ist. Dank Facebooks Klarnamenzwang und Daten›schutz‹politik ist nicht nur der Name und das Geburtsdatum einer Person bekannt, sondern auch deren soziales Umfeld, Interessen, Vorlieben, Einkäufe (und damit letztlich ihr Einkommen), oft auch die Mobiltelefonnummer etc. Um diesem Sammelprinzip zu entkommen, bleiben den Anwendern neben der Profilaufgabe nur wenige Möglichkeiten (s. Kasten).

Tipps zum Schutz persönlicher Daten

  • Cookies[] deaktivieren und Ausnahmen für Domains per Hand hinzufügen; Drittanbieter-Cookies grundsätzlich sperren
  • Bei aktivierten Cookies Opt-out-Cookies aktivieren (z.B. unter aboutads.info oder ivwbox.de)
  • Do-not-Track-Einstellung im Browser aktivieren und/oder Anti-Tracking[]-Software einsetzen; bei Firefox[] (ab Version 42) Tracking Protection aktivieren.
  • Privatsphäre-Einstellungen von Apps und Betriebssystem überprüfen (in Windows 10 ist standardmäßig die Trackingfunktion »Werbe-ID« aktiviert!).
  • Sämtliche Fenster des Browsers nach jeder Sitzung mit Authentifizierung (gleich welcher Art) schließen
  • Apps mit Vorsicht herunterladen, möglichst nur von Hersteller- oder offiziellen Shop-Seiten
  • Flash[] und Java deinstallieren oder zumindest nur bei Bedarf aktivieren.
  • Anti-Malware[]-Software installieren
  • Für Dienste wie Facebook einen separaten (sic!) Browser verwenden
  • Alternative Suchmaschinen wie DuckDuckGo oder Metasuchmaschinen[] wie MetaGer benutzen
  • E-Mails im Nur-Text-Modus lesen oder Grafiken deaktivieren, Anhänge mit Vorsicht öffnen
  • Verschlüsselung nutzen beim Transport (Web: https; E-Mails: TLS[]) und bei Daten (E-Mails: S/MIME[][], OpenPGP[]; Festplatten: BitLocker, TrueCrypt)
  • Vorsicht bei Speicherung privater Daten in einer Cloud[] (außerhalb der EU), keine Passwörter speichern.

Neben dem vermeintlichen oder zumindest begrenzten Datenschutz gibt es weitere Verstöße gegen die Maxime der Qualität. Infolge der EU-Richtlinie 2009/136/EG (PDF) über den Schutz personenbezogener Daten in der digitalen Kommunikation – die sogenannte Cookie-Richtlinie oder E-Privacy-Richtlinie – weisen Unternehmen zunehmend auf die Verwendung von Cookies hin, stellen dies allerdings, bedingt wahrheitsgemäß, eher positiv dar: »Bei Dell setzen wir Cookies und ähnliche Technologien ein, um die Inhalte unserer Webseite auf Ihre Bedürfnisse abzustimmen und Ihnen einen optimierten Besuch zu ermöglichen.« (dell.de) In den »Policies« [2] ist wahrheitskonformer zu lesen: »Mithilfe der Cookies unserer Partner messen wir die Effektivität unserer Kommunikation mit Ihnen.« Dazu gehört die Platzierung »maßgeschneiderte[r] Inhalte und passende[r] Mitteilungen« (ibid.), namentlich: Werbung. Zu den »ähnliche[n] Technologien« gehören Web Beacons (unsichtbare Mini-Bilder), die eine statistische Auswertung der Besuche und Lokalisierung erlauben – bei Mails zudem das Ob und Wann[] des Öffnens.

Auch Dritte sammeln Daten bei einem Besuch. Mit sog. Drittanbieter-Cookies lassen sich Nutzer über viele Seiten hinweg ausspionieren und damit personenbezogene Daten sammeln und spezifische Werbung platzieren.

Internet-Konzerne

Eine offensichtliche Lücke besteht nicht nur in der Nutzung der Daten durch den Anbieter und seine ›Partnerunternehmen‹, sondern auch in derjenigen durch Geheimdienste wie die NSA oder GCHQ. Mit dem Argument der Terrorbekämpfung sind durch die USA Politiker und Wirtschaftsunternehmen unter Zuhilfenahme von Auslandsgeheimdiensten ausgespäht worden. So half der BND dabei, die eigene Politik und Wirtschaft auszuspionieren, indem sie mittels Selektorenlisten gefilterte Inhalte von Nutzern ›frei Haus‹ lieferte. Bekannt wurde vor allem das Programm PRISM[], mit dem Google[], Apple, Facebook und andere einen direkten Zugriff auf Nutzerdaten eingeräumt haben, über die die Datenschutzrichtlinien der Unternehmen keinerlei Auskunft gegeben haben. Ohne die Preisgabe entsprechender Unterlagen durch Edward Snowden wären die Aktivitäten bis heute höchstwahrscheinlich unbekannt.

Neben den offensichtlichen Lügen der Geheimdienste gegenüber dem In- und Ausland hat auch die Bundesregierung die deutsche Öffentlichkeit über den Verlauf der Gespräche absichtlich im Unklaren gelassen und Empörung inszeniert. So sagte Hans-Peter Friedrich am 17. Juni 2013: »Jetzt sage ich Ihnen mal was: Noch bevor man überhaupt weiß, was die Amerikaner da genau machen, regen sich alle auf, beschimpfen die Amerikaner. Und diese Mischung aus Anti-Amerikanismus und Naivität geht mir gewaltig auf den Senkel.« Eben diese Naivität inszenierte Barack Obama noch am 19. Juni 2013: »Wir haben nicht die Situation, dass wir einfach ins Internet gehen und beliebige Suchen und Recherchen durchführen.« Baader (2001, 37) schreibt jedem Politiker die Bereitschaft zu, »jedes Prinzip – so wertvoll es auch sein mag – zu opfern, das ihn Stimmen kosten könnte« – und freilich auch Macht.

Doch auch den Nutzenden kommt bei aller Entschuldigung eine Mitverantwortung am Datenhandel zu. So haben die wenigsten nach der NSA-Affäre ihre Praktiken geändert, beispielsweise Verschlüsselung eingeführt oder die automatische Cookie-Behandlung aufgehoben. Der spürbare Verlust an Komfort wiegt offenbar schwerer als der kaum registrierbare Verlust an Privatsphäre. Dies gilt besonders für spezifische Self-Tracking-Apps, die durch Wearables[] Geo- und Gesundheitsdaten erfassen (runtastic, Fitbit).

Handlungsbedarf an Schulen

Entrüstungsstürme, Unwahrheiten und andere Verstöße gegen das Kooperationsprinzip und die Qualitätsmaxime sind nicht auf das Internet beschränkt, werden aber durch die Anonymität, die fehlende Korrektur/Zensur und die kritische Masse begünstigt. Im Rahmen der Medienbildung muss insofern auch das sprachliche und argumentative Verhalten im Internet reflektiert werden, etwa anhand der Analyse eines konkreten ›Shitstorms‹ oder der Stellungnahme von Dieter Nuhr (2015). Neben unmittelbar sprachlichen Aspekten sollte auch der Umgang mit persönlichen Daten thematisiert werden und inwiefern Anbieter wahrheitsgemäß über Datenschutz und -verwendung aufklären, womit die Diskrepanz zwischen formelhaften Aussagen und rechtskräftigen Nutzungsbedingungen eingeschlossen ist.

Hinsichtlich des Persönlichkeits- und Datenschutzes erscheint ferner eine Diskussion darüber sinnvoll, ob nicht bei einer Aufhebung des Schutzes die Vorteile überwögen? Eine Ausstattung sämtlicher Autos mit Sendern etwa würde Verkehrssünden (ohne lokale Kontrollen) automatisch ahnden lassen und zu einer angepassten Fahrweise führen (ansatzweise in Österreich bei Distanzmessungen realisiert, bei denen Nummernschilder erfasst und verarbeitet werden) und in der Folge weniger Verkehrstote und Diebstähle. Mit einem Sender ließen sich auch Kinder optimal überwachen und so der Unterrichtsbesuch oder die Übernachtung ›bei einer Freundin‹. Auch Verbrechen könnten eingedämmt oder zumindest strafrechtlich einfacher verfolgt werden, und passende Werbung platziert werden (Die Jeans von letzter Woche ist nun im Sonderangebot, Frau Meier!). Zweifelsohne wären mit der allgegenwärtigen Protokollierung Kontrollierung, Manipulation und Cyberkriminalität: ein Panopticon (Bentham 1791) verbunden. Wenn dieses aber abgelehnt wird: Inwiefern kommt dann bei der Nutzung von Self-Tracking-Software und Facebook die Beschwerde gegenüber entsprechenden Anbietern einer Selbstlüge gleich? Gegen Lügen anderer hilft jedenfalls vor allem der eigene Kopf. [3]

Anmerkungen

[1] So stimmen vier von fünf (79 Prozent) Internetnutzern in Deutschland Datenschutzerklärungen von Online-Diensten zu, ohne sie wirklich gelesen oder verstanden zu haben. (Bitkom)

[2] Die Richtlinien von Dell werden hier exemplarisch zitiert und unterscheiden sich nicht nennenswert von anderen.

[3] Preprint - erscheint in: Der Deutschunterricht, 3/2016.


Torsten Siever

Zitierte Literatur

Baader, Roland (2005). Die belogene Generation. Politisch manipuliert statt zukunftsfähig informiert. Gräfelfing. mehr

Bentham, Jeremy (1791). Panopticon, or, The Inspection-House. London. mehr

Grice, H. Paul (1993). »Logik und Konversation«. Aufsatz im Sammelband Handlung, Kommunikation, Bedeutung. mehr

Nuhr, Dieter (2015). »Wir leben im digitalen Mittelalter«. Aufsatz in der Zeitschrift FAZ.net. online lesbar

Siever, Torstenm (2014). »Digitale Welt: Kommunikative Folgen und Folgen der Kommunikation«. Aufsatz in der Networx Sprachen? Vielfalt! Sprache und Kommunikation in der Gesellschaft und den Medien. Eine Online-Festschrift zum Jubiläum von Peter Schlobinski. mehr

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